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Kaukasus als Ziel - erste Etappe: Mit der Bahn von Hamburg nach Odessa

 
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A 12 September 2018
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Auch diese Reise beginnt dort, wo schon so viele vor ihr begannen: am Hamburger Hauptbahnhof. Von hier aus wollen wir mit dem Zug nach Odessa in der Ukraine fahren und dann weiter mit der Fähre über das Schwarze Meer nach Georgien. Wir planen, dort nach etwa einer Woche anzukommen und die beiden darauf folgenden Wochen in der Südkaukasus-Region verbringen, namentlich in Georgien, Armenien und - wenn die Zeit reicht - Aserbaidschan. Einen genauen Plan gibt es zum Zeitpunkt der Abreise noch nicht, vielmehr soll sich dieser spontan unterwegs ergeben.

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Jetzt ist es aber erstmal Freitagabend und wir verlassen Hamburg um 20:29 Uhr mit dem Nachtzug. Nach einem Umstieg in Wien am nächsten Morgen erreichen wir Budapest am Bahnhof Keleti, wo wir noch ein paar Fahrkarten besorgen müssen, weil unsere Vorab-Planung eine Lücke zwischen Budapest und Odessa hat. Es ist mittlerweile Samstagmittag und wir wollen gern am Sonntag in Odessa eintreffen. Unsere Fähre nach Georgien geht zwar erst am Mittwoch, aber wir wollen noch etwas Zeit in Odessa verbringen und nicht zwei Tage lang an irgendwelchen Bahnhöfen auf irgendwelche Anschlüsse warten. Irgendwo nicht weiterzukommen, ist keine Option.

Vor einigen Jahren sind wir schon mal in den Genuss gekommen, eine Fahrkarte in Budapest am Bahnhof zu kaufen. Prinzipiell hat sich am Prozess seitdem nicht viel geändert. Wir ziehen eine Nummer, warten, kommen dran und erhalten unsere Fahrkarte. Es gibt nur einen Unterschied zu damals: die Tickets werden nicht mehr von der Dame hinter dem Schalter per Hand ausgefüllt, sondern ganz gewöhnlich ausgedruckt.

 

Das hat einerseits den Vorteil, dass sich unsere Wartezeit um etwa vier Stunden verkürzt. Andererseits haben wir dadurch aber halt auch keine handgeschriebene Fahrkarte mehr, was durchaus bedauerlich ist. Wie auch immer, wir bekommen immerhin noch eine handgeschriebene Fahrplanauskunft, die direkt von der Seite der Deutschen Bahn kommt und einen optimistische Grundstimmung erzeugt. Gemäß dieser Auskunft sollen wir nämlich am Sonntagnachmittag in Odessa ankommen.

Unsere Fahrkarte gilt schon bis Odessa, nur ein paar Reservierungen fehlen noch. In Ungarn und der Ukraine ist es nämlich so, dass ohne diese gar nichts geht. Leider kann uns die Dame nur Reservierungen für Ungarn herausgeben, um die Ukraine sollen wir uns am Grenzbahnhof Chop kümmern. 

Wir machen uns darüber wenig Gedanken, denn ändern würde das sowieso erstmal gar nichts. Stattdessen nehmen wir einen Linienbus zum Budapester Bahnhof Nyugati, von dem unser Zug nach Záhony abfährt und brettern durch bis an die Grenze.

Záhony ist ein ungarischer Grenzbahnhof mit vielen Gleisen und wenigen Verbindungen, von dem aus heute nicht viel geht außer dem Pendelzug nach Chop auf der anderen Seite der Grenze. Vielleicht deswegen oder weil sie an einem Samstagabend arbeiten muss, wirkt die Bahnhofsmitarbeiterin bei der Abfertigung des Zuges, der zurück nach nach Budapest fährt, unter Umständen ein wenig angetüddelt. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur wegen des schönen Wetters so gut gelaunt, dass sie beim Schwingen der Kelle nicht aufhören kann zu lachen und auf dem Rückweg zum Bahnhofsbüro einen Ausfallschritt einlegt. Wir werden es nie erfahren.

Währenddessen füllt sich der Bahnhof zunehmend mit Menschen und alle ankommenden Fahrgäste steuern geradewegs auf den einzigen Zug zu, der heute noch zu fahren scheint, aus nur einem einzigen Wagon besteht und den wir natürlich ebenfalls nehmen müssen. Weil dieser allerdings so aussieht als hätte bei seinem Bau noch niemand davon geträumt, dass es einmal Klimaanlagen in Zügen geben wird, zögern wir den Zustieg möglichst lange hinaus.

Dementsprechend haben wir nicht mehr allzu viel Auswahl bezüglich unserer Plätze und landen schließlich mitten in einer größeren Gruppe Männer, die offenbar gerade einen Umzug in die Ukraine vornimmt. Neben Teppichen und Küchengeräten haben sie jedenfalls eine ganze Menge Taschen dabei. Obwohl ziemlich sicher der eine oder andere derbe Spruch über die blonde Frau in ihrer Mitte fällt, die sie sowieso nicht versteht, sind unsere Sitznachbarn sehr um unser Wohlergehen besorgt.

Nachdem wir in Chop die Gesichtskontrolle bestanden haben, begeben wir uns frohen Mutes in die Schalterhalle, denn wir wollen uns nur kurz die Reservierung für den Zug nach Odessa besorgen und dann gleich weiter zum Gleis. Leider kann die Dame hinter dem Schalter unsere gute Laune nicht teilen, denn der Zug ist ausgebucht. Die nächste Direktverbindung geht erst am nächsten Abend. Auch unsere Versuche, uns am Zug möglichst blöd zu stellen, um aus Mitleid mitgenommen zu werden, oder notfalls dem Zugpersonal ein Handgeld anzubieten, scheitern. Der Zug ist offenbar wirklich voll.

Uns bleiben nun zwei mögliche Verbindungen an diesem Abend: entweder wir fahren nach Lviv oder Vinnica. Lviv scheint wohl die schönere Stadt zu sein, falls wir nicht weiterkommen, ist allerdings nicht sehr weit von Chop, dafür aber umso weiter von Odessa entfernt. Vinnica liegt mitten in der Ukraine und von dort aus sind es nur noch 400 Kilometer nach Odessa. Dafür scheint es allerdings keine Stadt zu sein, die so viel hermacht, was dann wiederum blöd ist, wenn man dort festsitzt.

Weil wir allerdings nicht vorhaben, nicht weiter zu kommen, und selbst eine schöne Stadt wie Lviv bei Ankunft um 4:00 Uhr morgens nicht allzu viel Glanz versprüht, entscheiden wir uns für Vinnica. Das ist vor allem auch deshalb sehr praktisch, weil der Zug bereits zwanzig Minuten später abfahren soll und wir damit keine Zeit mit Warten verschwenden müssen. 

Am Gleis unterhalten wir uns mit einem Ukrainer, der in der Schalterhalle beschlossen hatte, uns mit Tipps und Übersetzungen zu helfen, und einem Niederländer, dem er ebenfalls beistand. Dabei erfahren wir, dass die Ukrainer viel mit dem Zug in den Urlaub fahren, weil die Straßen im Land so schlecht sind. Vor allem in Richtung Schwarzes Meer ist es daher gerade jetzt in den Ferien schwierig, kurzfristig einen Platz zu bekommen. Klingt logisch. Hätte man vorab bedenken können. 

Als unser Zug einfährt, trennen wir uns von den beiden und beziehen unser Dreierabteil, in dem wir irgendwann in der Nacht noch eine Nachbarin auf der obersten Liege bekommen. Bis dahin schlafen wir allerdings schon so tief und fest, dass uns das kaum stört. Westlich der Oder gibt es einfach keinen Zug, der einen so wunderbar in den Schlaf schaukeln kann wie die alten Wagen aus der Sowjetzeit.

Daher erreichen wir unser Zwischenziel Vinnica am nächsten Vormittag auch vollkommen erholt und können uns direkt bei der Einfahrt an den schier endlos weiten Ensembles aus Plattenbauten und dazugehörigen Garagen erfreuen. Ja, hier möchte man tatsächlich nicht stranden.

Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft soll ein Zug nach Odessa fahren, aber aus Chop wissen wir, dass dieser ebenfalls ausgebucht ist. Dennoch wollen wir nichts unversucht lasse, begeben uns in die Schalterhalle und tragen unsere Pläne mittels möglichst einfacher Ausdrücke (“Odessa?”) vor. 

Wir erhalten die Information, dass wir mit dem Zug erst am nächsten Nachmittag weiterreisen könnten. Wie genau die Damen diese Informationen aus dem System entnehmen, das einem Laien nur einzelne weiße Buchstaben auf schwarzem Untergrund im besten MS Dos-Format erscheint, bleibt uns ein Rätsel, aber die Tatsache lässt sich nicht wegdiskutieren. Schon gar nicht ohne Sprachkenntnisse.

Weil uns auch weiterhin nicht danach ist, nicht weiter zu kommen, wägen wir die Alternativen ab. Bevor wir einen Taxifahrer suchen, der uns nach Odessa chauffiert, wollen wir es am Busbahnhof versuchen. Wir fragen uns also auf dem Bahnhofsvorplatz ein wenig durch und finden schließlich die Linie, die uns zum Awtowoksal bringen soll.

Weil diese bereits ziemlich voll ist, stehen wir mit unseren Monstern von Rucksäcken in der Tür beim Fahrer. Weil dadurch allerdings niemand mehr durchkommt, um beim Fahrer seine Fahrkarte zu bezahlen - eine andere Möglichkeit scheint es nicht zu geben - übernehmen wir kurzerhand den Fahrkartenverkauf. Drei ukrainische Hrywnja (10 Cent) kostet die Fahrt, Wechselgeld gibt mir der Fahrer, ich reiche es weiter. Ganz objektiv betrachtet bin ich einen Tick motivierter in dem Job als der gute Herr, dem es komplett egal zu sein scheint, ob irgendwer bezahlt oder nicht. Lieber wäre es ihm wahrscheinlich, wenn nicht, denn dann könnte er einfach nur in Ruhe durch die Gegend fahren und rauchen. 

 

Im Busbahnhof dann also wieder in die Schalterhalle. “We need to go to Odessa.” Heute Abend 22:00 Uhr. Pff. Das ist in zehn Stunden. Das passt uns irgendwie nicht so in den Kram. Weil wir zu lange mit der Antwort zögern, macht die Dame uns unmissverständlich klar, dass wir Platz machen sollen für seriösere Kunden ohne Extrawünsche und mit einer angemessen Menge an Gepäck, die keine Fremdsprache sprechen. Und weil wir nun auch nichts besseres wissen, gehen wir einfach mal an den Busabfahrtsplätzen gucken.

Und siehe da, ganz vorne steht ein Bus nach Odessa. Es handelt sich um einen polnischen Bus, der wohl schon ein paar Stunden unterwegs gewesen ist und nach einer Pause gerade aufzubrechen scheint. Obwohl ich nicht glaube, dass er noch Plätze frei hat, spreche ich den Busfahrer an. Wobei “ansprechen” deutlich eloquenter klingt als sich der Vorgang tatsächlich darstellt.

“Odessa?” Der Mann nickt. Ich zeige auf Denis und mich. “Two?” Der Mann nickt erneut. Ich zeige wieder auf uns. “No tickets.” Der Mann nickt wieder und öffnet den Kofferraum für die Rucksäcke. Bezahlt wird später im Bus - und zwar 700 Hrywnja (22 Euro) für beide zusammen. Wie viel besser kann man eigentlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein? 

Dann geht es schließlich los und wir gewinnen einen Eindruck davon, warum die Ukrainer lieber mit dem Zug verreisen. Die Straße zwischen Vinnica und Uman, die auf der Karte aussieht wie eine solide Hauptverkehrsstraße, ist nicht mehr als ein zweispuriges Etwas voller Baustellen und Schlaglöcher, auf der so gut wie kein Vorankommen ist. Wendigere Fahrzeuge versuchen, über den Seitenstreifen zu überholen und wirbeln so viel Staub auf, dass man das Gefühl bekommt, die gesamte Strecke durch eine Baustelle zu fahren. 

Hinter Uman gibt es dann plötzlich eine echte Autobahn und wir kommen planmäßig gegen 22:00 Uhr in Odessa an, wo uns erstmal nicht viel mehr interessiert als ins Hotel zu gehen und die Füße hochzulegen. Obwohl das Bett nicht so angenehm wackelt wie der Nachtzug, klappt das mit dem Einschlafen doch ganz gut.

Ohne mich vorher großartig informiert zu haben, hatte ich von Odessa eine gewisse Ähnlichkeit mit Sankt Petersburg erwartet. Es ist immerhin eine größere Stadt am Meer, die die meiste Zeit unter russischem Einfluss stand und einen gewissen kosmopolitischen Ruf genießt. Außerdem erzählte mir ukrainischer Arbeitskollege aus Kiew mal, dass es mir in Odessa passieren könnte, dass jemand auf mich zukommt und mir ungefragt ein Gedicht vorträgt.

Tja, hätte ich mich vorher informiert, hätte ich gewusst, dass die Stadt auf Befehl Katharinas der Großen als Militärhafen angelegt worden ist. Dann hätte ich mich auch nicht gewundert, dass der Blick von der Potemkinschen Treppe auf die Kräne des Hafens fällt. Oder dass die Leute am Strand die Militärschiffe und Hubschrauber von ihrer Sonnenliege aus bei ihren Übungen fotografieren. Dann hätte ich auch gewusst, dass Schiffbau und Fischfang zu den führenden Industrien gehören, und mich nicht gewundert, dass mich die Stadt an einigen Stellen eher an Stettin erinnert als an Sankt Petersburg. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Dennoch ist Odessa keine unattraktive Stadt und der Vergleich zu Stettin eigentlich auch nicht ganz fair. Obwohl die Ukraine von 1922 bis 1991 zur Sowjetunion gehörte, ist das Stadtbild nicht von den typischen Betonklötzen und Plattenbauten geprägt, sondern von vielen alten Häusern mit Stuck besetzten Fassaden, Säulen und Balkons. Auch wenn nicht immer das Geld da ist, diese zu restaurieren, werden sie mit viel Liebe und Hingabe in Schuss gehalten.

Wir bleiben zwei Tage in der Stadt und legen in dieser Zeit mehr als 30 Kilometer zu Fuß zurück. An einigen Orten kommen wir mehrfach vorbei, an anderen bleiben wir eine Weile zum Kaffeetrinken und entspannen. Vor allem das Stadtzentrum eignet sich wunderbar zum Bummeln. In und um den Stadtgarten, einem kleinen, hübsch angelegten Park mit Springbrunnen, lädt die Stadt geradezu dazu ein.

Gegenüber des Stadtgartens befindet sich eine kleine glasüberdachte Verbindungsgasse, die nur “Passage” genannt wird. Dabei handelt es sich – überraschenderweise – um eine Passage, in der einige kleine Läden, Cafés und ein Herrenfriseur untergebracht sind. Was diese Passage von anderen unterscheidet, ist, dass ihr Inneres mit zahlreichen Säulen und Skulpturen dekoriert ist, die eher an das antike Griechenland erinnern als an die Ukraine.

Das ist im Prinzip wunderschön, wirkt aber leider auch ein kleines bisschen rumplig, weil die Geschäfte entweder leer stehen oder Ramsch anbieten und die Bauart von Schaufenstern und Boden mehr an die Ukraine erinnern als an das antike Griechenland. Und das ist dann doch eher eine unkonventionelle Kombination.

Etwas südlich des Stadtzentrums befindet sich der Rinok Priwos, der größte Markt der Stadt. Wie es sich für einen echten Markt gehört, wird hier von Trockenobst über frischen Fisch, Unterwäsche und Abendgarderobe bis hin zu Bratpfannen und Schnellbeton alles angeboten, was jemals ein Mensch in seinem Leben gebraucht hat.

Wir lassen uns eine Weile einfach durch die engen Gänge voller Menschen treiben und genießen das geschäftige Gewusel der 6.000 Verkäufer und ihrer Kunden. Zuerst laufen wir durch die Fleischhalle, in der jeder Fleischfreund auf seine Kosten kommt, denn hier wird wirklich jedes Stück von jedem Tier auf dem Bauernhof angeboten.

Danach kommt die Fischhalle mit den Delikatessen aus dem Schwarzen Meer und schließlich das Herz des Marktes: die Obst- und Gemüsehalle, wo sich an zahllosen Ständen frisches Obst und Gemüse aus der Region stapeln. An einem Stand für Trockenobst und Nüsse lassen wir uns eine Nussmischung zusammenstellen, die am Ende deutlich größer ausfällt als wir beabsichtigt hatten und die uns bis zurück nach Deutschland begleiten soll.

Nach dem Shoppen geht es in Richtung Strand. Odessa verfügt nämlich über einige Sandstrände, von denen der längste fast bis zum Hafen reicht. Obwohl der Strand ziemlich schmal und gut besucht ist, wirkt er nicht überfüllt. Auf der Promenade drängelt sich ein Restaurant an das andere und unten am Wasser gibt es den einen oder anderen Strandclub, in dem Liegen und ganze Betten mit Baldachin gemietet werden können - Strandkörbe sind hier nicht in Mode. 

Wir nehmen in einem der Restaurants Platz, die etwas erhöht liegen und daher einen tollen Blick auf das Meer bieten, und wollen uns den Nachmittag mit einem Cocktail versüßen. Leider scheitern die ersten beiden Bestellungen daran, dass kein Rum im Haus ist [Keine Ahnung, wie man einen Gastronomiebetrieb anständig führen will, wenn man keinen Rum da hat. Aber gut, not my Job.], aber schließlich lässt sich noch etwas mit Wodka finden, denn der ist niemals aus.

Schaut man von hier aus direkt geradeaus auf das Meer, gibt es außer Strand, Sonne und entspannten Menschen nichts zu sehen, das die Stimmung trüben könnte. Ein Blick nach links allerdings bringt schon etwas Ernüchterung, denn dort überragen die Kräne und Marineschiffe die Szenerie. Von letzteren verlassen einige den Hafen und werden dabei von einem sehr tief fliegenden Hubschrauber verfolgt, was von den Strandbesuchern als willkommene Abwechslung am Horizont mit dem Smartphone festgehalten wird. 

Nach einem weiteren Cocktail verlassen wir das Restaurant wieder und laufen die Promenade weiter in Richtung Norden. Hinter dem Alptraum eines großen Familien- und Clubhotels, von dem aus die gesamte Umgebung mit nervigem Elektropop beschallt wird, endet der Strand. Es gibt nicht wenige Besucher, die die Nähe zum Hotel mit den Fressbuden und dem Delfinarium zu suchen scheinen, denn sie liegen auf mit den Handtüchern auf dem blanken Betonboden und sonnen sich als wäre es das normalste der Welt, neben einem Sandstrand auf den Steinen zu liegen und das Panorama des Hafens zu genießen.

Am Denkmal für den unbekannten Seemann, an dem ein ewiges Feuer brennt und unheimlich pathetische Musik über Lautsprecher gespielt wird, geht es weiter durch den Park Tarasa Schewtschenka mit dem Stadion Tschernomorez in Richtung der Potemkinschen Treppe.  

Die Potemkinsche Treppe ist das Wahrzeichen Odessas und verbindet über 192 Stufen den Hafen mit der etwas erhöht liegenden Innenstadt. Steht man am unteren Ende der Treppe und schaut nach oben, sieht es so aus als würde sie niemals enden, weil die Stufen bis zum Horizont zu verlaufen scheinen. Der Trick ist, dass sich die Treppe nach oben hin verjüngt, weshalb sie deutlich länger wirkt als sie tatsächlich ist.

Oben angekommen fragt man sich, wie man auf den paar Stufen dermaßen außer Atem kommen konnte, denn von hier sind fast ausschließlich die breiten Absätze und kaum Stufen zu sehen. Außerdem scheint sie nun auf der gesamten Länge dieselbe Breite zu haben, was sie wiederum kürzer wirken lässt.

An unseren beiden Tagen in der Stadt kommen wir zweimal an der Potemkinschen Treppe vorbei und bezwingen sie einmal davon Stufe für Stufe zu Fuß in der prallen Mittagssonne – wir sind schon vorher so verschwitzt, dass das eigentlich auch nicht mehr auffällt. Beim zweiten Mal fahren wir dem Funicular – der Standseilbahn -, das direkt neben der Treppe verläuft. Wie es sich für ein Fahrzeug des öffentlichen Nahverkehrs gehört, werden Ein- und Ausstieg sowie Fahrkartenverkauf von einer resoluten Dame geregelt, die jede Strecke mitfährt und es nicht schätzt, wenn man trödelt oder im Weg steht.

Das Panorama, das sich beim Blick von der Treppe auf das Meer zeigt, ist – wie erwähnt – ernüchternd und geht auf den Morski Woksal, ein paar Kräne und ein Hochhaus. Wenn man sich dann aber nur einmal umdreht, ist man wieder in der Altstadt angekommen und steht auf einem namenlosen Platz zwischen der Statue eines Statthalters des 19. Jahrhunderts und den alten Häusern auf dem Primorski Boulevard mit seinen Bäumen und Bänken. 

Von hier aus ist es nun nicht mehr weit zum Opernhaus mit den bunten Beeten, dem Springbrunnen und den Bänken, auf denen sich viele Menschen tummeln. Einer von ihnen watet durch das Becken des Springbrunnens und sammelt die Glücksmünzen ein, die die Touristen hinein geworfen haben. Es macht den Anschein als wäre der gute Herr hier freiberuflich unterwegs.

Der Stadtrundgang endet schließlich, wo er begann: am Stadtgarten, der nur wenige Gehminuten von der Oper entfernt liegt. Die angrenzende Deribasiwska Straße ist tagsüber eine gewöhnliche Fußgängerzone, wird bei Einbruch der Dunkelheit allerdings zur Amüsiermeile mit Volksfeststimmung. Die Terrassen der Restaurants sind bis auf den letzten Platz gefüllt und in der Fußgängerzone gibt es neben Ponyreiten, Livemusik und Zuckerwatte alles, was das ukrainische Touristenherz höher schlagen lässt.

Man sagt, Odessa wäre die unukrainischste Stadt der Ukraine und verglichen mit dem Teil, den wir auf unserer Anreise gesehen haben, kann ich dem nur zustimmen. Während der Rest des Landes seine sowjetische Vergangenheit nicht leugnen kann, fällt es in Odessa – zumindest im Stadtzentrum – schwer, hier eine ehemals der UdSSR zugehörigen Stadt zu sehen. Zu barock und zu bunt sehen die Gebäude aus, zu grün sind die Viertel und zu einladend sind die Parks.

Dass wir uns in einem Land befinden, in dem derzeit Krieg herrscht, wird uns eigentlich zu keinem Zeitpunkt der Reise bewusst. Dass die Stadt seit Annexion der Krim durch Russland nun mehr Touristen empfängt, hingegen schon, denn vor allem am Strand wirkt vieles neu gebaut und die zahlreichen Wohnhäuser und Hotels, die dahinter in die Höhe sprießen, sind seitdem zumindest mal nicht weniger geworden.

Obwohl Odessa ganz anders ist als ich es mir vorgestellt hatte und mir niemand ungefragt ein Gedicht aufgesagt hat, bin ich nicht enttäuscht von der Stadt, denn sie ist absolut sehenswert und einladend. Auch wenn es sich hier lohnt, russisch sprechen zu können, kommt man zuweilen auch mit Englisch ganz gut klar. Und für den Rest gibt es noch Hände, Füße und ein nettes Lächeln.

Nun ist es plötzlich Dienstagabend geworden und die Weiterreise nach Georgien steht für den nächsten Tag an. Die Kaunas Seaways soll uns bis Freitag über das Schwarze Meer bringen und gemessen an dem Glück, das wir auf unserem Weg bisher hatten, kann eigentlich gar nicht mehr viel schief gehen. 

Bericht: Anika (ein Zug nach Irgendwo)

Fotos: Anika

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