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Ein ewiger (polnischer) Sommer wie einst zu Kindertagen

 
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MB 24 September 2018
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Knackende Stöcke unter den Schuhsohlen, als der über das Spielfeld hinaus gesegelte Ball aus dem kleinen lichten Waldstück geholt wird. Am arg verbogenen weißen Geländer vorbei laufe ich zurück auf den Rasen. „Du bist dran, Papa!“ Lockeres Bolzen auf dem Sportplatz im polnischen Cieplice. Auf der anderen Seite erheben sich hinter den Bäumen in zirka 15 Kilometern Entfernung die Gipfel des Riesengebirges. Auf der einen Seite befinden sich die schlichten Gebäude, die als Umkleidekabine und Lagerraum für Tornetze und Bälle dienen, auf der anderen Seite wurde vor nicht allzu langer Zeit ein Spielplatz angelegt. 11 Uhr vormittags, die Sonne glüht bereits, und das Torschusstraining mit dem eigenen Nachwuchs wird nicht allzu lang dauern. Da an den Toren keine Netze befestigt sind, muss zudem fast jeder Ball aus dem Gehölz geholt werden. 

Ich fühle mich zeitlos. Um 35 Jahre zurückversetzt. Die trockenen, knackenden Stöcke unter den besagten Bäumen hinter dem Sportplatz lassen mich an einstige Ferienlageraufenthalte erinnern. Es fehlen nur noch die Kienäppel der Märkischen Kiefern. Obwohl, direkt neben den hölzernen Bungalows auf dem Gelände des ORWO-Ferienlagers in Eggersdorf standen große Laubbäume. Der von kleinen Stöcken übersäte Boden war genauso trocken und staubig wie der hier neben dem Fußballplatz. Im Innern der Holzbaracken stand die Luft. Der spezielle Geruch hat sich im Gedächtnis eingebrannt. Eine Mischung aus Schweiß der Kinder, muffiger Kleidung, hereingetragenem Staub, Stinkesocken und in hinteren Ecken der Schrankfächer vergessenem Obst. 

Die zwei Wochen im Kinderferienlager fühlten sich stets an wie eine Ewigkeit. Besonders die erste Woche bis zum groß gefeierten Bergfest war sehr intensiv. Acht Wochen Sommerferien gab es damals in den 1980er Jahren in der DDR. Juli und August, am 01. September war meist der erste Schultag, wenn er nicht auf Samstag oder Sonntag fiel. So ewig wie damals die Sommerferien fühlt sich dieser Sommer an. Sonne, nur Sonne. Hatte es damals eigentlich mal geregnet? Ja, vielleicht mal ein kurzer Sommerregen, bei dem sich so schöne große Blasen auf den Pfützen der Sandstraßen bildeten. In Eggersdorf oder der heimatlichen Siedlung Waldesruh. Ehe man sich versah, war der Regen wieder abgezogen und die Sonne schaute zwischen den Wolken hervor. In den Baracken oder den Gemeinschaftsräumen verbrachte Regentage? Es wird sicherlich welche gegeben haben, ich kann mich jedoch beim besten Willen nicht daran erinnern. 

Umso mehr kann ich mich an andere Details aus jener Zeit erinnern. An den Geschmack des zum Frühstück in großen Kannen gereichten Muckefuck und des nachmittags in Metallbehältern aufgestellten Getränks, das eine Mischung aus Pfefferminztee und Apfelsaft war. Das kleine Treppchen hoch zur Durchreiche und dann am kleinen Hähnchen gedreht und den Plastikbecher gefüllt. Genauso angenehm schlicht wie damals im Ferienlager ist hier im polnischen Cieplice das Frühstück. Das frische vorgeschnittene Weißbrot wird hier jeden Morgen vom Bäcker bzw. von einem kleinen Laden geholt. Am besten einfach nur Butter und Erdbeermarmelade drauf - fertig. Ein Hochgenuss. Anfangs staunte ich über das in Folie eingewickelte Weißbrot, doch schmeckt dieses keinesfalls nach Supermarkt. Die Folie ist quasi nur während des Transports drum, die Brotscheiben schmecken sensationell frisch, und der kleine Papieraufkleber auf der Kruste erinnert mich an die Brote einst in den HO- und Konsum-Kaufhallen. Der Geschmack ist jedoch dem ähnlich der Weißbrote, die frisch beim Bäcker gekauft wurden.

1987 war ich das erste Mal in Polen. Damals ging es für zwei Wochen als recht kleine Ost-Berliner Gruppe in ein Ferienlager in Mikoshevo oben an der Weichselmündung. Nach dem Fall der Mauer ging es 1995 nach Warschau und erstmals nach Jelenia Góra im Vorland des Riesengebirges. Später folgten weitere Touren in verschiedene polnische Städte, seit 2008 gehrt es nun mehrmals im Jahr nach Cieplice, das zu Jelenia Góra (einst Hirschberg) gehört. Unser größerer Sohn ist nun bereits so alt wie ich damals, als es zum ersten Mal in ein Betriebsferienlager ging. 35 Jahre her. Ja, manchmal fragt man sich, wo all die Jahre geblieben sind. Ich bin nun in einem Alter, in dem man in Gedankenspielen äußerst ungern nochmals 35 Jahre drauf rechnet. Lieber im Hier und Jetzt leben und gar nicht großartig an die ferne Zukunft denken!

Hier und jetzt - Sommerferien in Polen. Ganze fünf Wochen, die sich so angenehm endlos anfühlen wie die Sommer in der Kindheit. Es brauchte zwei Wochen, bis endlich die innere Ruhe einkehrt. Runterfahren, mal wirklich runterkommen vom täglichen Stress einer Großstadt. Nicht immer alles durchplanen. Einfach aufstehen, die Treppe runter zur Küche laufen, das Brotfach öffnen und die Stullen für die beiden Söhnchen und einem selbst schmieren. Der einzige Unterschied zu damals: Statt Muckefuck mache ich mir jetzt einen echten Kaffee. Nur keinen Stress, bitte! Ich lasse die Kinder noch ein bisschen „Peppa Wutz“ gucken, ich schlurfe dagegen schon mal raus in den Garten. Den Sonnenschirm am Tisch aufstellen, frisches Wasser in das kleine Planschbecken füllen, das Spielzeug rausholen. 

Ich fühle mich nochmals an die wundervollen Ferienlageraufenthalte erinnert. Damals als Kind träumte ich immer davon, eines Tages als Gruppenleiter nach Eggersdorf zurückzukehren. Bereits während der Ausbildung konnte man sich damals zu DDR-Zeiten in seinem Betrieb für diesen Job bewerben. Als ich jedoch im September 1990 in die Lehre ging, löste sich die DDR gerade auf, und  auch die Betriebsferienlager gab es nicht mehr. Umso wunderbarer, dass dieser schier endlose Sommer ein klein wenig die Kindheit / Jugend zurückholt. Und statt einer Ferienlagergruppe betreue ich nun die beiden eigenen Kinder - und mit diesen bin ich mitunter gut beschäftigt. „Was machen wir heute? Wandern wie zur Burg Chojnik?“ Aufgrund der tropischen Hitze fahre ich jedoch das Programm etwas runter. 

Stichwort Chojnik. Diese alte Burganlage ist von Cieplice aus zu Fuß erreichbar und zu jeder Jahreszeit eine Wanderung wert, es sei denn, Schnee verhindert den Aufstieg auf den Berg. Unvergessen, als ich letztes Weihnachtsfest am ersten Feiertag mit dem größeren Sohn an der Seite den gelben und grünen Weg hinauf stiefelte. Schneereste und teils vereiste Steine ließen den Auf- und vor allem den Abstieg gar nicht mal so einfach werden. Umso überraschender war die Tatsache, dass unzählige Wanderer an diesem Weihnachtsfeiertag diese Option der Freizeitgestaltung wählten.

Zwar war es erstaunlich mild, doch hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Burg wirklich geöffnet war und dermaßen viele polnische Familien wandern gehen würden. Mit dem Kind auf dem Arm, mit dem Kind an der Hand, mit dem Kind im Tragesystem. Wie meist bei polnischen Familien üblich, ging es unaufgeregt hinauf - ohne großes TamTam und Theater - und oben wurde in der gemütlichen kleinen Baude eingekehrt. Kein Gemaule, weil es dieses und jenes nicht gab. Die Kinder futterten brav Suppe und Piroggen so wie wir damals im Essensaal des Betriebsferienlager „Helmut Just“. Mit dem einzigen Unterschied, dass statt der Pirogi die Salzkartoffeln oder Klöße auf dem Teller lagen.

Aber selbst jetzt bei größter anzunehmender Hitze finden sich immer Familien, die dem Weg zur Burg hinauf folgen. Ferien sind, wenn Ferien sind. Zumal unter den großen Bäumen des Waldes die Temperaturen durchaus erträglich sind. Oben warten zudem gekühlte Limonade und gezapftes Bier. Auf Wunsch mit einem Schuss Sirup und einem Strohhalm drin. Das schlichte abgepackte Vanilleeis zwischen zwei Waffeln ist auch erhältlich, und es schmeckt fast so wie jenes, das wir damals als Kids im Konsum um die Ecke gekauft hatten. Der einzige Unterschied: Damals waren die Waffeln etwas matschiger. 

Und wenn schon so viel an Kindheit und Jugend erinnert, krame ich in Gedanken gleich noch ein altes Rezept aus und stelle mich in die Küche. Es gibt Haferflocken-Auflauf mit Kirschen drin und Eischaum oben drauf. Im Ofen wird das Ganze dann so lange gebacken, bis die per Hand mit dem Schneebesen geschäumte Eischaum-Schicht quasi zur leicht krossen Baiser-Schicht wird. Voilà, am nächsten Tag gibt es dann Zwiebackpuffer mit Apfelmus oben drauf oder Stampfkartoffeln mit Spinat und Rühreier. Dann werden es letztendlich doch grobe polnische Würste und Fleischscheiben, die im Garten auf dem Grill liegen. Ein beachtlicher Vorrat an Bier und Radler befindet sich im bereitgestellten Wassereimer. 

Tag für Tag geht vorüber. Glücklicherweise rennt nicht die Zeit. Das Zeitgefühl ist ein anderes als im Berliner Alltag. Mit Eimern ziehen wir zu fünft los und ernten an einer Hecke reichlich Beeren. Abends werden die Beete gegossen, und während die Jungs drinnen im Wohnzimmer noch Kinderfilme schauen dürfen, sitze ich mit Bartek draußen auf einer Couch. Erste kleine Fledermäuse sausen durch die Lüfte, in der Ferne verschwinden die Berge in der Dunkelheit, bis nur noch vereinzelte Lichter an den Hängen zu sehen sind. Ein grandioser Sternenhimmel überspannt das Ganze, eine Katze schleicht elegant über die Wiese, leise Musik ist aus der Ferne zu vernehmen. Ein Schluck Bier, tiefes Durchatmen - warum kann es nicht immer so entspannt sein? Als ich später auf dem Handy dann die Nachrichten aus der Heimat durch scrolle, fühle ich mich fern. Richtig fern. Ich könnte jetzt gefühlt auch am Ufer des Amazonas in Anori sitzen oder auf einer Bank vor einem Haus in Theben-West in Ägypten. Alte Erinnerungen kommen hoch. Wehmut. Fernweh. Sehnsucht. Ich gehe gedanklich die einzelnen Jahrzehnte durch. Ich kann mich wahrlich nicht beschweren. Nun sitze ich hier im ruhigen Garten in Cieplice und atme die milde Luft ein. Die fernen Lichter an den Ausläufern des Riesengebirges erinnern mich an die Lichter an den Hängen der Favelas in Rio de Janeiro und die Lichter an den kargen Hängen auf der Westbank am Nil. 

Im Jahr zuvor, als ich 1996 nach Ägypten und Brasilien reiste, war ich mit Jan in Jelenia Góra. Uns beiden gefiel auf Anhieb diese Stadt außerordentlich gut. Mit dem Zug ging es damals weiter nach Karpacz und von dort aus zu Fuß anderthalb Wochen durch das polnische und tschechische Riesengebirge. 23 Jahre später schreibe ich Jan eine lange SMS. Wir sind immer noch richtig gute Freunde. Manches kommt und geht im Leben - feste, langjährige Freunde geben Halt in stürmischen, hektischen Zeiten. Während ich so im Garten sitze, wird die Melancholie noch größer. Ich denke an unseren beiden Kinder, die inzwischen oben ins Bett gelegt wurden. Ich nehme mir fest vor, dass ihre Ferien stets ebenso ungetrübt sein werden wie es meine waren. 

Wie oft hatte ich Rückblicke auf zurückliegende Reisen und die Aufenthalte in den Ferienlagern geschrieben?! Die knackenden trockenen Äste unter den großen Laubbäumen, das abgepackte Waffeleis, der Duft des Waldes, die Tagesausflüge - gebongt, morgen wandere ich wieder mit den Kindern zur Burg Chojnik. Egal, wie heiß es wird. Die polnischen Ausflügler tun es ja auch. Und das mit einer faszinierenden Tiefenentspannung, für die ich sie manchmal beneide. Irgendwie lebe ich als Deutscher immer noch zwischen den Welten…

Fotos: Marco Bertram

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