Die Wälder bei Halbe: Auf dem Boden liegend rückte der Krieg gedanklich sehr nah

Die Wälder bei Halbe: Auf dem Boden liegend rückte der Krieg gedanklich sehr nah

 
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MB 11 November 2020

„Es starben den Heldentod fürs Vaterland aus der Gemeinde Halbe…“ Die Blicke wanderten über die eingravierten Namen. Max Grimm, Gustav Groger, Willi Seifert… Und mittendrin die kleinen dunklen Krater und ein langer Riss, der gekittet wurde. „Papa, das verstehe ich nicht. Wie können auf der Gedenktafel Einschusslöcher sein? Ist die nicht erst nach dem Krieg aufgestellt worden?“, fragte mich am vergangenen Sonntag der größere Sohn. Der Zeigefinger fuhr über das Einschussloch, das sich oberhalb des Eisernen Kreuzes befindet. „Schau mal auf die Jahreszahlen. 1915, 1916, 1917…“ Nun hatte es Klick gemacht, doch zeigte er sich erschüttert, wie jemand im Zweiten Weltkrieg auf eine Gedenktafel aus dem Ersten Weltkrieg schießen konnte. Wohl tat dies wahrscheinlich niemand mit Absicht, doch zeigt es es vortrefflich die Absurdität, die die Menschheit hervorgebracht hatte. 

Mit beiden Kindern an der Hand ging es am vergangenen Samstag mit der Regionalbahn von Berlin nach Halbe, und bereits kurz hinter dem Bahnhof erwarten den Ankommenden die ersten aufgestellten Infotafeln. Die einstige verheerende Kesselschlacht von Halbe ist in der Ortschaft allpräsent. Und die schwarz-weiß-Fotos auf den Tafeln zeigten Wirkung. Zerstörte zivile Fahrzeuge auf einem Waldweg, kleine Kinder in einem Handwagen, ein sich über die getötete Mutter beugendes Kind im Schnee. „Alle eure Hoffnungen sind zusammengebrochen!“, heißt es auf einem Flugblatt der Roten Armee, das ebenso auf einer der Tafeln abgebildet ist.

Die Tafeln zeigten beim größeren zehnjährigen Sohn - für den Vierjährigen war es eher ein normaler Ausflug - eine starke Wirkung. Wurde im Zug noch am Handy gespielt, wurde sich nun recht kleinlaut auf den Besuch des Waldfriedhofs vorbereitet. Da jedoch dieser Waldfriedhof keinesfalls düster und abweisend wirkt, fiel es dann doch nicht allzu schwer, die kleine Pforte zu öffnen und die Wege zu betreten.

Mit achtsamen Blick fand der kleinere Sohn sogleich ein Grab, auf dem eine weiße Blume lag. „Unbekannter Kriegstoter - April 1945“. Es war wirklich eine gute Frage, wer genau auf diese Grabplatte eine Blume gelegt hatte. Über 28.000 Tote wurden auf diesem Waldfriedhof bestattet. Im Kessel von Halbe Gefallene, aber auch hingerichtete Deserteure der Wehrmacht, Zwangsarbeiter und zwischen 1945 und 1947 Verstorbene aus dem sowjetischen Speziallager Ketschendorf. Rund 8.000 Personen konnten identifiziert werden, die jetzigen Grabplatten wurden im Jahr 2002 aus witterungsbeständigem Granit angefertigt.

Eine Frage, die sich stellte, war jene, warum sich manchmal nur ein unbekannter Gefallener unter einer Grabplatte befindet und manchmal bis zu 18. Während sich der größere Sohn erschüttert zeigte, wie jung manche gefallenen Soldaten noch waren, freute sich der Vierjährige über jedes Grab, auf dem er eine Blume oder eine Kerze fand. Und während die Sonne durch die Kiefern schien, schlug ich vor, im Anschluss noch einen Rundgang durch die nahen Wälder zu machen. Ich war erstaunt, mit welcher Euphorie sie diesem Vorschlag zustimmten.

Beide waren kaum zu bremsen und musterten wenig später jeden Weg und jede Unebenheit. An einer Stelle hielten wir schließlich inne, fassten uns an die Hände und lauschten in die Stille. Wir schlossen die Augen, verharrten zwei, drei Minuten. Erstaunlich friedvoll fühlte sich das Ganze an. Erst als ich mich anschließend noch einmal auf den sonnigen Waldboden legte, rückte die Vergangenheit mit einem Schlag viel dichter heran. Der Blickwinkel vom Boden aus war nun ein ganz anderer. Um einen herum die kleinen Zweige, das Gras und die Kienäpfel der märkischen Kiefern. Mehr muss nicht gesagt werden...

Ein kurzer kalter Schauer überkam mich wenig später, als wir die Waldkante erreichten und das Feld vor uns hatten. Auf der anderen Seite erhob sich der Kirchturm von Halbe - und für einen Bruchteil einer Sekunde hörte ich das gefährliche Rasseln der Panzer, die sich entlang der Waldkante der umkämpften Ortschaft näherten. War ich bereits einmal im Sommer 2009 im Rahmen einer Radtour vor Ort in Halbe, so ging mir dieses Mal der dortige Besuch um ein Vielfaches näher. Sicherlich war es der Umstand, dass man nun eigene Kinder an der Seite hatte. Zudem erzielten die aufgestellten Tafeln die gewünschte Wirkung. Eine Fahrt nach Halbe kann ich wirklich jedem empfehlen. Allerdings ist es wichtig, Zeit mitzubringen, um vor Ort wirklich gedanklich tief eintauchen zu können.

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Wandern im Berliner Umland

 

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