7 Tage kanadische Wildnis - mit wenig Nahrung an die körperlichen Grenzen

7 Tage kanadische Wildnis - mit wenig Nahrung an die körperlichen Grenzen

 
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MB 28 Januar 2022

Sieben Tage in der Wildnis. Einmal los - und kein Zurück mehr. Im Gepäck ein Brot, eine Salami, ein bisschen Kaffee, eine kleine Flasche Whisky und zwei Dosen baked beans. Das war’s! Deutlich zu wenig für zwei Personen, um den täglichen Energiebedarf decken zu können, der aufgrund der zu bewältigenden Gebirgspässe im Banff-Nationalpark recht hoch gewesen sein dürfte. In zwei Büchern wurde die denkwürdige Wanderung, die ich gemeinsam mit einem alten Schulfreund in Angriff genommen wurde, aufgegriffen, doch fühlte ich mich beim Sehen der YouTube-Serie 7 vs. Wild von Fritz Meinecke motiviert, das Ganze noch einmal aufzugreifen und im Detail Revue passieren zu lassen. Um es gleich vorweg zu nehmen, niemals zuvor und danach brachte mich eine Tour dermaßen an meine körperlichen Grenzen. Und zwar so sehr, dass es am Abend des vorletzten Tages nach dem Passieren des Pulsatilla Passes wirklich heikel wurde.

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Beginnen wir von vorn. Wir schrieben den Sommer 1993, als Jan und ich planten, eine vierwöchige Reise quer durch Nordamerika zu starten. Jan (damals 19) begann gerade in Berlin sein Studium, ich (damals 20) machte meine Elektroniker-Ausbildung in Leverkusen. Die finanziellen Möglichkeiten waren arg begrenzt, Jan tingelte in Berlin sämtliche Reisebüros ab und verglich die Flugpreise. Von den heutigen Möglichkeiten der Reiseplanung konnte man damals nur träumen. Sämtliche Informationen mussten offline herangeschafft werden, und selbst die Auswahl an brauchbaren Reiseführern war arg begrenzt. Dussmann und ähnliche Geschäfte gab es noch nicht.

Gleiches galt, was die Outdoor-Ausrüstung betraf. Zwar gab es durchaus erste kleinere Spezialgeschäfte wie Bannat, doch waren die Produkte für uns in keiner Weise bezahlbar. Von Fleecejacken und Highend-Schlafsäcken durfte ebenso nur geträumt werden wie von einer passablen Reiseführer-Abteilung oder einem world wide web, in dem man sich bequem sämtliche Infos zusammen klickt. Aufgrund unserer Touren zwei Jahre zuvor durch Frankreich und Belgien hatten wir zumindest schon mal zwei klassische Trekking-Rucksäcke und Isomatten am Start. Was den Schlafsack betraf, so legte ich mir - da es nachts in den kanadischen Rocky Mountains auch im Sommer recht kalt werden kann - einen neuen Dickeren zu. Das Problem daran: Er füllte bereits das mittlere Fach meines violetten Gestell-Rucksacks fast komplett aus. 

Baumwolle und Leder statt Polyester. In Sachen Bekleidung gingen Jan und ich es - teils notgedrungen, teils freiwillig - richtig rustikal an. Jeder zwei Jeans, eine Lederjacke, ein 0815-Regencape und irgendwelche Botten, mit denen man halbwegs laufen konnte. Die BW-Stiefel ließ ich allerdings dieses Mal daheim. Weniger wegen der praktischen Gründe. Viel mehr hatte ich Angst, aufgrund der Boots in New York oder Vancouver aufs Maul zu bekommen. Aus diesem Grund ließ ich auch lieber meine sowjetische Tarnjacke im heimischen Schrank. 

Die Vorbereitungen im Frühjahr 1993 waren arg rudimentär. Einmal in der Woche haute ich im Ausbildungswohnheim in Leverkusen-Schlebusch auf dem Flur etliche Münzen in das gemeinschaftliche Telefon und sprach mit Jan über den Stand der Dinge. Er hatte uns inzwischen die Flüge nach New York, zwei Canada Travel Passes von Greyhound und einen Reiseführer besorgt. Dank der Greyhound-Tickets konnten wir einmal hin und zurück quer durch Kanada reisen - Anschlussfahrten in die USA inklusive, und somit ging der Finger über den Schulatlas. New York, Montreal, Toronto, Sudbary, Thunder Bay, Winnipeg, Calgary, Vancouver, Seattle - und dann wieder zurück, so lautete der grobe Plan, der auch in die Realität umgesetzt wurde. Für eine Wanderung im Banff Nationalpark planten wir eine Woche ein. 

Flugticket und Greyhound-Pass waren bezahlt. Fehlte also nur noch das Taschengeld. Wie in den 90er Jahren üblich wurde für Übernachtungen quasi gar kein Geld eingeplant. In New York pennten wir zu Beginn der Reise im YMCA in der 63. Straße, vier Wochen später blieb uns nur noch das Nächtigen zwischen den Obdachlosen im Central Park. Die restlichen Nächte verbrachten wir während der Fahrt in einem der Greyhoundbusse, auf einer Parkbank in Montreal, auf den Busbahnhöfen von Vancouver und Seattle und halt im mitgebrachten Zweimannzelt in den kanadischen Bergen. Dass für warme Mahlzeiten in etwaigen Lokalitäten auch keine Moneten übrig blieben, dürfte sich von selbst erklären. Auf der Hand - in den Mund. Aus Büchsen, Verpackungen und irgendwelchen Bechern. Hauptsache es machte satt. Im Vergleich zur Irland-Reise vier Jahre später, als zwei Pint pro Tag in den Pubs Pflicht waren, war unser Alkoholkonsum in Kanada und den USA gleich null. 

Lassen wir die anderen Abenteuer weg und richten nun den Fokus auf die einwöchige Wanderung im Banff Nationalpark. Unsere Schuhe erwiesen sich nicht als wildnistauglich, und somit legten wir uns in einem Geschäft in Winnipeg zwei neue Lederstiefel zu, die im Grunde genommen nicht so übel waren aber zuvor hätten - ähnlich wie es bei DocMartens der Fall ist - gut eingetragen werden müssen. In einem Schließfach auf dem Busbahnhof von Calgary deponierten wir zudem ein paar Gegenstände, die wir beim Wandern nicht benötigen würden. Eine Hose und zwei Shirts mussten reichen. In einem Informationszentrum im Städtchen Banff erhielten wir eine „Park Use Permit“ von der Parkverwaltung. Wir gaben den Zeitraum 21. Juli 1993 bis 1. August 1993 an. Falls wir uns bis dahin nicht in Lake Louise melden würden, müsste ein Suchtrupp losgeschickt werden. Grob angegeben wurde eine Route: Bankhead, Cascade River, Cr6, Cr15, die „Grizzly Area“ nördlich des Flints Peak und schließlich der Pulsatilla Pass und Lake Louise. Während es südlich des Flint Peaks eingezeichnete Plätze gab, an denen man Zelten und Feuer machen durfte, wurde das nördliche Gebiet als „Random Camping Area“ (zufälliges Campen) markiert. Genau das Richtige für uns! Wenn schon, denn schon! 

Was die Bären betraf, so erhielten wir ein orangefarbenes Faltblatt, in dem die Verhaltensregeln nachzulesen waren. Nach Möglichkeit sollte man sich unterhalten oder ein Glöckchen am Rucksack tragen. Verpflegung sollte in einer Bärenbox abseits des Zeltes an einem Baum gehängt werden, und bei der Begegnung mit einem Schwarz- oder Braunbären sollte ruhig gesprochen und langsam rückwärts gegangen werden. Während bei einem Grizzly die Flucht auf die allerhöchste Baumspitze noch helfen könnte, ist diese bei einem Schwarzbären eher nicht möglich. Dass es indes in der Wildnis mehr Zwischenfälle mit Hirschen und Elchen gibt, erfuhren wir erst nach der Wanderung. Sorge bereiteten uns allerdings die Pumas, die in felsigen Gebieten anzutreffen sind. Wohl denn, für Nervenkitzel war gesorgt. Eine Möglichkeit des Notrufes würde es nicht geben, und wenn es hoch kommen würde, träfen wir auf einer einwöchigen Tour womöglich drei bis fünf Personen.

Ein Knackpunkt der Tour: Jan musste irgendetwas falsch verstanden haben. Er beteuerte immer wieder, dass es zumindest am ersten Rastplatz Cr6 eine Verpflegungsmöglichkeit geben würde. Wie denn, fragte ich. Vielleicht würde der Nachschub mit einem Helikopter gebracht werden, meinte Jan. Da wir anfangs einige Kilometer einer Straße folgen mussten, wollte Jan erst am Cr6 die weiteren Nahrungsmittel beschaffen. Bis dahin müssten Brot, Wurst und Wasser genügen. Ich blieb skeptisch, konnte mir das beim Blick auf die Karte nicht vorstellen und tingelte noch einmal in Banff in einen kleinen Store. Ich kaufte wenigstens noch zwei Büchsen Baked Beans und eine kleine Flasche kanadischen Whiskey. Ich Depp hätte noch paar Riegel und eine Ladung Tütensuppen holen sollen, doch wollte ich nicht als Lusche dastehen. Jan und ich waren ehrgeizig, trainierten damals Leichtathletik auf recht gutem Niveau und neckten uns gegenseitig, wenn es darum geht, dass man ein Weichei sein könnte. Im kanadischen Kaff Thunder Bay gab es deshalb auf dem Rastplatz schon einmal eine kleine Rauferei, weil mir mächtig der Kamm schwoll. 

Gut gelaunt ging es auf der Straße zuerst zum einstigen Bergbaustädtchen Bankhead, wo am Cascade Mountain reichlich Anthrazitkohle gefördert wurde. Die Ruinen der Ortschaft sind heute noch zu sehen, und auf einem alten Gleis stehen kleine Waggons, an denen der Zahn der Zeit stetig nagt. Lachend fertigten wir ein paar Fotos an und folgten dem Pfad zum markierten Rastplatz Cr6. Am Ende des Tagesmarsches erreichten wir den Cr6, und unsere Gesichter hätte mal jemand fotografieren sollen. Es war aber niemand da. Und nicht nur das! Der Rastplatz Cr6 war eine einfache Wiese auf der es eine offizielle Feuerstelle gab. Volltreffer! Jan befürchtete bereits, dass ich ihm einen Einlauf verpassen würde, doch blieb ich milde. Ich präsentierte stolz die beiden Büchsen Bohnen und die kleine Flasche Whiskey. Jan legte das Brot, die harte Wurst und das Päckchen Kaffee daneben. 

Dies war nun der Vorrat für eine Woche. Jeden Tag zwei, drei Scheiben Brot mit Salami. Als Highlight dürfte es an zwei Abenden am Feuer ein Portiönchen Bohnen geben. Dazu ein Schluck Whisky und eine Tasse Kaffee. Wir bauten unser Zelt auf und wägten ab. Zwei Tage würde es kosten, noch einmal zurück nach Banff zu laufen, um weitere Nahrung zu kaufen. Da wir auf den Fund von Blau- oder Preiselbeeren hofften, fassten wir den Entschluss: Das muss ohne weiteren Nachschub zu schaffen sein. Wasser würden wir so oder so an Bächen und Quellen reichlich zur Verfügung haben. Und dies war das A und O. 

Recht bald züngelten die Flammen unseres Feuers empor und das Wasser für den kommenden Tag wurde abgekocht. Dieses schmeckte allerdings widerwärtig rauchig und war kaum genießbar. So hatten wir uns das nicht vorgestellt! Bereits am zweiten Tag tranken wir das Wasser frisch aus den Bächen. Allerdings wurde uns das eine Mal mulmig, als wir ein paar Kilometer weiter feststellen durften, dass sich das Bächlein aus einem großen morastigen Teich speiste. Wir sahen bereits vor dem geistigen Auge den Elch durch das trübe Wasser waten und fröhlich hinein kacken. In den Höhenlagen sollte es dieses Problem nicht geben. In jenen war das Wasser kristallklar und sehr erfrischend. Allerdings speiste sich die dortigen Bäche teilweise aus den Gletschern und Schneefeldern, sodass das kühle Nass teils sehr mineralienarm war und noch mehr Durst verursachte.

Die ersten zwei Tage verliefen prima, die Natur zog uns in ihren Bann, und die ersten Blasen an den Füßen konnten gedanklich noch verdrängt werden. Als wir am zweiten Tag einem Japaner begegneten, konnten wir ein bisschen beruhigt sein, denn dieser war noch spartanischer unterwegs. Dieser hatte gerade ein Austauschsemester und wollte einfach mal ein bisschen wandern gehen. Auch er hatte die „Grizzly Area“ nördlich des Flints Peak anvisiert, was wir uns jedoch kaum vorstellen konnten. Der gute Mann hatte nicht einmal ein vernünftiges Messer dabei und kam quasi in Turnschuhen daher. Seine gute Laune war allerdings eine echte Hausnummer. Sorgen vor den Braunbären? Wieso das denn? 

Am Morgen des dritten Tages haute sich Jan in einen plätschernden, eiskalten Bergbach, und ich jagte indes die süßen Murmeltiere über eine Wiese. Noch glich der Pfad einem Wanderweg in einem typischen Mittelgebirge. Dies sollte sich spätestens am Badger Pass ändern. Erste Zweifel, ob eine Tour in die unmarkierte Region nördlich des Flints Peak einen Sinn ergeben würden, ergaben sich am dritten Tag. Der Pfad wurde anstrengender, die karge Ernährung zeigte Wirkung, und auch die frisch gekauften Lederstiefel forderten ihren blutigen Tribut. Hinzu kam, dass unsere Landkarte ein einfacher Faltplan war, der auch die Umrisse der Märkischen Schweiz festhalten könnte. Im Prinzip musste sich stets an den markanten Bergspitzen orientiert werden. Der Rest ergab sich meist von selbst. Als wir nahe des Flints Peak an einen ersten Bach stießen, der keine Brücke, sondern nur einen umgestürzten Baum als Überführung hatte, führten wir ein ernsthaftes Gespräch. Sachlich und ohne jugendliches Tamtam. 

Es folgte die Entscheidung, die womöglich unser Leben gerettet hatte. Wir kehrten wieder um, liefen vier, fünf Kilometer zurück und wählten die etwas kürzere Route über den Badger Pass und den Pulsatilla Pass nach Lake Louise. Und allein diese Strecke würde uns einiges abverlangen! Und dann kam er doch noch - unser jugendlicher Hochmut. In einem traumhaft schönen Tal bauten wir an einer Feuerstelle unser Lager auf und trafen auf eine dreiköpfige Truppe, die reichlich Erfahrung mitbrachte und einiges zu erzählen hatte. Unter ihnen stellte sich einer als Native aus Arizona vor, der in seiner Heimat Klapperschlangen züchtete und gern in der kanadischen Wildnis die Abwechslung suchte. Er zollte uns aufgrund unserer simplen Ausrüstung eine Menge Respekt, bestaunte unsere durchtrainierten Waden und gab am Feuer einige Anekdoten zum Besten. Als er uns wenig später etwas von den gekochten Nudeln anbot, lehnten wir freundlich ab und meinten, dass alles in bester Ordnung sei. Wie dumm konnte man nur sein! Am kommenden Morgen sahen wir die Essensreste im Bach liegen, damit diese nicht den Essengeruch verströmen würden. Eine Empfehlung nahmen wir jedoch mit: Immer hübsch am Abend rings um das Zelt pinkeln und somit das eigene Revier markieren. Dies könnte bei Bären helfen - muss es aber nicht.

Die kommenden drei Tage wurden hart. Die Stimmung schwankte von einem Extrem ins andere. Mal waren wir völlig von den Socken beim Blick auf die Hochebenen und zerklüfteten Berghänge, mal waren wir mit den Gedanken nur bei den arg schmerzenden Füßen und beim Essen. Was für ein Heißhunger! Die beiden Bohnenbüchsen waren längst Geschichte, die Flasche Whiskey hatten wir brüderlich mit dem Native geteilt. Etwas trockenes Brot und salzige Salami waren nun das Einzige, was uns etwas Energie gab. 2.703 Meter hoch ging es auf den Badger Pass, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den Bonnet Peak und den Hickson Peak hat. Die dortige Landschaft ist schlichtweg der Wahnsinn und belohnte für jegliche Mühen und Anstrengungen. Mit guten Wanderstiefeln und einem vernünftigen Vorrat an Futtereien wäre diese Tour ein einziges Gedicht gewesen.

So aber gerieten wir ab dem fünften Tag an unsere körperlichen Grenzen und hatten mit dem Pulsatilla Pass einen weiteren Brocken vor uns. Dieser Pass befindet sich zwischen dem Johnston Tal und Lake Louise, und auf der Höhe von zirka 2.300 Metern darf ein beeindruckender Bergsee bewundert werden. Etwaige Gedanken an herumstromernde Braunbären kamen inzwischen nur noch selten auf. Einfach nur noch durchkommen, lautete die Devise. Wir begegneten in der Folgezeit keinen weiteren Menschen und waren somit völlig auf uns allein gestellt. Beim nächsten Mal hätten wir ganz gewiss die Einladung zu gekochten Nudeln angenommen. So aber blieb uns am Abend des vorletzten Tages nur ein kläglicher Rest der Wurst.

Nieselregen setzte ein, als wir auf einem Hochplateau dem schmalen Pfad folgten. Ich verfiel in Trance, starrte auf den Boden und forderte immer wieder das letzte Stück Wurst. Ich konnte nicht mehr, der Hunger übermannte mich. Nur noch wenige Kilometer, dann würden wir das Zelt aufbauen und die Wurst verspeisen, erklärte Jan, der nun vorne lief und das Tempo vorgab. Während sein Akkustand vielleicht bei zehn Prozent lag, näherte sich bei mir die Nadel dem Nullpunkt. Noch nie in meinem Leben war ich dermaßen erschöpft. Und als die Nadel den Nullpunkt berührte, ließ ich mich nach hinten fallen. Aus. Vorbei. Das war’s! Mir war in jenem Moment alles egal. Der Nieselregen fiel auf mein Gesicht. Ich dämmerte vor mich hin und wollte nie wieder aufstehen. Ich ahnte, dass es dies gewesen sein könnte.

Jan ergriff die Initiative und lief vor bis zur markierten Feuerstelle und kam dann wieder zurück, um mich zu holen. Er nahm meinen Rucksack und bat mich, die vielleicht ein, zwei Kilometer zu gehen. Egal wie. Hauptsache nicht liegen bleiben. Der Akkustand hatte Dank des Nieselregens auf meinem Gesicht wieder gefühlte zwei Prozent erreicht. Der innere Motor sprang noch einmal an. Auf totaler Reserve torkelte ich hinter Jan und bat ihn immer wieder um das Stückchen Wurst. Angekommen am Feuerplatz teilten wir das Stück Wurst, tranken etwas Wasser, bauten irgendwie das Zelt auf und hauten uns in nassen Klamotten in die klammfeuchten Schlafsäcke. Ich schlief wie ein Stein und verspürte am kommenden Morgen ein Hauch neuer Energie.

Heute oder nie! Wir müssen Lake Louise an diesem Tag erreichen. Dies sei die letzte Chance. Hunger und immense Schmerzen müssten ausgeblendet werden. Es würde fast nur noch stetig bergab gehen. Dies müsse genutzt werden! Jan willigte ein. Keine Pausen. Keine Rücksicht auf Verluste. Gemeinsam müssten wir auf die Zähne beißen und die Beine noch einmal warmlaufen lassen. Ich gab das Tempo vor und lief wie ein Irrer. Die Muskeln, die Füße - egal! Ich wollte das Ziel erreichen und endlich etwas essen. Burger, Kuchen, Nudeln - einfach alles! Dazu ein Moosehead Bier! Es wurde nicht mehr gesprochen, nur noch gewandert. Stets das vor einem liegenden Geröll im Blick. Nur nicht stolpern oder ausrutschen! 

Mit Ach und Krach erreichten wir eine Art Bergstation, die von Lake Louise aus auf dem Straßenweg erreichbar war. Wir enterten die Lokalität des recht großen Gebäudes und ließen uns an einem Tisch nieder. Wir konnten unser Glück kaum fassen und bestellten Kuchen und Kakao. Nacheinander humpelten wir aufs Klo und wagten einen Blick in den Spiegel. Oh meine Güte, was / wer ist das?! Das erste Mal in meinem Leben zeigte sich in meinem Gesicht ein Zwei-Wochen-Bart, die Wangen waren etwas eingefallen, die Haare wirkten struppig und borstig. Egal! Ran ans Essen! Herzhaftes wollten wir uns dann unten auf dem Campingplatz von Lake Louise selber kochen. Auf die Schnelle hätte es der Magen eh nicht verkraftet, gleich ein Steak mit Fritten zu sich zu nehmen. Gemach, Gemach.

Als wir uns eine Stunde später erhoben, war klar: Hier geht gar nichts mehr. Bis runter nach Lake Louise waren es noch rund fünf Kilometer, doch wären diese nicht zu packen. Wir fragten den Busfahrer von einem dieser typischen orangefarbenen Schulbusse, ob er runter ins Tal fahren würde. No problem! Wir durften hinten Platz nehmen, und wenig später warf er uns an einer großen Kreuzung raus. Wir kauften während dieser Reise das erste und einzige Mal in einem Supermarkt fett ein und brauchten für die ausgewiesenen 700 Meter bis zum Lake Louise Campground rund 45 Minuten. Es ging einfach nicht schneller. Knie und Füße versagten. Völlig erschöpft, aber glücklich bauten wir uns am späten Nachmittag unser Zelt auf und kochten eine Portion Spaghetti. Totales Entsetzen, als Jan beim Abgießen des Wassers die Nudeln ausversehen auf den mit Nadeln übersäten Waldboden kippte. Nun denn, Zeit hatten wir jetzt. Mit etwas Verspätung hauten wir unsere erste richtige warme Mahlzeit nach einer gefühlten Ewigkeit rein.

Am folgenden Tag statteten wir dem Besucherzentrum einen Besuch ab und schauten uns ein paar Filme über „Wilson and the great divide“ und Grizzlybären an. Es war wunderbar zu sehen, wie „putzige“ Bärchen Autotüren aufhebelten und Zelte aufschlitzen. Damals gab es noch kein YouTube oder TikTok, wo man sich auf Wunsch die Packung geben konnte. Als ein Wapiti-Hirsch mit dem Geweih einen hinter einem Baum stehenden Mann bedrohte, kam uns nachträglich noch einmal ordentlich die Muffe…

Wie es damals weiterging? Nach drei, vier Tagen konnten wir wieder halbwegs gehen, und mit Greyhound ging es nach Vancouver und Seattle. Nach einer irren Nacht auf dem Busbahnhof von Seattle ging es in einem Rutsch zurück nach New York, wo ich bei einem Zwischenfall in Manhattan meine letzten 20 Dollar verlor. Nachdem selbst am Time Square gegen Mitternacht die Leuchtreklamen ausgingen und paar Assis leere Flaschen warfen, zogen Jan und ich uns in den Central Park zurück, wo wir zwischen mit Zeitungen und Lumpen zugedeckten Obdachlosen uns mit den Schlafsäcken hinhauten und die restliche Nacht verbrachten. Pünktlich um sechs in der Frühe kamen die Parkwächter und weckten all die Schlafenden mit klaren Ansagen. Zeit, um aufzustehen und vom letzten Kleingeld eine wässrige Kaffeeplärre zu kaufen. Am Abend hob  schließlich der Flieger ab, der uns zurück nach Europa brachte. Sommer 1993 - unter dem Strich war jene Tour eine der genialsten, aber auch verrücktesten Reisen in meinem bisherigen Leben.

7 Tage in der kanadischen Wildnis. 7 vs. Wild in der schwedischen Wildnis. Nach anfänglicher Skepsis - ey Marco, musste unbedingt ankieken! - wurde ich tatsächlich angetriggert. Ich schaute mit dem größeren Sohnemann, der Survival Mattin bereits seit Jahren auf YouTube folgt, sämtliche Folgen und hatte meine helle Freude. Die Vorstellung, eine Woche lang nur Beeren und Pilze zu essen, gefiel mir außerordentlich gut, und als es zu Beginn der Serie so hübsch regnete, fühlte ich mich doch glatt an die vierwöchige Wanderung durch Irland erinnert, bei der sich im Zelt immer schöne Pfützen unter Isomatte und Schlafsack bildeten. Ach herrlich! Besten Gruß an dieser Stelle an Survival Mattin, Fritz Meinecke, Chris und all die anderen! :-)

Zum Autor: Gemeinsam mit turus-Autor K. Hoeft wanderte Marco Bertram im Sommer 1997 vier Wochen lang durch den Südwesten Irlands. Zuvor in den Jahren 1995 und 1996 gab es Touren durch das Riesengebirge und den Itatiaia-Nationalpark in Brasilien. 2002, 2003 und 2004 wurden mit K. Hoeft gemeinsame Touren auf dem West Highland Way, dem Camino de Santiago de Compostela und in der Hohen Tatra in Angriff genommen. Im Sommer 2003 wanderten sie von Süd nach Nord (über 1.000 Kilometer von Prex nach Priwall) die ehemalige deutsch-deutsche Grenze ab. Im Sommer 2019 stellte Marco Bertram einen persönlichen Rekord auf. Innerhalb von zwei Tagen marschierte er 150 Kilometer des Berliner Mauerweges ab. 

Fotos: Marco Bertram, Jan M.

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen aus Nordamerika

> zur privaten Webseite von Marco Bertram

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