Selten, wirklich selten klaffte zwischen der Vorstellung und der Realität solch eine große Lücke wie bei der tschechischen Stadt Varnsdorf. Kürzlich entdeckte ich im Netz, dass man mit dem Deutschlandticket von Zittau aus auf dem Schienenweg Varnsdorf einen Besuch abstatten kann. Also dann! Fotokamera in den Rucksack gepackt – und auf ging’s! Um auf der Hinfahrt für ein wenig Freude und Überraschung zu sorgen, packte ich eine DDR-Flasche Goldsiegel aus und las eine Ausgabe „Neues Deutschland“ aus dem Jahr 1987. Wenn schon, denn schon. Ich war schließlich nicht in rein privater Mission auf dem Weg in die Tschechoslowakei, äh, Tschechische Republik.

Varnsdorf (deutsch Warnsdorf / obersorbisch Warnoćicy) hat knapp 15.000 Einwohner und liegt im nordöstlichen Zipfel Tschechiens nahe des Dreiländerecks zu Polen und Deutschland. Erwähnt wurde Varnsdorf das erste Mal im Jahre 1352 als Wernardivilla. Interessant: 1849 vereinigten sich die Ortschaften Neu Warnsdorf, Floriansdorf, Karlsdorf, Alt Franzenthal, Neu Franzenthal und Alt Warnsdorf zum größten Dorf des Kaisertums Österreich (1804 bis 1867). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Warnsdorf der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen – das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung des Sudetenlands blieb unberücksichtigt.

Von 1938 bis 1945 gehörte Warnsdorf nach dem Münchner Abkommen zum Landkreis Warnsdorf (Regierungsbezirk Aussig) im Reichsgau Sudetenland des Deutschen Reiches. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Großteil der deutschen Bevölkerung vertrieben, Varnsdorf gehörte fortan zur Tschechoslowakei (CSSR), seit dem 01. Januar 1993 zur Tschechischen Republik. Der bereits 1869 eröffnete Bahnhof Varnsdorf befindet sich an der Strecke aus Rybniště und der Bahnstrecke Mittelherwigsdorf–Varnsdorf–Eibau. Von Zittau aus sind es gerade einmal rund 15 Minuten Fahrtzeit.
Da die Verbindung von Berlin nach Zittau über Cottbus und Görlitz perfekt ist – vorausgesetzt, es gibt keine Bauarbeiten -, ist Varnsdorf sogar für eine Tagestour geeignet. Rein in den Regio nach Cottbus, Thermoskanne mit Kaffee herausgeholt, und in der Regionalbahn von Cottbus nach Zittau darf dann das erste 0,33er Flaschenbier für schlappe zwei Euro erworben werden.

Eine echte Überraschung ist dann der Streckenabschnitt von Görlitz nach Zittau, auf dem viermal die Neiße überquert und somit mehrmals die deutsch-polnische Grenze gekreuzt wird. Mir war das vor diesem Ausflug nach Varnsdorf gar nicht bewusst, und somit staunte ich nicht schlecht, als plötzlich weiß-rote Grenzpfeiler auftauchten und auf dem Bahnhof Krzewina Zgorzelecka bewaffnete polnische Grenzbeamte mit Sonnenbrille standen. Da das Gleis durch das enge, landschaftlich reizvolle Durchbruchstal der Neiße führt, wird die Fahrt nach Zittau zu einem echten Highlight.
Gemütlich ist auch die recht kurze Fahrt von Zittau nach Varnsdorf – und schon darf man eintauchen in den tschechischen Alltag. Obwohl sich Varnsdorf sehr nahe an der Grenze zu Deutschland befindet, gibt es dort keine „halben Sachen“. Bei einem Aufenthalt in Varnsdorf darf das tschechische Programm voll ausgekostet werden. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dreimal kehrten mein Reisebegleiter und ich vor Ort ein. Zweimal wurde eine herzallerliebste Knoblauchsuppe probiert, zweimal gab es eine Suppe mit Hackfleisch, die stark an eine schmackhafte Soße für Paprikaschoten erinnerte, zum Essen. Vier Suppen und ein paar Bier – mehr brauchte es nicht an Nahrung.

Etwas überrascht wurden wir von der Größe der Stadt. Hat man die Rückfahrt fest im Hinterkopf, sollte man auf die Entfernungen achten. Nur mal so ganz fix in fünf Minuten zum Bahnhof Varnsdorf ist nicht! Vor allem, wenn Suppe und Gezapftes in der Lokalität des Vertrauens gerade so gut munden.
Pflicht ist selbstverständlich ein Besuch des 429 Meter hohen Burgbergs (Hrádek) am Rande der Stadt. Man sollte darauf achten, nach Möglichkeit nur Nebenstraßen zu nutzen, da sich auf diesen mit einem Schlag ein völlig anderes gemütlicheres Bild ergibt. Hübsche Holzhäuser mit den typischen Fenstereinfassungen, alte Kreuze und Jesus-Statuen und ein schöner Blick über die Gärten hinweg auf die sanfte Landschaft. Nun sind wir wahrlich häufig unterwegs und nehmen von Wanzka bis Kostrzyn die eine oder andere Tageswanderung in Angriff, doch selten fühlte ich mich auf einer Tagestour so sehr in einer anderen Welt wie in Varnsdorf. Gerade einmal dreieinhalb Stunden Zugfahrt – und schon ist man in den sanften Ausläufern des Mittelgebirges. Es ruft innerlich sofort nach mehr! Böhmen! Riesengebirge! Polen und Tschechien! Mehr davon!

Nachdem in der 1904 gebauten Burgbergwarte (auf dem Hrádek) die erste besagte überaus schmackhafte Knoblauchsuppe mit Käse und krossen Brotstückchen kredenzt und verspeist wurde, stand die Frage im Raum, ob nun eine größere Mahlzeit in der örtlichen, bei Touristen überaus beliebten Brauerei Kocour (Schwarzer Kater) folgen sollte, doch entschieden wir uns gegen einen Besuch in der Pivovar. Vielmehr wollten wir uns treiben lassen und nach Möglichkeit unter Einheimischen sitzen.

Gesagt, getan. Wir wurden rasch fündig und ließen uns in einem Biergarten nieder, wo ein paar Männer in geselligen Runden das eine oder andere Gezapfte zu sich nahmen. Da das Bier in Tschechien ein Hauptnahrungsmittel ist, überrascht es kaum, dass zwei jüngere Männer nach jeweils vier Halben völlig entspannt in ihre Autos stiegen und davonbrausten. Ebenso überraschte es kaum, dass der Kellner sich selber ein Bier zapfte und sich an einen der Tische mit ransetzte – dabei jedoch stets einen aufmerksamen Blick auf das Geschehen werfend.

Welch eine Entspannung! So ließ es sich aushalten! Nach einem weiteren Spaziergang durch die Straßen Varnsdorfs sollte ein albanisches Restaurant den Abschluss bilden. Bier und Knoblauchsuppe bitte! Was auch sonst?! Gut möglich, dass diese Lokalität eher nicht von Albanern, sondern von Angehörigen der Roma, die in Varnsdorf eine große Bevölkerungsgruppe bilden, betrieben wird. So oder so – auch hier waren die Leute freundlich und überaus entspannt. Und was soll ich sagen? Die Ankunft auf dem Bahnhof von Varnsdorf wurde zu einer echten Punktlandung! Hinein in den Zug und ab zurück nach Berlin! Das nächste Mal sollte man tatsächlich eine Übernachtung einplanen und auch in den umliegenden Bergen wandern gehen! Ahoi!
Fotos: Marco Bertram