Wenn schon kurz nach 7 Uhr emsiges Treiben sogar auf den entlegensten Dorffriedhöfen herrscht, dann haben wir wieder den 1. November auf dem Kalender erreicht. Autos zur Linken und Rechten bildeten vor dem Friedhof Trąbczyn (bei Konin) ein enges Spalier. Da hofft man, dass man nicht ausgerechnet in diesem Moment auf Gegenverkehr trifft. Das ist natürlich ein schwieriges Unterfangen, wenn alle zum Friedhof strömen und ich gegen den Strom schwimme bzw. fahre, denn mein Ziel liegt am heutigen Tag noch abgelegener. Und vor allem idyllischer!

Von den bisher besuchten Hauländerfriedhöfen zwischen Poznań und Konin wirkt der bei Michalinów nicht so gruselig wie andere seiner Art. Der schaurige Eindruck entsteht natürlich sonst schnell, da diese oft ruinösen Bestattungsorte meist ziemlich versteckt und abgelegen liegen. Die Stille, die Endzeitstimmung und graues Spätherbstwetter verstärken das alles noch. In Michalinów – hier mal ein Hof, da mal ein Gehöft – befindet sich der Friedhof auf einem Hügel an einer Waldkante.
Geht nun die Sonne auf, dann werden die ca. 50 erhaltenen Grabsteine entsprechend warm angeleuchtet. Das Gelände ist weitläufig und der Zustand überraschend gut im Gegensatz zu vielen anderen meist kleineren verkommenen Anlagen. Er wurde im 18. Jahrhundert von den nach Polen eingeladenen Kolonisten angelegt. Wie viele Leute nun insgesamt an diesem Ort liegen, lässt sich schwer schätzen. Erwartungsgemäß gibt es auch auf diesem Friedhof wieder viele Kindergräber. Die erhaltenen Gräber aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Beginn des 20. Jahrhunderts belegen abermals eine hohe Kindersterblichkeit.

Außergewöhnlich und hervorzuheben ist das Grab eines ermordeten jungen Mannes. Über Todesumstände geben die Texte auf den Steinen üblicherweise sonst keine Auskunft. Das ist schon außergewöhnlich. Verglichen mit aktuellen Grabsteinen fallen die Texte der Hauländergräber im Allgemeinen aufgrund ihrer Länge auf. Man findet kurze Texte mir vorrangig religiösem Inhalt, teilweise philosophisch, selbst Reime sind dabei.
Je mehr man von den Orten gesehen hat, umso interessanter wird es. In einer von einem polnischen Ethnografen des 19. Jahrhundert verfassten Beschreibung der deutschen Hauländer fand ich einige spannende Zuschreibungen. Religion, Arbeit und auch Aberglaube bestimmten demnach das Leben der Leute, welche die Aufgabe hatten, den Wald zu roden und Sümpfe trocknen zu legen. In einer bestimmten Zeit musste eine festgelegte Quadratmeterzahl Wald abgeholzt worden sein. Dazu musste schnellstmöglich eine Hütte oder Haus stehen.

Um Michalinów herum gab es vorwiegend Holzhäuser. Ganz selten findet man noch welche. Häuser und Gebäude mit dem markanten rotbraunen Schindeln (Raseneisen), die wie Kuhflecken aussehen, gibt es häufiger, wenn man die Umgebung aufmerksam betrachtet. Jedenfalls beschreibt der Ethnograf die deutschen Auswanderer als fleißige Zeitgenossen mit guten Manieren, die ein großes Wissen im Bereich Viehhaltung und Landwirtschaft vorzeigen konnten, was die Polen beeindruckte.
Dann werden überraschenderweise auch anatomische Bemerkungen gemacht. Die Bezugspunkte machen es aus: Bei Cäsar waren die Germanen überdurchschnittlich groß, der Ethnograf verweist auf eine durchschnittlich kleine Körpergröße der Hauländer und vergleicht sie dabei mit den Polen. Der Körperbau selbst war aber kräftig. Bärte waren bei Männern nicht üblich. Der Schreiber hebt hervor, dass die Hauländer auch nach 100 Jahren kein Wort Polnisch sprachen. Sie waren selbst wohl in der Orthografie des Deutschen nicht so sicher, was die Trägheit des Erlernens einer Fremdsprache erklären könnte. Was auch immer wieder auffällt, das sind die fehlenden polnischen Namen.

Wenn ich diese Friedhöfe mit den alten in Poznań vergleiche, dann gibt es hier keine deutsch-polnischen Paare. Die Hauländer lebten demnach für sich in ihren Kolonien. Ich hatte auch mal ältere Einheimische gefragt, die mir das auch aus Erzählungen derer Ahnen bestätigen konnten, dass ein sozialer Austausch eigentlich gar nicht stattfand. Das ist mir jedenfalls wiederum 100 Jahre später etwas besser gelungen.
Bericht & Fotos: Michael
