Friedhofsgeschichten vom Stadtrand: Poznań-świerczewo

Friedhofsgeschichten vom Stadtrand: Poznań-świerczewo

 
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M 22 Februar 2020

Ein Einheimischer meinte neulich zu mir, dass Poznań äußerst spärlich mit Attraktionen bestückt sei, sodass man bei einem straffen Zeitplan alle Attraktionen an einem Tage locker abhaken könnte. Ich denke, da liegt er gewaltig falsch. Allein der Friedhofstourismus würde einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.Im letzten Jahr hatte ich mir schon Milostowo – ein gewaltiger Koloss mit zahlreichen deutschen und sowjetischen Gräbern - vorgenommen. Einen weiteren Friedhof möchte ich an dieser Stelle einmal vorstellen. Denn neulich hatte ich die Gelegenheit und kämpfte mich bis zum „verlassenen“, besser gesagt „aufgegeben“, Friedhof  in świerczewo (ul. Samotna) vor. Bei Schmuddelwetter und einsetzender Dunkelheit kann ein Ausflug dorthin schon mal ein recht gespenstisches Erlebnis sein. 

Zwischen zwei Häusern führt ein matschiger Pfad über eine triste Wiese. Die Baumgruppe, zu der der Pfad führt, entpuppt sich schon bald als doch ziemlich regelmäßig angepflanzt. Aus dem Gestrüpp schauen sogleich die ersten Grabsteine hervor. Der Friedhof, der als Geheimtipp gilt und zu einer Kirchengemeinde aus dem Bezirk Wilda gehört, ist eine Begräbnisstätte, auf der hier ca. 9000 Leute liegen. Nach den ersten paar Metern wirkt hier alles so wie auf einem der unzähligen aufgegebenen deutschen Friedhöfe. Ein Grabstein, den ein großer Notenschlüssel ziert, fällt dennoch gleich ins Auge. 

Der Stein ist zudem heller als seine Nachbarn. Der Stein gehört Bolesław Gryf-Marcinkowsksi – wohl die interessanteste Person, die hier ruht. Ob es hier noch bekanntere Persönlichkeiten gibt, ist aufgrund fehlender Unterlagen nicht bekannt. Jedenfalls ist die angesprochene Person schon eine gute Hausnummer. Gryf-Marcinkowsksi (1856-1938) war als Professor der Musikwissenschaften in Berlin und Posen tätig. Er komponierte u.a. die Pfadfinder-Hymne „Czuj duch!“. Das sind noch nicht die interessantesten Geschichten um den Herrn. Das Alter seiner Frau ist unbekannt. Entweder war sie zwei Jahre älter als er oder acht jünger. Wer weiß? Die Tradition setzt sich ja auch noch bis in die heutige Zeit fort, in der man bei Fußballprofis nicht weiß, wann sie das Licht der Welt erblickten.

Mein Blick wendet sich jetzt in Richtung Osten. Die durch Koniferen begrenzte Sichtachse wird in ihrem Zentrum durch einen gemauerten Sockel unterbrochen. Der Zustand des Denkmals ist jämmerlich. Ich konnte nirgends ein Foto seines ursprünglichen Aussehens finden. Im ersten Moment denkt man an die Gedächtnisanlagen im Kontext des Ersten Weltkriegs oder zu Ehren der siegreich gefallenen Soldaten von 1870/71. Der Gedanke wird aber schnell verworfen, da der Friedhof rein polnisch ist, obwohl auf ihm viele deutsch-polnischen Paare liegen. Seit 1925 wurde hier bestattet.1942 war dann Schluss. 

Übrig geblieben ist das, was ich vor mir sehe. Eine ziemlich verwüstete Ansammlung von Gräbern. Ein paar Dutzend sehen noch oder wieder ordentlich aus. Gelegentlich legen die Fans von Lech Poznań Hand an und putzen. Manche aufwändige Grabmale stechen direkt ins Auge. Der ruinöse Zustand mindert nicht ihre Kraft, Faszination auszulösen. Marien-Statuen ohne Köpfe hier, dort ein Grabmal mit einem Anker. Jesusköpfe schauen aus den Grabsteinen. Da steht eine Kinderfigur. Beeindruckend ist auch die Technik der weißen Porträts auf drei Steinen – eine elegante junge Dame, ein Herr und eine weitere Frau. Die Qualität ist der Wahnsinn! Da stehen Todesdaten von 1935, und dennoch sind sie so erhalten wie am Tag der Beerdigung. Ihre Gräber sind verwüstet, die Inschriften schon kaum noch vorhanden, aber die Bilder gestochen scharf.

Nicht alle Gräber sehen so verwüstet aus. Einige werden bis heute gepflegt. Die Grabpflege hat in Polen eine höhere Bedeutung. Die sich in Deutschland durchsetzenden alternativen Bestattungsformen werden hier ziemlich kritisch betrachtet. Auch ein Einebnen eines Grabes nach Ablauf der Ruhezeit ist hier sehr verpönt. Aus diesem Grund existieren sogar hier noch Gräber, auf denen Blumen und Grabkerzen liegen. Irgendwer kümmert sich noch darum. Wahrscheinlich Angehörige.

Genau das macht hier auch das Gruselige in solchen tristen Monaten aus. Plötzlich tauchen aus dem verschwommenen Grau dunkle Umrisse auf. Dann ist es doch nur ein Spaziergänger mit Hund. Die Stimmung ändert sich schlagartig, als sich dann doch ein paar Sonnenstrahlen durch die dicken Wolken zwängen. 

Poznań-świerczewo? Kann man anbieten. Wer von der Friedhofsromantik noch nicht genug hat, dem sei noch der Friedhof Zasłużonych für die lokale Prominenz im Stadtzentrum ans Herz gelegt (Adresse: Wzgórze św. Wojciecha).

Foto: Michael

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Polen
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