Pyrotechnik Anfang der 90er Jahre: Bengalos, Silvesterbestände, kaum Diskussionen

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MB

Ja, es konnte im Block 13 auf der Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions schon mal heiß werden. Anfang der 90er Jahre war es bei Borussia Dortmund durchaus üblich, zahlreiche bengalische Fackeln zu zünden. Gemeinsam mit dem Betzenberg war Dortmund das klassische Beispiel für „südländische Stimmung“ in einem deutschen Fußballstadion. Das Ganze sei ein alter Hut und wohlbekannt? Gut möglich. Allerdings wird derzeit in zahlreichen Talkshows so getan, als sei Pyrotechnik ein Phänomen, das erst vor kurzem in der "radikalen, gewaltgeschwängerten Ecke" aufgetaucht ist.

Hätte man Anfang der 90er Jahre einem aktiven Fußballfans des BVB 09 oder des 1. FC Kaiserslautern erklärt, dass das Abbrennen von Pyrotechnik eine Straftat und zudem mit Ausschreitungen und Randale gleichzusetzen sei, hätte man nur ein ungläubiges Kopfschütteln geerntet. Nicht, dass es an jedem Spieltag fröhlich räucherte und fackelte, doch gehörten auf dem Betzenberg und im Westfalenstadion die Bengalos durchaus zum festen Repertoire.

BVB

Erinnerungen verblassen und verschwimmen. Wahrnehmungen verzerren sich. An konkreten Beispielen des Zeitraumes 1991 bis 1995 soll einmal gezeigt werden, wie damals Vereine und Fans (vor der Zeit der Ultras in Deutschland) die Sache handhabten. Schauplatz Ulrich-Haberland-Stadion des TSV Bayer 04 Leverkusen. Für acht DM ermäßigt in den C-Block. Die Kontrollen waren eher lasch. Wenn es sich nicht gerade um Messer oder andere spitze Gegenstände gehandelt hatte, konnte man so ziemlich alles mit in den Fanblock hineinnehmen. Große bengalische Fackeln waren in Leverkusen keinesfalls erwünscht, doch diverses Silvesterzeug wurde geduldet. Unter jüngeren Fans war es durchaus üblich, zu Silvester gleich ein paar mehr Pakete Chinakracher und Goldregen zu kaufen, denn das nächste knackige Spiel käme bestimmt. Negative Hintergedanken hatten die meisten dabei ganz gewiss nicht gehabt. Akustisch und optisch sollte die eigene Mannschaft unterstützt werden. Nicht mehr, nicht weniger.

Haberland

Die Gästefans im Ulrich-Haberland-Stadion (heute BayArena) zündeten mal wieder Bengalos? Fans des FC Schalke 04 oder des 1. FC Köln zogen mal wieder eine Show ab? Da wollte man gegenhalten. Her mit den Wunderkerzen und den Silberregen. Gegen 1993/94 durften Vertreter der Fanklubs von Bayer 04 sogar ab und zu bengalische Fackeln am Rande des Rasens zünden. Sah hübsch aus und war völlig ungefährlich. Dass das Werfen von Pyrotechnik dagegen in Fankreisen völlig verpönt war, zeigte sich allein beim Europapokalspiel zwischen Bayer 04 Leverkusen und Panathinaikos Athen. Als griechische Fans die Bengalos in Richtung Spielfeld schleuderten, ertönte auf den Rängen ein gellendes Pfeifkonzert. Auch im Fanblock. Die selbst aufgestellte Regel war eindeutig: Nach Möglichkeit zünden ja, werfen nein.

Lev

Dass Leverkusen jedoch zu jener Zeit nicht gerade der Nabel der Fankultur war, ist unbestritten. Deshalb ein Blick in die anderen deutschen Stadien jener Zeit. Eher selten zu sehen waren Rauchbomben, weitaus beliebter waren bengalische Fackeln, auch Zylinderflammen genannt. Müngersdorfer Stadion. Oberrang, Block 38. Der Hort der Hools des 1. FC Köln. Schräg oberhalb des Gästeblocks. Bei brisanten Spielen wurde schon mal die eine oder andere Fackel zum „Denn mir sin kölsche Junge“ zum Glühen gebracht. Hinuntergeworfen wurde indes selten etwas. Es sei denn, es handelte sich um Bierbecher oder auch mal um einen Senfeimer...

Parkstadion

Im Parkstadion des FC Schalke 04 gab es – im Gegensatz zum Erzrivalen aus Dortmund - eher selten einen bengalischen Flächenbrand zu sehen, doch einzelne Fackeln waren auf Heim- und Gästeseite des Öfteren auszumachen. In Duisburg versuchten engagierte MSV-Fans Mitte der 90er Jahre Pyrotechnik in der Fankurve zu etablieren, doch stießen sie  teilweise auf starke Gegenwehr. Von Seiten des Vereins und von Seiten einiger Zuschauer. Die Fanszene war, was den Umgang mit Pyro angeht, geteilter Meinung. Was beim FCK und BVB als hoffähig galt, konnte in anderen Stadien komplett unerwünscht sein. Häufig galt: Die Fanszene regulierte sich in zahlreichen Kurven selbst. Schlug einer über die Stränge, bekam er dies von den um ihn herumstehenden Fans zu spüren. Eher selten sah man indes einen Einsatz der eingesetzten Ordner im Block. Ganz zu schweigen von einem massiven Polizeieinsatz auf den Rängen. Bevor behelmte Einsatzkräfte in die Blöcke marschierten, musste richtig was passiert sein. So wie beim Bundesligaspiel zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FC Köln am Nikolaustag 1993, als Kölner Hooligans den Zwischenzaun aufschnitten und auf die Haupttribüne stürmten.

BVB

Pfefferspray? Schlagstockeinsatz im Fanblock wegen Pyrotechnik? Das wäre zu Beginn der 90er Jahre eher absurd gewesen. Was nicht heißen soll, dass bei manch einem Polizisten nicht schon damals der Knüppel locker im Halfter hing. Prügelorgien für Gästefans waren in Mönchengladbach und Bochum auf dem Weg zum Bahnhof legendär. Nicht ohne Grund erhielt die Bochumer Polizei damals den „Goldenen Schlagstock“ als Auszeichnung.
Wie bereits eingangs erwähnt. Fans nutzten zu jener Zeit Pyrotechnik allein, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Ausnahmen gab es meist nur bei Europapokal-Auftritten. So wurden beim Spiel PSV Eindhoven gegen Bayer 04 Leverkusen im Frühjahr 1995 Leuchtkugeln in die verfeindeten Nachbarblöcke geschossen. Auch nach dem Spiel gab es von niederländischer Seite gezielte Schüsse auf den deutschen Fußballsonderzug, der angereichert war mit zahlreichen erlebnisorientierten Trittbrettfahrern aus ganz NRW. Solche Zustände für den Bundesligaalltag gewünscht hatte sich das weiß Gott kein normaler Fan.

Glubb

Wie es auch funktionieren konnte, wurde bei einem Abendspiel des 1. FC Nürnberg im Frühjahr 1992 deutlich. Beim wichtigen Spiel gegen Leverkusen, bei dem es um das Erreichen eines Tabellenplatzes, der zur Teilnahme am UEFA-Pokal berechtigte, ging, wurden in der Kurve am Zaun kontrolliert unzählige bengalische Fackeln gezündet. Ein Anblick, der sich im Kopf eingebrannt hatte. Somit wurde bereits vor 20 Jahren (!) eindrucksvoll bewiesen, dass es sehr wohl eine kluge Alternative zum Abbrennen im Block wie in Dortmund und Kaiserslautern gab.
In der Tat, inmitten der damals wirklich prall gefüllten Stehplatzbereiche in Dortmund war das Zünden von Pyrotechnik eine Sache für sich. Ein gute Jacke sollte man auf der Südtribüne ganz gewiss nicht anhaben, denn Funkenflug konnte hübsche Brandlöcher verursachen.

Weniger problematisch erschien Pyrotechnik in den unteren Ligen. Zwar waren Bengalos in kleineren Fanszenen nicht so sehr verbreitet, doch bei Partien wie FC Sachsen Leipzig gegen 1. FC Union Berlin (Regionalliga Nordost), FSV Zwickau gegen Hertha BSC (2. Bundesliga) oder auch beim Relegationsspiel Tennis Borussia Berlin gegen den VfL Oldenburg kamen durchaus Bengalos zum Einsatz. Auch in diesen Fällen gab es eher selten unnötige Polizeieinsätze.

1995

Um es noch einmal zu betonen: Keinesfalls war der Einsatz von Pyrotechnik zu damaliger Zeit Gang und Gäbe, doch wurde von Seiten der Vereine meist ein Auge zugedrückt. Eintracht Frankfurt zu Gast in Dortmund? Bereits damals gab es eine Pyroshow im Gästebereich zu sehen. Der FC Hansa Rostock gegen Eintracht Frankfurt im Berliner Olympiastadion vor über 50.000 Zuschauern? Bei solch einem Anlass durften rot leuchtende Bengalos nicht fehlen. DFB-Pokalendspiel 1993 zwischen Hertha BSC / Amateure und Bayer 04 Leverkusen? In der Berliner Kurve unter der Anzeigetafel schmokelte und qualmte es zum Anpfiff. Sicherlich nicht in der Intensität wie in manchen Gästeblöcken der Gegenwart, doch wer meint oder behauptet, Pyrotechnik sei ein neues Phänomen, sieht vor lauter Rauch anscheinend das wahre Leben nicht.

arnheim

Richtig ist, dass das Interesse zwischenzeitlich (zur Jahrtausendwende) eher abnahm. Groß angelegte Choreographien waren angesagt. An Intensität nahm der Einsatz von Pyro wieder zu, als immer mehr eine Zero-Tolerance–Politik in den deutschen Stadien durchgesetzt wurde. Mit Knüppel, Pfefferspray und zahllosen Stadionverboten allein wird man allerdings nichts bewegen können. Mit einer aufgezogenen Medienkampagne noch weniger. Aufrüstung? Fußfesseln? Brandfeste Vorhänge, die heruntergelassen werden? In was für einer Zeit leben wir denn? Zahlreiche Nachbarländer (z.B. Niederlande: Arnheim / Foto rechts) machen es doch vor, wie die Sache gehandhabt werden könnte. Klingt abgedroschen. Allerdings scheint das kontrollierte Abbrennen der derzeit einzig vernünftige Weg. Je nach Bauart des Stadions: In einem frei gehaltenen Bereich. Vor den Zäunen hinter dem Tor. Auf einer brandfesten Plane auf dem Rasen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die bei anderen Großveranstaltungen auch zum Einsatz kommen.

Sollte so etwas wie damals vor 20 Jahren in Nürnberg und Leverkusen nicht auch in der Gegenwart möglich sein? Immerhin sprechen wir von zwei Vereinen, die bereits damals ein „modernes Schmuckkästchen“ hatten. Der Einwand, in den modernen Arenen gehe das einfach nicht, hat keine Substanz!

> zur turus-Fotostrecke: Pyrotechnik in den 90ern und der Gegenwart

> allgemeiner Rückblick: Bevor die Ultras und Arenen kamen... 

> zum Artikel: Fußball 2.0(12) Sicherheitswahn und Adrenalinsucht

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