Grenzwanderung im Juli 2025

Spurensuche 2.0: Grenzwanderung bei Wind und Wetter

Das Zeitfenster war gesetzt, doch die eigentlich angesagte Sommerhitze blieb aus. Egal. Trotz blauer Felder auf dem Regenradar ging es los, schließlich war eine Übernachtung in einem Zimmer am Hirschgehege bei Zicherie fest gebucht. Auf die alten Zeiten! Ging es im Rekordsommer 2003 gemeinsam mit Karsten rund 1.200 Kilometer von Süd nach Nord – sprich von Prex nach Priwall – zu Fuß die ehemalige deutsch-deutsche Grenze entlang, so sollten es dieses Mal nur zwei Tage sein. Nachdem ich vor zwei Jahren bereits eine Etappe auf alten Pfaden in Angriff nahm und den Vergleich auf der Strecke Marienborn – Oebisfelde anstellte, so sollte es dieses Mal von Oebisfelde nach Schnega gehen. 

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Damals vor 22 Jahren hatten wir als Studenten Zeit en masse, heute muss jedes kleine Zeitfenster genutzt werden. Jedoch wusste ich: Auch zwei Tage können sich abseits des Alltagstrubels anfühlen wie eine Woche. Zumal ich wieder wie im Sommer 2023 allein unterwegs war. 

Ich war etwas überrascht, wie schwer mein Rucksack wurde. Zwei große Wasserflaschen, Wechselklamotten, die Kamera und ein zweites Paar Wanderschuhe. Ich rechnete fest damit, dass mich der Regen früher oder später erwischen würde und ich konnte mich dran erinnern, wie windig es im Naturpark Drömling sein kann.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Mit den Regionalzügen ging es problemlos von Berlin aus über Magdeburg nach Oebisfelde, wo der dortige Bahnhof bei tristem Wetter wahrlich einen Wonne-Start bildet. Ein Blick auf die Papierkarten – ja, ich verließ mich (glücklicherweise) keineswegs auf google maps – und schon ging es die Straße gen Nord. Buchhorst war das erste Ziel der Wanderung, und hinter mir zogen bereits düstere Wolken auf. Ich überlegte kurz, ob ich unter der Brücke am Mittellandkanal eine Pause einlegen soll, zog dann aber weiter. 

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Gerade gab ich erste Prognosen auf einem aufgenommenen Videoclip ab, als es zum ersten Mal aus Kannen goss. Oben blieb Dank Regenjacke und Schirm alles trocken, doch Hose und Wanderschuhe waren innerhalb von zehn Minuten durch. Nicht dass mich das großartig kümmerte, doch war ich erstaunt über die Tatsache, dass meine vor zwei Jahren gekauften Wanderschuhe inzwischen quasi gar nicht mehr vor Nässe schützten.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

In der kleinen Ortschaft Buchhorst fand ich Unterschlupf unter einem Vordach, ich studierte noch einmal den Naturpark Drömling auf der Landkarte, und als der Regen aufhörte, konnte es weitergehen. Ich zeigte mich sehr erfreut, dass seit 2003 in der dortigen Region eine Menge neuer Radwege entstanden sind. Bei Nässe am Straßenrand zu marschieren, ist wahrlich keine Freude. Hinter Buchholz folgte ein befestigter Weg dem Steimker Graben und machte einen Knick nach Nordwesten. Schnurstracks ging es nun fünf, sechs Kilometer nach Jahrstedt. 

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Zeigte sich soeben noch kurz die Sonne, so pladderte es nun richtig los. Volle Kanne! Auf den Betonflächen des Weges bildeten sich Wasserflächen, und ich befürchtete, wenn es bei dieser Intensität eine Stunde weitergehen würde, dass schon bald der ganze Weg komplett unter Wasser stehen könnte. Prima Vorstellung, inmitten des Drömlings allein bei Regen, Gewitter und Windböen knöcheltief durchs Wasser zu waten. Apropos, der Drömling hatte ich mich bereits im Herbst 2005 auf einer Radtour von Nord nach Süd – damals arbeitete ich die erste Route für den geplanten Iron Curtain Trail (Strecke von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer) aus – herb erwischt. Bei Regen und Pampe strampelte ich mit meinem Begleiter fluchend quer durch den Naturpark und verfuhr mich ein-, zweimal.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Ein Rad-Wegweiser bot mir an, einen Bogen über Kaiserwinkel zu gehen, doch lief ich lieber weiter geradeaus. Glücklicherweise zog das Unwetter recht rasch vorbei, und wenig später lugte die Sonne zwischen den Wolken durch. Während laut Regenradar in Berlin-Brandenburg die graue Suppe festhing, wurde es hier in der Altmark an der Grenze zu Niedersachsen mit einem Mal richtig adrett. Schwäne schwammen bei Sonnenschein auf dem Kanal, ein Reh hüpfte genau in meine Richtung, und am nördlichen Rand des Drömlings säumten Bäume meinen Weg, und ich fühlte mich ein stückweit auf den galizischen Jakobsweg versetzt. 

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

So konnte es gern weitergehen! Ich lief am Hahnenberg vorbei und erreichte die ersten Gebäude von Jahrstedt, wo ein kleiner Getränkestützpunkt zwischen 16 und 18 Uhr geöffnet hatte. Das nennt sich Punktlandung! Himbeerlimonade in der Bügelflasche, Bier in der Bügelflasche – bei herrlichem Sonnenschein ließ ich es mir auf einer Treppe gut gehen. Kiek mal an! Strahlend blauer Himmel. Zumindest, wenn ich in Richtung Norden schaute. Fix ein Foto gemacht und stolz den Freunden in Berlin über WhatsApp präsentiert. 

Eine Viertelstunde später bekam ich allerdings meine dritte Regendusche des Tages auf dem Weg von Jahrstedt zum südlich der Doppelortschaft Böckwitz-Ziecherie gelegenen Grenzlehrpfad ab. Es grummelte und donnerte wie in den Tropen, und ich musste an einer Hecke erst einmal das Gröbste abwarten. Unter dem Schirm hörte ich ein wenig Musik auf dem Handy und filmte das Szenario.

Schade, dass Karsten und ich auf dem 1.200-Kilometer-Marsch im Sommer 2003 keine Videos machen konnten. Für eine VHS-Kamera samt Ladegerät war damals im Rucksack schlichtweg kein Platz. Fotos – oder besser gesagt Dias – fertigten wir allerdings reichlich an. Ich weiß noch genau, mit welch freudiger Erwartung und Spannung ich all die Diafilme bei Foto Wegert in Berlin-Treptow abgab und paar Tage später abholte. Ich rahmte die rund 1.500 Dias lieber selber, da die grauen Klick-Rahmen besser waren als die Geklebten. Abends wurde dann der Diaprojektor angeworfen – und die fünf, sechs Wochen Arbeit konnten ausgewertet werden. Das Erfreuliche: Gab man sich beim Fotografieren Mühe, wurden 95 Prozent der Aufnahmen wirklich gut.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Während ich beim strömenden Regen an der Hecke stand, wertete ich unter dem Schirm auch schon mal die mit Smartphone und Spiegelreflexkamera angefertigten Aufnahmen des Tages an. Als der Regen schließlich etwas nachließ, setzte ich meine Wanderung fort. Ich freute mich, endlich auch den Grenzlehrpfad bei Zicherie zu besichtigen, da wir diesen im Sommer 2003 aufgrund einbrechender Dunkelheit ausließen. Die Suche nach einem geeigneten Plätzchen für das Zelt war wichtiger. Zudem lockte die Samtgemeinde Brome (damals feierte man den 800. Geburtstag) mit einer Einkehrmöglichkeit.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Kaum erreichte ich die einstigen Grenzsperranlagen, hört der Regen auf und sollte an diesem Tag auch nicht wiederkommen. Beobachtungsturm, KFZ-Sperrgraben, Beobachtungsbunker, Spurensicherungsstreifen, Betonsperrmauer, Grenzsignalzaun, Bretterzaun und Streckmetallzaun – sämtliche Grenzelemente können an diesem Ort besichtigt werden. Meine Güte, schoss es mir durch den Kopf. Inzwischen ist der Fall des Eisernen Vorhangs knapp 36 Jahre her. 36 Jahre! In vier Jahren sind es satte 40 Jahre! 40 Jahre lang hatte die DDR Bestand – bald sind es noch einmal 40 Jahre oben drauf. Faszinierend und erschreckend zugleich. Wahnsinn, was inzwischen alles passiert ist. Und trotzdem sind die Kindheits- und Jugenderinnerungen in der DDR-Zeit doch noch gedanklich gut greifbar. 

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Ich folgte einem Feldweg und erreichte die Doppelortschaft Böckwitz-Ziecherie, wo Schilder, eine Grenzsäule und Gedenksteine noch immer an die Deutsche Teilung erinnern. Den Plan, in Brome noch ein Bier zu trinken, verwarf ich. Vielmehr wanderte ich direkt zu meiner an einem Wildgehege gelegenen Unterkunft und bestellte mir im dortigen Restaurant einen überraschend üppigen Schnitzel-Teller. Zwei Zwickl, ein Blick auf all die Hirsche im geräumigen Wildgehege, eine heiße Dusche – und schon baute ich mir in der Koje ein Nest und fiel in den verdienten Schlaf.

Leckeres Abendbrot in Ziecherie
Leckeres Abendbrot in Zicherie

Um 7 Uhr wachte ich ohne Wecker auf und schlenderte in den Frühstücksraum. Das Gefühl ist wohl weltweit das Gleiche, wenn man über Hotelflure schlurft und Essenräume betritt. Netterweise lag auf einem Tisch sogar ein Zettel mit meinem Namen und das frisch gemachte Rührei kam auch sogleich. Der Großteil der Anwesenden waren Handwerker und Monteure, die dort in Ruhe die Nächte verbringen dürfen, nur ein älteres Pärchen machte wohl Urlaub und betrachtete etwas traurig den (noch) grauen Himmel.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Ich studierte mehrmals die Wettervorhersagen und beschloss, nicht den langen Marsch bis Schnega in Angriff zu nehmen, sondern in aller Ruhe eine 20-km-Runde in der Region Brome zu machen. Noch einmal wanderte ich zum Grenzlehrpfad, um weitere Videoaufnahmen und Fotos anzufertigen und die Gedenkstätte für Kurt Lichtenstein zu besuchen. An der Landstraße von Kaiserwinkel nach Zicherie stehen ein Kreuz und eine Infotafel – Beklemmung kommt auf, wenn man sich die Zeilen durchliest.

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

Der am 01. Dezember 1911 geborene Kurt Lichtenstein war Kommunist, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und nach dem Zweiten Weltkrieg Journalist. Ab 1958 war er für die Westfälische Rundschau tätig, 1961 erhielt er den Auftrag, eine Reportagereise entlang der innerdeutschen Grenze durchzuführen. Südlich von Zicherie überschritt er am 12. Oktober 1961 von Westen kommend die Demarkationslinie, um mit ein paar Landarbeitern zu sprechen. Zwei DDR-Grenzsoldaten, die die Bauern bewachten, riefen ihm etwas zu. Lichtenstein lief zurück in Richtung Bundesrepublik, dabei wurde er von den Grenzsoldaten niedergeschossen. Schwer verletzt blieb er zunächst im KFZ-Sperrgraben und wenig später auf freier Fläche liegen. Erst nach geraumer Zeit wurde er in ein Krankenhaus in Klötze gebracht, wo er nach kurzer Zeit starb. Kurt Lichtenstein war zu jenem Zeitpunkt knapp 50 Jahre alt.

In Gedanken versunken wanderte ich wieder zurück nach Böckwitz-Zicherie und von dort aus weiter nach Steimke und Brome, das auf westlicher Seite an drei Seiten von Grenzanlagen umgeben war. Auf einer Wiese fertigte ich ein Erinnerungsfoto mit einem ganz besonderen Kleidungsstück an. Nur sehr wenige Kleidungsstücke aus den 90er Jahren haben es geschafft, sich bis in die Gegenwart zu halten. Mal abgesehen vom Segelanzug des damaligen Segelprojekts Berlin – Sydney 2000 und einer olivefarbenen Trekking-Weste ist es eigentlich nur eine kurze rote Hose, die all die Jahre überlebt hat.

Marco in Brasilien (1996)
Marco in Brasilien (1996)

Mitte der 90er Jahre war es wahrlich cool, sich farbige Jeans bei Benetton zu kaufen. Strahlend grün, rot, gelb, blau – im Laden am Ku´damm gab es Jeans in allen erdenklichen Farben. Die rote Jeans wurde ein Jahr nach dem Kauf kurzerhand abgeschnitten und begleitete mich auf zahlreichen Reisen. Mit ihr ging es im Frühjahr 1995 ins Riesengebirge, im Sommer 1996 sieben Wochen nach Brasilien, im Sommer 1997 vier Wochen nach Irland und danach mit aufs rote acht Meter lange Segelboot, das uns eigentlich nach Australien bringen sollte. Nach dem Schiffbruch auf stürmischer Nordsee im November 1999 landete das geborgene rote Boot in der Scheune vor den Toren Berlins und die kurze rote Hose als Andenken an legendäre Touren in einer Kiste. Im Sommer 2003 holte ich sie noch einmal raus und trug sie auf den letzten Etappen der 1.200 Kilometer langen Grenzwanderung. Gleiches tat ich für Erinnerungsfotos vor zwei Jahren nördlich von Marienborn und nun südlich von Brome. Passt sie noch? Gerade so! Sport frei!

Grenzwanderung im Juli 2025
Grenzwanderung im Juli 2025

In Brome musste ich feststellen, dass das Café an der Mühle, in dem Karsten und ich damals im August 2003 einen überaus leckeren Milchkaffee getrunken hatten, inzwischen geschlossen war. Erfreulich war indes der Zustand der hübschen Burg Brome und dem dazugehörigen Garten. Sehr sehenswert! Ich wanderte noch weiter nach Wendischbrome, wo wir damals auf einer Wiese unser Zelt aufschlugen, drehte noch eine Runde und nahm am Nachmittag schließlich einen Linienbus nach Wolfsburg, um von dort aus mit der Bahn zurück nach Berlin zu fahren. 

Grenzwanderung Sommer 2003
Grenzwanderung Sommer 2003

Wie es weitergehen könnte? Das nächste Mal geht es mit der Bahn nach Schnega, um dann das dortige Grenzlandmuseum Swinmark zu besichtigen. Da es etwas abseits der Grenze liegt, ließen wir es damals im Sommer 2003 aus. Weitergehen könnte es dann über Wustrow nach Arendsee. So der vorläufige Plan. Auf dem Rechner liegt auch noch das fast fertige Manuskript von der Grenzwanderung 2003. Damals hatten die Wanderausstellung „Bereits Gras über der deutsch-deutaschen Grenze“ und die Ausarbeitung des Iron Curtain Trails Vorrang, so dass das Manuskript (fast) in Vergessenheit geriet. In Kombination mit ein paar aktuellen Texte könnte das Buch Ende des Jahres herausgebracht werden. Der Plan steht! 

Fotos: Marco Bertram

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2 Kommentare zu „Spurensuche 2.0: Grenzwanderung bei Wind und Wetter“

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