1. FC Union Berlin vs. 1. FC Kaiserslautern: demonstrieren, frieren, jubilieren

Autor: Felix     veröffentlicht am 08 Dezember 2012    
 
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FanmarschZum Rückrundenauftakt versammeln sich knapp zwei Stunden vor Spielbeginn mehrere hundert Fußballfans am Brandenburgplatz in Berlin zu einer Demonstration unter dem Motto "Fankultur bewahren 12:12 DFL-Papier ablehnen", wie es sie an diesem Wochenende in mehreren deutschen Städten geben soll. Zu den Union-Anhängern gesellen sich auch einige Fans aus Kaiserslautern und laufen Seite an Seite bei einbrechender Dunkelheit mit langsamen Schritten die Seelenbinderstraße hinunter. Der Aufzug wird gut von einem großen Polizeiaufgebot behütet, das aber nicht eingreifen muss.

FanmarschAn der Ecke Bahnhofstraße glimmt es dann ein wenig vorweihnachtlich zu Liedern, in denen die Fans ihre Abneigung gegen Liga, Verbände und Stadionverbote zum Ausdruck bringen bzw. für den Erhalt der Fankultur plädieren.

Zu diesem Zeitpunkt berichtet Unions Presse- und Stadionsprecher Christian Arbeit an der bereits gut gefüllten Alten Försterei von der demographisch ausgewogenen Veranstaltung: „Da demonstriert auch der Opa mit seinem Enkel.“ Darüber hinaus informiert er wie beim letzten Spiel von der Aktion 12:12: "Das hat letztes Mal so gut geklappt mit dem Schweigen, inklusive leisem Tor während der Protestzeit. Ich schlage vor: wir machen das heute ganz genauso!"

AFNur würde der Countdown heute zu einer größeren Herausforderung, die Videowand hat vor den niedrigen Temperaturen kapituliert, die Zeit muss also anderweitig gestoppt werden. Für den Spielstand kommt die „einzig wahre“ Anzeigetafel im Stadion zu besonderer Aufmerksamkeit: das Anzeigenhäuschen in der Ecke ist Überbleibsel des Stadions vor dem Umbau und vermittelt nach wie vor einen Charme von „Fußball pur“.

Aber nicht nur für die elektrische Anzeigentafel, auch für die Fans sollten die heutigen Temperaturen eine Herausforderung werden. Für ausgewiesene Frostbeulen ist Singen und Springen im winterlichen Stadion mehr oder weniger überlebenswichtig. Zwar steht man kuschelig eng aneinander, denn zum Spiel gegen Absteiger und Traditionsclub 1. FC Kaiserslautern heißt es abermals: ausverkauft. Dennoch muss man sich während der ersten stillen 12 Minuten und 12 Sekunden bei -6 Grad warme Gedanken machen.

UnionDabei hilft ein Blick auf das feurige Hinspiel: nach etwa einer Stunde sah es auf dem Betzenberg so aus, als stünde den Roten Teufeln eine harte und den Eisernen eine schillernde Saison bevor: nach feinen Pässen von Tijani Belaid führte Union mit 2:0. Kurz vor Schluss sah es wiederum nach einer typischen Union-Saison aus: Führung leichtfertig verspielt, 2:3. Marc Pferzels Glücksschuss mit dem Abpfiff rettete Union den Punkt, bis zum sechsten Spieltag sollte kein weiterer hinzukommen. Kaiserslautern ging zwar erst beim FC St. Pauli am letzten Wochenende erstmalig als Verlierer vom Platz, kann aber durch viele Unentschieden nach der Hinrunde mit Platz 3 nicht ganz zufrieden sein. Bei Union stellte sich nach reichlich Anlaufproblemen und Ladehemmung im Sturm nach und nach der Erfolg ein, Platz 7 nach 17 Spieltagen ist respektabel, wenngleich der Abstand zu den folgenden Clubs nur hauchdünn ist.

Aber zurück ins Stadion an der Kalten Försterei: auch wenn sich die Fans weitestgehend an das Stimmungs-Embargo halten, ist zu spüren wie schwer es ihnen fällt. Und wird deutlich, wie wichtig orchestrierte Fangesänge und Choreographien für das Stadionerlebnis sind. Ohne sie beobachtet man eben nur einen größtenteils langweiligen Kick mit vielen Ballverlusten, wenig Zug zum Tor und wenig Spannung.

Glücklicherweise ist das heute nur ein Szenario, die Union-Fans warnen aber schon: „…meinst du, aus 12 Minuten Stille können auch mal 90 werden? …mit Sicherheit…“ – fordern zudem Dialog und listen zur Unterstützung mehrere Zitate von Fußballprofis und -trainern auf, die zum Schweigen im Stadion meinen: „Das macht keinen Spaß!“.

FCKHeute erwachen beide Fangruppen aber zum Glück trotz fehlender Stadionuhr wieder pünktlich kraftvoll aus ihrem Winterschlaf. Auf der Waldseite wird ein großes „Eisern Union“ Banner entrollt, im Gästeblock sieht man neben vielen roten und weißen Fahnen die Aufschrift: “Die Hauptstadt vom Teufel besessen.“ Dies sollte sich jedoch nicht bewahrheiten: während der ersten Halbzeit geht es ein wenig hin, ein wenig her, im Block mault man noch über Unions Torsten Mattuschka („nach vorne kann der gar nich’, der spielt nur quer und zurück“), als Simon Terodde die Hausherren unvermittelt nach einer schönen Flanke von Christopher Quiring in Führung köpft.

AFAuch in Halbzeit zwei ist der Union-Stürmer auffällig aktiv, nur fehlt seinen Pässen in die Spitze oft die letzte Genauigkeit. Das spielt nach etwa einer Stunde aber keine Rolle mehr: in bester Stürmermanier nimmt er eine Flanke von Marc Pferzel mit der Brust an und jagt den Ball per Seitfallzieher in die Maschen. In den Jubel mischt sich aber ein Unken – den Spielstand gab es im Hinspiel doch auch schon. Dieses Mal bleibt Union aber souverän, ist dem dritten Tor näher als die Gäste ihrem ersten. Am Ende ist der Sieg daher verdient, die Berliner können sich über eine der besten Heim-Leistungen der Saison freuen.

Neben Simon Terodde ist auch beim Sturmkollegen Adam Nemec eine voranschreitende Steigerung zu beobachten: vorne verteilt er mittlerweile klug Bälle bzw. schafft Räume, und hinten hilft er engagiert mit, läuft weit zurück und erobert auch längst verloren geglaubte Bälle.

Zum Jahresabschluss fährt Union Berlin jetzt zu einem Spitzenspiel nach Braunschweig (für Torsten Mattuschka ist nach der 5. gelben Karte aber schon vorzeitig Weihnachten) während Kaiserslautern den VfR Aalen empfängt.

Fotos: Marco Bertram (Fanmarsch), Felix Natschinski (Spiel)

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen vom Fanmarsch durch Köpenick

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Union Berlin

Von der Fan-Demo berichtete Marco Bertram, vom Spiel Felix Natschinski, der auch auf www.GroundhoppingEtc.com und www.facebook.com/GroundhoppingEtc über seine Stadionerlebnisse, u.a. in Berlin, London oder Prag berichtet.

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