Blick auf Rio de Janeiro, März 2008

Rio de Janeiro – Zeitreise 2008: Gelage mit dem „Porteiro“

Copacabana. Rio de Janeiro im März 2008. Hier in etwa musste es gewesen sein. Der aus dem Nichts erfolgte bewaffnete Überfall im Juni 1996. Ich ließ die Ereignisse noch einmal Revue passieren. Die fünf Typen. Die gezückten Messer. Die aufgeschlitzte Geldkatze. Unsere Fassungslosigkeit. Die im Sand verstreuten Utensilien nach dem Überfall. Ich warf noch einmal einen Blick auf den dunklen Strandabschnitt und kehrte dann mit Jens um. Ich mochte nicht länger an dieses üble Ereignis denken.

Strand von Copacabana, März 2008
Strand von Copacabana, März 2008

„Komm, Jens. Lass uns noch ein Cerveja nehmen. Am Besten in einer Bar, die nicht so weit entfernt liegt, damit der Nach-Hause-Weg später nicht so lang ist“, schlug ich vor. In einer Querstraße befand sich eine kleine Bar, vor der ein paar Plastikstühle und Tische aufgebaut wurden. Es gab 0,6er Flaschen eiskaltes Bier und improvisierte Live-Musik. Die Stimmung war genial. Nicht aufgesetzt, nicht touristisch, sondern absolut authentisch. Man traf dort ausschließlich Einheimische an und die Preise für das Antarctica und Skol waren äußerst moderat. 

Strand von Copacabana, März 2008
Strand von Copacabana, März 2008

Direkt vor der Bar befand sich ein Kiosk, der gerade geschlossen wurde. Gewissenhaft nahm der Kioskbesitzer all die Zeitungen und Aushänge ab und schnürte Pakete aus den übrig gebliebenen Exemplaren. Die Atmosphäre war äußerst angenehm. Ein paar Leute tanzten auf dem Bürgersteig zu den gespielten Songs und die drei in der Bar beschäftigten Männer schafften die eiskalten Bierflaschen heran. Jens und ich ließen es uns gut gehen und beobachteten gerade wohlwollend das Szenario und die Passanten, als uns plötzlich ein Mann mittleren Alters ansprach.

„Oi, sou o seu porteiro…“ Wir stutzten. Wer war er? Porteiro? Ah ja, jetzt dämmerte es. Er war der Portier unseres Hauses in der Avenida Nossa Senhora. Seine nassklebrigen Haare waren sorgfältig auf die Stirn gelegt worden. Mit einem Lächeln schaute er uns an und fragte, weshalb wir nicht hinein an den Tresen gehen.

Wir folgten ihm und stellten uns in der kleinen Bar an die gläserne Theke. In der Vitrine standen wahllos ein paar Teller und Schalen mit Kartoffeln, Würsten und Fleisch. Die Speisen sahen alles andere als frisch aus und sage und schreibe konnten wir am nächsten Abend die gleiche Anordnung wieder begrüßen. Der Laden sah nicht besonders hygienisch aus, da jedoch das Bier in Flaschen serviert wurde, hatten wir kein Problem damit, auch wenn vereinzelte Kakerlaken über das angetrocknete Fleisch krabbelten.

Daumen nach oben
Daumen nach oben

Die Zeit in der Bar schien stehen geblieben zu sein. Zeitloses schmuddeliges Ambiente. Uralte bunte Preistafeln, die aus Steckbuchstaben bestanden und vor lauter schmierigem Fett glänzten. Bierkisten und Kartons, die sich in der Ecke stapelten. Regale mit aufgestellten Cachaça-, Honigwein- und Rum-Flaschen. Ein gelbroter Skol-Kühlschrank, aufgehängte Chips-Tüten und Notizzettel an der gefliesten Wand hinter dem Tresen. Dazu die drei Typen, die tagein, tagaus jeden Abend den Laden am Laufen hielten. Ein älterer Mann mit Lesebrille auf der Nase, der die Zettelwirtschaft führte, und zwei Männer mittleren Alters, die die Gläser wuschen und die geöffneten Flaschen in die Plastikboxen stellten und austeilten.

Marco in Rio, März 2008
Marco in Rio, März 2008

Höhepunkt des Abends war der Portier, der sich in guter Trinklaune befand und für uns ein Bier nach dem anderen bestellte. Der Lachpegel stieg. Ich wendete mein gesamtes Portugiesisch-Repertoire an und versuchte, jegliche Wörter aus meinem Wortschatz zu kombinieren. Cerveja Antarctica und Skol lösten zunehmend die Zunge und das Gespräch wurde immer skurriler und abstruser. Die Augen des Portiers waren hellblau und die Pupillen klein und stechend. Mit seinen Augen schaute er uns fest an und bestellte mit einer Handbewegung ein weiteres Bier.

Der Brüller war das Klo. Einfach ein Pissbecken hinter einem Vorhang in der Ecke. Nach ein paar Flaschen Bier war einem jedoch das äußerst skurrile Pissoire ziemlich wurscht, wenn man schwankend ins das kleine Becken strullerte.

Marco in Rio, März 2008
Marco in Rio, März 2008

Es wurde Nacht. Zwischendurch kam ein weiterer Typ herein. Anfang zwanzig. Er trank regungslos eine Cola und starrte an die Wand. Er rauchte eine Zigarette und verließ wieder wortlos die Bar. Ich fühlte mich an die Filme „Smoke“ und „Blue in the face“ erinnert, in denen verschiedenste kuriose Gestalten einen Kiosk im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufsuchten und diverse Alltagsgespräche führten.

„Vamos. Mais uma cerveja …“, schlug der Portier vor und bestellte eine weitere Flasche. Dabei fasste er sich ein wenig nervös in den Schritt. Zwei Bier später machte Jens Faxen und umarmte mich. Ich schob ihn lachend zur Seite und fragte ihn aus Spaß, ob er ein „Veado“ sei. Bei dem Wort „Veado“, das auf portugiesisch „Hirsch“ bedeutet und in Bezug auf Schwule als Schimpfwort gebraucht wird, zuckte der Portier zusammen. 

Bonde in Lapa, Rio de Janeiro, 2008
Bonde in Lapa, Rio de Janeiro, 2008

Noch zwei Bier und wir waren weit nach Mitternacht die letzten Gäste in der Bar. Schwankend verließen wir das nette Etablissement und fanden uns auf der ruhigen dunklen Straße wieder.

„Vamos a Lapa… com um taxi …“, lallte der Portier und winkte sogleich ein vorbeifahrendes Gefährt auf der Avenida Nossa Senhora heran? Wohin? Lapa? Jens und ich waren völlig betrunken. In was für eine Bar? Spinnt der Kerl? Der Porteiro kam mir merkwürdig vor. Seine stechenden Pupillen. Sein vielsagender Griff ins Gemächt. Jens und ich hatten das Gefühl, dass er etwas kombinierte und mit uns etwas plante.  

„Jens, ich glaube, er will heute noch ne Alte aufreißen …“, bemerkte ich und lachte. – „Kann er ja … Aber ohne mich … Ich kann nicht mehr.“ – „Hey, der Typ hat doch voll die Schacke. Also ich geh auch ins Bett. Ich kann auch nix mehr trinken. – Ähm, agora vamos a dormir. Estamos muito cansados“, teilte ich dem Porteiro mit. 

„Não, vamos a Lapa! Mais cervejas. Muitas garotas …“, entgegnete er und hielt das erstbeste Taxi an. Es half nichts, Jens und ich mussten den Portier einfach am Straßenrand stehen lassen. Schwankend suchten wir uns anschließend unseren Weg zur Unterkunft und warfen uns ins Bett.

Blick auf den Corcovado, Rio 2008
Blick auf den Corcovado, Rio 2008

Mit brummendem Kopf standen wir am nächsten Morgen gegen 9 Uhr auf. Ein ungutes Gefühl hatte sich in der Magengegend breitgemacht. Fast wäre das Klo verstopft. Das Wasser staute sich mit einem Mal auf und die Brühe schwappte fast aus der Schüssel. Panisch rührte ich mit der Klobürste in dem Abfluss und zu meiner grenzenlosen Erleichterung floss kurze Zeit später das Wasser glucksend ab.

Bei pãozinho com queijo und café com leite berichteten wir Saori von unserem Trinkgelage mit dem Portier. Sie lachte und fragte, welcher es denn war. Unten am Empfang wechselten sich drei Männer mit den Schichten ab. Zum einen zwei Brüder – einer von ihnen war mit uns abends in der Bar – zum anderen noch ein farbiger Mann, der meist in der Nacht arbeitete und für die Reinigung des Eingangsbereichs zuständig war.

Strand von Leblon und Ipanema, 2008
Strand von Leblon und Ipanema, 2008

Am Computer in Ademirs Zimmer versuchte ich ein paar Fotos hochzuladen und schrieb drei Beiträge ins Brasilien-Tagebuch bei turus.net. Janosch aus Leverkusen hatte uns ein eine Mail geschickt und meine damalige Freundin teilte mir mit, dass sie in Berlin sehr traurig über meine Abwesenheit und zugleich froh über unseren gelungenen Reisestart sei.

In einem Hotel tauschten wir 100 Euro gegen 240 Reais ein und machten uns auf den Weg zur U-Bahnstation Siqueira Campos. Beim Gang zur Metro verloren wir kurzzeitig die Orientierung und fanden uns vor einer Treppe wieder, die hinauf zur Favela Ladeira dos Tabajaras führte. Auf der Rua Tonelero gelangten wir schließlich zum U-Bahneingang. Die Linie 1 mit der Länge von 16,1 Kilometern von Cantagalo nach Saens Peña wurde am 15. März 1979 eröffnet. Die 22,4 Kilometer lange Linie 2 von Estácio nach Pavuna in der Zona Norte wurde am 19. November 1981 der Öffentlichkeit übergeben. Als ich das erste Mal mit Kathrin im Juni 1996 in Rio weilte, fuhr die Linie 1 nur bis zur Station Botafogo. 1998 wurde die Linienführung bis Cardeal Arcoverde im Stadtteil Copacabana verlängert. 2002 erfolgte die Erweiterung bis Siqueira Campos, inzwischen führte die Linie 1 sogar bis Cantagalo. Kompliziert war der Ausbau des Streckenabschnitts zwischen Botafogo und Cardeal Arcoverde. Der Tunnel musste in das harte Felsmassiv zwischen Botafogo und Copacabana gesprengt und gehauen werden. 

Die Stationen der Metro wirkten teilweise schlicht und kühl, waren jedoch sehr sauber und ordentlich. Ventilatoren sorgten für einen frischen Luftzug, kein Krümelchen Schmutz lag auf Treppen und Bahnsteigen, und auf manchen Stationen lief dezente Musik. Jens und ich fuhren bis Central, wo sich ein großer Bahnhof befand, von dem Nahverkehrszüge ins Umland von Rio de Janeiro fuhren. Beim Anblick der großen Bahnhofshalle hätte man meinen können, von dort fuhren in aller Regelmäßigkeit Züge in die verschiedensten Metropolen. Dem war jedoch nicht so. Die Eisenbahn spielte im Jahr 2008 keine Rolle, sämtliche wichtigen Städteverbindungen wurden von diversen Busgesellschaften bedient. Allerdings wurde zur Zeit gerade eine neue schnelle Zugverbindung von Rio nach São Paulo geplant, die bis zur Fußballweltmeisterschaft 2014 eröffnet werden soll.

Metro in Rio de Janeiro, 2008
Metro in Rio de Janeiro, 2008

Als ich in der Bahnhofshalle mit einer kleinen Digicam ein paar Filmaufnahmen anfertigte, sprach mich ein Wachmann an und forderte mich auf, diese Tätigkeit einzustellen. Beim Gang durch den hinteren Ausgang des Bahnhofs konnten wir feststellen, dass sich dort eine Favela unmittelbar anschloss. Wir schlugen eine andere Richtung ein und spazierten in ein altes Viertel. In der Nähe der Kreuzung Rua Conceição / Avenida Marechal Floriano setzten wir uns vor ein Fischrestaurant und bestellten zweimal Guaraná. Statt der Erfrischungsgetränke brachte der Kellner uns kurzerhand zwei Cuba Libre. 

Strand von Copacabana, März 2008
Strand von Copacabana, März 2008

Uns war es auch recht – Cola mit Rum schmeckte auch hervorragend bei der Hitze. Ein wenig Sorge bereiteten mir die Eiswürfel in den Gläsern. Ich erinnerte mich an die Amazonastour, auf der Kathrin und ich von Amöben befallen wurden. Die üble, vom Fieber begleitete Kotzerei in der Nacht in der Hospedaria in Santarém würde ich niemals vergessen, und ich hatte mir fest vorgenommen in Sachen Trinkwasser in Zukunft wirklich vorsichtig zu sein.    

Até logo! Fortsetzung folgt!

Fotos: Marco Bertram, Jens R.

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