kaliningrad

Ostwärts nach Westen: Alltag zurücklassen - zu zweit mit dem Rad einfach mal los!

 
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MB 15 Juli 2019
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Eine alte schmale Kopfsteinpflasterstraße mit einem seitlichen Sandstreifen zieht sich schnurgerade in die Ferne. Am Feldrand wiegen die Grashalme im Wind. Die Richtung, in die sie sich biegen zeigt an: Steife Briese von vorn. Kilometer für Kilometer wird sich vorwärts gearbeitet. Es genügt ein kurzer Blick auf diese eine Aufnahme, um gedanklich ebenso wieder auf Tour zu sein. Sehnsucht! Fernweh! Das Foto erinnert mich an meine mit dem Fahrrad unternommenen Touren quer durch den Balkan. Großartig! Was für eine Freiheit! Mag der Gegenwind auch noch so stark sein, am Ende ist jede Etappe ein grandioses Erlebnis. Ausgedehnte Wanderungen über 1.000 Kilometer, wochenlange Radtouren - es hatte alles etwas. In meinem Fall war jedoch immer klar, ich würde zu einem Zeitpunkt X wieder zurückkehren. Wenn mich nicht der Hirte in den abgelegenen serbischen Bergregionen aus der Ferne für ein wildes Tier halten und die Flinte ansetzen würde. Dies war uns zu zweit wirklich einmal passiert. Letztendlich kam ich jedoch immer wieder heil in der Heimat an. Nur ein einziges Mal hatte ich das Gepäck geschnürt, um auf Weltreise zu gehen. Der Zeitpunkt der Rückkehr war völlig offen. Mit zwei Segelbooten stachen wir im Herbst 1999 in See. Das Gefühl beim Ablegen werde ich niemals vergessen. Die Leinen waren los, Freunde und Verwandte standen am Hafen und winkten uns hinterher. Trockener Hals, feuchte Augen. Die Gefühle in Worte zu fassen, ist schier unmöglich. Daheim hatte man alles aufgegeben und aufgelöst - es blieb nur noch der Weg nach vorn. Ob mit dem Boot, zu Fuß oder mit dem Fahrrad - die Gedanken und Gefühle dürften ähnlich sein.

Mit Faszination verfolgte ich, wie Anika (29) und Denis (35) die Vorbereitungen für ihre geplante Tour „Ostwärts nach Westen“ trafen. Bereits zuvor überraschte mich Anika immer wieder. Zum einen mit ihren Berichten über die gesehenen Spiele des F.C. Hansa Rostock, zum anderen mit ihren Berichten über diverse Touren nach Moldawien, Georgien und in die Ukraine. Unbeschwert ging es hierhin und dorthin. Mit Witz wurden die Schilderungen angereichert. Ich war manchmal baff. Als ich sie einmal im Kölner Südstadion kurz treffen durfte, hätte ich im Leben nicht vermutet, dass sie wenig später gemeinsam mit ihrem Freund die Wohnung auflösen und den Job kündigen würde, um zu zweit aufs Rad zu steigen und einfach mal loszuradeln. Stille Wasser sind tief. Bei Anika trifft dies wahrlich zu. Aber was sag ich. Im Leben hat man bereits so viele Menschen kennenlernen dürfen. Die einen erzählen nur viel, wiederum andere machen einfach. 

„So, wir fahren dann mal los!“, hieß es am 18. Juni 2019. Dazu gab es auf Facebook einen Selfie und ein Foto vom Lenker eines Fahrrads. Kilometerstand Null. Die Tage zuvor gab es auf Facebook Fotos von der Einweihung des Benzinkochers, auf dem erstmalig ein Mittagessen zubereitet wurde, von der leergeräumten Wohnung in Hamburg, vom Abschiedsessen nach dem letzten Arbeitstag, von den neuen praktischen Schnürsenkeln und von einem Weinabend mit Freunden, die kürzlich von einer Radtour zum Nordkap zurückgekehrt waren. 

Die ersten Fotos von der Reise gab es am Abend des zweiten Tages. Am ersten Tag ging es von Hamburg aus rund 65 Kilometer bis kurz hinter Lübeck, am Tag darauf wurden rund 60 Kilometer bis kurz vor Wismar zurückgelegt. Mohnblumen, ein Selfie auf dem Rücken, der Ortseingang von Boltenhagen, das aufgebaute Zelt, ein idyllischer Feldweg, eine Innenaufnahme vom Zelt, ein in Lübeck-Travemünde gekauftes Fischbrötchen - beim Anblick der Fotos möchte man sich sogleich auf den Sattel schwingen und mit radeln. 

Nachdem beim Testspiel LSG Elmenhorst vs. F.C. Hansa Rostock vorbeigeschaut wurde (beide sind glühende Hansa-Fans), ging es weiter nach Kühlungsborn, Warnemünde und Rostock. Im Ostseestadion durfte im Rahmen des Familientages tatsächlich eine Runde im Innenraum gedreht werden. Logisch, dass sich die Ostseezeitung und Hansa-TV der Sache angenommen und über die Reise berichtet haben. Die Route für die nächsten Tage ist meist grob gesteckt, doch geht es keinesfalls schnurgerade durch die Regionen / Länder. Von Rostock ging es zunächst gen Süden nach Laage, Teterow und Waren an der Müritz, wo ein paar angenehme Tage verbracht wurden. Im Anschluss wurden rund 130 Kilometer bis Eggesin zurückgelegt, wo eine weitere kurze Pause bei Anikas Eltern eingelegt wurde. 

In Waren kamen sie mit dem Onlinemagazin „Wir sind Müritzer“ ins Gespräch. „Wer bestimmt, wann wir aufstehen, wann wir ins Bett gehen, wann wir Urlaub machen, und, und, und – der Arbeitgeber oder die Arbeit. Aus dieser Tretmühle wollten wir ‚raus. Einfach mal für uns entscheiden“, hatte Anika gegenüber diesem Magazin erklärt. Zwischen der Entscheidung, einfach mal auszusteigen und der Abfahrt lag rund ein Dreivierteljahr. Ein wichtiger Punkt: Diese Tour wird komplett vom eigenen Ersparten finanziert. Pro Tag und Person kalkulieren sie zirka zehn Euro. Wann die Tour zu Ende gehen soll? Das ist völlig offen. Zwar sind Anika und Denis nicht zwingend auf Spenden angewiesen, doch über jegliche Unterstützung sind sie selbstverständlich dankbar. 

„Wir erfahren die Welt hautnah und erreichen Orte, wo kein Bus oder Zug hinfährt, wir können jederzeit anhalten, wenn wir mit Menschen ins Gespräch kommen wollen“, berichtet Anika gegenüber dem Nordkurier, der ebenso über die geplante Weltreise der beiden berichtet hatte. Und weiter ging´s! Zwei Wochen, nachdem in Hamburg der Start erfolgte, wurde bereits die deutsch-polnische Grenze erreicht. 719 Kilometer wurden bislang gefahren - und das ohne nennenswerten Muskelkater und Hinternschmerzen. Bei Kamminke wurde eine kleine Brücke passiert - und schon rollten die beiden Fahrräder über polnisches Territorium. Hinter Swinemünde stießen Anika und Denis auf den Radweg R10, die folgenden Kilometer wurde der Nationalpark Wolin durchquert. Im Grunde begann die Reise jetzt erst richtig, war im Facebook-Eintrag vom 2. Juli 2019 zu lesen. 

Verständlich ist auch, dass solch eine Tour nicht immer komplett reibungslos verlaufen kann. Mal verzögerte starker Regen den Beginn der geplanten Tagesetappe, mal musste mit Sand und starkem Gegenwind gekämpft werden. Zudem fiel ein Handy auf einen Gehweg und musste später in Kołobrzeg repariert werden. Nach Regen kommt wieder Sonne. In Kołobrzeg nahmen Maciej und seine Familie die beiden privat auf und boten ihnen ein Zimmer an. Es wurde gemeinsam gekocht, gegessen und leckerer Zitronenwodka getrunken. Weiter ging es dann schließlich nach Koszalin und Darłowo, am 8. Juli 2019 wurde die 1.000-km-Marke geknackt. Die letzten Kilometer vor dem Knacken waren allerdings hart erkämpft. Plattenwege und matschige Schlammwege machten den beiden das Leben schwer. Immer wieder musste abgestiegen und geschoben werden. 

Auch hinter der 1.000-km-Marke ging es beschwerlich weiter. Die Wege durch den Slowinski Nationalpark (berühmt für die Düne bei Łeba) erforderten ein hartes Stück Arbeit, und hinter dieser Etappe wurde eine neue Entscheidung getroffen. Der Eurovelo 10 wurde verlassen, stattdessen ging es auf befestigten Wegen über Lebork nach Gdansk. Glück mit dem Wetter hatten Anika und Denis zunächst nicht. Es regnete sich richtig hübsch ein, und die beiden versuchten, nicht allzu viel zu fluchen. Online beantragt wurde ein Visum für Kaliningrad, das sofort bestätigt wurde. Schließlich wurde Gdansk erreicht, und auch das Wetter wurde wieder besser. Über Frombork (Frauenburg) ging es schließlich zur polnisch-russischen Grenze, wo die beiden sich als Fußgänger mit ganz vorn anstellen durften und somit zügig den Grenzübergang passieren konnten.

Pech gab es rund acht Kilometer vor Kaliningrad. Ein plötzlich auftauchender scharfkantiger Stein hatte eine Felge komplett zerstört. Ein Autofahrer zeigte sich sogleich hilfsbreit und nahm das demolierte Rad mit der formvollendeten Acht mit in die Stadt zu einem Fahrradgeschäft. Da dieses jedoch ausgelastet war, musste zunächst selbst das Rad gerichtet und wieder eingebaut werden. Zu Fuß wurde bis ins Stadtzentrum von Kaliningrad geschoben, in der Nähe der Werkstatt wurde zudem ein Hostel aufgesucht. Ins Gespräch kamen Anika und Denis mit einer Frau mittleren Alters, die den Schlusssatz des Tages sagte: „Don't worry, everything will be alright. It's just a matter of time.“ (Macht euch keine Sorgen, alles wird gut. Es ist nur eine Frage der Zeit.)

Stand der Dinge: Den letzten Eintrag aus Kaliningrad gab es vor 19 Stunden. Wir alle dürfen nun gespannt sein, ob das Fahrrad problemlos repariert werden konnte und auf welcher Route es weitergehen wird. Wir von turus.net wünschen an dieser Stelle viel Glück und ein reibungsloses Vorankommen! :-)

Aktuelle Einträge von Anika und Denis gibt es auf ihrer Facebook-Seite.

Längere Bericht sind zudem auf ihrer Seite ostwaerts-nach-westen.de zu lesen!

Fotos: Anika und Denis

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Viel Glück den Beiden! :-)

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