Staniszów und Chojnik: Von Burg zu Burg im polnischen Riesengebirge

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 27 Januar 2018    
 
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Im August 1979 blickte ich das erste Mal als Sechsjähriger von der Schneekoppe aus in Richtung Polen. Meine Eltern verbrachten mit mir den Urlaub auf der tschechischen Seite. Die ausgedehnten Wanderungen in jenem Sommer haben sich im Gedächtnis fest eingebrannt. 16 Jahre später - im Juni 1995 - kehrte ich zurück ins Riesengebirge. Mit einem guten Freund fuhr ich mit der Bahn bis Jelenia Góra, von dort aus starteten wir eine Rucksacktour quer durch das Riesengebirge. Angefangen auf der polnischen Seite, später dann weiter durch die Berge und Täler der tschechischen Seite. Inmitten der zahlreichen Reisen um die halbe Welt - zwischen 1993 und 1996 ging es wochenlang quer durch Nordamerika, Ägypten und Brasilien - war es die Stadt Jelenia Góra, in die ich mich verguckt hatte. Ich hatte mich zu jener Zeit in die riesige brasilianische Metropole Rio de Janeiro verliebt und in die eher überschaubare polnische Stadt Jelenia Góra. Es sind häufig nicht nur die sichtbaren Dinge, wie Gebäude, Landschaft, Struktur, Gastronomie, sondern auch die unsichtbaren Schwingungen, die Zuneigung und eine feste Bindung zu einem bestimmten Ort entstehen lassen.

jelenia Gora

Da seit 2007 zudem eine familiäre Verknüpfung zu Jelenia Góra / Cieplice besteht, führt der Weg mehrmals im Jahr ins Vorland des Riesengebirges und manch einen Winkel kenne ich bereits so gut wie meine Westentasche. Zuerst im Tragesystem, dann auf der Schulter und nun an der Hand geht es mit dem größeren Sohn von Cieplice aus zu den dort befindlichen Burgen. Seit einem Jahr ist auch oft der jüngere Nachwuchs dabei, wenn es zur Burg Chojnik geht. Fragt man mich, wie ich mir einen optimalen Ausflug mit einem Kind vorstelle, dann erkläre ich: In der dortigen Region finde ich wirklich alles, was uns glücklich macht. Aus diesem Grund stelle ich nun eine hübsche Wanderroute vor, die an einem Tag zu schaffen ist, jedoch (mit einem kleineren Kind) nicht völlig aus der Kalten angegangen werden soll.

Cieplice

Gestartet wird an der Hauptstraße in Cieplice. Am dortigen Supermarkt mit dem Marienkäfer im Logo zweigt eine asphaltierte Straße ab, die direkt nach Staniszów (einst Stonsdorf) führt. Vor noch wenigen Jahren bestand diese Straße hinter Cieplice aus Schotter, doch seitdem in einem Tal eine große neue schmucke Siedlung mit Blick auf die Schneekoppe entsteht, wurde der einstige Feldweg durchgängig asphaltiert. Bei heißem Wetter kann dieser freie Abschnitt ein wenig ermüdend sein, doch hinter Staniszów geht es dann in die Wälder. Zuvor sollte jedoch im Ortskern von Staniszów ein Päuschen eingelegt werden.

Staniszow

In einem kleinen Laden kann man sich etwas zu trinken, Gebäck oder ein abgepacktes Eis kaufen. Auf einer Bank oder im Garten der Kirche kann man sich schließlich niederlassen und die Ruhe genießen. Mit etwas Glück hat an der kaum befahrenen Durchgangsstraße die kleine Gaststätte auf. „Mama“ kocht dort im Sommerhalbjahr vor allem für Ortsansässige, die schubweise vorbeischauen und für einen schmalen Taler die leckeren, schlichten Speisen genießen. Die Tür offen steht auch für Ortsfremde. Einfach reinschauen und fragen, was gekocht wurde. In unserem Fall war es beim ersten Mal eine richtig schmackhafte Tomatensuppe mit reichlich Nudeln drin. Die Basis bildet eine in Ruhe ausgekochte Fleischbrühe, der Tomatengeschmack ist eher dezent, mein damals 5-Jähriger Sohn haute den Teller weg in Null Komma Nix. Seitdem gibt es auch zu Hause ab und an eine Suppe nach dieser Rezeptur. Wir nennen sie einfach nur „Staniszów-Nudeln“.

Nudeln

Am Ortsausgang von Staniszów folgt man dem Wanderweg zur Heinrichsburg (Zamek w Staniszowie / Zamek Księcia Henryka), die im Jahr 1806 errichtet wurde. Im neugotischen Stil ließ dort der Bauherr für seine Geliebte ein Jagdschloss mit Aussichtsturm auf dem dortigen Berg Grodno entstehen. 1842 wurde das Gebäude in die heute noch bestehende Form umgebaut. In dem Sinne eine Burg war das Gebäude nicht, vielmehr wurde mit viel Liebe und Phantasie ein poetischer Ort nach eigenen Kreationen geschaffen. Reste im Umfeld der Burgruine lassen vermuten, dass es noch ein weiteres Gebäude gab. Lange vor der Heinrichsburg schien es im Mittelalter eine Befestigung auf dieser Anhöhe gegeben haben, in den 1980ern gefundene Scherben aus dem 13. Jahrhundert deuten zumindest darauf hin.

wandern

Die Heinrichsburg verfiel indes immer mehr und geriet weitgehend in Vergessenheit. Bei meiner ersten Wanderung fand ich dort in der Tat nur eine verlassene Ruine im Wald vor. Von 2015 bis 2016 tat sich jedoch einiges. Die Burgwände wurden stabilisiert, der Aussichtsturm wurde komplett saniert. Seit dem 30. April 2016 ist dieser begehbar. Im Sommerhalbjahr befindet sich oben eine Person, die den Eintritt kassiert und Souvenir-Artikel verkauft. Hat man Glück, sind ein paar Waldarbeiter tätig, die ein kleines Feuer prasseln lassen. Mein Söhnchen staunte nicht schlecht, als ihm das eine Mal ein gegabelter Stock und ein frisch belegtes Brot gereicht wurde. Prosze! Auf die Glut legen und das Brot grillen. Auch mit rudimentären polnischen Sprachkenntnissen kommt man schnell ins Gespräch.

Zamek Henryka

Von der Zamek Henryka aus gelangt man querab auf einem schmalen Pfad hinab zum Weg, der nach Marczyce führt.Hinter der kleinen Ortschaft muss man ein paar Meter der befahrenen Straße 366, die am kleinen Stausee Zbiornik Sosnówka vorbeiführt, folgen. Für mich hieß es auf diesem Abschnitt der Tagestour: „Papa, auf die Schulter!“ Und das, als er bereits sechs und sieben Jahre alt war. Sobald es wieder in die freie Natur ging, lief er dann wieder auf eigenen Füßen vorneweg. An der scharfen Rechtskurve der Straße 366 biegt man links ab und wandert immer geradeaus durch die Ortschaft Podgórzyn, die sich über zwei Kilometer weit hinzieht und aus den Teilen „Dolny“ und „Górny“ besteht. Im oberen Ortsteil stößt man rechte Hand auf eine alte abgestellte rot-gelbe Straßenbahn, die daran erinnert, dass der Nahverkehr in Jelenia Góra und Umland einst zu Teilen auf der Schiene abgewickelt wurde.

Polen

Von Podgórzyn aus erfolgt eine sehr reizvolle Etappe bis zur Burg Chojnik. Durch Wald und über Wiesen folgt man den Weg bis nach Zachełmie (Saalberg), das sich auf rund 500 Metern Höhe befindet und einst nach dem Dreißigjährigen Krieg als Hirtensiedlung gegründet wurde. Sich anschauen kann man dort die Villa „Pan Twardowski“ (benannt nach einer berühmten Ballettmusik), in der zeitweise von 1947 bis 1952 der bekannte polnische Komponist Ludomir Rózycki wohnte und wirkte. Am Neujahrstag 1953 verstarb Rózycki in Katowice. Für den Wanderer weiter geht es nun wieder in die Wälder, die Kynastburg (Zamek Chojnik) vor Augen. Den Berg, auf der sich die bekannte Burg befindet, besteigt man von der Rückseite aus. An der Weggabelung sitzt zu Stoßzeiten meist ein Mitarbeiter des Nationalparks und kassiert den Eintritt. 6 Zloty bzw. 3 Zloty (über 6 Jahre) sind fällig, wenn man den Karkonoski Park Narodowy, zu dem auch der Berg mit der Burg Chojnik als „Exklave“ gehört, betreten möchte.

Kynast

Der Aufstieg hoch zur Burg ist äußerst reizvoll, und vor allem für Kinder stellt dieser stufige Pfad ein Abenteuer dar. Oben angekommen durchquert man ein kleines Steintor und erreicht nach ein paar Metern den Haupteingang der Burg Chojnik, deren Grundmauern Ende des 13. Jahrhunderts errichtet wurden. Nach und nach wurde die Burganlage, über die es zahlreiche Sagen und Mythen gibt (Stichwort Prinzessin Kunigunde), ausgebaut. Die Burg galt als uneinnehmbar. So wurde sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts gegen einfallende Hussiten erfolgreich verteidigt. Zerstört wurde sie dann allerdings trotzdem, und zwar durch einen Blitzschlag am 31. August 1675. Die Anlage brannte zu großen Teilen aus und wurde daraufhin aufgegeben. In der Folgezeit war die Burgruine ein beliebtes Ausflugsziel - und das ist sie auch heute noch.

Chojnik

Bereits 1822 ließen die Schaffgotschs, denen die Anlage gehörte, eine Gaststätte und eine Basis für Bergführer errichten. Auch in der Gegenwart ist es möglich, außerhalb des eigentlichen Burggeländes die im Anbau befindliche Schankstube zu besuchen und dort eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken. Im Frühjahr und Sommer ist es möglich, in einem Garten zu sitzen, im Winterhalbjahr wird drinnen ein Kamin mit Holz befeuert. Die warme Luft strömt aus dem Rachen eines aufgebauten Drachens, und an den Wänden hängen ritterliche Utensilien. Bei einem frisch gezapften Bier lässt es sich dort zu jeder Jahreszeit prima sitzen und die Gedanken treiben zu lassen. Geschlossen ist die Burg nur, wenn die Wege des Nationalparks aufgrund der Witterung geschlossen sind. Ist es mild - wie zuletzt an den Weihnachtstagen - kann auch im Winter hinaufgestiefelt und oben was gefuttert und geschlürft werden. Es war schier unglaublich, wie viele Wanderer - meist Eltern mit Kindern - am ersten Weihnachtsfeiertag oben anzutreffen waren.

Chojnik

Für die eigentliche Burganlage muss Eintritt gezahlt werden, doch auch hier ist der Preis für polnische Verhältnisse sehr moderat, und eine Besteigung des Turmes ist in jedem Fall eine lohnende Angelegenheit! Die Aussicht von oben ist großartig, und der Abstieg auf der engen Treppe ist vor allem für kleine Kinder ein echtes Abenteuer, bei dem auch schon mal vor lauter Schreck ein paar Tränchen fließen können. Aber wie war das im Fall meines Sohnes, als er vier, fünf Jahre alt war? Oben Rotz und Wasser geheult vor Angst. Kaum hatten wir jedoch unten den Turm verlassen, rief er: „Papa, noch maaaaal!“

wandern

Von der Kynastburg aus wandert man nun am besten zurück nach Cieplice. Hierbei gibt es drei Möglichkeiten: Ganz easy dem roten gepflasterten Weg bis unten folgen. Auf halber Strecke rechts abbiegen und den schwarzen Weg mit einer kleinen Kletterpartie auf Felsen nehmen. Oder aber wieder auf der Rückseite die treppenartigen Steinstufen nach unten gehen. Trifft man auf den grünen Wanderweg, biegt man nach rechts ab und folgt dem grünen Weg, bis dieser auf den roten Weg stößt. Am Ende des roten Weges befinden sich das kleine Kassenhäuschen der Nationalparkverwaltung und ein großer Verkaufsstand, an dem den Kindern die Augen übergehen. Pfeil und Bogen, Armbrust, Holzschwerter, bemalte Schilder, Ritterhelme, Figuren, Felle… Zum Glück sind auch in diesem Fall die Preise wirklich fair. Ich glaube, seit 2013 musste ich dort schon zehnmal die Geldbörse zücken.

Polen

Am Ortseingang von Sobieszów gibt es linke Hand eine wirklich gute Einkehrmöglichkeit, in der es reichlich zu essen und trinken gibt. Ist der Magen noch gut gefüllt, kann gewartet werden, bis Cieplice erreicht wird. Einen guten abschließenden Tipp habe ich schließlich noch! Zuerst folgt man der Hauptstraße quer durch Sobieszów. Kurz vor dem Ortsausgang biegt man an der kleinen Straße Polna ab und folgt dem Weg vorbei an dem kleinen See, der bei Anglern sehr beliebt ist. Auf verschiedenen Wegen ist es möglich, Cieplice zu erreichen. Den Park Norweski zu finden, ist nicht schwer. In diesem befindet sich das große Holzhaus „Pawilon Norweski“, das derzeit gerade saniert wird und kürzlich seine dunkle Farben verloren hatte.

Polen

Nebenan am Ententeich befindet sich eine kleine nette Lokalität mit Wintergarten. Was soll ich sagen? Einfach wunderbar! Bestimmt hundertmal habe ich dort bereits gesessen. Im Winter am lodernden Kaminfeuer, im Sommer draußen auf den rustikalen Holzbänken. Die Preise bleiben seit Jahren stabil. Eine Portion Frytki für 4,50 Złoty, ein großes frisch gezapftes Bier für fünf Złoty. Ein idealer Ort, um mal richtig zu entspannen. Ganz gleich, ob allein oder ob mit Kumpels oder dem Söhnchen an der Seite. Als Verdauungsspaziergang empfiehlt sich noch eine Runde im gegenüber liegenden Park Zdrojowy, der vor wenigen Jahren komplett instand gesetzt wurde und abends in angenehmer Form beleuchtet ist. Nach der Parkdurchquerung erreicht man die schmucke Fußgängerzone von Cieplice, wo wir die vorgestellte Wanderroute abschließen wollen…

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen aus Polen

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