Fußball 2.0(12): Sicherheitswahn und Adrenalinsucht, Machtkämpfe und Geldmacherei

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MB

Gebt den Zuschauern eine bedruckte Klatsche aus Faltpappe in die Hand, dazu eine Bratwurst für 2,80 Euro und einen Becher alkoholarmes Bier für 3,90 Euro. Biete ihm Mousepads und Schlüsselanhänger zum Kauf und an und lulle ihn mit softem Unterhaltungsprogramm vor dem Spiel und während der Pause ein. Dazu ein Gewinnspiel auf dem Rasen und fertig ist die saubere, friedliche Fußballwelt. Wirklich? Das soll das Angebot für junge Leute sein, die im sonstigen Alltag für jeden Spaß zu haben sind?! Absurd! Wer das glaubt, lebt in einer fernen Traumwelt.

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Gebt den Zuschauern eine bedruckte Klatsche aus Faltpappe in die Hand, dazu eine Bratwurst für 2,80 Euro und einen Becher alkoholarmes Bier für 3,90 Euro. Biete ihm Mousepads und Schlüsselanhänger zum Kauf und an und lulle ihn mit softem Unterhaltungsprogramm vor dem Spiel und während der Pause ein. Dazu ein Gewinnspiel auf dem Rasen und fertig ist die saubere, friedliche Fußballwelt. Wirklich? Das soll das Angebot für junge Leute sein, die im sonstigen Alltag für jeden Spaß zu haben sind?! Absurd! Wer das glaubt, lebt in einer fernen Traumwelt.

DFB

Es ist kein Wunder, dass die langsam aber sicher in die Jahre kommenden Studiogäste in all den Talkshows die heutige Fußballwelt nicht mehr verstehen. Es darf nicht wahr sein, die heranwachsende Generation macht einfach ihr eigenes Ding, organisiert sich über soziale Netzwerke und lebt ein pralles, adrenalingeschwängertes Leben aus. Da feiern tausende Fußballfans bzw. Ultras in den Kurven, Blöcken und Gegengeraden sich selbst, organisieren Fanmärsche durch eigene und fremde Städte und haben vor allen Ding eines: Verdammt viel Spaß.

Jena

Kein Wunder, dass solch ein Ausleben dem alteingesessenen System von Verband und TV-Landschaft Angst und Schrecken bereitet. Schließlich soll nicht das bunte Treiben der Ultras im Fokus stehen, sondern das Geschehen auf dem grünen Rasen. Da gerät etwas aus dem Ruder – zumindest aus Sicht vieler Funktionäre und Fernsehmacher. In abertausenden Foren-Threads und Facebook-Beiträgen werden nicht allein die Tore der Mannschaften gefeiert, sondern die Aktionen auf den Rängen des letzten Spieltages. Choreographien, Märsche, Transparente, Sprechchöre, Gesänge – ja und auch Pyrotechnik-Einlagen. Ausschreitungen, Krawalle und körperliche Gewalt? Die wenigsten Fußballfans bzw. Ultras bejubeln in all den Foren Aktionen, bei denen es mächtig scheppert. Wer das behauptet, wirft einfach alles in eine Schublade. Und das ganz bewusst.

BVB

Die Spirale drehte sich immer weiter. Und wir reden nicht von einer Gewaltspirale, wie immer so hübsch in zahlreichen Medien berichtet wird. Nein, viel eher verwenden die Menschen ihren eigenen Kopf, tauschen sich über soziale Netzwerke aus und reflektieren das Gesamtgeschehen viel mehr, als es vielleicht noch in den 70er und 80er Jahren üblich war. Noch Anfang der 90er Jahre ging man sicherlich als Freund des Fußballs mit einem etwas anderen Gefühl ins Stadion. Ganz gewiss bereits damals mit viel Emotion und Adrenalin im Blut. Allerdings beschränkte sich das Drumherum eher auf das Lesen der Fanzine, auf das Schauen von Sportschau und der Sendungen ran bzw. Anpfiff. Das Gesamtverhältnis zwischen Spielergehältern, Eintrittspreisen und Gebotenem schien okay. Immerhin wurde man als Fußballfan in all den Stehblöcken mehr oder weniger in Ruhe gelassen. Keine Einmischung von außen. Zumindest kaum. Es bedurfte keine Choreographien, um sich Gehör zu verschaffen. Es wurde einfach geschrien und gesungen – frei nach Schnauze. Ja, teilweise am Rande des guten Geschmacks.

Mit dem Umbau der Stadien zu Arenen und der sich immer schneller drehenden Finanzspirale kam recht fix der Wunsch auf, das Publikum zu formen. Einfluss zu nehmen. Für ein sauberes Fernsehbild tauglich zu machen. Der schäbig anmutende Anblick von Bier trinkenden Kuttenträgern passte nicht mehr recht ins Bild. Das der Hooligans, die Lederhandschuhe in den hinteren Hosentaschen zu stecken hatten, natürlich auch nicht. Mit Family-Streets und Familienblöcken, dem Einführen eines soften Rahmenprogramms sowie der drastischen Verringerung von Stehplätzen wurde versucht, eine neue Fangeneration heranwachsen zu lassen. Eine Generation, die durchaus Stimmung macht und singt, aber eben auch gern die bedruckte Falt-Klatsche in die Hand nimmt.

BTSV

Schön und gut. 10-jährigen Kids kann man Faltpappen und bunt bedruckte Plastikbecher schmackhaft machen, doch der Jugend bzw. jungen Erwachsenen ist so etwas nicht genug. Ganz egal, ob beim FC Schalke 04, bei Eintracht Frankfurt, beim BVB 09, beim FC St. Pauli, bei Dynamo Dresden, Hertha BSC, Bayer 04 Leverkusen, beim HSV oder beim FC Hansa Rostock!
Eine neue Bewegung formierte sich. Eigentlich sind es eher zwei Bewegungen. Zum einen die Generation der im Kopf jung gebliebenen Enddreißiger und Anfangvierziger, die von den Old-School-Zeiten des deutschen Fußballs schwärmen. Zum anderen die junge Generation um die 20, die auf gut Deutsch gesagt keinen Bock hat, sich vorschreiben zu lassen, was sie zu tun habe. Einschränkungen, polizeiliche Maßnahmen bei Auswärtsfahrten, zunehmender Kommerz – all dies sorgte für eine mächtige Gegenströmung. Fans bzw. Ultras organisierten sich und machten kräftig mobil. Mit Aktionen, mit gigantischen Choreographien. Und es wurde nicht mit Kritik gespart. Entweder am Verband, an der Polizei, am eigenen Verein, der eigenen Mannschaft oder am gesamten System.

Genau dies bereitete Angst und Schrecken bei all den Leuten, die am System Profifußball jährlich zig Millionen Euro verdienen. Manches war plötzlich nicht mehr planbar. Die TV-Kamera konnte nicht mehr einfach so in Richtung Fanblock geschwenkt werden. Man wusste ja nie, ob da nicht plötzlich ein kritisches Spruchband auftauchte. Ab und an knirschte es gewaltig. Das „Scheiß Millionäre“ bei Borussia Dortmund vor einigen Jahren, steckt noch immer ganz tief in den Knochen. Ebenso die nicht mehr zu überhörenden Fanchöre, die gegen bestimmte Fernsehsender, den Verband oder die Polizei gerichtet waren. Dass sich Fan- bzw. Ultragruppierungen untereinander teilweise sogar zusammenschlossen, machte es aus Sicht der Angesprochenen noch viel schlimmer.

Polizei

Im Prinzip ist es ganz simpel. Druck erzeugt Gegendruck. Jeder Schüler an der Grundschule lernt das bereits. Wird jetzt versucht, über die Medien eine Kampagne gegen Ultras bzw. Fans aufzuziehen – kann das nur nach hinten losgehen. Der Versuch, sämtliches über einen Kamm zu scheren, wird kläglich scheitern. Friedliche „Platzstürme“, sämtliche Pyro-Aktionen – alles hinein in eine Tonne, die mit „Fußballgewalt“ beschriftet ist, zu werfen. No way, das wird nicht gut gehen. Das mag beim normalen, nur partiell fußballinteressierten TV-Zuschauer Zugang in Gehör und Hirn finden, doch zig tausende Fußballfans werden mobil machen. Und das in einer Intensität, die der deutsche Fußball noch nicht erlebt hat.
Die deutschen Medien schwärmen so sehr, wie nützlich die sozialen Netzwerke in der arabischen Welt seien?! Richtig, nun kann man sich ausmalen, welche Möglichkeiten Fangruppierungen hierzulande haben. Das Smartphone jederzeit griffbereit!

Immer wieder wird beklagt, wie sehr sich Profivereine von ihren eigenen Zuschauern entfernen. Ja, ist das denn ein Wunder? Und ist es nicht ein Wunder, dass überhaupt von den Fußballfans solch immens hohe Fußballgehälter akzeptiert werden? Ganz neutral betrachtet muss man doch sagen: Sorry! 50 Euro für ein Sitzplatzticket in der 1. Bundesliga? 5 Millionen Euro Jahresgehalt eines Fußballprofis? Da stimmt etwas nicht. Das stinkt nach extremer Schieflage und Aufruhr. Wieso es funktioniert? Der Normalverbraucher akzeptiert solche Zustände meist stillschweigend. Der Mensch als Gewohnheitstier. Es wird konsumiert und seinen Weg gegangen. Kritischer ist es beim jungen Publikum. Ein kritisches Publikum, das Zustände hinterfragt.

SGE

Allerdings scheint es eine Art Deal zu geben. Ganz nach dem Motto: Okay, ihr dort unten auf dem Rasen verdient Millionen, doch wir hier oben lieben unseren Verein – und vor allen Dingen lieben wir es, unser Fanleben auszuleben und das Adrenalin durch die Adern strömen zu lassen. Inmitten einer tollen Gemeinschaft richtig abfeiern und gemeinsam durch die Lande ziehen? Unbezahlbar. Auch nicht mit einem Millionengehalt. Dass Personen wie Werner Schneyder, Bernd Stelter und Johannes B. Kerner dies mit Unverständnis und Abscheu quittieren, ist eigentlich klar. Allein die Aussage „Leben die nicht vorhandene Jugend aus?“ sagte alles. Richtig. Die Jungs und auch Mädels in den Kurven leben nach Herzen ihre Jugend bzw. ihre Träume aus. In einer Form, von der manch ein unwissender Studiogast träumen würde – wenn er denn ehrlich zu sich selbst wäre.

Polizei

Im vorliegenden Text stehe im Prinzip nichts Neues? Richtig. Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Eigentlich liegt alles auf der Hand. Gewarnt sei nur davor, die Schraube weiter anzuziehen und den Druck auf Ultra- und Fangruppierungen massiv zu erhöhen. Führen wird es zu nichts. Außer, dass vielleicht eines Tages wirklich das Konstrukt hochbezahlter Profifußball in sich zusammenfällt und eine blutleere, seelenlose Kreatur übrigbleibt, die sich nur noch in Fernost vermarkten lässt. Wer in kommender Zeit auf Dialoge verzichtet und nur noch verbale und reale Knüppel aus dem Sack zerrt, der wird bald sehen, welche verdorbenen Früchte er in Zukunft ernten wird! Fazit: Das Herz des Fußballs sind die Fans!


> zum Vergleich: Fußball in den 90er Jahren – ein Rückblick

> zu den turus-Fotostrecken: Fußball in Deutschland und ganz Europa

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