Fans gegen Pyrotechnik? Was sagt die DFB-Umfrage wirklich aus?

MB
 
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HFC ChemieKurz und schmerzlos wurde am 10. Januar am frühen Nachmittag von Seiten des DFB das aktuelle Umfrageergebnis präsentiert. DFB und DFL hatten tns-infratest beauftragt, eine repräsentative Meinungsumfrage in Sachen Pyrotechnik durchzuführen. Befragt wurden im vergangenen Dezember 2.000 Bundesbürger. Das Ergebnis kommt den Verantwortlichen von DFB und DFL äußerst gelegen. 84,4 Prozent der Befragten votierten gegen den Einsatz von Pyrotechnik in den deutschen Stadien. Dies sei eine an Deutlichkeit kaum zu überbietende Meinung der Fans, so Holger Hieronymus, Geschäftsführer der DFL. Jedoch sei die Frage erlaubt: Wie repräsentativ ist diese Umfrage wirklich?

Die Umfrage erscheint schwammig. Wer wurde wirklich gefragt? Bundesbürger? Zuschauer? Fans? Wo wurden sie gefragt? Auf der Straße? Am Telefon? Im Stadion? Vor dem VIP-Bereich? An der Würstchenbude? Am Bierstand? In den Fankurven? Die genauen Umstände der Umfrage wären durchaus interessant. Schließlich würde eine leichte Veränderung der Umstände die Ergebnisse massiv beeinflussen. Würde man einen Querschnitt der Bundesbevölkerung befragen, so wäre in der Tat ein solches Ergebnis zu erwarten. Befragt man dagegen die echten Fans in den Kurven – nun ja, ein deutliches Pro Pyrotechnik würde nicht überraschen.

BFC DynamoIn der Meldung des DFB ist wortwörtlich zu lesen: „Die Umfrage wurde im Dezember 2011 von tns-infratest unter 2000 Bundesbürgern durchgeführt.“ Das lässt einiges offen. Bundesbürger sind alle. Wurden in der Tat Bundesbürger querbeet befragt, so ist die Aussage „84 Prozent der Fans gegen Pyrotechnik“ nicht wirklich korrekt. Der DFB-Sicherheitsbeauftragte spricht von „84 Prozent der Fußball-Interessierten in Deutschland“. Fußball-interessiert sind in Deutschland gewiss um die 30 Millionen Bürger, wenn man von den Einschaltquoten bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften ausgeht. Jedoch pilgert nicht jeder Fußball-Interessierte in ein Fußballstadion.

Fußball-Interessierte, Zuschauer, Fans, Ultras. Fix könnte man eine Umfrage in den Stehplatzbereichen der Stadien machen. Oder noch besser eine Umfrage in den Gästebereichen. Oder gar unter den Fanklubs und Ultra-Gruppierungen. Sollten nicht vor allen Dingen die Fußballfans befragt werden, die wirklich vom Einsatz von Pyrotechnik betroffen sind?! Denn in der Tat ist immer noch nicht ganz geklärt, was die Basis dazu sagt. Gibt es klare Mehrheiten? Die Fans in den Kurven, den Stehbereichen, den Gästeblöcken. Gibt es dort wirklich ein klares Pro Pyrotechnik? Rauch und Bengalos ja. Böller nein. Dies ist häufig unter den Ultras zu hören. Dort, wo die einzigartige Fußballatmosphäre entsteht, muss zuerst analysiert werden, und nicht bei anscheinend wahllos ausgesuchten 2.000 Fußball-Interessierten.

Dynamo DresdenWer ist von Pyrotechnik betroffen, wenn sie ordnungsgemäß abgebrannt wird? Der Zuschauer auf der Sitzplatztribüne oder der Fan, der gleich nebenan steht? Zudem: Nur zu klar, dass das Werfen von Pyrotechnik in Richtung Spielfeld und Nachbarblock eine Straftat ist. Hatten die 2.000 befragten Bundesbürger die Bilder von den Spielen Borussia Dortmund – SG Dynamo Dresden oder FC Hansa Rostock – FC St. Pauli vor Augen, dann ist nur zu klar, dass sich diese zu fast 85 Prozent gegen Pyrotechnik aussprachen.
Am Rande: Mit Hilfe einer Umfrage unter Fußball-Interessierten könnte man einiges aufzeigen. Wenn man möchte. Verdienen Fußballprofis zu viel Geld? Stehen die Ablösesummen noch in einem Verhältnis? Nervt die penetrante Werbung in den Bundesligaarenen? Möchte man sterile Arenen? Wünscht man sich eine knackige Atmosphäre? Ist das Bier zu teuer? Sind die Eintrittskarten zu teuer? Sind die Vorstände des FC Bayern München, des FC Schalke 04, des Hamburger SV, des VfB Stuttgart und und und zu überheblich? Leistet der DFB eine gute Arbeit, was die Fans an der Basis angeht? Man könnte einiges fragen. Wäre auch nur ein einziges Problem mit den zu erwartenden Umfrage-Ergebnissen gelöst? Nein!

1. FC KölnDas Thema Pyrotechnik ist nicht durch! Auch nicht nach einer Umfrage unter 2.000 Bundesbürgern. Was soll den Fans / Ultras in den Stadien diese Umfrage sagen? Dass sie allein dastehen mit ihrer Vorliebe für Bengalische Fackeln und Rauchtöpfe? Wieder ist in der DFB-News etwas von Bestrafung zu lesen. Besser noch: 79,5 Prozent fordern eine harte Bestrafung, sollten entsprechende Verbote missachtet werden.
Eins ist klar. So wird sich keine Lösung finden lassen. Nicht mit Umfragen. Nicht mit Strafandrohungen. Nicht mit reinknüppelnden Polizisten. Nicht mit Pfefferspray en masse für alle. Nicht mit wahllos ausgesprochenen Stadionverboten. Nicht mit der totalen Kriminalisierung. Stirbt eines Tages die Fanbewegung, stirbt auch der Fußball in der Form, wie er geliebt wird. Würde die kommende junge Fan-Generation dem Fußball den Rücken kehren, würden auch die Sitzplatzzuschauer schnell merken, dass sie gleich zu Hause bleiben und das Geschehen auf dem Rasen auf dem Fernsehbildschirm verfolgen können. So einfach ist das.

Fandemo 2010Fangesänge? Choreographien? Hübsch anzusehen? Ordnungsgemäß abgebrannte Pyrotechnik – dagegen ein Teufelswerk? Wird sich kein Übereinkommen zwischen DFB, DFL, Vereinen und den Fußballfans finden, so wird immer wieder versteckt in den Massen gezündelt und gekokelt werden - und das auf Teufel komm raus. Bengalos und Rauchtöpfe gehören an den Rand der Blöcke. In extra eingerichtete Bereiche. Werden Bengalos vor bzw. auf dem Zaun der Blöcke abgebrannt, wird wohl nichts passieren. Brennen diese jedoch versteckt zwischen den Beinen und Köpfen der Fans, kommt es immer wieder zu Verletzungen.
Es gibt reichlich Gesprächsbedarf, auch wenn DFB und DFL davon nichts mehr hören wollen. Prima. Werden mit harter Hand die Regeln diktiert, werden die Ultra-Gruppierungen weiter ihre eigenen Regeln aufstellen. Die Zeichen stehen auf Sturm und Konfrontation. Kann das jemand wirklich wollen? Nur zu gut, dass am kommenden Wochenende in Berlin der Fankongress 2012 stattfindet. Worum es geht? Um den Erhalt der Fankultur! Auf diversen Veranstaltungen geht es am Samstag, den 14. Januar, und am Sonntag, den 15. Januar 2012 unter anderen um: Fankultur als soziales Phänomen, Identifikation der Fans mit dem Verein in Zeiten des „modernen Fußballs“, ‘Rechtsfreier Raum’ Stadion?, Mehr als 90 Minuten – Ultrà und seine Facetten!, Die Chancen und Grenzen von Selbstregulierung, Freiheit und Verantwortung in den Fankurven.
Auch turus.net wird am Samstag vor Ort sein und über den Fankongress 2012 in gewohnter Form ausführlich berichten.


> Zur offiziellen Seite des Fankongress 2012 in Berlin

> Zur Fotostrecke: Pyrotechnik in deutschen Stadien

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