Mit dem Zug von Sankt Petersburg nach Usbekistan: Vodka, Wüste und viele neue Freunde

Autor: Anika     veröffentlicht am 21 Dezember 2017    
 
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Im Sommer 2013 führte uns eine dreiwöchige Reise nach Usbekistan, weil wir die Gegend um die alte Seidenstraße kennenlernen wollen. Um entspannt und stressfrei unterwegs zu sein, entschieden wir uns, den kompletten Weg von Hamburg über Moskau und Sankt Petersburg nach Usbekistan und Kasachstan mit dem Zug zurück zu legen. Das längste Teilstück war die Verbindung Sankt Petersburg - Turtgul (Usbekistan), für das wir vier Tage brauchten. Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet, stiegen wir allein in den Zug und hatten vier Tage später eine ganze Hand voll neuer Freunde gefunden.

Taschkent

Obwohl der Zug bereits um 7:34 Uhr vom Moskowskiy Woksal abfahren soll, finden wir uns eine halbe Stunde früher dort ein und sind nicht wenig überrascht als wir unser Gleis erreichen. Dieses ist durch eine Polizeikette abgesperrt, vor der viele Männer, größtenteils Usbeken im mittleren Alter, stehen und warten. Dahinter herrscht geschäftiges Treiben, man eilt auf und ab, ruft sich gegenseitig etwas zu, trägt Gepäck hin und her. Warum genau die Polizei hier steht, können wir nicht erkennen. Weil wir aber nicht so richtig wissen, was wir sonst machen sollen, versuchen wir einfach, an den Uniformierten vorbei zu unserem Zug zu kommen und ernten dabei zwar viele ungläubige Blicke, aber immerhin keine Zurückweisung.

Der Schaffner, der an unserem Waggon an der Tür steht, schaut uns ähnlich ungläubig an wie die Polizisten und fragt uns mehrfach, ob wir wirklich nach Usbekistan wollen. Mit diesem Zug. Nachdem wir ihm glaubhaft versichern konnten, dass das der Plan ist, dürfen wir einsteigen und bekommen von seinem Kollegen Abdullah unser Abteil gezeigt.

Es ist ein typisches Viererabteil, wie man es in Russland in jedem Zug vorfindet, der länger als zwei Stunden unterwegs ist: zwei Liegen oben, zwei unten, dazwischen ein schmaler Gang und ein kleiner Tisch - unsere Bleibe für die nächsten vier Tage. Weil wir nicht erwarten, kurzfristig Gesellschaft zu bekommen, lagern wir das Gepäck oben und machen es uns unten gemütlich. Später sollen wir noch Bettwäsche für die Matratzen bekommen, die auf den oberen Liegen eingerollt liegen.

Russia

Draußen auf dem Bahnsteig ist unterdessen der Teufel los. Es herrscht ein wildes Durcheinander an Usbeken, die Gepäck und Waren über den Bahnsteig schleppen, ohne selbst einzusteigen. Der Zug ist ein zuverlässiges Transportmittel für alles Mögliche und mit ein paar Rubeln Handgeld für die Schaffner offenbar auch günstiger als die Post und mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich schneller. Woher am Ende irgendwer wissen soll, welche Tasche wo abgeladen wird, ist uns ein großes Rätsel, denn die Taschen sehen alle gleich aus. Blau-weiß-rot kariert, aus Plastik, mit Henkel und Reißverschluss, wahlweise extra in Frischhaltefolie verpackt. Nachdem viermal so viele Taschen wie Passagiere im Zug untergekommen sind und nach einer Notbremsung auch das allerletzte Gepäckstück eingeladen wurde, können wir auch schon los.

Russia

In den nächsten vier Tagen werden wir von Sankt Petersburg aus über Wolgograd an die russisch-kasachische Grenze fahren, am Kaspischen Meer entlang Kasachstan durchqueren und schließlich nach Usbekistan einreisen. Der Zug fährt eigentlich bis in die Hauptstadt Taschkent durch, aber weil wir Usbekistan ein bisschen besser kennenlernen wollen, werden wir in Turtgul in der Nähe unseres ersten Ziels, Chiva, aussteigen.

Zwei Tage werden wir auf russischen Schienen verbringen und jeweils einen auf kasachischen und usbekischen. Obwohl wir in Sankt Petersburg noch sehr weit von unserem Zielland entfernt sind, sehen wir ab dem Zeitpunkt, an dem wir den Zug betreten, fast ausschließlich Usbeken. Von Russen und Kasachen ist weit und breit keine Spur.

Ticket

Die beiden Schaffner scheinen anfangs etwas überfordert mit uns - offenbar zählen Ausländer nicht allzu oft zu ihren Fahrgästen. Wir bekommen jedenfalls noch während wir frühstücken eine Tischdecke - wahrscheinlich die einzige im ganzen Zug - geliefert und werden vor einer Abfahrt meist auf Vollzähligkeit kontrolliert.

Ansonsten haben die beiden den Waggon aber komplett im Griff. Zwischendurch fegt einer den Flur mit einem kleinen Handbesen. Später wird auch mal durchgelüftet – mit Raumspray. Als im Laufe des Tages die einzige Rolle Toilettenpapier zur Neige geht, wird ein Tuchspender der usbekischen Bahn neben die Toilette gestellt. Alles muss seine Ordnung haben.

Zug

Gegen Nachmittag lernen wir den Chefkellner kennen, als dieser mit einem Plastikkorb voller Wasser, Bier und Schnaps durch den Zug läuft und jeden fragt, ob er was essen wolle. Er würde es ja schließlich auch an den Platz bringen. Wir bestellen für später zwei Portionen Plov, von dem er behauptet, ihn selbst zubereitet zu haben. Das schreckt uns nicht ab, auch wenn wir nicht allzu viel Vertrauen in die Hygienestandards an Bord haben. Zur Not ist die Reiseapotheke voll ausgestattet.

Plov ist ein usbekisches Nationalgericht bestehend aus angeschmortem Hammelfleisch, das mit Wasser und Reis gekocht wird. Hört sich komisch an, schmeckt aber sehr gut und führt zu keinerlei Beschwerden. Leider sind nach dem Essen fast alle Rubelreserven aufgebraucht und wir auf unsere US-Dollar angewiesen, die wir eigentlich zum Tauschen in Usbekistan dabei haben.

Rossia

Da die Landschaft nicht so abwechslungsreich ist, dass sie ein abendfüllendes Programm bietet, holen wir später das Reise-Scrabble raus, was die Neugier des Kellners auf seiner nächsten Runde weckt. Da er keinerlei Englisch- oder Deutschkenntnisse besitzt und unsere Russisch- und Usbekischkenntnisse äußerst beschränkt sind, können wir ihm das Spiel nicht ernsthaft näher bringen. Er setzt sich trotzdem eine Weile zu uns und versucht zu helfen. Später schaut ein Schaffner ins Abteil, sieht uns spielen und ruft lauthals: „DOMINO!“ Als wir „Nein, Scrabble“ antworten, geht er weiter. Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass er betrunken ist.

Am Abend, als wir eigentlich gerade ins Bett gehen wollen, klopft es an der Abteiltür und es werden ein Mann im mittleren Alter mit wenig Haaren und viel Bauch und sein Sohn ins Abteil geschoben. Wir sollten die Tür schließen, es würde nur ganz kurz dauern. Ah ja. Gut.

Wir bieten unseren beiden Gästen also einen Platz an und kommen mit dem Vater ins Gespräch. Er erzählt uns, dass er viele Jahre in Deutschland gearbeitet hätte. Sein Job bestand darin, Autos zu kaufen und sie dann zurück in seine usbekische Heimat zu fahren -  10.000 Kilometer im sieben bis acht Tagen. Sportlich. Jetzt lebe er aber mit seiner Familie in Russland, weil sie Oppositionelle wären und in Usbekistan nicht mehr arbeiten könnten. Er wäre früher Rechtsanwalt gewesen und dürfe heute nicht mehr praktizieren, seiner Frau ginge es als Schuldirektoren genauso. Als diese wegen offener Kritik am Präsidenten zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, flohen sie nach Russland. Er kommt aus der Nähe von Chiva, unserem ersten Ziel in Usbekistan, und fährt mit seinem Sohn in den Ferien dorthin zurück. Solange er sich nicht länger als ein oder zwei Monate dort aufhielte, hätte er wohl auch keine Probleme mit den Behörden.

Er verrät uns zum Schluss noch seinen Namen, den wir sofort wir vergessen, was ihm nicht entgeht. Nach einigen Versuchen gibt er auf und meint, wir könnten ihn auch Boris nennen, denn so nenne man ihn in Russland auch. Boris steigt mit uns gemeinsam in Turtgul aus und will sich darum kümmern, dass wir ein Taxi bekommen, das uns zu einem angemessenen Preis nach Chiva bringt. Toller Typ, wir sind seine Fans.

Nach einer Viertelstunde ist, wie wir vermuten, die behördliche Kontrolle, ob sich nicht mehr Personen im Zug befinden als Platz haben, beendet und unsere Gäste verlassen uns wieder. Eine ungewöhnliche Begegnung, aber auf diese Weise haben wir schnell einen neuen Freund gefunden. Am nächsten Morgen werden wir nämlich von Boris mit “Guten Morgen, Fräulein!” und “Guten Morgen, Kamerad!” begrüßt.

Auf dem Gang macht Denis später Bekanntschaft mit Sanat, der uns im Laufe des Tages immer wieder besucht und sich erkundigt, ob es uns noch gut geht. Sanat ist ein Poser aus dem Bilderbuch. Schätzungsweise Ende Zwanzig, mehr Gel als Haare auf dem Kopf, immer von einer Parfümwolke umgeben und trägt selbst hier im Zug, wo jeder um Gemütlichkeit bemüht ist, Jeans und Hemd, die er regelmäßig wechselt.

In einem Zug, der mehrere Tage unterwegs ist, sind Tageszeiten irgendwann genauso relativ wie die Notwendigkeit sein Bett zu machen. Du lebst halt einfach irgendwie in den Tag hinein, liest ein Buch, schaust aus dem Fenster und beobachtest, wie sich nach und nach die Landschaft verändert, oder machst einfach zu jeder Uhrzeit, die dir passt, Mittagsschlaf. So kommt es dazu, dass wir am Nachmittag gerade beim Zähneputzen sind als der Waggonchef unsere Pässe benötigt. In der kommenden Nacht sollen wir nämlich die russisch-kasachische Grenze überqueren und dafür müssen erste Vorbereitungen getroffen werden.

Im Nachbarabteil sitzt plötzlich eine junge Dame, die eine Liste aller Passagiere anfertigt. Und weil es eine Diskrepanz zwischen den kyrillischen Buchstaben, mit denen die Liste zu führen ist, und unseren Pässen, die in lateinischer Schrift geschrieben sind, gibt, wird unsere Hilfe benötigt. Ich nenne ihr also unsere Namen, korrigiere die Aussprache, zeige auf die Passnummern und muss ein paar Mal unsere Nationalität aufsagen. Sie notiert schließlich „деыч“, deutsch.

Wolgograd

Gegen 19:30 Uhr erreichen wir Wolgograd, wo wir etwa eine halbe Stunde Aufenthalt haben. Nachdem sich herausgestellt hat, dass von den Händlern am Bahnsteig niemand unsere US-Dollar-Noten haben will und sich ein Geldautomat in der Bahnhofshalle befindet, schnappe ich mir die Kreditkarte und mache mich stilecht in Adiletten auf den Weg. Als ich gerade die Treppe zur Unterführung heruntersteigen will, höre ich viele Leute hinter mir schreien und pfeifen und drehe mich um. Nicht weil ich mich angesprochen fühle - mich kennt hier ja niemand - sondern aus Neugier.

Es stellt sich heraus, dass mich hier doch eine Menge Leute kennen. Nachdem ich dem Schaffner und der Dame mit der Liste unsere Namen aufsagen musste, wissen nun natürlich auch alle Nachbarn wie wir heißen und rufen mich. “Anika! Anika!” Sie bedeuten mir wild gestikulierend, wieder hoch zu kommen. Ich bin gleichzeitig verwirrt, weil ja noch eine Viertelstunde Zeit bis zur Abfahrt ist, und gerührt, dass sich alle Sorgen machen, ich könnte die Weiterfahrt verpassen. Ich versichere den Nachbarn, dass ich mich beeilen würde, und besorge uns schließlich ein paar Rubel, mit denen wir über die Runden kommen sollen.

Wie verabredet, bekommen wir bei Abfahrt aus Wolgograd Besuch vom Chefkellner. Heute steht Lagman, ein usbekisches Gericht mit Spagetti, auf der Karte. Weil wir nun wieder ein paar Rubel haben, wollen wir den Preis verhandeln, denn mit US-Dollar ist das absolut unmöglich gewesen. Und auch die 320 Rubel (etwa acht Euro), die er für zwei Portionen berechnet, erscheinen uns etwas zu hoch.

Wir versuchen ihm also zu erklären, dass wir glauben, dass alle anderen viel weniger bezahlen müssten als wir. Er versucht uns zu erklären, dass es sich um feste Preise handelt, an denen er nichts machen könne. “Eto Restoran, ni Basar!” Sicherheitshalber nimmt er unser Scrabble-Spiel und legt das Wort „Restoran“. Wir einigen uns schließlich auf 300 Rubel und müssen zumindest nicht hungrig schlafen gehen, denn es soll eine anstrengende Nacht werden.

Der Grenzübergang nach Kasachstan steht nämlich an und so werden wir gegen 3:00 Uhr durch ein Klopfen an der Abteiltür geweckt. Noch im Halbschlaf befindlich stellen wir fest, dass unsere Schaffner echte Uniformen mit einem sauberen weißen Hemd und Aufnähern der usbekischen Bahn besitzen. Bisher sind sie in verwaschenen blauen Hemden ohne irgendeine Aufschrift herumgelaufen. Außerdem tragen sie sogar Dienstausweise. Unser Waggonchef heißt also Ahmed. Interessant.

Irgendwann ist die russische Seite der Kontrolle abgeschlossen und wir dürfen uns wieder hinlegen, denn die Einreise nach Kasachstan soll erst vier Stunden später erfolgen. Als es schließlich so weit ist, werden wir von Ahmed geweckt, der mit einer Grenzbeamtin im Schlepptau in der Tür steht und fast akzentfrei “Denis, steh auf!” ins Abteil ruft. Nun geht das ganze Spiel von vorn los. Pässe zeigen, Migration Card ausfüllen, versuchen, dem Passbild möglichst ähnlich zu sehen, nicht einschlafen. Zum Schluss kommt ein junger Zollbeamter vorbei, schaut sich um und fragt etwas auf Russisch. Wir geben ihm zu verstehen, dass wir ihn nicht verstehen, also macht er die Armbewegung eines Mannes, der ein Gewehr abfeuert und sagt: „Pjiew, pjiew! Njet?“ Kopfschütteln. Nein, wir haben keine Waffen dabei. Er nickt zufrieden und zieht von dannen. Wir nicken zufrieden und legen uns hin.

Nachdem es in Russland fast nur Wald und kleine Ortschaften mit baufälligen Häusern und Plumpsklos zu sehen gab, stellt sich die Landschaft in Kasachstan schon etwas sehenswerter, wenn auch nicht direkt abwechslungsreich, dar. Wir sind über Nacht in der Wüste angekommen, keine reine Sandwüste, sondern eine mit Gräsern und kleinen Büschen bewachsene.

Kasachstan

Hier fahren wir nun schon deutlich öfter durch Dörfer und Städte und halten viel häufiger an. Neben der Strecke gibt es teilweise kilometerlange Holzzäune, die dazu da sind, im Winter den Schnee von den Gleisen zu halten. Das Land ist nämlich sehr flach, es kann hier echt windig werden und im Winter auch ziemlich frisch. Hin und wieder kommen wir an Seen vorbei, die mal mehr, mal weniger, ausgetrocknet sind. Sind sie sehr trocken, haben sie meist eine dicke weiße Salzkruste, weil das Grundwasser hier etwa fünfzig Mal salziger ist als die Ostsee vor Rügen.

Der Ausblick in Kombination mit dem regelmäßigen Rattern des Zuges und dem mittlerweile komplett abhanden gekommenen Zeitgefühl sorgt dafür, dass diese Zugfahrt mittlerweile zu einer reinen Entspannungsfahrt geworden ist. Die Landschaft bietet nicht so viel, dass man Angst haben müsste, etwas zu verpassen, und doch genug, um nicht komplett gelangweilt zu sein. Die anderen Fahrgäste dösen ebenfalls in ihren Abteilen vor sich hin, es ist relativ warm, niemand hat Termine, niemand ist erreichbar. So geht Entschleunigung.

Kamel

Irgendwann im Laufe des Nachmittags kommt unser neuer Freund Boris, dem wir in der ersten Nacht kurzzeitig Asyl gewährt hatten, auf einen Plausch vorbei. Er erzählt uns, dass er fünf Kinder und ein paar Enkel hat und mit seinem jüngsten Sohn, der schätzungsweise zehn ist, seine älteren Töchter besucht. Seine Frau müsse in Russland bleiben, weil sie ja in Usbekistan verurteilt ist und ins Gefängnis müsste.

Bevor er wieder geht, schreibt er uns zur Sicherheit zwei Telefonnummern auf, unter denen wir ihn erreichen können, falls wir in Chiva Probleme bekommen sollten. Es ist unglaublich, wie gastfreundlich und offen die Usbeken sind.

Usbekistan

Gegen Abend bekommen wir Besuch von Sanat und Abdullah, dem Kollegen des Schaffners. Sanat fragt, ob wir Vodka trinken wollen und als wir verneinen, weil warmer, purer Vodka nur was für Genießer ist, holt er die Flasche raus und macht sie in unseren Bechern leer. Wir hatten auch nicht ernsthaft geglaubt, uns dagegen wehren zu können.

Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass Sanat als Security in Sankt Petersburg arbeitet und aus Samarkand kommt, wo wir später auch noch einen Halt einlegen wollen. Er lässt sich also aufschreiben, wann wir ankommen und in welchem Hotel wir übernachten, denn er will uns unbedingt vom Bahnhof abholen und seine Stadt zeigen. Zur Sicherheit schreibt auch er uns ein paar Telefonnummern auf, falls Fragen oder Probleme aufkommen sollten.

Die komplette Kommunikation erfolgt in Bruchstücken auf Englisch und Russisch unter Zuhilfenahme von Händen, Füßen und Bildern im Reiseführer. Nebenbei bringen sich Denis und Abdullah gegenseitig ihre Sprachen bei. Ersterer kann jetzt „Rahmat“ sagen und letzterer „Danke“. Ein älterer Mann gesellt sich schließlich noch zu uns und lässt sich ein weiteres Mal unsere Reisepläne für Usbekistan erklären. Und weil noch nicht genug Leute da sind, kommt  noch Sanats Schwester Rahman vorbei.

Irgendwann springen alle ohne ersichtlichen Grund auf und verlassen uns mit dem Hinweis, dass wir nun schlafen gehen müssten. Wir sind zwar ein wenig verwirrt, aber auch nicht ganz undankbar, denn ein halbvoller Blechbecher warmen Vodkas ist nicht der beste Muntermacher. Und außerdem müssen wir für den Grenzübergang nach Usbekistan, der für die Nacht geplant ist, zumindest ansatzweise frisch sein.

Wer auf die dämliche Idee gekommen ist, den Zuglauf so zu gestalten, dass beide Grenzübergänge zwei aufeinanderfolgende Nächte lang andauern müssen, hat wahrscheinlich nicht so viele Freunde. Und zwar zurecht. Die Ausreise aus Kasachstan dauert von 23:00 bis 0:30 Uhr, die Einreise nach Usbekistan von 2:00 bis 5:00 Uhr. Es gibt das volle Programm mit Pass- und Zollkontrollen, Formularen, Unterhaltungen, wohin die Reise uns führt und was wir beruflich machen.

Eine Einreise nach Usbekistan ist nämlich für Ausländer nicht so einfach. Da die Regierung hier doch schon etwas autoritärer ist als wir es aus Europa gewohnt sind, kommt uns das Ganze ein bisschen befremdlich vor. Man möchte nämlich keine Journalisten oder andere Störenfriede wie Hilfsorganisationen im Land haben. Daher ist es den Grenzbeamten sehr wichtig zu klären, womit wir unser Geld verdienen.

Als das mit Müh und Not erledigt ist, kommt das nächste Problem: die Migration Card für Usbekistan. Da in Usbekistan wie gesagt einiges ein bisschen anders und vor allem sehr bürokratisch zugeht, muss man bei der Einreise nicht nur Namen, Herkunft und Passnummer angeben, sondern auch den Grund der Reise, wann man endlich wieder ausreist, auf welchem Wege man ein- und ausreist und welche Länder daran beteiligt sind, wie viele Atomwaffen, Drogen und andere Schmuggelwaren man dabei hat und – ganz wichtig – wie viel Bargeld sich im Reisegepäck befindet. Ein Ausländer darf nämlich nicht mehr Geld ausführen als er einführt. Eine gute Methode, um sicherzustellen, dass die Touristen wenigstens Geld im Land lassen, wenn sie schon unbedingt kommen müssen.

Prinzipiell klingt das noch nicht nach einem Problem. Es entwickelt aber zu einem, sobald sich herausstellt, dass die englische Übersetzung der Migration Card es noch nicht an den kasachisch-usbekischen Schienengrenzübergang geschafft hat und nur die russische Variante zur Verfügung steht. Ahmed erbarmt sich schließlich und sagt uns vor, was wo angekreuzt und eingetragen werden muss.

Nach dieser ganzen Aufregung dürfen wir schließlich doch nach Usbekistan einreisen und können schon in der Nacht feststellen, dass sich das Bild des Zuges hier schlagartig verändert. Es bestätigt sich unsere Vermutung, dass in Russland und Kasachstan nicht so stark darauf geachtet wurde, dass auch jeder Fahrgast eine Fahrkarte hat. Dafür steigen nun umso mehr Leute ein, die irgendwo untergebracht werden wollen und teilweise schon etwas zwielichtig daherkommen.

Da  unsere Schaffner penibel darauf achten, dass es den Ausländern gut geht und sie weder beklaut noch belästigt werden, bekommen wir schließlich einen unerwarteten Übernachtungsgast auf einer der oberen Liegen: Ahmed, den Schaffner. Die komischen Typen, die eigentlich in unser Abteil wollten, werden dafür im Schaffnerabteil untergebracht. Die Usbeken sind so unheimlich fürsorglich.

Usbekistan

Im Laufe des nächsten Vormittags wird unser Zug zu einem Basar. Immer mehr fliegende Händler steigen zu und verkaufen nun den ganzen Tag über alle lebenswichtigen Waren. An erster Stelle stehen Sim-Karten und Handys, danach kommen Akkus und Ladekabel, für jedes noch so alte Modell ist das entsprechende Zubehör im Angebot. Meist von Frauen werden Brot, Wasser und Eis verkauft. Außerdem gibt es Kleidung, Spielzeug und – was am besten riecht – Trockenfisch. Damit auch jeder im Zug weiß, welche tollen Angebote er verpasst, laufen die Verkäufer unaufhörlich die Gänge entlang und bieten jedem ihre Waren an. Selbst die Tür zu schließen hilft nur bedingt.

Die entspannte Stimmung ist also endgültig dahin und als wäre das nicht schon stressig genug, kommen nun auch noch zwei Leute ins Abteil, die tatsächlich Fahrkarten inklusive Reservierungen für die oberen Liegen haben. Die beiden sind zwar nicht so kommunikativ wie unsere neuen Freunde, aber dennoch sehr angenehm, weil nicht anstrengend. Und weil wir sowieso bereits in Aufbruchsstimmung sind, sind die Rucksäcke mittlerweile zusammen gepackt und warten auf den Ausstieg.

Dann ist es plötzlich 16:30 Uhr und wir erreichen planmäßig Turtgul, wo wir von allen Nachbarn herzlich verabschiedet werden und Sanat uns nochmals versichert, dass er uns in Samarkand vom Bahnhof abholt.

Anschließend werden wir Zeugen von dramatischen Szenen als etwa 200 Taschen gleichzeitig ausgeladen werden. Alle Wartenden am Bahnsteig drehen auf Kommando durch, rennen und schreien durcheinander und werfen sich gegenseitig Gepäck auf die Anhänger. Es ist ein bisschen wie in Sankt Petersburg, nur ohne einen befestigen Bahnsteig. Auch hier ist für uns nicht erkennbar, woher die Leute wissen, welche Taschen für sie gedacht sind. Vielleicht lassen sich überraschen und tauschen bei Bedarf.

Usbekistan

Wir teilen uns im Anschluss ein Taxi mit Boris und seinem Sohn. Ersterer notiert sich das Kennzeichen des Wagens und die Handynummer des Fahrers und ist erst beruhigt als der Fahrer ihn angerufen hat, nachdem er uns am Hotel abgesetzt und Denis ihm persönlich versichert hat, dass alles in Ordnung ist. Sanat wird uns später zwar nicht vom Bahnhof in Samarkand abholen, dafür aber im Hotel besuchen, uns seine Stadt zeigen und uns ins Stadion Samarkand bringen, wo Dinamo auf Schurtan trifft.

Ich bin anschließend nie wieder in einem Land gewesen, in dem Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft so stark ausgeprägt waren wie in Usbekistan. Neben den wundervollen Städten der Seidenstraße sind vor allem die Menschen in sehr guter Erinnerung geblieben, die uns jederzeit freundlich empfangen haben, Spaß daran hatten, über ihr Leben zu berichten und sich nicht mal zum Dank haben einladen lassen.

Bericht und Fotos: Anika

> zum Reiseblog der Autorin: zug-nach-irgendwo.de

> zur turus-Fotostrecke: Russland

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