Mit dem Fahrrad von Kairo nach Kapstadt: „Tour d’Afrique“ von Hardy Grüne

JP 10 Februar 2013
 
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Hardy Grüne

AfrikaÜber Hardy Grüne braucht man wohl keine großen Worte mehr verlieren. Oft genug wurde jenes FAZ-Zitat wiederholt, mit dem er 2006 zum „Gedächtnis des Fußballs“ gekürt wurde. Dieser Ritterschlag zeigt, wer seit Jahren Fußballliteratur auf konstant höchster Qualität abliefert, und das auch quantitativ in einer beeindruckenden Anzahl. Auf seiner Homepage sind mehr als dreißig veröffentlichte Bücher aufgeführt. Mit dem im Januar 2013 erschienenen „Tour d‘Afrique“ eröffnet Grüne ein neues Kapitel seines Schaffens. Der gebürtige Dortmunder berichtet hier von seinen Erlebnissen beim namensgebenden längsten Radrennen der Welt. 

Seit einigen Jahren ein passionierter Hobbyradler, möchte er sich neuen Herausforderungen stellen, und bei einer Rundfahrt mit Gleichgesinnten antreten. Eigentlich war die Radrallye Paris – Dakar geplant, die aber im Mai 2010 aus politischen Gründen abgesagt wurde. Acht Monate später steht Grüne in Kairo. Fast 12.000 Kilometer auf dem Rad liegen vor ihm. 94 Etappen mit durchschnittlich 123 Kilometern Länge. Durch zehn Länder. Mit dem Zielort Kapstadt. Festen Willens, die Tour zu überstehen, obwohl er dadurch etliche Tagesabschnitte wird bewältigen müssen, die deutlich länger sind, als jede jemals von ihm gefahrene Strecke. Doch diese Tour ist ein Lebenstraum. Ein Traum, von dem Grüne selbst lange nicht wusste, dass er in ihm steckt. „Aber manchmal sucht man eben nicht die Träume, sondern wird von ihnen gefunden“, so der Autor im Vorwort. 

AfrikaBereits nach wenigen Etappen ist man als Leser vollkommen gefangen von diesem Abenteuer. Grüne nimmt uns mit auf einen Trip durch einen zerrissenen Kontinent, aber auch durch seine Seele. Reflexionen über sein berufliches und privates Leben finden hier ebenso statt wie der auf so einer Radrundfahrt sicherlich bei jedem Menschen auftretende Kampf gegen den inneren Schweinehund. Manche Etappen verbringt Grüne auf dem Truck, zu seinem großen Ärgernis nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern teilweise auch aufgrund lähmender Lethargie. Doch er kämpft sich zurück ins Rennen und entwickelt einen neuen Ehrgeiz, welcher dazu führt, dass der als Hobbyradfahrer und Tourist angetretene Wahl-Göttinger nach vier Monaten als Dreizehnter des Gesamtklassements über den Zielstrich rollt, sogar mit einem Etappensieg und drei zweiten Plätzen im Gepäck. 

Hinter ihm liegen Etappen voller betörend schöner Natur, bei der er sich oftmals ärgert, diese nur im Schnelldurchlauf vom Rad kennenzulernen. Ebenso durchqueren die Fahrer aber auch langweilige und unwirtliche Landschaften, nahezu nicht passierbare Offroad-Passagen und besonders in der Nähe von Großstädten oft lebensgefährliche Strecken. So manches Mal rettet nur der Sprung in den Straßengraben. Und als Lohn für die Strapazen winkt am Tagesende oftmals ein Camp, welches den Mindestansprüchen des durchschnittlichen Mitteleuropäers in keinster Weise gerecht wird. Dennoch klagt Grüne nicht, sondern ist sich stets der Einmaligkeit seiner Reise bewusst, saugt jeden Moment in sich auf und ist selbst nach den offenen Feindlichkeiten und Betteleien der Straßenkinder in Äthopien am Ende milde gestimmt. 

Nach der Lektüre der insgesamt 279 Seiten kann man nur den Hut vor den zahlreichen Erlebnissen ziehen und möchte sofort selbst nach Afrika. Grüne ist hier ein einmaliges Dokument eines außergewöhnlichen Radrennens gelungen, das süchtig macht. Mit zwei ganz kleinen Schwächen: Tendenziell werden die Tagesberichte gegen Ende der Tour kürzer, was angesichts der monatelangen Strapazen und sich immer wiederholender Ereignissen aber nachvollziehbar ist. Zudem würden sich die Leser sicherlich über mehr Fotos freuen. Diese gibt es allerdings unter http://hardygruene.wordpress.com en masse. Ich denke, dass nach dieser Rezension keine gesonderte Kaufempfehlung mehr ausgesprochen werden muss. Denn wer die Zeilen tatsächlich bis hierhin gelesen hat, ohne zwischenzeitlich im Buchladen seines Vertrauens oder in einem Onlineshop gewesen zu sein, wird dies sicherlich gleich nachholen. 

(279 Seiten / Delius Klasing Verlag / 19,90 €)

Fotos: Kalleman (Archivaufnahmen)

> zur offiziellen Webseite von Hardy Grüne

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