Ulaanbaatar im Herbst 2000: offene Gullys, Bergtouren und Geschlechtsakte im Museum

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 12 Juni 2018    
 
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Ich sitze auf einem Berg weit außerhalb von Ulaanbaatar (Ulan-Bator). Die Sonne scheint und wärmt. Vielleicht werden es die letzten angenehmen Sonnenstrahlen in diesem Jahr sein. Wer weiß?! Es ist so schön ruhig hier. Keine störenden Geräusche, kein Großstadtlärm. Hier oben ist der Himmel blau, weit unten liegt die Stadt im Talkessel unter einer Dunstglocke. Es ist das erste Mal hier in der Mongolei, dass ich zu mir selbst finden kann. Registrieren, wo ich eigentlich bin. Die Aussicht ist klasse, der Wind rauscht in den Wipfeln der Lärchen. Die Nadeln sind bereits herbstlich gelb, und der Wind lässt sie auf meinen ausgestreckten Körper fallen. Ich genieße die Sonne auf meinem nackten Oberkörper. Wer hätte das gedacht? Jan und ich rechneten mit empfindlicher Kälte. Auch mit dem ersten Schnee darf Anfang Oktober gerechnet werden. Die Bäume, die sich zwischen den kahlen steinigen Bergen hinaufziehen, überraschten mich ebenfalls. Ich hatte wirklich vermutet, erst wieder in China Bäume sehen zu können. Ansonsten schaut jedoch alles im Groben so aus wie ich mir es zuvor ausgemalt hatte. Die ganz großen Überraschungen blieben aus. Man ist mit dem zunehmenden Alter und nach all den weiten Reisen halt etwas abgeklärter geworden. Nach den tausenden Kilometern in der Transsibirischen und Transmongolischen Eisenbahn ist es ein irres Gefühl so weit von zu Hause entfernt hier in den einsamen mongolischen Bergen zu sitzen. Ich werde die Eindrücke in einem Tagebuch festhalten, so dass ich mich 10 oder 20 Jahre später noch genau an diese beeindruckende Tour erinnern kann. 

Gestern nervten die vielen Autos, die Abgase und die vielen Leute. Heute ist es schön, keine Menschenseele lässt sich hier oben blicken. Witzig, unten im Tal fotografierte ich das erste Kamel. Es wälzte sich genüsslich im Steppengras. Der weitere Weg, der vor uns liegt, sieht wahrlich vielversprechend aus. Schwarze Raben ziehen am blauen Himmel vorüber. Jan ist neben mir sichtlich erschöpft. Doch da muss er jetzt durch. Aufie!

01. Oktober 2000. Bislang habe ich zwölf 36er Filme verknipst. Neun Diafilme und drei Fotofilme. Das macht mal eben 432 Aufnahmen. Insgesamt werden es rund 600 sein auf dieser Reise. Allein für die Weiterfahrt nach China werde ich noch mindestens einen Diafilm und zwei Fotofilme benötigen. Ich bin echt gespannt, wie die Bilder geworden sind. Vor allem auf die hier in der Mongolei angefertigten Aufnahmen. Wenn ich Ulaanbaatar vergleiche: Autofahren und Staub wie in Kairo. Internetcafés wie in Japan oder China. Viele Gebäude und offene Gullys wie in Russland. Lebensmittel in Supermärkten kurioserweise wie in Deutschland (aber um einiges teurer). Siedlungen an den Hängen wie in südamerikanischen Metropolen. Der Blick von den Bergen auf die Stadt ähnlich wie vom Corcovado aus in Rio de Janeiro. Dazu eine Dunstglocke wie in Mexiko Stadt. 

Ulaanbaatar ist eine Mischung aus allem, aber dennoch etwas ganz, ganz eigenes. Im Süden der Stadt befinden sich die Berge mit den Lärchenwäldern, im Norden gibt es Siedlungen mit Jurten und schlichten Häusern aus Brettern. Was es überall gibt: Staub! Grauer Staub! Dazu die Abgase der russischen Trolleybusse und Fahrzeuge, die man sonst nur noch von Fotos aus den 60er und 70ern kennt. Eine Art Volkssport scheint das Billardspielen zu sein. Billardtische sind selbst auf den staubigsten Schotterwegen aufgebaut, gespielt wird von Jung bis Alt. Apropos Schotter. Auch die Straße zum etwas mehr am Rande gelegenen Bahnhof besteht nur aus Staub und Geröll. Nur wenige Ausländer sind hier anzutreffen, und jeder schaut auf unsere Wandersandalen. Auf den Touren in die umliegenden Berge tragen wir natürlich unsere Wanderstiefel, doch auch diese werden von allen bestaunt.

Die Jahrtausendwende liegt gerade hinter uns, und auch in Ulaanbaatar hält langsam die Moderne Einzug. Japanische und koreanische Unternehmen errichten neue Bürogebäude. Internetcafés sind im Innenstadtbereich einige anzutreffen. Das Erstaunliche: In den Supermärkten gibt es quasi keine Produkte aus dem Nachbarland China. Stattdessen füllen importierte Produkte aus Russland und Deutschland die Regale. Es besteht ein riesiger Importbedarf, fast alles, was industriell verpackt ist, kommt aus dem Ausland. 

02. Oktober 2000. Gestern hatten wir noch eine weitere Wanderung unternommen. Jan und ich marschierten am Rande der Stadt durch das Gestrüpp, als plötzlich ein Jeep seinen Kurs wechselte und direkt auf uns zu fuhr. Wir ergriffen kurzerhand die Flucht. Es hätte noch gefehlt irgendwo am Flussufer des Tuul Gol von Mongolen aufgemischt zu werden. Durch das Gehölz fand das Geländefahrzeug keinen Weg, und wir hatten wieder unsere Ruhe. Von den Bergen aus wanderten wir später die Allee, die direkt in die City führt, entlang. Lärchen wurden einst angepflanzt, doch nicht jeder Baum überstand die permanente Trockenheit und die harten Winter. 

In der Stadt nahmen wir wieder vorhin ein Business-Essen zu uns. Solch ein Gericht kostet hier gerade mal einen schlappen US-Dollar. In einem Kaufhaus, in dem ein großes Poster von Manchester United hing, kaufte ich eine Tasche für 5.000 Tögrögs. Morgens hatte ich noch eine Stunde mit einer Frau aus Seattle nett gequatscht, später schenkte sie mir ihren Mongolei-Reiseführer, da dieser jetzt für sie eh unnütz und nur Ballast sei. 

Abends gab es dann Action in unserem Zimmer in der privat geführten Herberge im Wohngebiet. Jan und ich fühlten uns nach Ägypten, wo wir im Februar 1996 unterwegs waren, versetzt. „Papa“ kam in unser Zimmer, „Mama“ folgte und sagte den Preis für die Tour-Varianten. Während wir Karten spielten, platzte der Besitzer der Herberge herein und ließ nicht locker. „Not expensive! The price is fixed“, hörten wir immer wieder. Es ging zu wie auf einem arabischen Jahrmarkt. Ab Mittwoch! Drei Tage! 4.000 für den Sprit. 3x25.000 für den Fahrer. 8.000 Kommission. Solch eine Tour sei einfach Pflicht, wenn man als Tourist in der Mongolei weilt. Dass wir auf eigene Faust im Umland wandern gingen, konnte er kaum glauben.

Und es wurde immer konfuser. Ich sollte ein paar Israelis anrufen, da sie bei der Konkurrenz wohnten. Wenig später klingelte das Telefon auf dem Flur. „Is there Marco? A german!“ Keine Ahnung, wer das war. Langsam wurde es unheimlich. Abends stand „Papa“ noch am Telefon und sprach mit ruhiger Stimme wie ein Pate. Da sich das Telefon auf dem gemeinschaftlichen Kühlschrank befand, trauten wir uns nicht, unser abgelegtes Bier zu holen. 

03. Oktober 2000. Während in Deutschland der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wird, sitzen Jan und ich in unserem kargen Zimmer und spielen weiter die ganze Bundesliga-Saison 2000/01 aus - und zwar mit Rommé. Es geht zu wie in einer Pokerhölle. Klatsch, klatsch, klatsch. Die Karten werden ruckizucki ausgeteilt, die Stimmung ist angespannt. Großer Erregung, wenn einer der eigenen Favoriten ein wichtiges Spiel gewinnen kann. Scheiß Frankfurt! Fluchen. Lachen. Vor Wut den Notizzettel zerreißen. Einmal flog sogar der ganze Spielplan in den Mülleimer. Draußen auf dem Flur diskutiert „Papa“ mit anderen Touristen. Die möglichen Touren werden ausdiskutiert, die Preise werden verhandelt. Bei diesem Währungskurs geht es ja gleich um Tausender. Da auf Englisch gesprochen wird, ist alles zu verstehen. Wie sieht es mit dem Essen aus? Kocher könnt ihr haben, die Gaskartuschen müsst ihr kaufen! Sind dies die alten russischen Geländefahrzeuge? Jawohl, und wir halten hier und dort…

Unsere Unterkunft ist schon arg schräg. Die Tapete wellt sich und gibt ab und an knisternde Geräusche von sich. Der Tisch kippelt und ist nur mit einem kleinen Stapel Bierdeckeln zu besänftigen. Unsere Aussicht durch das vergitterte Fenster im Erdgeschoss: Betonfassaden, Müll, Unrat, zerknülltes Papier und Container. Morgens wird gegenüber Fleisch abgeladen. Tierköpfe, Felle, richtige Fleischbatzen sowie ominöse Beutel. Wir wollen gar nicht wissen, was sich in diesen befinden mag. In unserem Gemeinschaftsklo haben die fetten Kakerlaken am Rohrdurchbruch, aus dem es ständig sifft, ein richtiges Nest gebaut. Aufkommender Kotzreiz, wenn man dort strullern oder kackern muss. An eine körperliche Entspannung der anderen Art ist hier in der Herberge wahrlich nicht zu denken. Hand anlegen? Im Klo? Auf der knarrenden Holzpritsche? Besser nicht! Zumal mir kürzlich im Halbschlaf eine fette Kakerlake über die Brust lief.

Was für eine üble Gegend. Krass auch, wie die Mongolen mit ihren Autos die miserablen Straßen entlang heizen. Lass aufsetzen die Karre! Immer rein ins nächste Schlagloch! Kernig geht es auch in der Markthalle zu - und das im doppelten Sinn. Zum einen werden überall Kerne jeglicher Art angeboten, zum anderen sind die Fleisch- und Wurstwaren in der Textilhalle zu haben. 

04. Oktober 2000. Wir hatten genug vom Siff in der Herberge und wechselten in ein Hostel, das sich in der City hinter der türkischen Botschaft befindet. Das „Saroa Hotel“ befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Doch da in diesem ein luxuriöses Zimmer mal eben 80 US-Dollar kostet (man hätte uns sogar 10 Dollar Rabatt gegeben), wählten wir lieber das Guesthouse, in dem ein Bett pro Nacht mal eben nur vier US-Dollar kostet. Die Besitzerin des Guesthouses begrüßte uns sogleich erfreut. „Ist Ihnen kalt? Wollen Sie Tee? Nehmen Sie ruhig!“ Da alles mit Teppichen ausgelegt ist, müssen die Schuhe ausgezogen werden. Kurzum: Alles gleich um zwei Sterne besser. Und das, obwohl das Bett sogar für einen Dollar weniger zu haben ist als in der anderen Bude im abgewrackten Neubaugebiet. 

05. Oktober 2000. Es kann ja nicht alles glatt laufen. Ich hatte vergangene Nacht Mordgedanken. Mit in unserem Zimmer schlafen ein Deutscher, der mit dem Rad von Dortmund nach Thailand radelt, und eine Afrikanerin, die laut schnarcht. Zwar hatten wir uns abends Kahn-Bier reingeholfen, doch genutzt hatte es nur die ersten Stunden. Nachdem ich einmal vom „afrikanischen Sägewerk“ geweckt wurde, war an Einschlafen nicht mehr zu denken. Ich fluchte, hustete laut, doch die Frau schlief wie ein Stein. Ich überlegte, ob ich sie wachrütteln soll, doch bekam ich es mit der Angst zu tun. Nicht dass sie denken würde, mich überkäme die Lust. Gut möglich, dass sie ein Messer unter der Matratze zu liegen hatte. Hätte sie gedacht, ich möchte an sie ran, hätte ich wohl ein blankes Metall zwischen den Rippen zu stecken gehabt. So aber musste ich mich wohl oder übel im Halbschlaf durch die Nacht quälen. Unfassbar, wie das Schnarchen anderer Personen im Raum einen in Rage bringen kann. Der einzige Ausweg: Am nächsten Abend noch mehr trinken und hoffen, im Tiefschlaf irgendwie über die Runden zu kommen.

Und wie schaut es eigentlich mit der Weiterfahrt nach Peking aus? Wie Jan und ich in Erfahrung bringen konnten, gibt es nur einmal in der Woche am Dienstag eine Direktverbindung in die chinesische Hauptstadt. Somit bleibt noch reichlich Zeit, um sich all die Kuriositäten der Stadt etwas genauer anzuschauen. Einen Besuch wert war das National Museum of Mongolian History. Kult war zudem ein Museum im Osten der Stadt, das in einem Holzhaus untergebracht ist. Für umgerechnet eine Mark bekamen wir kultige Exponate zu sehen. Einen Teller aus Leeds, „Papas“ mit reichlich Orden, eine SED-Flagge, eine Knarre aus Hanoi, einen Holzteller aus Krasnojarsk, diverse Schnitzereien und heldenhafte Stadtansichten einer heldenhaften Stadt.

Logisch, dass wir auch beim Gandan-Kloster vorbeigeschaut hatten. Das markanteste Gebäude ist das weiße Migjid Janraisig Süm, an das sich auf der einen Seite die Öndör Gegeen Zanabazar Buddhist University anschließt. Der Eintritt kostete einen Dollar, für etwas Kleingeld konnte von Kindern Tütchen mit Vogelfutter abgekauft werden, um all die Tauben zu beglücken. Später kauften Jan und ich im Stadtzentrum in einem französischen Edel-Shop ein. Alle Produkte stammten aus Frankreich, wirklich das ganze Sortiment! Teuer? Die Preise waren kurioserweise ähnlich wie die im mongolischen 0815-Supermarkt. Später waren wir chinesisch essen - die Speisen waren wirklich der Hammer! 

06. Oktober 2000. Wir halten noch mal fest: Wir schreiben das Jahr 2000! Überraschenderweise sind in Ulaanbaatar einige Internetcafés zu finden. Eines der günstigsten ist das „Peace Internet Café“, das von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends geöffnet hat. Eine Stunde surfen kostet 1000 Tögrög (Anmerkung 2018: Derzeit ist der Kurs 1 MNT = 0,0004 Euro). Mit doch recht beachtlicher Geschwindigkeit können Mails in die Heimat geschickt werden. Ein Lebenszeichen aus der Mongolei nach Berlin und Frankfurt/Oder. 

Kinder

07. Oktober 2000: Heute Vormittag pilgerten wir ins Modern Art Museum! Im unteren Bereich des Museums gab es zahlreiche Fotografien, die für mongolische Verhältnisse wirklich gut waren. Im oberen Bereich fand gerade eine Art Kongress statt, auf dem ein gestandener Mann im Anzug eine Rede hielt und die anderen eine Schale Tee tranken. In den anderen Räumlichkeiten zu sehen gab es moderne Kunst jeglicher Art. Kleine hölzerne Tempel, Schnitzereien, ein Hund und ein Ochse, gruselige Masken mit Glubschaugen, Totenköpfe mit drei Augen und Tierproportionen. Und das war noch nicht alles! Gezeigt wurde der Werdegang des Menschen: Der Akt, das Abspritzen, die Zellteilung - alles in künstlerischen Bildern. Auf den Geschlechtsakt stießen wir in diesem Museum an einigen Stellen. Hier ein erigiertes Glied, dort eine sich verrenkende, die Vagina präsentierende Frau. Der Penis als Symbol. Wir waren überrascht, und ich überlegte indes, wie es eigentlich mal mit einer körperlichen Erleichterung wäre. Nach all den Tagen im engen Abteil der Transsib und im Hostel. Jedoch musste ich gleich an die schnarchende Afrikanerin denken und verwarf meinen Plan. 

Ortswechsel. Weg vom Geschlechtsakt und den abspritzenden Schwänzen im Kunstmuseum, weiter zum Museum für Natur. In diesem schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Jan und ich feierten nur ab. Was für ein Härtefall! Der Parkettfußboden fiel auseinander, überall standen lieblos ausgestopfte Tiere. Schiefe Schilder gaben knappe Infos, in vielen Fällen fehlten bereits die Schildchen. Ein Mongole konnte es nicht lassen und musste doch glatt ein Dinosaurierskelett angrabschen. Polternd fiel ein Wirbel auf das hölzerne Podest. Aufruhr im Saal? Fehlanzeige! Unaufgeregt schlurfte ein Dame herbei und klemmte mit Schmackes den fehlenden Knochen wieder an die richtige Stelle, so dass das gesamte Skelett ins Wanken kam.

08. Oktober 2000: Heute ist der erste Tag, an dem es in der Mongolei regnet. Krass, wie plötzlich das Wetter umschlug. Mit einem Mal kam der Wind von Norden, und die Temperatur fiel in den Bergen auf unter Null grad. Der Blick aus dem Fenster besagt: Auf den Gipfeln liegt Schnee! Hier unten hasten die Leute mit Regenschirmen über die Bürgersteige. Oh Gott, ja, Herbst und Winter nahen. Gestern Nachmittag düsten wir mit dem Bus Nummer 7 hinaus an die Stadtgrenze und unternahmen bei gutem Wetter eine letzte Wanderung durch die Berge. Mit strammen Schritten machten wir eine zirka 15 Kilometer lange Kammwanderung. Ein ordentlicher Bogen, der uns rein nach Bauchgefühl zurück an den Stadtrand führte. Auf dem schmalen Pfad sahen wir von Zeit zu Zeit selbst karge Unterkünfte aus Zweigen. Müll war zu finden, neben einer Feuerstelle lagen ein Paar Stiefel. Dort oben in der Einsamkeit wollten wir lieber keine weiteren Mongolen treffen. Wenn harter Alkohol im Spiel ist, können mongolische Männer wirklich Temperament haben, und mit zehn Wörtern Mongolisch würden wir eh nicht weit kommen in Sachen Kommunikation.

Temperamentvoll ging es auch auf der Busfahrt zu. Es wurde gedrängelt auf Teufel komm raus. Eine Frau kämpfte sich durch die Massen, kassierte das Geld und verteilte kleine zerknitterte Zettelchen mit Preisaufdruck. Bemerkenswert ist zudem, wie unterschiedlich in Ulaanbaatar gespeist werden kann. Mal ist es zu Mittag ein echter Fraß, bestehend aus widerlichen Fettstreifen, mal ist es in einem lateinamerikanischen Restaurant ein 5-Sterne-Mahl zum fairen Preis. Für 2.600 Tögrög (noch mal zum Vergleich: Eine Stunde Internet kostete 1.000 Tögrög) bekamen wir Reis mit Bohnen, Milchshake Tropical und eine leckere Nachspeise. Dabei lief im Fernseher eine Musiksendung, und ich konnte glatt vergessen, wo ich mich denn nun eigentlich befinde. 

Nach einer Wanderung bot uns in der Innenstadt ein Mann an, die Wanderstiefel zu putzen. Da diese wirklich staubig und vom Dreck verkrustet waren, sagten wir zu. „Papa“ legte los und ließ Bürste und Lappen schwingen. Voilà, nach dem Putzen sahen die Stiefel wirklich aus wie neu! Und das war noch nicht alles! Es folgte die Staubprobe. Der Schuhputzer ließ Staub auf die eingecremten Stiefel rieseln, und der Staub "perlte" ab. Genial! Zufrieden? Gebt mir 10.000 Tögrög! Na ja, es wurden dann doch 1.000 Tögrög (umgerechnet drei US-Dollar). Dies war für mongolische Verhältnisse immer noch sehr viel Geld, doch war dieses wirklich das Putzen wert. 

09. Oktober 2000: Was für ein irre Nacht! Wir bekamen noch zwei weitere Personen in unser Zimmer. Ein Chinesin und eine Australierin mit Glasauge schliefen auf dem Fußboden. Action war angesagt. Die Frau aus Kamerun sägte die ganze Zeit, die Männer raschelten ständig mit den Schlafsäcken, die Australierin polterte im Dunkeln durch das Zimmer. Irgendwann muss ich dann doch kurz mal eingeschlafen sein, denn ich träumte gleich von zwei Frauen. Ein einziges Hin und Her. Im Traum brach sich die eine Freundin den Fuß, und dann doch nicht. Mit der anderen Freundin lag ich in irgendeinem Lager und kuschelte wie verrückt. Meine Güte, es wird langsam Zeit die Reise fortzusetzen. Bereits vier Wochen liegen hinter uns. Eine Reise quer durch Polen, Weißrussland, Russland / Sibirien und die Mongolei. All die Eindrücke, all die Erlebnisse! Vergleiche ich diese Tour mit der siebenwöchigen Reise quer durch Brasilien im Sommer 1996, so muss sich diese wahrlich nicht verstecken. Was haben Jan und ich gelacht! 

Allein die Fahrt zum Flughafen! Wir wollten einfach mal schauen, was dort so geht! Mit dem Bus 22 hin, mit dem Bus 11 zurück. Wieder wurde keinerlei Rücksicht genommen. Wer zuerst kommt, sitzt zuerst. Drei bis vier Personen drängten sich auf eine Sitzbank, dabei wurden die Pinienkerne geknackt. Die Schalen flogen auf den Boden der Busse. Zwischen Schneide- und Eckzahn wurden die Pinienkerne geklemmt - und dann, knack! Mir brachen schon beim Zuschauen gedanklich die Zähne. Hinter uns saßen freche mongolische Kinder, die uns am Nacken krabbelten, ein Papa liebkoste sein knautschiges Kind, ein Junge drängelte sich im Fledermausanzug durch den Bus. Der Bus fuhr bereits an, da sprangen noch die letzten Fahrgäste auf. Manche zahlten, manche nicht. Es ging äußerst robust zu. Doch immerhin: Alte Personen mit traditioneller Tracht wurden durchgelassen. Als wir schließlich wieder zurück ins Hostel kamen, mussten wir feststellen, dass die Australierin im Badezimmer eine Tropfsteinhöhle verursachte. Im irre heißen Bad hatte sie die klitschnasse Wäsche einfach auf Leinen und Ränder gehängt. 

Von der netten Frau im Hostel wurden wir schließlich zum Bahnhof von Ulaanbaatar gebracht. Unser Zug gen China rollt an, Jan und ich haben unsere Betten im Viererabteil bezogen. Mit uns im Abteil sitzen zwei Mongolen. Voll im Business. Mit zirka 70 km/h rattern wir über die eingleisige Strecke. Ein Fahrgast hatte bereits in Moskau einen Hund gekauft, der nun mit bis Peking fuhr. Das Fell rollte sich, und an alle Ecken wurde einfach so hingestrullert. Herrchen wischt die Pfützen weg und holt sich dann einen Tee. Die mongolisch-chinesische Grenze nähert sich. Bei uns am Abteil vorbei kommen zwei deutsche Rucksacktouristinnen und ein junger Seefahrer von den Färöer-Inseln. Wir plauschen, trinken und tauschen uns aus. Ob wir in Peking was zusammen machen wollen? Aber klar, klingt gut! Gebongt! China, wir kommen! 

Anmerkung Juni 2018:

Die Einwohnerzahl von Ulaanbaatar hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt. Von 760.000 auf 1,31 Millionen. Vermutlich würde ich diese Stadt kaum wieder erkennen. Wo damals das einsame Flussfer am Rande der Stadt zu sehen war, stehen jetzt zahlreiche Wohnbauten. Und auch im Stadtzentrum hat sich das Antlitz komplett gewandelt... Kurzum: Ich muss mal eines Tages wieder hin, aber wahrscheinlich werde ich ein wenig den Schmuddelcharme vermissen. ;-)

Fotos: Marco Bertram, Jan N.

> zur turus-Fotostrecke: Mongolei

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Klasse Bericht, wie immer! Du solltest definitiv ein Buch mit all deinen Erfahrungen und Eindrücken auf Reisen um die Welt veröffentlichen ;-)

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Verrückt!!

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