Motorcross im Naturschutzgebiet - Bieberpfad Czmoniec

Motorcross im Naturschutzgebiet - Bieberpfad Czmoniec

 
5.0 (3)
M 27 April 2020

Irgendwann im letzten Sommer ist mir ein kleines Heftchen mit lohneswerten Naturschutzgebieten in meiner Woiwodschaft zwischen die Finger gekommen. Viele von den Gebieten wurden bereits mit einem Häkchen versehen. Der Bieberpfad fehlte mir noch, und wenn die Parks und Wälder wieder offen sind, dann wird das Rucksäckchen halt geschnürt – Kwas, Kamera und Kuchen. Kwas ist ein typisch osteuropäisches Getränk aus Getreide. Hier kann ich es in Spitzenqualität über LIDL beziehen. In Deutschland findet man mitunter Flaschen in Russenmagazinen, aber oftmals werden dort nur billige Chemie-Plörren angeboten. Es wird Zeit, dass die Grenzen wieder geöffnet werden.

Der „Bobrowy szlak“ (Bieberpfad) ist ein Teil des Landschaftsschutzgebietes „Ostoja Rogalińska“ (gut 21.000 ha groß, zwei Reservate). Vorrangig prägen hier alte Totarme der Warta die Landschaft. Dazwischen erstrecken sich Auwiesen mit Weiden und vielen Tieren und Gewächsen. Sogar den Eisvogel kann man hier über das saftige Grün fliegen sehen. Na da bin ich mal gespannt, ob wir Biber, Eisvogel and Friends erspähen werden.

Mit dem Auto ist die Anreise absolut kein Problem. Wer auf die Öffentlichen angewiesen ist, hat schlechte Karten. Bis Kórnik (das touristische Zentrum von Wielkopolskie) mag es noch gehen, dann muss man sich durchschlagen, ebenso ich mit dem Auto. Ich mag aber die kleinen Straßen. Die Fahrt läuft hier wirklich entspannt, doch seit der S11 (Schnellstraße) verfolgt mich ein kleiner SEAT. Langsam kommt es mir vor wie bei „Im Wagen vor mir“. Bei einer Kreuzung kann ich ihn abschütteln, doch habe ich ihn im nächsten Augenblick wieder an der Stoßstange kleben. Irgendwann folgt dann irgendwo im Wald auf der rechten Seite ein kleines Hinweisschild auf den Pfad. Ich sehe es zu spät, meinen „Verfolger“ mit dem Posener-Kennzeichen bin ich aber ab diesem Zeitpunkt los. 

Einen richtigen Parkplatz gibt es nicht. Das Auto wird einfach wild im Wald abgestellt. Später treffe ich auch wieder auf meinen „Verfolger“. Fast alle Touristen kommen aus Poznań. Bei dem netten Fleckchen Erde ist es auch zu verstehen. Wiese – so weit das Auge sehen kann, jedenfalls bis zu den angrenzenden Wäldern. Ich folge keinem der drei Wanderwege (1,5 km, 2 km, 4 km). Ich laufe mal so und mal so. Den Eingang zum Gebiet bildet eine marode Brücke über einen der vielen Totarme des alten Warta-Laufes. Ein paar Bäumchen zur Linken wurden zum Schutz vor dem Bieberzahn mit Draht versehen. Bei näherem Hinsehen sind es Eichen, die die ersten Blätter des Jahres bekommen. Weiter geht die Wanderung über die staubigen Wege. Aktuell ist der Zustand ziemlich heftig aufgrund der bisher ausgebliebenen Regenfälle. Aber ich will nicht auf die ewige Klimadiskussion eingehen. Es sei nur gesagt, dass man selbst an der Themse mal grasende Nashörner entdecken konnte (Wilhelm Bölsche, Entwicklungsgeschichte der Natur, Band II, S. 760). 

Auf meinen Kilometern in den 2,5 Stunden wechselten sich die Pflanzenzusammensetzungen ständig ab. Mal dominierten die robusten Pionierpflanzen, die man von alten Truppenübungsplätzen kennt, mal Sträucher und saftige grüne Gräser. Viele Weiden konnte ich zählen und noch einige der bereits erwähnten Eichen. An einer Weide, die sich unmittelbar an der Warta ihren Platz zum Wurzeln suchte, machte ich eine Pause und ließ alles auf mich wirken. Vor mir fließt der Fluss, der mal wieder freundlicher aussah, als er eigentlich ist. Die Strömung ist recht schnell. Schon oft habe ich überlegt, ob man es bis an das andere Ufer schaffen könnte. Wirft man ein Stöckchen ins Nass, dann lässt man doch schnell von der Idee ab, weil er ziemlich fix sofort wegschwimmt. Nach ein paar Minuten der Ruhe erspähe ich einen Fischotter, der rasant zweimal an mir vorbeihuscht und dann irgendwo im Schilf verschwindet. Viel zu schnell für die Kamera. Den Sound dazu macht ein Schilfrohrsänger. 

Für Ornithologen ist das Gebiet hier auch ein Paradies. Sogar der Rotmilan ist hier heimisch. Drehe ich mich um, habe ich wieder die Touristen vor mir. Während ich am Ufer weilte, sind schon einige an mir vorbeigezogen. Ich muss schon sagen: Vieles in Deutschland ist schlechter als in Polen, aber in den NSGs haben wir mehr Ordnung. Was sich heute hier abspielte, war dann nicht mehr so schön. Die Natur ist wunderbar, aber die Leute verhalten sich auf einem ziemlich niedrigen Niveau. Autos fahren, Autos parken. Sogar private Motorradrennen finden hier statt! Das ist bestimmt auch nicht im Sinne des Erfinders.

 

Klar, die Museen und viele touristische Ausflugsziele sind aktuell geschlossen, sodass sich doch hier einige Menschen tummeln. Sie kommen mit Hunden, welche nicht an die Leine genommen werden. Hin und wieder nimmt einer Reißaus. Das waren so die negativen Eindrücke bei der Wanderung. Pluspunkte sammelten dann wieder der Aussichtsturm (14 m), die Feuchtwiesen und ein Baumkreis aus Eichen. Wenn die alten Germanen den sehen könnten! Mit der Melodie der alten Germanen im Kopf, die zu beiden Ufern des Rheins saßen, dessen Textteil ich in Warta und meine Person abänderte, wanderte ich zurück zum Auto.

Fotos: Michael

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Aktivreise
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Polen
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