Extrem unangenehm: Wandern bei schwerem Gewitter

 
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UnwetterEs ist das üble Szenario schlechthin: Mit dem Rucksack auf dem Rücken quer durch die Lande ziehen - ganz gleich, ob in den Bergen oder im Flachland - und ein schweres Unwetter zieht auf. Das Tagesziel ist noch nicht in Reichweite und ein Unterschlupf ist weit und breit nicht auszumachen. Augen zu und durch. Der Regen pladdert, die Blitze zucken, die Dunkelheit bricht ein, die letzten Kraftreserven müssen mobilisiert werden. So geschehen auch auf der über 1.000 Kilometer langen Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze von Prex nach Priwall. Wochenlang schönes Wetter, und dann doch noch kurz vor der Ostsee das dicke Ende. Nachfolgend ein Tagebucheintrag von der Grenztour 2003.

Das letzte Stück von Selmsdorf nach Dassow sollte es in sich haben. Bereits gut 40 Kilometer lagen hinter uns, und bis zum Tagesziel würden es noch einmal 8 Kilometer sein. Es war bereits halb acht, und die Sonne rötete den mit Wolken behangenen Horizont.
Zur anderen Seite hin sah es weitaus weniger romantisch aus. Eine tiefgraue Schlechtwetterfront zog über den Dassower See hinweg. Geradewegs in unsere Richtung. Diesmal schienen wir nicht ungeschoren davonzukommen. Zwar waren die heranziehenden Wolken noch ein Stück entfernt, doch es grummelte bereits bedrohlich.
Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Bundesstraße 105 zu nehmen. Noch übler wäre jedoch die B 104 gewesen. An der Kreuzung hinter Selmsdorf sahen wir, was auf sich auf dieser so abspielte. LKWs donnerten heran und bildeten an der Ampel eine lange Schlange. Auf dem Randstreifen wäre dort kaum Platz zum Laufen gewesen. Auf der Bundesstraße 105 ging es dagegen gemächlicher zu.

WolkenNicht nur die untergehende Sonne und die grauen heranziehenden Wolkenfronten waren der Grund für die plötzlich eintretende Finsternis, sobald wir die Bundesstraße betreten hatten. Hohe Bäume bildeten ein dichtes, undurchdringbares Blätterdach, so dass Warnschilder darauf hinwiesen, auch tagsüber mit Scheinwerferlicht zu fahren. Die Situation war gespenstisch. Hinter uns der blutrote Horizont, vor uns die dunkle Allee und zur linken Seite die finsteren Wolken.
Ein Blick auf die Uhr, ein Blick auf das Kilometerschildchen. Kilometer 1,2. Ich zog das Tempo langsam an. Sülsdorf wurde bei Kilometer 2,5 passiert. Rasch wurde es dunkler, und ebenso schnell fuhren die Fahrzeuge an uns vorüber. Der weiße Seitenlinie hatte ein Profil, so dass Autofahrer sofort hörten, wenn die Reifen diese Linie berührten. Die Bäume und die Leitplanke standen dicht zur Straße. Es blieb nicht allzu viel Platz, und das Laufen auf der holprigen Seitenlinie nervte.
Sobald die Bundesstraße direkt am Dassower See vorbeiführte, begann es zu regnen. Erst zaghaft, dann stetig heftiger. Wind kam auf. Böen fegten vom See kommend über das Feld, rauschten in den Baumkronen und zerrten an meinem Regenumhang. Die entgegen kommenden Fahrzeugen spritzten das sich auf dem Asphalt sammelnde Wasser empor. Ich drückte mich an die Leitplanke. Wieder und immer wieder. Karsten war bereits ein ganzes Stück hinter mir. Ich sah ihn nicht mehr. Ich beschloss, an Tempo zuzulegen. Mal sehen, was so ging. Nicht mehr viel an jenem Tag. Ich konnte die Kilometerschildchen auf der gegenüber liegenden Seite nicht mehr erkennen. Ich hetzte kurz hinüber. Ein Blick auf die Uhr, kurzes Durchrechnen der restlichen Zeit. Es musste schneller gehen. Der Regen peitschte, und ich musste mich immer häufiger an die Leitplanke drücken, sobald ein Scheinwerfer in der kommenden Kurve auftauchte.

altIch beschloss, auf dem Feld neben der Straße weiterzugehen. Und siehe an, die dunkelbraune Erde war gar nicht so matschig und weich wie befürchtet. Längst wurde abgeerntet und neu gepflügt. Vereinzelte Stoppeln ragten aus den kleinen Furchen. Nun war ich dem Regen und dem Wind noch mehr ausgesetzt. Nicht aber mehr den Fahrzeugen, die in der Dunkelheit gar nicht mehr auswichen. Es grollte und donnerte. Ein Blitz schlug zuckend in einiger Entfernung ein. Ich fragte mich, was schlimmer sei. Vom Blitz erschlagen oder von einem Schwerlaster überrollt zu werden.
Ein Geländewagen stand plötzlich vor mir auf dem Feld. Er war erst sehr spät auszumachen. Ich schaute durch das Seitenfenster. Ein Mann und ein Mädchen hielten Ferngläser vor den Augen und starrten in Richtung See. Ich hob beim Vorbeigehen kurz die Hand zum Gruß. Ein fragender Blick folgte als Antwort. In vielleicht fünfzig Meter Entfernung stoben zwei junge Wildschweine davon. Ich musste sie sehr erschreckt haben, denn ihr Tempo war enorm. Sie waren noch recht klein, und von einem großen Keiler oder einer aufgebrachten Bache war weit und breit nichts zu sehen. Trotzdem beschloss ich, auf der Straße weiterzugehen. Doch nicht wegen weiterer möglicher Wildschweine, sondern wegen dem immer sumpfiger werdenden Feld.
Grauschwarz zeigte sich die mit kleinen kräuselnden Wellen bedeckte Wasserfläche des Dassower Sees zwischen den Bäumen der Allee. Alles hatte nun eine einzige finstere Farbe angenommen. Nur im Westen glimmte noch leicht das Rot der untergegangenen Sonne. Noch zwei Kilometer bis zum Ort. Ein Grenzturm tauchte plötzlich auf. Direkt an der Straße stand er dort mutterseelenallein und fristete sein Dasein. Bei Tageslicht hätte er vor dem Wasser bestimmt ein gutes Motiv abgegeben, doch nun war nichts zu machen. Ein rascher Blick musste genügen.

Meine Gedanken wechselten wieder zu dem dunklen Wasser des Dassower Sees. Ich erinnerte mich an die Sturmnächte auf der herbstlichen Nordsee vier Jahre zuvor. Zwar waren die kleinen Kräuselwellen wohl nichts gegen die heftigen erlebten Brecher auf der Nordsee vor der niederländischen Küste, doch die Gesamtatmosphäre um den Dassower See passte ganz gut zu dem damaligen Szenario. Das schwarze Wasser, der peitschende Wind, der Regen, die finsteren Wolken, das Grummeln. Das Rauschen der Baumkronen hätten auch die herannahenden Wellen sein können. Ich wünschte mich sehnlichst schnell nach Dassow. Die Weltuntergangsstimmung behagte mir nicht. Mir war sie nicht geheuer, und ich fürchtete die Autos, LKWs und Traktoren. Bei letzteren kletterte ich sogar über die Leitplanke hinweg, sobald ich nur das Geräusch in der Ferne vernahm. Ich wollte nichts riskieren. Nicht so wenige Kilometer vor dem Gesamtziel.
Schließlich war auch diese Etappe geschafft. Die ersten gelben Lichter von Dassow tauchten auf. Karsten traf zehn Minuten später am Ortseingang ein. Er schwärmte von seinen ersten, in freier Wildbahn gesehenen Wildschweinen, die so putzig über das Feld rannten.

An Zelten war in dieser Nacht nicht zu denken. Zwar hatte es inzwischen aufgehört zu regnen, doch unsere Schuhe waren nass, und es wurde empfindlich kalt. Wir folgten der Hauptstraße durch den Ort. Feucht glänzte das Kopfsteinpflaster im trüben Licht der Laternen. Dassow war wie ausgestorben. Kein Gasthaus war auszumachen. Nur ein griechisches Restaurant lockte mit viel Licht und einer üppigen Speisekarte, doch in dieser Montur wollten wir dort nicht auftreten. Wir beschlossen, eine Ferienwohnung oder eine Pension ausfindigzumachen.
Direkt neben einem Bäcker wurden wir auch schnell fündig. »Zimmer frei« war auf einem Schild an der Haustür zu lesen. Ich klingelte. Durch das Türfenster sah ich eine junge Frau die Treppe hinunterkommen. Ich lächelte. Sie staunte. Wir fragten nach einem freien Doppelzimmer, und sie rief ihre Mutter herbei. Der Preis belief sich auf 50 Euro ohne Frühstück, und wir ließen verlauten, dass wir später eventuell wieder kommen würden. Sie wies uns die Straße hinunter. Dort seien noch ein paar Pensionen, die wären eventuell preiswerter. Bei der ersten, an deren Haustür wir klingelten, war dem nicht so.
»60 Euro«, schranzte uns ein Mann im mittleren Alter unhöflich an.
»Und ohne Frühstück?«
»54.«
»Okay, wir kommen gleich wieder. Wir müssen nur erst einmal noch Geld abheben gehen!«

Wir ließen uns sicherheitshalber die Option offen.
Bei der ersteren Pension an der Bäckerei trafen wir nun allerdings auf geschlossene Pforten. Das Schild wurde schlichtweg umgedreht, und als wir klingelten, wurde das Licht im Obergeschoss ausgeschaltet. Man ignorierte uns. Wahrscheinlich sahen wir zu erbärmlich aus.
Das Glück war uns aber doch noch hold. Für 30 Euro erhielten wir für eine Nacht eine Ferienwohnung mit eigener Dusche und einem Fernseher, auf dem sogleich der Zwischenstand des Pokalspiels Dynamo Dresden gegen den Hamburger SV geprüft wurde.

Der 50-Kilometer-Marsch zeigte Spuren. Nun humpelte auch ich. Ich hatte mir auf dem dunklen, holprigen Feld das rechte Knie verdreht. Der abendliche Gang zum griechischen Restaurant war eine Qual, doch ein warmes Essen lockte. Zudem wollten Karsten und ich mit einem zünftigen Bier anstoßen.
Es war vollbracht, fast zumindest. Die neun oder zehn Kilometer am kommenden Tag würden wohl nicht mehr die große Hürde sein. Zeit zum Glücklichsein hatten wir an jenem Tag jedoch nicht mehr viel. Wir waren schlichtweg zu erschöpft. Wie ein Stein fiel ich auf mein Bett und schlief sofort ein. Ich träumte sehr realitätsgetreu, dass wir erst um 14 Uhr aufwachen würden und die Presse somit umsonst auf dem Priwall warten würde. Mitten in der Nacht schreckte ich auf und wusste nicht mehr, was Traum und Wirklichkeit war.

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