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Monte Kali, Heringen, Weißenborn: Tagebucheinträge vom 1.000km-Grenzmarsch

 
5.0 (6)
MB 23 Januar 2020

Etappe X von Prex nach Priwall im Sommer 2003. Über 1.000 Kilometer entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. An dieser Stelle ein paar weitere Auszüge aus dem damaligen Tagebuch: Von Philippsthal aus waren es bis Heringen noch gute sieben Kilometer. Diese wollten wir noch bis zum dortigen Zeltplatz zurücklegen. Wir wählten einen Wanderweg über Thalhausen und dem 400 Meter hohen Vachaer Berg. Dieser Wanderweg führte auf der Route einer alten Handelsstraße entlang. Hier und da brach noch das Kopfsteinpflaster durch die Erde. Knorrige Obstbäume bogen sich zu beiden Seiten. Am Ortsausgang von Philippsthal wurden wir auf die Probe gestellt. Eine ältere Dame hielt mit ihrem Auto direkt neben uns und bot uns an mitzunehmen. Der Weg über der Vachaer Berg sei zu beschwerlich, und sie könnte uns mit dem Auto nach Heringen bringen. Wir lehnten freundlich ab und nahmen die letzten Kilometer an diesem Tag in Angriff.

Hinter dem Vachaer Berg lichtete sich der Wald, und man konnte auf die im tiefen Sonnenlicht liegende Ortschaft blicken. Alles überragend, erhob sich der »Monte Kali« zum Himmel. Die Reststoffhalde des Kaliwerks Wintershall hat gigantische Ausmaße und prägt die Landschaft im Umkreis vieler Kilometer. Der künstlich aufgeschüttete Berg unterliegt ständigen Veränderungen. Weitere Materialaufschüttungen, die wechselnde Feuchtigkeit der Haldenoberfläche und der sich ständig verändernde Lichteinfall lassen den »Monte Kali« täglich verändert erscheinen. Das Farbspektrum des Berges erstreckt sich von weiß über silbrig grau bis hin zu orange.

Der Zelt- und Campingplatz lag am östlichen Rand von Heringen in der Nähe des Schwimmbades. Bereits in Eingangsnähe drängte sich ein Wohnmobil an das nächste. Der Campingplatz war gut gefüllt, und die Urlauber saßen auf Klappstühlen und tranken Bier. Als wir auf dem Sandweg zwischen den Wohnmobilen entlanggingen, wurden wir teils mitleidig, teils neugierig beäugt. An einem Holzbungalow hatten wir uns beim Zeltplatzwart zu melden. 

Für 5,50 Euro pro Person durften wir auf einer am Rande liegenden Wiese unser Zelt aufbauen. Diese Wiese spottete jeder Beschreibung. Das Gras war verdörrt, und der bucklige, steinige Boden war knochenhart. Wir betrachteten es als ein Witz, an dieser Stelle gegen Bezahlung nächtigen zu dürfen. Wir nahmen die Rucksäcke und suchten uns an einer anderen Ecke des Campinglatzes nahe der Wohnwagen ein Plätzchen auf einem halbwegs vernünftigen Rasen.

In der Mitte des Campingplatzes wurde an einigen aufgebauten Tischen ordentlich Bier konsumiert. Braun gebrannte Männer mit freiem Oberkörper diskutierten, lachten und spielten Skat. Karsten und ich suchten uns zwei freie Stühle, tranken ein paar Flaschen, beobachteten die Anwesenden und rechneten die kommenden Etappen durch.

In aller Frühe brachen wir am kommenden Morgen auf und suchten den nächst gelegenen Bäcker auf, um dort eine Kleinigkeit zu essen. Wir hätten natürlich auch bis 8 Uhr warten können. Der Platzwart hätte Schrippen mitgebracht und für die gesamte Belegschaft Rühreier gebraten, doch für diese Art Massenrummel verspürten wir keine Lust.

Auf solch einer langen Wanderung wird man schneller als man denkt zum Einzelgänger, und jegliche Massenaufläufe werden einem rasch zuwider. Läuft man hin und wieder durch eine größere Stadt, sehnt man sich schon bald nach Ruhe und Einsamkeit. Zwar wanderten Karsten und ich zu zweit die über 1.300 Kilometer vom Dreiländereck bis zur Ostsee ab, doch tagsüber ging jeder sein eigenes Tempo. Meist ging ich mit leicht höherem Tempo voran und wartete am nächsten Abzweig oder im kommenden Ort auf ihn. Es blieb somit viel Zeit für Gedankengänge und Rückblicke in die Vergangenheit. 

Immer wieder dachte ich an meine Schulzeit, die kurz nach dem Mauerfall im Juni 1990 endete. Ich rekonstruierte die Klassen, die Lehrerbelegschaft und versuchte, den Inhalt spezieller Unterrichtsfächer zusammenzubekommen. 

Da waren die Fächer »Einführung in die sozialistische Produktion« und »Produktive Arbeit«. Kurz genannt ESP und PA. Von der 7. bis 10. Klasse lernten wir einmal in der Woche die Produktionsabläufe in der Industrie kennen. Gern wurde die führende Rolle der DDR im Bereich der Mikroelektronik hochgehalten. Lehrfilme mit Erklärungen der neuen »Robotron-Generation« wurden uns in aller Regelmäßigkeit vorgeführt.

Im Fach Produktive Arbeit montierten wir anfangs in einer Werkshalle das Massagegerät »Massinet« zusammen, das zu DDR-Zeiten über 100 Mark gekostet hatte. Schüler löteten den kleinen Schaltkreis, schraubten das Plastikgehäuse zusammen und testeten es anschließend in einem Sicherheitskäfig. Eine halbe Stunde Dauerbetrieb des Geräts, Spannung und Stromstärke messen, anschließend in den Karton legen, Prüfstempel auf den Garantieschein, fertig.

Später mussten wir beim Betrieb »Landbau Berlin« aushelfen und dort in einem kleinen Zweigbetrieb Betonplatten für Gehwege und Gärten anfertigen. Mit dem Rüttler hatten wir den frisch in Plastikschalen aufgefüllten Beton durchzurühren, bis dieser blasenfrei war. Mit einer Kneifzange mussten wir Drahtgeflechte für Zaunpfähle basteln und an einer Hebelmaschine Eisenstangen in einem bestimmten Winkel biegen.

Im Nachhinein kommt einem alles absurd vor, doch damals war es das Normalste der Welt. Genauso normal wie die Tatsache, dass man im Sportunterricht mit roten F1-Granatenhülsen und Panzerfaustattrappen geworfen hatte. Unser drahtiger Sportlehrer war NVA-Offizier und ein harter Hund, der aus den Jungens das Beste herausholen wollte.

»Na, Marco, wieder dabei beim BZA-Lauf am Rosenhag am kommenden Samstag? Alles klar für den Cross-Lauf im Schlosspark Biesdorf?«

Ich hörte noch immer seine markante Stimme in Gedanken, wenn ich daran denke, als er häufig vor der Sportstunde in den Umkleideraum kam, durch die Reihen ging und die besten Läufer der Klasse ansprach.

Konkret wurde es ab der 9. Klasse im Fach »Wehrerziehung«. Unteroffiziere und Ausbilder der NVA kamen in den Schulen vorbei und gaben einmal die Woche Unterricht. Thema waren die Gliederung der Nationalen Volksarmee, die dortigen guten Berufsmöglichkeiten, die Überlegenheit des Sozialismus und der Klassenkampf gegen den imperialistischen Feind.

Am Ende der 9. Klasse mussten die Jungen in ein zweiwöchiges Wehrlager fahren und dort eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. Häufig gehörte dazu auch das Schießen mit Kleinkalibergewehren. Wer Mitglied in der Jungen Gemeinde war, konnte dem Wehrlager fernbleiben und in der Schule gemeinsam mit den Mädchen Zivilverteidigung erlernen. In meiner Klasse waren es über sieben Jungen, die der evangelischen Kirche angehörten und nicht ins Wehrlager fuhren. Ich war einer von ihnen. Meine Eltern legten mir Nahe, nicht den Thälmannpionieren und der FDJ beizutreten sowie ins Wehrlager zu fahren. Jungpionier war ich allerdings, und auch an der Jugendweihe nahm ich im Mai 1988 teil. Die Lehrer hatten es meist geschafft, die Schüler zumindest zu einem Minimum für die Teilnahme am sozialistischen Gemeinschaftsleben zu überreden. Zudem wollte man ja nicht komplett außen vor sein. So fanden in der Unterstufe viele interessante Veranstaltungen nur für Jungpioniere statt.

Für Wehrerziehung und Zivilverteidigung konnten sich viele Schüler begeistern, schließlich war es eine Abwechslung zum gewöhnlichen Schulalltag. Abneigung trat jedoch zunehmend beim Staatsbürgerkundeunterricht auf. Viele Schüler provozierten die Lehrer mit schwierigen Fragen, und besonders ab dem Frühjahr 1989 wurde es für die Lehrer schwierig, passende und linientreue Antworten auf die Fangfragen der Schüler zu finden.

Unvergessen in meinem Gedächtnis, als unsere Staatsbürgerkundelehrerin einen Schüler genervt fragte: »Sag mal Stefan, du magst wohl nicht den Sozialismus?« und dieser daraufhin trotzig aus der letzten Fensterreihe antwortete: »Ich mag die Welt – und Union!«

Die ganze Klasse hatte schallend gelacht und gefeiert, der Unterricht war an diesem Tag gelaufen. Stefan, der im Winter mit einem gestrickten rotweißen Union-Berlin-Schal zur Schule kam, war an diesem Tag der Held. Es war großartig, wie trocken und gekonnt er der Lehrerin eine knackige Antwort verpasste.

All diese Anekdoten gingen mir während der langen Wanderung mehrmals durch den Kopf. Es tat mir gut, beim Laufen abzuschalten und all die Dinge aus der Schulzeit verarbeiten zu können.

Bereits zwei Jahre zuvor hatten Karsten und ich beim Marsch auf dem 166 Kilometer langen Mauerstreifen von Berlin eine gute Gelegenheit dazu. Im Uhrzeigersinn sind wir im Juli 2001 vom Brandenburger Tor aus über Rudow, Ziethen, Lichterfelde, Griebnitzsee, Staaken und Frohnau innerhalb von 5 Tagen einmal um den Westteil der Stadt marschiert. Geschichte wurde hautnah erlebt, und mir ging als gebürtiger Berliner wieder an einigen Stellen ein Licht auf, wie unvorstellbar teilweise die Mauer verlief...

Karsten hatte in der Vergangenheit auch sehr intensive Erlebnisse mit der deutschen Teilung gehabt. In den frühen 80ern ist er mit seiner Mutter in den Westen übergesiedelt. In den darauf folgenden Jahren erlebte er die Grenze hautnah, als er mit seinen Eltern die Verwandten in Brandenburg besuchte und dabei die Grenzübergangsstelle Marienborn passieren musste.

Hinter Heringen kreuzten Karsten und ich wieder einmal den Verlauf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Mehrere Betonplatten wurden dort als Denkmal aufgestapelt und von einem verworrenen Haufen Stacheldraht gekrönt. Wild wuchernde Brennnesseln, Brombeersträucher und Disteln rahmten dieses eigenartige Gebilde ein.

Bei Dippach, Dankmarshausen und Obersuhl verlief die Grenze sehr verworren und mit Ecken und Kanten. So lag die Ortschaft Großensee noch in einem Zipfel auf DDR-Territorium. In dieser Region befanden sich bereits damals wichtige Kalibergbaustätten, die für beide deutsche Staaten wichtig waren. Aus diesem Grund fanden auch keine Grenzbereinigungen und Begradigungen statt.

Über Leimbach, Dippach und Berka wanderten wir nach Untersuhl und Gerstungen. Der Zustand von Berka an der Werra und Untersuhl war erschreckend. Gut 50 Prozent der Gebäude standen leer, und die Straßenzüge gaben ein trauriges Bild ab. Von Fachwerkhäusern blätterte Farbe ab, Scheiben waren eingeschlagen, und Innenräume wurden mit Graffiti beschmiert. 

Sheis Juden. Dieser rot hingeschmierte Schriftzug auf einer Zimmerwand schrie mich durch ein zerschlagenes Fenster an. Der scheinbar hirnverbrannte Schmiefink hatte noch nachträglich das fehlende c oben zwischen das S und das h gequetscht. Das s hatte er mit dem ß gleich ganz vertauscht. 

Auf den Schornsteinen ehemaliger Fabrikanlagen nisteten Störche, und aus den verwitterten Fugen der Ziegelsteinwände wuchsen kleine Birken. Diesen Ortschaften in dieser Ecke des Wartburgkreises ging es sichtlich schlecht. Der Leerstand war gravierend, uns es schien auch in mittlerer Zukunft keine besseren Zeiten in Sicht. Die Zeiten, in denen tausende in den Kali-Bergwerken beschäftigt waren, sind vorbei. Wem es möglich war, zog nach dem Zusammenbruch der DDR aus dieser Region weg.

Da wir zweimal die Autobahn 4 hätten überqueren müssen, folgten wir zwischen Untersuhl und Sallmannshausen nicht direkt dem Grenzverlauf, sondern liefen auf der Straße über Gerstungen nach Sallmannshausen und Wommen. Bis Gerstungen mussten wir auf einer holprigen Kopfsteinpflasterstraße wandern, die einem schwer zu schaffen machte. Der Belag war sehr uneben, und die Seitenränder der Straße waren überzogen mit Schlaglöchern. Donnernd fuhren Autos und Lkw vorbei. Gerade in diesem Moment rief mich ein Mann aus Frankfurt am Main auf meinem Mobiltelefon an und fragte nach unserem Projekt und unserer genauen Wanderroute. Ich brüllte fast ins Telefon, erklärte, dass wir gut vorankämen, und dass wir gerade unglücklicherweise auf eine Straße ausweichen müssten. Was für ein enormer Lärmpegel störte mein Telefonat. Mein Gesprächspartner aus Frankfurt musste gedacht haben, wir liefen eine Autobahn entlang. Der interessierte Mann wollte gar nicht das Gespräch beenden und stellte mir immer weitere Fragen. Ich befürchtete, dass gleich der Akku leer sein würde, und drängte ein wenig auf eine Beendigung des Telefonats. Ich versprach, mich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu melden.

In Gerstungen suchten wir einen Getränkemarkt auf und stockten unsere Vorräte auf. Es war mittlerweile mittags, und die Hitze erreichte wieder ihren Tageshöhepunkt. Die Temperaturen auf dem Asphalt lagen auf einem sehr hohen Niveau, und wir waren bereits jetzt völlig erschöpft.

Ein älterer Radfahrer mit engem Trikot und Bauchansatz machte ebenfalls Halt am Getränkemarkt, kaufte sich eine Flasche Bier, öffnete sie auf dem Parkplatz, setzte an und trank in großen Zügen. Auch ich hatte keine Lust, wieder nur Wasser zu trinken, und kaufte mir eine gekühlte Flasche hessischen Apfelwein. Das hessische Cidre hatte nicht so viel Alkohol und schmeckte erfrischend. Karsten schüttelte den Kopf und meinte, dass auch nur ein Schlückchen Alkohol ihm den Rest geben würde.

Nach einer kleinen Pause setzten wir unsere gesteckte Tagesetappe fort. Vorbei an den Reihenhäusern und am Rande der Ortschaft gelegenen Einfamiliengrundstücken.

»Schrecklich, stell dir mal vor, man müsste hier wohnen!« stellte ich fest.

»Wieso? Ich wäre froh, ein eigenes Haus zu haben«, entgegnete Karsten.

»Aber doch nicht hier, das ist doch übel. Was sollte man denn hier anstellen?«

»Sich um die Familie kümmern, auf dem Grundstück arbeiten. Besser ist es in einer Großstadt wohl auch nicht, oder? Ich wäre froh, vom Ruhrgebiet auf ein eigenes Grundstück wechseln zu können.«

»Ne, aber nicht hier. Vielleicht an der Küste oder in den Bergen. Aber hier in dieser Region. Was macht man denn hier abends?«

»Die Frage stellt sich in einem Dorf in den Bergen oder am Meer auch.«

»Da kann man wandern gehen.«

»Das kannst du hier doch auch.«

»Das sehe ich ja, schrecklich diese Straße hier ...« 

Mit diesen Worten beendete ich das Gespräch.

Die Straße bis Sallmannshausen zog sich. Die parallel verlaufende Autobahn war bereits zu hören und kurz darauf auch zu sehen. An der Grenze zwischen Thüringen und Hessen wurden wir wieder auf einen historischen Grenzstein aufmerksam, der etwas versteckt im Dickicht stand. Auf dem Asphalt der Straße suchte ich den winzigen Messpunkt, der genau den Verlauf der Grenzlinie markiert und wurde auch schnell fündig.

Auf Wiedersehen im Wartburgkreis. Wir befanden uns wieder auf hessischem Territorium. Hinter Wommen unterquerten wir die Autobahn, die auf einer gigantischen Brücke das dortige Gebiet überspannte. Hinter Nesselröden wurde der Tag schlagartig angenehmer. Durch Wälder folgten wir parallel dem Grenzverlauf bis Weißenborn. Am dortigen 389 Meter hohen Schiefergrundskopf war auf unserer Karte eine Schutzhütte verzeichnet, die wir als Tagesziel auserkoren hatten. Wir hofften, dass man in ihr eventuell mit dem Schlafsack nächtigen könnte. Das Wetter war so heiß und drückend, dass wir für den Abend oder die Nacht ein heftiges Gewitter befürchteten. 

Die Schutzhütte war zu den Seiten komplett offen, glich eher einem Unterstand und befand sich direkt an der Straße zwischen hohen Bäumen, wo sich bereits Mückenschwärme tummelten. In Anbetracht dieser Umstände zogen wir es vor, unser Zelt auf einer höher gelegenen Wiese hinter der Ortschaft aufzubauen. Beim Ausbreiten der Utensilien konnten wir vom Hügel aus auf die Wohnhäuser von Weißenborn blicken, die sich friedlich Reihe an Reihe im Tal befanden. Die verbleibende Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit wurde mit der Pflege der geschundenen Füße verbracht. Behutsam wurden sie mit etwas Wasser gereinigt, sorgfältig trocken gerieben und mit einer Pflegecreme einbalsamiert.

Die bereits in Bad Steben für viel Geld gekauften Blasenpflaster halfen überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, die Pflaster mit der viel gepriesenen Gelschicht rollten sich beim Laufen unter der Fußsohle zusammen und verklebten die Wandersocken. Später wurden die Wandersocken an den betroffenen Stellen hart und verkrustet, und es half auch kein anschließendes Auswaschen mehr. Die Socken waren hin, und die Füße erfuhren auch keine Linderung. Der Asphalt forderte Tribut. Zudem war ich mit meinen Stiefeln nicht so recht zufrieden. Die Jahre zuvor hatte ich ein sehr bequemes Paar Stiefel gehabt. Es blieb mir von 1995 bis 2000 treu. Ich wanderte mit diesen Stiefeln durch Schneefelder im Riesengebirge, durch matschige Böden in Brasilien, über scharfkantige Steine in der ägyptischen Wüste und über den Asphalt der irischen Landstraßen. Sie überstanden so manche Tour, doch irgendwann kam der Tag, an dem auch sie die Segel streichen mussten. Jenes Modell gab es in den Geschäften leider nicht mehr, und nach langer Suche musste ich mit einem Paar Wanderstiefel vorlieb nehmen, das nur annähernd den gleichen Tragekomfort hatte wie das Paar zuvor.

Nun denn, beim Kauf ahnte ich auch noch nicht, dass ich eines Tages mit diesen Stiefeln nonstop über 1.300 Kilometer auf Beton und Asphalt laufen würde. Immer häufiger wich ich auf die mitgenommenen Wandersandalen aus, die ich kurz vor Antritt einer Segeltour im Herbst 1999 von der Mutter eines Segelpartners geschenkt bekam. Ich hegte beim Tragen der Sandalen gute Erinnerungen, und es lief sich mit ihnen recht angenehm, jedoch war die Sohle mehr und mehr durchgetreten, und schon bald spürte ich jedes spitzes Steinchen. Liefen wir über eine Straße, auf der Split ausgestreut war, wurde das Gehen zur Qual, und ich zog doch lieber wieder die Stiefel an. Zu einem späteren Zeitpunkt der Grenzwanderung legte ich mir noch ein Paar neue Wanderhalbschuhe zu, die dem vorhandenen Terrain absolut gerecht wurden.

Die Nacht war erholsam. Es störte auch nicht, dass man in dem winzigen Zelt die Füße auf die Rucksäcke legen musste. Der Wiesenboden war weich, und es drückten keinerlei Kienäpfel, Wurzeln oder Steine in den Rücken. Zum erwarteten Sommergewitter kam es glücklicherweise auch nicht, und so stand einem motivierten Aufbruch zur nächsten Tagesetappe nichts mehr im Wege. Zusätzliche Motivation versprach ein Abstecher in die Stadt Eschwege, den wir am Vormittag vornehmen wollten. Karsten und ich hatten vor, uns nach längerer Zeit mal wieder einen richtigen Milchkaffee in einem Bistro oder Café zu gönnen...

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft

 

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