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Abenteuer Bahnreise nach Brüssel: Die Tour de France einmal aus anderer Sicht

 
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BM 08 Juli 2019
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Für dieses Jahr war es von Anfang an geplant, dass ich mich zum Start der Tour de France nach Brüssel aufmache. Terminplanung war also früh angesagt und nicht allen konnte ich es recht machen, ob Frau, Kinder und Enkelkinder oder auch sonstige Verwandte, die zum Beispiel einen nicht ganz unwichtigen Geburtstag feierten, der nun gerade mit dem Tourstart kollidierte. Sorry, Dieter, das sollte kein Affront gegen Dich sein, aber Du kennst natürlich meine Faszination für den Radsport seit Jahren und deshalb hoffe ich, dass ich in den nächsten Tagen mit Dir noch nachträglich auf Dein Wohl anstoßen kann!?

Man muss als Berichterstatter und Radsportfan zunächst mal eine Frau zur Seite haben, die all das mitmacht ohne groß zu murren, zumal sie für diese Sportart leider nicht das Interesse ihres Mannes teilt. Auch Kinder und Enkelkinder in Braunschweig und Frankfurt/Main pochen auf ihr Recht und so muss jeder Termin für den Radsport – auch Fußball kommt ja noch dazu -  gut abgestimmt werden. Dafür ist Opa dann für den Kauf aller Fahrräder für die Enkelkinder verantwortlich und muss tief in die Tasche greifen. Der jetzt bevorstehende Urlaub auf Fehmarn und Langeoog mit Kindern und Enkelkindern sollte dann zumindest eine kleine Wiedergutmachung sein.

Ich wollte mir die Reise nach Brüssel mit dem Auto nicht antun und so griff ich mal wieder auf die Deutsche Bahn zurück, die mich in der Mehrzahl immer gut ans Ziel gebracht hat. Wenn man als freiberuflicher Journalist im Rentenalter nicht unter Zeitdruck steht, ist alles gut und dann ist schon mal eine kleine Verspätung mit der Bahn in Kauf zu nehmen. Man darf schließlich nicht vergessen, dass das Schienennetz in ganz Europa nicht unbedingt einfach zu Händeln sein dürfte. Tückisch kann die Angelegenheit nur werden, wenn man einen festen Termin hat, den man wahrnehmen muss oder will. Ein verspäteter Zug lässt dann in der Regel den Folgezug verpassen und das ist dann schon ärgerlich.  

So geschehen am letzten Donnerstag, als ich mich auf die Fahrt nach Brüssel machte, um über die Präsentation der 22 Mannschaften zu berichten, die die 106. Tour de France in Angriff nehmen wollten. Einen direkten Zug gab es nicht, vielmehr musste ich in Köln umsteigen und dann passierte genau das, was man eigentlich nicht haben möchte. Schon in Köln hatte der Zug aufgrund einer technischen Störung sagenhafte 69 Minuten Verspätung und in Brüssel kam ich dann erst um 17.40 Uhr an und dann hieß es erst einmal das Gepäck ins Hotel bringen. In reichlich Hektik ging es dann zum Grand Place und natürlich war die Veranstaltung schon längst in vollem Gange, so dass ich gerade noch die Vorstellung der letzten fünf Teams live erleben durfte. Da ich Radsportfan Christine an meiner Seite hatte, die sich das Spektakel Tour de France erstmals aus der Nähe anschauen wollte und unabhängig von mir diese Reise viel früher als ich gebucht hatte, wir zufällig aber im gleichen Zug saßen, wurde ich in meiner Aufregung ob der Verspätung von ihr beruhigt. „Warum die Aufregung, wir haben doch nicht alles verpasst und ein gemeinsames Bier danach lassen wir uns schmecken“, meinte Christine, die mehr als eifrig fotografierte und dahingehend nicht zu bremsen war.

Ein eventuelles Interview mit einen der 11 deutschen Teilnehmer war aber an diesem Abend nicht mehr möglich, aber tags darauf gab es ja genügend Pressekonferenzen, die ich besuchte und dabei interessante Statements einfangen konnte. Einfach nur genial, was hier im Mutterland des Radsports ablief: ob Präsentation, erste Etappe oder am zweiten Tag das Mannschaftszeitfahren, die Begeisterung der vielen Fans aus aller Herren Länder war mehr als beeindruckend und man musste  sich schon fragen, ob so etwas jemals in Deutschland möglich ist, wo doch eigentlich dem Fahrrad derzeit alle Unterstützung von der Politik geboten wird. Aber die Radrennen in unserem Land werden dagegen immer weniger, die Kosten und Auflagen für ein derartiges Event immer größer und Genehmigungen werden schon gar nicht mehr erteilt. Warum holt man sich nicht große Wirtschaftsunternehmen ins Boot, denn es kann doch zum Beispiel nicht sein, dass etwa ein deutscher Lebensmittelkonzern wie Lidl sich seit einigen Jahren auf dem Trikot einer belgischen Mannschaft präsentiert, oder? Geld ist doch genug vorhanden in Deutschland und das Profiteam  BORA-hansgrohe ist doch beispielgebend, ist so etwas aber nur etwa in Bayern möglich? 

Aber weichen wir nicht ab, die Tage in Brüssel waren viel zu schön, um zu lamentieren. Am Sonntagabend nach einem faszinierenden Mannschaftszeitfahren mit einem starken Tony Martin auf dem Siegerpodest ließen wir bei Döner und Bier das Abenteuer Tour de France ausklingen in Erwartung, dass unsere Rückfahrt nach Berlin diesmal problemlos läuft. Bei Antritt der Fahrt in Brüssel waren es schon 15 Minuten, die wir später in Köln ankommen sollten, statt ursprünglich 33 Minuten Zeitspanne, um den Folgezug nach Berlin zu bekommen, wurde es nun ein wenig eng. In Düren gab es dann noch einen Zugwechsel und so waren die Spekulationen groß, mit welchem Zug wir schließlich nach Berlin kommen, wenn erneut eine Verspätung in Köln nicht vermeidbar ist.

Doch diesmal war uns das Glück hold: 12.45 Uhr liefen wir am Kölner Hauptbahnhof ein, geniale drei Minuten Zeit für den Zugwechsel, Treppe runter, Treppe rauf, wir schafften es mit hängender Zunge, der Wagen war uns egal, Hauptsache drin! Wo ist Wagen 24, eingestiegen waren wir im Wagen 34, ein Marathonlauf durch den fahrenden Zug muss in meinem Alter nicht mehr sein. Als wir den Wagen 32 erreicht hatten und es nicht mehr weiter ging, waren wir sprachlos, aber ein freundlicher Mitarbeiter der Deutschen Bahn sagte nur: „Bleiben sie nur ruhig, sie sind nicht ganz falsch. Der Zug wird in Wuppertal geteilt und dann laufen sie weiter zurück zum Wagen 24 und alles ist gut“, nahm uns der gute Mann jegliche Skepsis.

Und siehe da: pünktlich liefen wir um 17.06 Uhr wie vorgesehen am Berliner Hauptbahnhof ein und so hatte dann alles noch ein gutes Ende. Ein wenig Arbeit liegt noch vor uns, da wir aufgrund der großen Verspätung auf der Hinfahrt noch unsere Regressansprüche gegenüber der Deutschen Bahn schriftlich geltend machen werden. Die dafür erforderlichen Formulare wurden uns sinnvoller Weise im Zug auf der Hinreise schon ausgehändigt. Als sonst leidenschaftlicher Autofahrer werde ich aber in  Zukunft trotzdem auch weiterhin mit der Bahn fahren und hoffe inständig, dass es beim nächsten Mal stressfreier wird. 

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Serge W., Marco Bertram

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