Kommt mit auf eine Zeitreise in die Sowjetunion! Ein privates Reisetagebuch gibt Auskunft. Am 11. Januar 1977 wurde im Reisebüro der Deutschen Demokratischen Republik der Reiseleistungsvertrag unterschrieben und eine Anzahlung von 200 Mark getätigt. Vom 21. Juni bis zum 06. Juli 1977 sollte es als DDR-Reisegruppe – anders war es auch gar nicht möglich – in die UdSSR gehen, und für die zweiwöchige Reise waren pro erwachsene Person 1.170 Mark fällig. Vom Flughafen Berlin-Schönefeld sollte es mit Interflug nach Minsk gehen, und nach einem eintägigen Aufenthalt inklusive Stadtrundfahrt ging es mit der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot weiter nach Mineralnye Wody, von wo aus der letzte Abschnitt bis Itkol im Kaukasus mit einem Bus zurückgelegt werden musste.

Die weitere Planung: Nach einer Woche im Kaukasus sollten sieben Tage am Schwarzen Meer im beliebten Urlauberort Sotschi folgen, bevor es dann wieder mit dem Flugzeug über Minsk zurück nach Ost-Berlin ging. Damit nichts schief gehen konnte, erhielten die Reisenden im Vorfeld eine Teilnehmerkarte, eine laufenden Nummer auf der Sammelreiseliste und einen Zettel, auf dem der Ausreise-Reisegruppentreffpunkt vermerkt war. Am 21. Juni 1977 um 12:30 Uhr hatte man sich am Flughafen Berlin-Schönefeld einzufinden.

Wer überpünktlich vor Ort war, konnte sich die Zeit an einer Bar oder auf der Besucherterrasse vertreiben. Die Schlange vor dem Flughafenrestaurant war indes wieder einmal viel zu lang. Angekommen am Treffpunkt erhielt jeder Reisender seine Sammelkarte, und die Abfertigung sollte wie am Schnürchen erfolgen. Ausweiskontrolle, Zollkontrolle – und schon durfte man pünktlich die TU 134 besteigen.

Im Flugzeug wurden über die Belüftungsdüsen Dufterfrischungskonzentrate versprüht, und nach dem erfolgten Start gab es eine Tasse Kaffee, ein Kuchenbrötchen, ein Stück Kuchen, eine Salami, Kochschinken, Käse, Zucker, Marmelade und eine Scheibe Brot.
Nach der Landung in Minsk wurden die Gepäckstücke durch ein Fenster hereingeschoben, und auf einem Zollformular musste angegeben werden, wie viel Schmuck und Geld man dabei hatte. Mit einem Bus wurden die Reisenden zum Hotel „Minsk“ gebracht, und die Zimmerschlüssel erhielt man auf der jeweiligen Etage. Punkt 20 Uhr wurde im Hotelrestaurant das Abendessen gereicht, das aus grünen Gurken mit Sahne, Fleisch mit Pommes, sehr leckerem Eis, Tee und Kuchen sowie Konfekt bestand.

Zur Überraschung der Reisenden hatten sämtliche Geschäfte in der Minsker Innenstadt bis 22 oder 23 Uhr geöffnet, sodass ein abendlicher Bummel noch möglich war. Am kommenden Morgen wurde man mit gewöhnungsbedürftigen Puffern mit süßer Sahne, Brot und Wurst sowie Kefir und Tee überrascht. Gut gestärkt durfte der Vormittag im Bus verbracht werden, der einen zu einer alten Holzbaracke, in der sich einst kommunistische Parteifunktionäre trafen, und diversen Denkmälern der Stadt fuhr.

Am frühen Abend sollte es mit einer Antonov 24 weiter nach Mineralnye Wody gehen. Fünf Stunden waren als Flugzeit angesetzt, doch erfolgte eine nicht eingeplante Zwischenlandung in Saporoshje, die es in sich hatte und manch einen Fluggast zur Spucktüte greifen ließ. Schweißgebadet verließen nach der Landung die Piloten als erstes das Flugzeug, und wie später in Erfahrung gebracht werden konnte, gab es zuvor tagelange schwere Regenfälle, sodass die Landebahn eine echte Herausforderung war. Das Flugzeug wurde nochmals vollgetankt, und aus knarzigen Lautsprechern ertönten ständig russischsprachige Durchsagen. Wann es weitergehen sollte, wusste allerdings niemand so recht. Auch nicht die Reiseleiterin.

Teil 2 des Fluges nach Mineralnye Wody sollte es in sich haben, und somit war es nicht verwunderlich, dass nur Selters gereicht wurde. Die Ankunft erfolgte gegen 23 Uhr, und ein wartender Bus brachte die Reisegruppe direkt zu einem Hotel in Pjatigorsk, wo es auf dem Zimmer sogar Fernseher, Telefon und warmes Wasser gab.
Am kommenden Morgen ging es weiter mit dem Bus, vorbei an Weizenfeldern, Dörfern mit blau angemalten Häuschen, Kuhherden und schlammigen Nebenstraßen und Wegen. Da immer wieder einzelne laufende Kühe, Esel, Schafe und Pferde auf der Straße standen, musste der Busfahrer immer wieder die ohrenbetäubende Hupe betätigen. Nachdem das Baksantal durchquert war, erreichte die Reisegesellschaft die Bergarbeiterstadt Itkol nahe des Elbrus.

Was soll man sagen? Die Strapazen hatten sich gelohnt! Das dortige Mittagessen mundete den meisten, und der Ausblick von den Hotelzimmern wusste zu begeistern. Morgens wurden die Gäste mit leiser Musik sanft geweckt, tagsüber erfolgten diverse Bergwanderungen, die es teilweise in sich hatten. Abends gab es zum Essen Bier, und damit es auch mit der Völkerfreundschaft passte, wurden deutsch-sowjetische Liederabende veranstaltet.

Zu Fuße des Elbrus erfolgten Wanderungen zum Tscheget, zum Gletscher Terskol Ak, zum Gletscher Schelda, zur Schlucht Jusengi, zur Narsanquelle und über eine Hängebrücke zum Café Narsan, das jedoch keinen Kaffee, sondern nur alkoholische Getränke anbot. Auf einem Markt in einen Bergdorf boten ältere Frauen Schafsfelle zum Verkauf an, die teilweise für 13 Rubel (zirka 41 Mark) zu haben waren.

Zum Abschiedsabendessen in Itkol ließ sich das Hotelrestaurant nicht lumpen und servierte Gurkensalat mit Sahne, Brot, Butter, Geflügel, roten Kaviar, Bier, Kaffee, Kuchen und pro Tisch eine Flasche Sekt. Nach einem gemütlichen Beisammensein musste schließlich das Restaurant um 23 Uhr verlassen werden, und am kommenden Morgen startete um 08.30 Uhr die Busfahrt zum Flughafen. Wieder mit einer Antonov 24 ging es von Mineralnye Wody nach Sotschi, und die Flugueti betrug zirka anderthalb Stunden.

In Sotschi wurde die Reisegruppe im Hotel Swetlana untergebracht, und Zimmer, Balkon und Ausstattung wussten zu gefallen. Am Schiffsanleger konnte man einheimische Russen antreffen, die einen zu Brot und Wodka einluden und vorschlugen, gemeinsam abends ins „Sputnik“ zu gehen. Ähm, nein danke! Lieber ging es ins Dendrarium, das mit seinen Seen, Springbrunnen, Palmen, Zypressen, Zitrusgewächsen und Bambuswäldern zu entzücken wusste.

Möglich war auch eine Mondscheinfahrt mit einem Schiff, doch scheiterte der Kauf der nötigen Tickets an den Verständigungsschwierigkeiten. Englisch konnte fast niemand sprechen, Ausnahme bildeten häufig Jugendliche, die allzu oft als Dolmetscher aushalfen, damit Einheimische und Urlauber ins Gespräch kommen konnten.

Anlegende Schiffe wie die „Aserbaidschan“ im Hafen, die Strandpromenade, der Strand als solches, der Venustempel und der örtliche Zirkus ließen den Aufenthalt in Sotschi kurzweilig werden. Erfreulich aus Sicht der Urlauber aus der DDR war die Tatsache, dass auch Reisende aus den USA, der BRD, aus der Volksrepublik Polen, der ČSSR, aus Ungarn, Finnland und Großbritannien im Hotel nächtigten.

Wie bereits in Itkol gab es auch in Sotschi ein angemessenes Abschiedsabendessen, das aus schwarzem Kaviar, Fleisch mit Bratkartoffeln, Gurken, Kuchen sowie Wodka, Pepsi und rotem Sekt bestand. Am kommenden Morgen hieß es schließlich Koffer packen und Abschied nehmen, vor Abflug musste noch die Zolldeklaration ausgefüllt werden. Zum einen: „In die DDR eingeführte Zahlungsmittel“, zum anderen: „Außerhalb der DDR als Geschenk erhaltene oder durch Kauf erworbene Gegenstände“. In diesem Fall hieß es: „Ein Fell, drei Plastikbilder, eine Keksschale und zwei Steckschalen“.

Eine Tupolev 134 brachte die Reisegruppe von Sotschi nach Minsk, und nach einer zweistündigen Pause ging es weiter nach Berlin-Schönefeld. 06. Juli 1977. Ankunft 12:40 Uhr Ortszeit. Bewölkter Himmel, 20 Grad Celsius und einzelne Schauer. Da dieses Mal die Schlange vor dem Flughafenrestaurant nicht allzu lang war, hieß es: Hinein in die gute Stube und die damals überaus beliebten Apfelkrapfen verputzt! Summa summarum inklusive Getränke zu zweit: 9,90 Mark der DDR …
Textgrundlage: Ein damals angefertigtes privates Reisetagebuch
Fotos: privat
