Allerheiligen 2021 – ein Lagebericht aus Polen

Allerheiligen 2021 – ein Lagebericht aus Polen

 
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M 02 November 2021

Nachdem Allerheiligen im letzten Jahr seitens der polnischen Regierung offiziell so ziemlich auf Eis gelegt wurde, war in diesem Jahr klar, dass keine Wiederholung folgen sollte. Das Verbot sorgte 2021 für Unmut im polnischen Volk, da einerseits eine Tradition derbe angegriffen wurde, andererseits machten Händler von Kränzen, Kerzen und ähnlichem Grabschmuck ordentlich Miese. Wer wieder gewählt werden möchte, darf dann halt nicht der lechzenden Opposition eine Steilvorlage geben. 

Diese Sache und die nicht so gut gelungenen Einreiseregelungen waren in den letzten zwölf Monaten unglückliche Entscheidungen eines sonst gut laufenden Staatsapparates. Na mal sehen, wie es nun 2021 läuft! Die Regelungen wurden ja wieder um einen Monat verlängert, aber Allerheiligen wurde zumindest nicht angetastet. Im letzten Jahr trafen sich dann alle schon am 31. Oktober. Teilweise wurde auch gar nicht kontrolliert, weshalb dann auf dem Land alles so war, wie es eigentlich immer ist.

 

Das Wetter war in diesem Jahr zunächst mal gelinde ausgedrückt megageil! So wurde das Wochenende mit einem ausgedehnten Waldspaziergang eingeleitet. Ziel der Übung war das Erreichen eines Cholera-Friedhofs, der 1852 in Stare Miasto (bei Konin) angelegt wurde. Im 19. Jahrhundert tauchten in unregelmäßigen Abständen Wellen von Cholera-Ausbrüchen auf, die in kürzester Zeit, meist nur wenige Wochen, mehrere Tausend Todesopfer forderten. Die Totengräber mussten Sonderschichten schieben, um Herr der Lage zu werden. Heute erinnern nur noch eine kleine unbebaute Fläche und ein Kreuz an diese schweren Zeiten. 

 

Schwer hatte ich es auch, da mir ein freilaufender Dobermann noch im Wald den Weg versperrte. Da hat sich in Polen seit den 90ern nicht viel verändert. Streunende Gruppen habe ich zwar schon lange nicht gesehen, aber zwei Zähne fletschende Promenadenmischungen versperrten mir neulich den Rundgang um eine verlassene Kirche. Noch 700 m bis zum Ziel, der Umweg war aber schon weit, die Sonne sollte auch gleich verschwinden. 

Was soll’s! Rückzug. So blieb mir eine Nachtwanderung durch den Wald erspart. Die zweite Option wäre ein unbeleuchteter Straßenrand gewesen. Die Aktion „Znicz“ (Kerzenlicht) wurde seitens der Polizei ausgerufen, hinter welchem ein verstärktes Kontrollieren um den Feiertag herum stand, doch selbst dort hat keine Streife Lust zu stehen. Dennoch war der Wald bei untergehender Sonne ziemlich nett.

 

Den Cholera-Friedhof nahm ich dann am folgenden Tag unter die Lupe. Ordnung sieht anders aus! Da stand noch viel verrosteter Kram vom letzten Jahr oder sogar noch aus dem Jahr davor. Für Polen ist das schon überraschend. Man muss übrigens wissen, dass es ein Cholera-Friedhof ist, denn ein Hinweisschild sucht man vergebens.

Das zweite Tagesziel war ein Soldatenfriedhof, auf welchem russische und deutsche Soldaten liegen, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Anscheinend kümmert man sich hier schon intensiver darum, was aber nicht heißt, dass es nur mit Laubharken getan ist. Manche Grabsteine waren gepflegt, manche schon kaum noch lesbar. Ein unbekannter Soldat bekam jedenfalls eine meiner Kerzen. Insgesamt zählte ich drei. 2019 waren es wesentlich mehr. Die Distanz zu diesem Krieg ist schon ziemlich weit, was ja auch in Deutschland anhand des Zustands so mancher Gedächtnisstätten erkennbar ist. Außerdem ist das Verhältnis zu diesen Nationen derzeit auch ziemlich unterkühlt.

 

Am Tag darauf nahm ich noch einen der einsamen Hauländer-Friedhöfe mit, schön auf einem Hügel und unweit der Warta gelegen. Hauländer-Siedlungen, sofern sie noch erhalten sind, verkörpern durch ihren Baustil eindrucksvolle Zeugen einer vergangenen Epoche. Von noch ferner her datieren die Entstehungen der eiszeitlichen Binnendünen, die einem hier an vielen Ecken über den Weg laufen.

Mittlerweile war es schon der 31. Oktober. In Deutschland wäre jetzt eigentlich der Reformationstag drangewesen, aber in den deutschen Magazinen war fast nur von Halloween die Rede. Um nicht sinnfrei Zahncreme von der Türklinke entfernen zu müssen, ging ich kurz vor Ladenschluss noch in einen Supermarkt, um die billigsten Bonbons zu holen, sodass, falls jemand kommt, er zufrieden gestellt werden würde. Aber es kam niemand! Innerhalb des polnischen Volkes wird darauf verwiesen, dass Halloween und Polen nicht so viel gemein haben. In Poznań zählte ich viele Aufkleber, die eindeutige Position zu diesem Fest bezogen. Bis auf eine Hexe, die jemand in einen Baum hing, war von dieser Feierlichkeit nichts zu sehen und zu spüren.

 

1. November: Früh um 9 Uhr war noch nichts los auf den Straßen, was sich binnen nur einer Stunde schlagartig ändern sollte. Schon seit Samstag war wesentlich mehr Verkehr als sonst zu verzeichnen. Die Gräber waren geputzt und nun traf man sich zum Plausch und zum Beten. Spätestens in Pyzdry war dann für jeden noch so unbeleckten Nichts-Checker klar, dass heute was los sein muss. Kurz hinter der Warta-Brücke stand der Verkehr still. Auto an Auto quetschte man sich auf jeden verfügbaren Quadratzentimeter. Teilweise siegte die Faulheit vor der Klugheit. Die Hauptursache für den mehr als zähfließenden Verkehr war ein Auto mit jüngerem Publikum, das den Beginn der Brücken-Leitplanke scheinbar übersah und nun auf jenem hing. Geile Nummer! Und weiter geht die Fahrt! Jedenfalls für mich. Nun kam mir eine Autokarawane entgegen. Fast alle hatten Posener Kennzeichen. Es ist ein kleiner Hinweis darauf, dass viele aus dem Umland nach Poznań bzw. in die Vororte zogen.

Eine Kerze war noch zu vergeben. Die sollte auf einem Friedhof aufgestellt werden, den sich Deutsche und Polen teilen, natürlich nur getrennt. Dieser Friedhof in Zakrzewo ist lediglich eine Ausnahme. Gerade in Poznań habe ich einige Gräber deutsch-polnischer Pärchen gesehen. Tagtäglich laufen mir auch Polen über den Weg, die deutsche Nachnamen tragen. Ansonsten gibt es mal hier und mal dort noch die Reste der Friedhöfe deutscher Siedler.

Jedenfalls war es schon dunkel, und dann geben die vielen Grabkerzen ein sehr angenehmes Erscheinungsbild ab. Auch hier standen die Leute und unterhielten sich, andere beteten. Wie immer.

 

Klack, die Starklicht geht an und ich bahne mir den Weg zum etwas abgelegen deutschen Sektor. Immerhin hatte fast jedes Grab seine Kerze. Meine ging an eine Dame mittleren Alters, da dort noch keine stand. Mittlerweile gesellte sich eine traditionelle Familie bestehend aus Mama, Papa und zwei Kindern dazu. Die Ohren gespitzt: „Aha, Polnisch.“ Sie versuchten die Inschriften zu lesen. „Na gut, dann biete ich mich mal als Übersetzer an.“ Viel zu übersetzen gab es nicht, da die Inschriften ziemlich spartanisch gehalten wurden.

Im Nachbarort Tarnowo Podgórne hätte ich mehr zu tun gehabt, denn dort tragen viele der Steine längere Texte und vor allem Texte mit sehr ergreifenden Inhalten, die ich so bisher nur in diesem Ort gesehen habe. Und ich habe quer durch Polen schon viele der alten Friedhöfe besucht! Die Familie teilte mir noch mit, dass sie auch aus meinem Hood kommen. Danach ging jeder seiner Wege. Zu merkwürdig war der Fremde scheinbar. Oder aber doch schon normal, denn 2020 zogen ganze 1200 Deutsche in die Region in und um Poznań. Das ist schon eine Hausnummer! 

Fotos: Michael

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