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Verliebt in Werder

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MB 29 Januar 2020

Die Erinnerungen und das Gefühl beim Einsteigen in das Auto bleiben unvergessen. Im Herbst 2006 fuhr ich mit dem Regionalexpress nach Werder, und auf dem Bahnhofsvorplatz stand einer meiner besten Freunde bereit. Tasche hinten rein und rauf auf den Beifahrersitz. Es war eine Fahrt ins Ungewisse. Das Ziel der Reise: Edirne in der Türkei und die bulgarische Schwarzmeerküste. Bis Serbien ging es flott auf der Autobahn entlang, durch den Balkan wählten wir abseits gelegene Landstraßen und Feldwege, die uns durch die abstrusesten Bergregionen am Dreiländereck von (Nord-)Mazedonien, Bulgarien und Griechenland führten. Kurzum: Denke ich an Werder, so fällt mir immer sogleich unsere Fahrt gen Balkan und Türkei ein. Da der besagte Freund zu jener Zeit in der dortigen Region sein Anwesen hatte - also nicht in Edirne, sondern bei Kanin und Klaistow -, führte es mich immer wieder nach Werder, um anschließend auf dem dortigen Spargelhof futtern zu gehen und in seinem Garten ein Kaltgetränk zu sich zu nehmen. Mensch ja, was waren das für tolle Zeiten. Seitdem er gen Sachsen zog, gab es keinen direkten Grund mehr, nach Werder zu fahren.

Da der Standort Werder mit aufgenommen wurde in ein in Arbeit befindliches Fußballbuch, gab es nun endlich doch mal wieder einen konkreten Anlass, mich in Ostkreuz in den RE1 nach Brandenburg (Havel) zu setzen und in Werder auszusteigen. Der Bahnhof ist leider immer noch ein Trauerspiel, wenngleich in einer Ecke sich was tat und eine Agentur für digitales Handwerk dort nun ein großes Büro betreibt. Der Weg in Richtung Insel haut einen auch nicht gleich vom Hocker. Ganz gleich, ob man die Eisenbahnstraße oder die Adolf-Damaschke-Straße wählt. Ist es möglich, am Bahnhof Werder einen Linienbus zu erhaschen, so sollte man das ruhig tun. Das Prachtstück der Stadt Werder ist in der Tat die Insel. Aber gut, ich nehme so oder so lieber den Fußweg. Der Grund liegt auf der Hand: Ich achte gern auf Kleinigkeiten und erfreue mich auch schon mal an dem einen oder anderen übrig gebliebenen Relikt aus DDR-Zeiten. 

Wohl freute ich mich aber vor allem auf die Insel, die in der Havel liegt und auf der sich die alte Kernstadt befindet. Werth, Wörth, Werder - all diese Namen bedeuten in etwa „Insel im Fluss“. Urkundlich das erste Mal erwähnt wurde die Stadt im Jahre 1317. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt in den Jahren 1637 und 1641 durch schwedische Truppen geplündert. Erschreckendes geschah auch Anfang der 1950er Jahre. Junge Angehörige einer in Werder ansässigen Oppositionsgruppe wurden festgenommen und erhielten vom sowjetischen Militärtribunal drakonische Strafen. So wurden sieben Jugendliche in der Lubjanka in Moskau erschossen, 17 weitere Jugendliche mussten für zehn bis 25 Jahre in ein sowjetisches Straflager. 

Genug der düsteren Erinnerungen. Gegen 12 Uhr betrat ich die Insel und war hin und weg. Welch ein Anblick von der Brücke aus! Rechte Hand sind die Bockwindmühle und die Heilig-Geist-Kirche zu sehen. Bevor ich mich jedoch den historischen Gebäuden widmete, schwenkte ich links ab und suchte die Sportstätte des Werderaner FC Viktoria 1920 auf. Am Eingang ist auf alten Metalllettern „Arno-Franz-Sportplatz“ zu lesen, und auf dem Rasen machte sich eine Menge Krähen, Möwen und Raben gemütlich. Es war, als sei man direkt an die Küste versetzt. Oder vielleicht sogar in die niederländische Provinz. Irgendwo bei Harlingen und Leeuwarden. Und nochmals verliebt! Diesen Sportplatz werde ich noch einmal besuchen, wenn Frühling ist und ein Heimspiel in der Brandenburgliga ausgetragen wird. Aber hallo! Ich werde Zeit mitbringen, denn…

Ich muss gestehen: Das östliche Ufer der Insel kannte ich noch gar nicht! Nachdem ich im Café Hagemeister eingekehrt war und eine irre leckere Suppe schmausen durfte (deshalb wird auch der Name der Lokalität genannt) *Zwinkersmilie*, drehte ich eine Runde auf dem Uferweg. Wieder ein inneres Oha, wenige Augenblicke wieder ein Oooooh! Was für Idylle, was für Einkehrmöglichkeiten! Das Fischrestaurant Arielle dürfte der eine oder andere Leser bereits kennen. Denn, nun ja, wer war noch nicht auf dem Baumblütenfest?! Aber um ehrlich zu sein: Diese idyllische, grandiose Insel muss besucht werden, wenn dort kein reger Trubel herrscht. 

Am unteren Ende der Insel befinden sich in der Straße Am Mühlenberg mehrere Ferienwohnungen - und beim Anblick dieser ratterte sogleich das Kopfkino. Frühling, Ferien, ein verlängertes Wochenende. Einmal mit guten Freunden, ein anderes Mal mit den beiden Kindern. Oder einfach alle zusammen! Obstwein für die Großen, Most für die Kleinen. Die Großen zum Fußballspiel auf den Sportplatz, die Kleinen auf den coolen Spielplatz an der Uferpromenade. Die Insel der Stadt Werder bietet einfach alles, um dort eine glückliche Zeit zu verbringen. Und ganz ehrlich, ich könnte glatt dort hin ziehen! Noch ein *Zwinkersmilie*! 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Wanderungen im Berliner Umland

 

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