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Nachts in Rio: Wenn der rollige Portier auf der Suche nach "Garotas" ist

 
5.0 (3)
MB 24 Januar 2020

Wohl denn, es handelte sich im Frühjahr 2008 um eine emotionale Rückkehr nach 12 Jahren. Hier in etwa musste es gewesen sein. Der Überfall. Damals im Juni 1996. Ich ließ das am Strand von Copacabana Erlebte noch einmal Revue passieren. Die fünf Typen, die wie aus dem Nichts uns plötzlich umringt hatten. Die gezückten Messer. Die aufgeschlitzte Geldkatze. Unsere Fassungslosigkeit. Die im Sand verstreuten Utensilien nach dem Überfall. Ich warf noch einmal einen Blick auf den dunklen Strand und kehrte dann mit Jens um. Ich mochte nicht länger an dieses Ereignis denken. Endlich abhaken und einen gedanklichen Schlussstrich ziehen! »Komm, Jens. Lass uns noch ein Cerveja nehmen. Am Besten in einer Lokalität, die nicht so weit entfernt liegt, damit der Nachhauseweg später nicht so lang ist«, schlug ich vor.

In einer Querstraße befand sich eine kleine Bar, vor der ein paar Plastikstühle und Tische aufgebaut wurden. Es gab 0,6er Flaschen eiskaltes Bier und improvisierte Live-Musik. Die Stimmung war genial. Nicht aufgesetzt, nicht touristisch, sondern absolut authentisch. Man traf dort ausschließlich Einheimische an, und die Preise für das Antarctica und Skol waren äußerst moderat. 

Direkt vor der Bar befand sich ein Kiosk, der gerade geschlossen wurde. Gewissenhaft nahm der Kioskbesitzer all die Zeitungen und Aushänge ab und schnürte Pakete aus den übrig gebliebenen Exemplaren. Die Atmosphäre war äußerst angenehm. Ein paar Leute tanzten auf dem Bürgersteig zu den gespielten Songs, und die drei in der Bar beschäftigten Männer schafften die eiskalten Bierflaschen heran. Jens und ich ließen es uns gut gehen und beobachteten gerade wohlwollend das Szenario und die Passanten, als uns plötzlich ein Mann mittleren Alters ansprach.

»Oi, sou o seu porteiro...«

Wir stutzten. Wer war er? Porteiro? Ah, jetzt dämmerte es. Er war der Portier unseres Hauses in der Avenida Nossa Senhora. Seine nass erscheinende klebrigen Haare waren sorgfältig auf die Stirn gelegt worden. Mit einem Lächeln schaute er uns an und fragte, weshalb wir nicht hinein an den Tresen gehen. 

Wir folgten ihm und stellten uns in der kleinen Bar an die gläserne Theke. In der Vitrine standen wahllos ein paar Teller und Schalen mit Kartoffeln, Würsten und Fleisch. Die Speisen sahen alles andere als frisch aus, sage und schreibe konnten wir am nächsten Abend die gleiche Anordnung wieder begrüßen. Der Laden sah nicht besonders hygienisch aus, da jedoch das Bier in Flaschen serviert wurde, hatten wir kein Problem damit, auch wenn vereinzelte Kakerlaken über das angetrocknete Fleisch krabbelten.

Die Zeit in der Bar schien stehen geblieben zu sein. Zeitloses schmuddeliges Ambiente. Uralte bunte Preistafeln, die aus Steckbuchstaben bestanden und vor lauter schmierigem Fett glänzten. Bierkisten und Kartons, die sich in der Ecke stapelten. Regale mit aufgestellten Cachaça-, Honigwein- und Rum-Flaschen. Ein gelbroter Skol-Kühlschrank, aufgehängte Chips-Tüten und Notizzettel an der gefliesten Wand hinter dem Tresen. Dazu die drei Typen, die tagein, tagaus jeden Abend den Laden am Laufen hielten. Ein älterer Mann mit Lesebrille auf der Nase, der die Zettelwirtschaft führte, und zwei Männer mittleren Alters, die die Gläser wuschen und die geöffneten Flaschen in die Plastikboxen stellten und austeilten.

Höhepunkt des Abends war der Portier, der sich in guter Trinklaune befand und für uns ein Bier nach dem anderen bestellte. Der Lachpegel stieg. Ich wendete mein gesamtes Portugiesisch-Repertoire an und versuchte, jegliche Wörter aus meinem Wortschatz zu kombinieren. Cerveja Antarctica und Skol lösten zunehmend die Zunge und das Gespräch wurde immer abstruser. Die Augen des Portiers waren hellblau und die Pupillen bemerkenswert klein. Mit seinen stechenden Augen schaute er uns an und bestellte mit einer Handbewegung ein weiteres Bier.

Wahrlich der Oberhammer war das Klo. Hierbei handelte es sch einfach um ein Pissbecken hinter einem Vorhang in der Ecke. Nach ein paar Flaschen Bier war einem jedoch das äußerst skurrile Pissoire ziemlich egal, wenn man schwankend ins das verdammt kleine Becken strullerte.

Es wurde Nacht. Zwischendurch kam ein weiterer Typ herein. Anfang zwanzig. Er trank regungslos eine Cola und starrte an die Wand. Er rauchte eine Zigarette und verließ wieder wortlos die Bar. Ich fühlte mich an die Filme »Smoke« und »Blue in the face« erinnert, in denen verschiedenste kuriose Gestalten einen Kiosk im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufsuchten und diverse Alltagsgespräche führten.

»Vamos. Mais uma cerveja...«, schlug der Portier vor und bestellte eine weitere Flasche. Dabei fasste er sich ein wenig nervös in den Schritt.

Zwei Bier später machte Jens Faxen und umarmte mich. Ich schob ihn lachend zur Seite und fragte ihn aus Spaß, ob er ein »Veado« sei. Bei dem Wort »Veado«, das auf portugiesisch »Hirsch« bedeutet und in Bezug auf Schwule als Schimpfwort gebraucht wird, zuckte der Portier zusammen. 

Zwei Bier später waren wir weit nach Mitternacht die letzten Gäste in der Bar. Schwankend verließen wir das nette Etablissement und fanden uns auf der ruhigen dunklen Straße wieder.

»Vamos a Lapa... com um taxi...«, lallte der Portier und winkte sogleich ein vorbeifahrendes Taxi auf der Avenida Nossa Senhora heran. Wohin? Lapa? Jens und ich waren völlig stramm. In was für eine Bar? Spinnt der Kerl? Der Porteiro erschien fragwürdig. Seine stechenden Pupillen, sein nervöser Griff in seinen Schritt in der Bar. Uns war klar, dass er etwas kombinierte und einen aus seiner Sicht duften Plan ausgeheckt hatte.  

»Jens, ich glaube, er will heute noch ne Alte aufreißen ...«, bemerkte ich und lachte.

»Kann er ja... Aber ohne mich... Ich kann nicht mehr.«

»Hey, der Typ hat doch echt ne Schacke. Also ich geh auch ins Bett. Ich kann auch nix mehr trinken. – Ähm, agora vamos a dormir. Estamos muito cansados«, teilte ich dem Porteiro mit. 

»Não, vamos a Lapa! Mais cervejas. Muitas garotas ...«, entgegnete er und hielt das erstbeste Taxi an. Garotas! Hierbei handelt es sich um keine "Karotten", sondern wie man sich wohl denken kann um Mädels. Wir verspürten jedoch nicht das geringste Interesse, gemeinsam mit dem Portiero nachts um zwei irgendwo in Rio auf Beutezug zu gehen. 

Es half also nichts, Jens und ich mussten den nach Liebe suchenden Portier einfach am Straßenrand stehen lassen. Schwankend suchten wir anschließend den richtigen  Weg zu unserer Unterkunft und warfen uns später völlig fertig ins Bett...

Fotos: Marco Bertram, Jens R.

 

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