Wahrung der Tradition: Lok, Dynamo, Wismut und die BSG

MB
 
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Wismut?! Manch einer mag sofort an den FC Erzgebirge Aue denken. Gemeint ist in diesem Fall jedoch die BSG Wismut Gera. Zurück in die Vergangenheit. Es lebe die Tradition. Auf der Webseite von Gera nicht zu übersehen: Zu Hause am Steg – sei Wismut! Links das markante orange-gelbe Vereinswappen mit den gekreuzten Hämmern und einem Ehrenkranz. Wenn das nicht ins Auge fällt – wenn das keine klare Ansage ist! Wer kannte schon Gera Süd? Wismut Gera wird sich dagegen gewiss wieder Verhör verschaffen!

Wismut?! Manch einer mag sofort an den FC Erzgebirge Aue denken. Gemeint ist in diesem Fall jedoch die BSG Wismut Gera. Zurück in die Vergangenheit. Es lebe die Tradition. Auf der Webseite von Gera nicht zu übersehen: Zu Hause am Steg – sei Wismut! Links das markante orange-gelbe Vereinswappen mit den gekreuzten Hämmern und einem Ehrenkranz. Wenn das nicht ins Auge fällt – wenn das keine klare Ansage ist! Wer kannte schon Gera Süd? Wismut Gera wird sich dagegen gewiss wieder Verhör verschaffen!

wismut

Dass derzeit wohl trotzdem kaum jemand die BSG Wismut Gera kennt, hat zwei Gründe. Zum einen gibt es Wismut Gera erst wieder seit 2009, zum anderen spielt der Verein nur in der Thüringenliga (sechste Spielklasse). Kein Wunder, dass der Verein über die thüringischen Landesgrenzen noch nicht bekannt ist. Einst am 1. Mai 1951 wurde die BSG Motor Gera ins Leben gerufen, zwei Jahre später nahm der Verein den Namen BSG Wismut Gera an. Bis zum Fall der Mauer war Wismut Gera meist in der zweitklassigen DDR-Liga zu Hause, jedoch wurden auch einige Spielzeiten in der DDR-Oberliga absolviert.

Nach der Wende wurde zunächst in der Oberliga Nordost Staffel Süd gespielt. Gemeinsam mit Aue, Zwickau und Sachsen Leipzig. Am 1. Juli 1993 erfolgte die Umbenennung in 1. SV Gera. Ganz bitter wurde die Oberliga-Saison 1995/96 (mittlerweile vierte Spielklasse). Nur fünf magere Pünktchen konnten in 30 Saisonspielen eingefahren werden. Hinab ging es in die Landesliga Thüringen. 2003 musste Insolvenz beantragt werden, in der Bezirksliga wurde ein Neuanfang versucht. Am 1. Juli 2007 entstand aus der Fusion dreier Vereine der FV Gera Süd, im Sommer 2009 besann man sich in Gera schließlich auf die Tradition und benannte sich in Ballsportgemeinschaft (BSG) Wismut Gera um. Der Aufstieg in die Thüringenliga gelang mit Trainer Udo Korn (einst DDR-Oberligaspieler in Gera) bereits ein Jahr zuvor.

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Seitdem heißt es „Legende ohne Ende“ im Glück-Auf-Stadion am Steg, das bis 1990 Arthur-Becker-Stadion hieß. Die Zuschauer kommen, wenn gleich noch nicht in Strömen. Vierstellig wurde es in der vergangenen Saison beim Derby beim 1. FC Gera 03. Immerhin 1.027 Zuschauer sahen im Stadion der Freundschaft das 1:1. Am Ende der Saison stieg der 1. FC Gera 03 in die Oberliga NOFV-Süd auf.
Während der 1. FC Gera in der Oberliga mit vier geholten Pünktchen auf Rang 15 dümpelt, steht die BSG Wismut Gera in der Thüringenliga auf dem neunten Platz. Der zweite Rang ist durchaus in Sichtweite, Platz eins wird jedoch unerreichbar bleiben, da Wacker Nordhausen eine überragende Saison spielt und bis dato noch ungeschlagen ist.

Stichwort BSG. Die gibt es auch in Leipzig. Allerdings wurde vor kurzem aus der Ballsportgemeinschaft wieder die Betriebssportgemeinschaft gemacht. Die Rede ist von der BSG Chemie Leipzig, die gemeinsam mit der SG Leipzig Leutzsch das Erbe von Chemie Leipzig und dem FC Sachsen Leipzig antritt. Bereits 1997 wurde die BSG Chemie Leipzig gegründet, um zum einen die Tradition zu wahren und zum anderen das Logo aus DDR-Zeiten zu schützen.
Am vergangenen Sonntag kam es im Alfred-Kunze-Sportpark zum Duell der Duelle. BSG Chemie Leipzig gegen die SG Leipzig Leutzsch. Die Partie der Wernesgrüner Sachsenliga ging vor knapp 2.700 Zuschauern 0:0 aus. Wer in Zukunft einmal den Sprung nach oben schaffen wird? Das ist derzeit noch völlig ungewiss.

Apropos Leipzig. Neben der BSG Chemie Leipzig gibt es einen weiteren Verein, der sich auf die Tradition der DDR-Oberliga-Zeiten besinnt. Nach dem Zusammenbruch des VfB Leipzig wurde am 10. Dezember 2003 der 1. FC Lokomotive Leipzig neugegründet. In der DDR spielte der 1. FC Lok eine wichtige Rolle. Nur die SG Dynamo Dresden und der FC Carl Zeiss Jena spielten häufiger im Europapokal. Unvergessen der Finaleinzug des 1. FC Lok im Europapokal der Pokalsieger im Jahre 1987.
Nach der Neugründung der Loksche im Dezember 2003 ging es bis 2008 stetig bergauf. Seit der Saison 2008/09 ist Lok Leipzig in der Oberliga NOFV-Süd zu Hause. Sportlich stagniert die Sache ein wenig, zuschauertechnisch ist Lok jedoch noch immer eine große Nummer. Zuletzt kamen gegen Luckenwalde rund 2.500 Zuschauer, gegen den 1. FC Gera waren es sogar über 2.600 Zuschauer. Rund 700 Lok-Fans begleiteten ihr Team zum Auswärtsspiel beim VfL Halle 96. Derzeit steht Lok auf dem siebten Platz. Um den Aufstieg in die Regionalliga in trockene Tücher bringen zu können, muss noch eine Schippe drauf gelegt werden.

BFC

Den Aufstieg getrost abschreiben können dagegen bereits die Anhänger des einstigen DDR-Serienmeisters BFC Dynamo. Die Berliner verloren zuletzt wieder einmal auswärts, dieses Mal mit 2:3 beim Aufsteiger 1. FC Neubrandenburg. Gerade einmal fünf Siege stehen sieben Niederlagen gegenüber. Viel zu wenig für den ambitionierten Klub aus Berlin-Hohenschönhausen.
In der Winterpause 1989/90 legte der BFC Dynamo seinen alten Namen ab und nannte sich ab nun FC Berlin. Beim Anhang wurden neuer Name und neues Logo jedoch nie akzeptiert. 1999 erfolgte die Rückbenennung in BFC Dynamo. Da sich das alte Logo in Fremdbesitz befand, wurde 2009 kurzerhand ein neues Logo entworfen. Nach einer heißen, sehr emotionalen Diskussionsphase entstand jedoch ein Logo, das überraschend gut akzeptiert wird. Wann es sportlich nach oben geht, steht in den (Meister-)Sternen.

Das „Dynamo“ nie abgelegt hatte die SG Dynamo Dresden. Allerdings kam es nach dem Fall der Mauer zu kleinen Änderungen. Von 1990 bis 2002 hatte Dynamo Dresden ein geändertes Logo. Statt auf Dynamo-Weinrot stand das Dynamo-D nun auf grünem Grund. Zudem hieß der Verein nun offiziell 1. FC Dynamo Dresden. 2002 kehrte das Weinrot im Vereinswappen wieder zurück, fünf Jahre später wurde aus dem „1. FC“ wieder die „SG“.

schwerin

Im Jahre 2003 neugegründet wurde indes die SG Dynamo Schwerin. Zu DDR-Zeiten war die SG Dynamo Schwerin meist zweit- und drittklassig. Zweimal (1975 und 1984) wurde an der Aufstiegsrunde zur DDR-Oberliga teilgenommen. 1991 wurde der Verein in FSV Schwerin umbenannt, im Juli 1997 schloss sich der FSV Schwerin dem FC Eintracht Schwerin an. Jener nahm in der DDR als BSG Motor Schwerin am Spielbetrieb teil.
Die neugegründete SG Dynamo Schwerin marschierte von 2004 bis 2007 von der Kreisliga in die Landesliga durch. Seitdem stagniert die sportliche Entwicklung ein wenig. Das Zuschauerinteresse bleibt jedoch. Gut möglich, dass Dynamo eines Tages wieder die Nummer eins in Schwerin wird.

Als BSG Lok Stendal spielte der Klub aus der Altmark in den 50er und 60er Jahren in der DDR-Oberliga und der DDR-Liga. Ab 1968 waren nur noch die DDR-Liga und die Bezirksliga Magdeburg das sportliche Zuhause. Nach der Wende wurde aus der BSG Lok der FSV Lok Altmark Stendal. 2002 wurde nach einer Fusion der 1. FC Lok Stendal gegründet. Im jetzigen Vereinslogo erinnern jedoch nur noch die Farben an das traditionelle Logo. Gespielt wird derzeit mehr schlecht als recht in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt.

Hansa

Und wie schaut es bei den anderen Vereinen der Region Nordost aus? Der FC Hansa Rostock ist noch immer der FC Hansa Rostock. Nichts geändert bzw. nur minimal geändert hatte sich nach der deutschen Wiedervereinigung in Sachen Logo und Vereinsname beim 1. FC Magdeburg, beim FC Carl Zeiss Jena und bei Rot-Weiß Erfurt. Allerdings tauchen in der Erfurter Fankurve verstärkt die älteren Logos auf, die von 1966 bis 1984 verwendet wurden. Und auch beim Chemnitzer FC besinnen sich die Fans immer mehr auf die DDR-Traditionen. Das FCK (für FC Karl-Marx-Stadt) taucht immer wieder auf Zaunfahnen und Spruchbändern auf. Eine Rückbenennung wird in Zukunft jedoch kaum möglich sein.

Gut vorstellbar ist, dass beim Halleschen FC eines Tages wieder das „Chemie“ in den Namen zurückkehrt. Gewiss alles eine Frage der Zeit. Eine Rückbesinnung auf DDR-Traditionen? Was in Leipzig, Gera und Schwerin umsetzbar ist, dürfte doch auch in Halle möglich sein?!  Und wer weiß, vielleicht tauscht man auch irgendwann in Aue wieder das „Erzgebirge“ gegen das „Wismut“ aus. Auch dort ist das „Wismut“ in der Fankurve sehr präsent.

Vorwärts

Mit der Tradition völlig gebrochen hatte man in Frankfurt/Oder. Aus Vorwärts Frankfurt wurde der gesichtslose Frankfurter FC Viktoria 91. Neues Logo, neue Vereinsfarben. Eine Hoffnungsschimmer am Horizont: Die Spielkleidung ist jetzt immer häufiger blau-rot. Wie zuletzt beim Landespokalspiel gegen den SV Babelsberg 03...

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