Szenen wie im Horrorfilm – Abenteuer im Schildkrötenreservat

Szenen wie im Horrorfilm – Abenteuer im Schildkrötenreservat

 
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M 16 Mai 2020

Meine weißen Flecken auf der Landkarte um Poznań herum werden immer weniger. Interessante Orte gibt es hier, egal in welche Himmelsrichtung man ausschwärmt. Doch befindet sich zwischen diesen bereits viel bebaute Fläche. Das sind dann die Nachteile der Urbanisierung. Es ist klar, dass die Verstädterung auch Vorteile bringt. Das Straßenbahnnetz wird ausgeweitet, Busse verkehren auch in den entlegensten Außenvierteln in sinnvollen Intervallen an Sonntagen und wenn du einen guten Arzt suchst, dann bist du nicht mehr unbedingt auf Praxen im Stadtzentrum angewiesen. 

Der Nachteil: Um die unberührte Natur erleben zu können, musst du als Stadtmensch ein paar Kilometer auf dich nehmen. So, wie Berliner die Uckermark „unsicher machen“, bevölkern hier Posener in jeder freien Minute umliegende Seen und Waldabschnitte des Großpolnischen Landschaftsschutzgebietes. Gerade jetzt in der Zeit, in der der Ball ruht, suche ich immer mal wieder die diversen Kartenanbieter ab – historische Karten, Satellitenfotos, Landkarten. Auch die Liste der Naturschutzgebiete hat seinen Reiz. Und am späten Freitagnachmittag fiel dann die Wahl auf das Schildkrötenreservat bei Witosław. Ein paar Attraktionen fanden ebenso den Weg auf die Liste und schon war der Wochenendausflug beschlossene Sache.

Das Reservat „Ostoja żólwia błotnego“ (Refugialgebiet der Sumpfschildkröte) liegt südlich des Dorfes Witosław zwischen den Städten Leszno, Kościan und śrem. Bis zu diesen ist es von jedem dieser Orte aber dennoch jeweils ein kleines Stückchen. Von der Infrastruktur her ist man hier als Tagesausflüger mal wieder auf etwas eigenes Fahrbares angewiesen. Das nächste Problem ist das Abstellen des Autos im Ort, da es kaum Parkplätze gibt. Die einzigen öffentlichen befinden sich gegenüber dem obligatorischen Mini-Plattenbau – ein Überbleibsel aus der kommunistischen Zeit. Auf Tourismus ist man hier absolut nicht ausgerichtet. Und auch nur ein einziger Einheimischer läuft uns in der gesamten Zeit über den Weg. Kurz vor dem Ortsausgang und den letzten zwei Bauernhäuser befindet sich das alte Gutshaus mit dem dazugehörigen Park. Die Hinweisschilder auf Kameras und scharfe Hunde gehören hier schon zum guten Ton. Hinter dem letzten Hof geht es dann los. Da Weg gabelt sich und zwischen diesen beiden Pfaden liegt nun das Schildkrötenreservat, das nicht größer als vier Fußballplätze ist. 

Der Boden ist schlammig grau, die Bäume modern im Wasser und insgesamt ist alles schön zugewachsen. Einen offiziellen Pfad hat man nicht angelegt, daher bleibt nur die Möglichkeit, die Szenerie von den Wegen aus zu betrachten. Und schon sind wir wieder am Ende des Reservats. Den Weg versperrt nun ein riesiger Bienenschwarm. Gut 70.000 Tiere müssten das gewesen sein. Eine Szene wie in einem Horrorfilm. Ein Ast war komplett mit den Krabbeltieren eingepackt. Dazu kam noch das bedrohliche Brummen. Da nahmen wir doch den Rückwärtsgang, obwohl wir noch dem Weg weiter folgen wollten. Aber immerhin gibt es ja noch den zweiten Weg. Hier wird einem dann doch schon mehr geboten. Auf dem Wasser taucht plötzlich ein weißer Teppich auf. Bei genauerem Hinsehen sind es Wasserfeder-Pflanzen, welche in Deutschland schon seit knapp einem Vierteljahrhundert auf der roten Liste stehen. Den passenden Sound dazu macht ein Herr aus Kröten, leider keine Schildkröten. 

Meine Kamera sucht immer wieder die lichten warmen Stellen ab, aber da ist heute nichts zu machen. Ein ums andere Mal fixiert das Objektiv die markanten Punkte auf der Oberfläche. Nach schwarzen Panzern sieht aber nichts davon aus.  Bis zu 20 cm können die Reptilien lang werden. Sie ernähren sich von Fleisch und werden bis zu 70 Jahre alt. Den Winter verbringen sie schlafend. Das ist ein Leben! Am Wegesrand auf dem Rückweg haben wir dann doch noch Glück. Es ist zwar keine Schildkröte, aber immerhin eine Ringelnatter. Und dann tatsächlich! Zwei weitere Touristen mit Ferngläsern ziehen an uns vorbei.

Nicht nur sie und wir sind von der Gegend begeistert. Schon Nationaldichter Adam Mickiewicz war es. Auf dem Rückweg steuern wir noch zwei Punkte an, die ihn faszinierten. Wir verlassen nun die Straße und folgen noch ein paar Meter einem Feldweg, bis wir die Ölwanne nicht aufs Spiel setzen wollen und den letzten Teil der Strecke zu Fuß bewältigen. In einem Birkenhain taucht nun eine Kirchenruine aus dem 13. Jahrhundert auf. Schon Mickiewicz fand die Story cool, dass hier ein freches Kind begraben liegen sein sollte, das nach seinem Tod die Hand ausstreckte, bis die eigene Mutter mit einem Ast die Hand zurück in die Erde stieß.

Rechts der Landstraße führt uns nun der Weg an knallgelben Rapsfeldern vorbei. Das ist hier eine richtig schöne ländliche Idylle. Mickiewicz zog es damals zu dem Gutshaus in Osiek, in welchem er einen Freund traf. Dieses Gutshaus existiert heute noch. Der Zustand ist aber mehr als kläglich, schon sehr katastrophal. Das einzige Highlight sind die zwei Löwen vor dem Eingang. Sie waren der Schmuck der Rückenlehne von Bänken, die links und rechts der Tür gesetzt wurden.

Wem das hier noch nicht reicht, der kann bei passendem Wetter den nahe gelegenen See „Jezioro Wonieskie“ mit allen seinen Vorzügen genießen.

Fotos: Michael

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Polen
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