Sibirisches Tagebuch 2001: Alltag und Feldarbeit auf einer Datsche bei Irkutsk

 
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MB 25 Mai 2018
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Eine halbe Stunde müssen wir im alten klapprigen Ikarus-Bus aushalten, bis wir weit vor den Toren von Irkutsk aussteigen und durch die Siedlung „Schneeglöckchen II“ spazieren dürfen. Wir schreiben den 22. Juni 2001, und unser Ziel ist die Siedlung „Kinematografist“, die auf einem Sandweg erreichbar ist. Vor rund 20 Jahren - also Anfang der 80er Jahre - wurde der hiesige Kiefernwald gerodet, und auf dem sandigen, leicht hügeligen Terrain wurden Parzellen eingerichtet, die für 240 Rubel im Jahr vom Staat gepachtet werden können. Die Fahrt mit dem Bus hierher kostete vier Rubel, für Rentner sind die Fahrten kostenfrei. Gemeinsam mit Sascha (45) und seiner Mutter (70) sind wir hierher gefahren, um auf dem Grundstück behilflich zu sein. Das kleine Kartoffelfeld ist von Disteln überwuchert und muss einmal richtig gesäubert werden. Jeden zweiten Tag fährt Saschas Mutter mit dem Ikarus-Bus raus zur Datsche, doch eher selten übernachtet sie in dem Holzhaus. Der Grund: Es gibt sowohl keinen Strom als auch kein fließendes Wasser. Von einem verlegten Rohr muss das Wasser herangetragen werden, im Dezember wird dann schließlich der Haupthahn bis zum kommenden Frühjahr abgedreht. 

Bevor es draußen in der brennenden Sonne an die Arbeit geht, trinken wir am Küchentisch einen Kaffee und sprechen über die Verhältnisse hier in der Siedlung „Kinematografist“. Vor geraumer Zeit wurde eine Kooperative gegründet, doch der Vorsitzende tue quasi nichts, obwohl die Pächter Geld für fließendes Wasser gesammelt hatten. Was man hier auf dem Boden anbauen könne? Kartoffeln, Sanddorn und Obststräucher! Das Problem: Auch die Disteln mögen den sandigen, jedoch sehr fruchtbaren Boden. 

Gut, also dann raus aufs Feld! T-Shirt ausgezogen und ran ans Tageswerk! Die Sonne knallt, die Bremsen stechen permanent in Nacken, Arme und Beine. Während mir nach drei Stunden der Rücken schmerzt, lässt sich die 70-jährige Frau in gebückter Haltung nichts anmerken. Alle zwei Wochen müsse sie auf dem Kartoffelfeld jäten, damit die Knollen überhaupt eine Chance haben, prächtig groß zu werden. Ist sie einmal durch, kann sie quasi an der anderen Seite wieder von vorn beginnen. Während ich an dem garstigen Unkraut ziehe, halte ich kurz inne. Stille. Wind. Ein leises Zirpen. Wenig später trägt der Wind die leisen Klänge russischer Musik herbei. 

Gegen 17 Uhr gibt Sascha schließlich ein Zeichen. Es reicht für heute! Lasst uns ins Haus gehen. Sascha bereitet auf dem Herd ein Essen vor. Aufgrund des im Ofen entfachten Feuers wird es in der rustikalen Küche noch heißer. In der Pfanne brutzeln Speck und Kartoffeln in Öl. Dazu gibt es Smetana (Sahne), Salat und Radieschen. Fehlen darf auch nicht der starke schwarze Tee, der mit selbst gemachter Marmelade gesüßt wird. Draußen gießt Mama noch fleißig die Gemüsebeete mit einer Gießkanne und einer Dose. 

Ich lasse die Blicke schweifen. Die Küche hat blaue Wände, an den Fenstern hängen von den Motten angefressene Vorhänge, auf einem Fensterbrett steht ein aufgezogener mechanischer Wecker. In einer Ecke stehen Gartengeräte, auf einer uralten Couch sammeln sich ein paar Insekten. Stille. Nur das leise Ticken des Weckers und das Knistern des Feuers sind zu hören. Nach der Gartenarbeit hatten wir uns draußen mit Wasser aus der Tonne gewaschen. Das zentrale Wasserrohr erreicht man auf ausgelegten Baumstämmen, die über eine feuchte Wiese führen. 

Ich frage Sascha, ob es hier denn Bären und Wölfe gibt. Wölfe? Nein, eher nicht. Dafür aber verwilderte Hunde, und diese seien weitaus schlimmer als Wölfe. Sibirien! Ob man theoretisch hier in diesem Haus den Winter verbringen könnte? Holz sei genug im Dachboden vorhanden, aber ob das Dach wieder die Schneelast trägt? Im Frühling weiß man jedes Jahr genaueres. 

Ich kann mich in dieser Küche einfach nicht satt sehen. Zwischen Fenster und Gardine haben sich ein paar Fliegen verfangen. Als Spüle dient ein aufgehängter Eimer. Auf einem Wägelchen steht eine Milchkanne, an der Wand befinden sich an Haken diverse Alutöpfe und eine Petroleumlampe. Hier werden wahrlich Kindheitsträume wahr! Keine gespielte Wildnis in den Wäldern vor den Toren Berlins. Hier befinden wir uns in echter Wildnis. In sibirischer Wildnis! Ich bin überwältigt. Ein ähnliches Gefühl hatte ich fünf Jahre zuvor, als wir mit einem Schiff den Amazonas entlangfuhren. 

Ich frage Sascha, ob ich mich im Haus weiter umschauen darf. Nur zu! Er rührt weiter in der Pfanne und schmeckt ab. Im Schlafzimmer stehen zwei Betten mit grünen Decken, an den Wänden befinden sich Teppiche. Ich gehe weiter in den Vorbau des Hauses, an dessen Fenster schiefe Fensterläden hängen. An einer Wand hängt ein Kalender. CCCP 1991. Eine modisch gekleidete Frau ziert das Titelbild. Auf einem kleinen Nierentisch steht eine Schüssel mit einer Zange. In einer Ecke fristet ein Reisigbesen sein Dasein. Eine riesige (!) schwarze Waldameise krabbelt über den Fußboden. Mein Blick fällt auf eine Rolle Klopapier, die aus Angarsk stammt, und eine Zeitung vom 25. Mai 1995. 

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Ja, es gab hier sogar mal Elektrik, erklärt Sascha, doch eines Tages wurden die Leitungen einfach wieder abgeklemmt. Mit der Pfanne in der Hand schlurft er über den zerschlissenen Läufer und bittet zu Tisch. Draußen wäscht sich Mama an der Tonne die Hände und setzt sich zu uns an den Tisch. … Gegen 22 Uhr sind wir zurück in Irkutsk und setzen uns in Galinas Holzhaus an den Küchentisch.

17 Jahre später. Ich lese die handschriftlichen Einträge des sibirischen Reisetagebuchs und plötzlich sind im Kopf wieder sämtliche Details da. So, als wäre es gestern gewesen. Russland. Sibirien! Eines Tages möchte ich wieder hin! Ob Sascha noch in Irkutsk lebt? Ich werde es rausbekommen! 

Fotos: Marco Bertram

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Damals kam Putin frisch an die Macht...

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