Geschichten aus dem Warta-Landschaftspark: Gräber, Skelette und wunderbare Natur

Geschichten aus dem Warta-Landschaftspark: Gräber, Skelette und wunderbare Natur

 
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M 07 Dezember 2020

Nur schnell weg aus der Großstadt! Nur irgendwie und irgendwohin, wo mich kein Virus finden kann! Vielleicht bin ich in einer anderen Ecke des Warta-Landschaftsparks, die ich noch nicht kenne, davor geschützt. Die Auswertung des Kartenmaterials deutete daraufhin, dass die anvisierte Stelle sogar schon zu deutscher Zeit ziemlich menschenleer war. Ein paar einzelne Gehöfte und ein zentraler Friedhof, auf dem wohl alle Verstorbenen aus der Umgebung bestattet wurden, wurden vermerkt. 

Die modernen Kartenwerke spuckten mir erstaunlicherweise gar keine Infos zum letztgenannten Objekt aus. Nur ein Geo-Caching-Forum lobte das Terrain fernab jeglicher Zivilisation und versprach gruselige Überraschungen. Na dann sehen wir uns das ganze mal an! Was hier schwieriger als in der Großstadt ist, ist wirklich das Finden eines Parkplatzes. Zwei Dörfer hatten sich als Ausgangspunkt für den Spaziergang angeboten. Das größere der beiden hatte wahrhaftig keine Abstellmöglichkeit zu bieten. 

Entweder blockierte man die Straße, oder man stand auf Privateigentum. Das kleinere Dorf hatte dann eine kleine freie Fläche im Zentrum zu bieten, warum auch immer. Ich war zu meiner Verwunderung nicht der einzige Parkende hier. Na dann werde ich hier eventuell doch nicht alleine sein?! Die kleine Straße führte bergab, der Wind pfiff mir um die Nase, ließ mich aber doch den Qualm von verbranntem Holz, Kohle und Unrat wahrnehmen. Das ist für mich so der typische Spätherbstduft. Im Prinzip haben wir ja auch Herbst. Zwar hat es unter der Woche geschneit, aber irgendwie sieht es ja schon seit einiger Zeit recht mau mit dem bei Auto- und Zugfahrer verhassten Schnee aus. Wenn ich da an die Winter denke, als die Züge nicht mal bis Pasewalk kamen… Schreckliche Zeiten.

Ein großes rotes Schild teilte mir mit, dass ich nun den Landschaftspark betreten würde. Zu meiner Linken grüßte mich sogar noch ein bekanntes Gesicht - ein Sportplatz. Wie lange habe ich solchen Ort schon nicht mehr betreten?! Auch auf diesem Vertreter hat schon lange niemand mehr geackert und gezaubert. Im schlaff hängenden Netz schien sich vor einiger Zeit mal ein Kalb verfangen zu haben. Schon lange her, verrät der Anblick.

Nun führte mich der Weg über einen kleinen Fluss, der scheinbar auch bei Eisvögeln beliebt ist. Zack! Da flog ein azurblaues Federvieh an mir vorbei, das dem grauen Tag und der grauen Zeit einen kleinen bunten Farbtupfer gab. Das nächste Highlight wartete hinter der nächsten Ecke, besser gesagt: hinter der nächsten Düne. Auf einer Fläche von ca. 20 x 50 Metern wurde hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Bauernfriedhof angelegt. Deutsche liegen an diesem Ort, die in jener Zeit, als das hier preussische Provinz war, siedelten bzw. sich bestatten ließen. 

Die Zahl der lesbaren Tafeln konnte ich an einer Hand abzählen. Ausschließlich deutsche Inschriften. Polen und Deutsche lebten damals folglich nebeneinander. Es gleicht so ziemlich einer Sisyphusarbeit, dort an Infos zu kommen, wie die Herrschaften damals so miteinander auskamen. Ein älterer Pole meinte, sich auf Überlieferungen beziehend, zu mir, dass das Verhältnis ziemlich kühl gewesen wäre. Vergleiche ich das mit den Inschriften auf einem unserer aufgegeben Friedhöfe, dann muss es regionale Unterschiede gegeben habe, denn dort konnte ich ziemlich viele internationale Ehen feststellen. 

Gruselige Sachen gab es hier jedenfalls nicht. Die Lage ist schon ziemlich einmalig. Vom nächsten Weg aus, würde man nie auf die Idee kommen, dass sich hinter dem dichten Grün ein Hügel befindet, auch keine Dünen und schon gar kein Friedhof. Müllsammler gehen hier leer aus, dazu noch Indikatoren für reine Luft. Was will man mehr als ein vor einem Virus flüchtender Großstadtmensch? Wenn man schon mal hier ist, dann bietet sich ein Spaziergang an die Warta an. 

Das Luftbild lässt auf einen kleinen Strand schließen. Die Datenkrake ist da aber nicht auf dem aktuellen Stand. Der Strand wächst zu, auf der anderen Seite frisst der Fluss sich durch seine Kraft weiter ins Land. Totarme gibt es hier in der Gegend zu Hauf. Da ich bekanntlich nicht fliegen kann und die Warta ein unüberwindbares Hindernis bildete, machte ich mich folglich auf den Rückweg. 

Seit den frühen Morgenstunden bis jetzt am Nachmittag lief mir kein Mensch über den Weg; dafür 14 Rehe und verschiedene Vögel. Doch nun genug der Einsamkeit. Konin kommt aktuell wieder in seinem Weihnachtslichterkleid daher. Da bietet sich ein Spaziergang durch die Innenstadt an. So cool wie der Eisvogel leuchtet zwar es nicht, aber immerhin schöner als jede Virusampel.

Fotos: Michael

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