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Sommer 1991: Quer durch Frankreich trampen - Treffpunkt Notre Dame um eins!

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MB 14 Mai 2019
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Am Tag X um 13 Uhr auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame treffen - so hatten wir es ein paar Tage zuvor telefonisch vereinbart. Es musste einfach klappen, es gab quasi nur diesen einen Versuch. An Mobiltelefone war im Sommer 1991 noch nicht im Entferntesten zu denken, meine Eltern hatten zu jenem Zeitpunkt nicht mal einen Festnetzanschluss. War man damals weg, war man wirklich weg. Ich fahre drei Wochen mit Nico gen Westen, lautete die knappe Ansage. Irgendwo hin. Frankreich, Belgien, aber vielleicht auch nur in den Schwarzwald. Rucksack gepackt - und ab ging´s. Zuerst ein paar Tage in Hannover und dann per Mitfahrzentrale und Anhalter runter nach Frankfurt am Main, Karlsruhe und Bruchsal. Die deutsch-französische Grenze überquerten wir zu Fuß. Über den Rhein ging es bei Freistett. Mittags platzte mir im Rucksack bei der prallen Sonne ein Glas mit Schokocreme, abends überraschte uns ein deftiges Unwetter.

Unter einer Brücke schlugen wir unser Lager auf und trockneten am Feuer die Klamotten. Logisch, dass man damals als 17-jähriger keinen Schirm dabei hatte. Auch keinen Friesennerz. Funktionskleidung hatten wir auch nicht an. BW-Stiefel, Jeans, Hemd und eine Lederjacke, die sich bei dem Regen hübsch vollsog und die Haut dunkelblau färbte. So recht trocknen wollte bei der feuchten Nacht nichts, so blieb mir am nächsten Tag quasi nur das, was ich beim Schlafen im klammen Schlafsack ein wenig mit Körperwärme „bearbeiten“ konnte.

Das Trampen quer durch Frankreich wurde ein echter Akt. Das Ziel stand: Paris. Dort wollten wir in einer Woche unseren gemeinsamen Freund Jan auf dem von Tauben überfluteten Platz vor Notre-Dame treffen. So hatten wir das telefonisch von Hannover aus vereinbart. Dann war Funkstille. Nördlich von Strasbourg arbeiteten wir uns in Mini-Etappen vor. Immer konnte uns irgendein Fahrer nur paar Kilometer bis zur nächsten Ortschaft mitnehmen. Pokern wollten wir nicht. Hauptsache irgendwie fortbewegen, wenngleich es manchmal nur zehn Kilometer waren. Psychologisch immer noch besser, als sechs Stunden lang auf der Stelle zu stehen und auf den großen Jackpot zu hoffen.

In der Nähe bei Metz schliefen wir auf einem Rastplatz. Bei Dieselgeruch mampften wir die teuer erstandenen Sandwiches, Baguettes sowie die Würstchen aus der Folienpackung und schlürften die ebenso schweineteure Kakaomilch. Wir waren jung, wir waren abenteuerlustig, wir hatten keine Kohle. Die Franc in erheblicher Anzahl für solche Schnitten und Kakao hinzulegen, war arg ernüchternd. Aber was konntest du machen? Mal nahm uns ein Geschäftsmann im teuren Schlitten mit, mal saßen wir mit vorn im Führerhaus eines LKWs. Der Fahrer drehte sich eine Fluppe nach der anderen und schlief beim Fahren fast ein. Immer wieder nickte er weg, und der Drall ging in Richtung Seitenstreifen. Eine Katastrophe! Er bat uns, immer weiter zu plaudern, auch wenn er kein einziges Wort verstehen würde. Egal, völlig egal, Hauptsache irgendeine Form der Unterhaltung. Es war der Horror! Immer wieder driftete das Gefährt langsam aber sicher nach rechts ab. An der nächsten Raststätte stiegen wir wieder aus.

PARIS 430 KM. Das blaue Schild an der Abfahrt des Parkplatzes gab den Stand der Dinge an. Wir fragten etliche PKW- und Brummi-Fahrer, ob sie uns mitnehmen könnten, doch fast all winkten nur ab. Lohnt sich nicht, an der nächsten Abfahrt würde ihr Weg ganz woanders hinführen. Dann fand sich doch ein Trucker, der Erbarmen hatte. Wir sollten um fünf Uhr in der Frühe an seinem LKW stehen. Schönes Ding! Das Zelt wurde im nahen Wald aufgebaut, und wir hielten abwechselnd Nachtwache, um bloß nicht zu verpennen. Als wir schließlich kurz vor fünf auf der Matte standen, war er bereits weg. Später am Vormittag nahm uns dann doch ein Geschäftsmann mit. Nico und ich schlugen uns durch bis Châlons-sur-Marne, das gezielt angesteuert wurde. Heute würde man diesen Städtenamen vergeblich auf der Landkarte suchen, denn 1997 wurde die 45.000-Einwohner-Stadt in Châlons-en-Champagne umbenannt. 

Wirft man ein Blick ins Netz, so stößt man auf recht hübsche Bilder von Châlons-en-Champagne, doch unser damaliger Eindruck von Châlons-sur-Marne war überaus miserabel. Keine Ahnung, in welchem Stadtteil wir gelandet waren. Fakt ist, dass ich in meinen Notizen keine guten Worte fand. Erschreckend hässliche Häuser, wild verlaufenen Stromleitungen, übelstes Straßenpflaster, öde Gewerbegebiete, Tristesse pur. Unsere Stimmung war am Boden. Am Rande der Stadt wollte Nico das Zelt auf einer arg buckeligen Wiese aufschlagen. Ich hatte indes die Nase gestrichen voll und schlug vor, den Nachtzug nach Paris zu nehmen, schließlich würden wir bereits übermorgen Jan vor der Kathedrale Notre-Dame treffen wollen. Das sei doch Quark, den Nachtzug zu nehmen, meinte Nico und bestand darauf, hier auf dem Acker zu pennen. Es folgte ein wüstes Streitgespräch in dessen Folge Nico irgendwann den Rucksack schnappte und davon eilte. Ich sei ein scheiß Löwe, ein scheiß Egoist! Sprachlos stand ich nun am Straßenrand und sah Nico hinterher. Am Bahnhof trafen wir uns schließlich wieder, und wir mussten feststellen, dass es gar kein Nachtzug nach Paris gab.

In der Nähe einer Fernstraße wollten wir unser Nachtlager aufschlagen, um am kommenden Morgen eine gute Startposition zu haben. Es war inzwischen dunkel und wir verzichteten auf das Zelt. Mit den Isomatten legten wir uns einfach so aufs Feld. Beim Aufwachen bemerkten wir, dass dieses Feld quasi zu einem Garten gehörte. Mit vor Müdigkeit brennenden Augen packten wir unseren Kram ein und versuchten wieder unser Glück. Dieses Mal war uns das Glück hold, es hielt ein Transporter, und der Fahrer erklärte uns, dass er bis Paris fahren würde, weil er dort eine Wohnung habe. Wir nahmen im dunklen Laderaum Platz und konnten nur durch das schmale Fenster zur Fahrerkabine ein wenig von der Umgebung erahnen. Er fuhr wie es sich für einen Franzosen gehört wie ein Henker, und wir hatten in den Kurven alle Mühe, uns auf dem Hintern zu halten. Wir hockten auf den Radkästen und krallten uns an diesen fest. Alles gut, fragte uns der Fahrer immer wieder auf Französisch und lachte. Alles prima! Daumen hoch!

Am späten Nachmittag erreichten wir die Innenstadt von Paris. Der Fahrer stieg aus und öffnete hinten die Tür. Licht strömte herein, mit einem Mal sahen wir das lebendige Treiben der Stadt. Es war irre. Von einer Sekunde zur anderen fanden wir uns irgendwo in der französischen Metropole wieder. Es war eines der emotionalsten Momente auf all meinen Reisen. Wir hatten es geschafft! Wir waren pünktlich in Paris. Das mag aus heutiger Sicht banal klingen, doch damals im Sommer 1991 so frisch nach dem Mauerfall war dies für 17-Jährige durchaus ein Abenteuer. Kein Internet, kein Smartphones. Das einzige, was wir hatten, war eine recht grobe Frankreich-Landkarte. 

Wir bedankten uns mehrfach beim Fahrer und suchten im Anschluss die nächste Métrostation. Ich habe dies erst gerade in den Notizen gelesen. An diese erinnern konnte ich mich weiß Gott nicht mehr. Das erste Mal nach 28 Jahren suche ich nun bei google maps nach dieser Station und weiß, wo Nico und ich damals landeten. Nun denn, ich zitiere wikipedia: „Die Station befindet sich im Quartier de la Roquette des 11. Arrondissements von Paris. Sie liegt längs unter dem Boulevard Voltaire in Höhe des Platzes Place Léon Blum.“ Mit eigenen Worten beschrieben: Zwischen Place de la Nation und Le Centre Pompidou. 

Auf der Avenue des Champs-Élysées fragten wir im Informationszentrum nach einem Zeltplatz, und siehe da, es gab doch tatsächlich im Bois de Boulogne einen internationalen Campingplatz, auf dem man auch sein Zelt aufstellen konnte. Mit Métro und Bus fuhren Nico und ich hin, bauten unser kleines Zelt auf und stellten uns in die Schlange vor den Duschkabinen. Das erste Mal seit Hannover und Bad Homburg könnten wir uns endlich mal wieder richtig waschen. Ich möchte nicht wissen, wie wir damals gestunken haben. Der Geruch der BW-Stiefel muss irre gewesen sein. 

Eigentlich vermuteten wir, dass Jan, der vor allem früher immer die Ruhe weg hatte, arg verspätet auf dem Vorplatz von Notre-Dame eintrudeln würde. Doch denkste! Gongschlag ein Uhr nachmittags schlurfte er gemütlich herbei und begrüßte uns locker flockig, als sei es das Normalste der Welt sich nach einer Woche in Paris zu treffen. Und das nach jeweiligen abenteuerlichen Touren per Mitfahrzentrale und Anhalter. Ich tat auch ganz locker, freute mich aber innerlich riesig über das Wiedersehen. Zwei coole Tage verbrachten wir zu dritt in Paris, dann trennten sich wieder unsere Wege. Während Jan sich nach Südfrankreich durchschlagen wollte, um dort seine Eltern zu treffen, trampten Nico und ich weiter in Richtung Norden, um Brüssel einen Besuch abzustatten…

Fotos: Nico K., Marco Bertram

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  • Aktivreise
  • Städtereise
Reiseziel
Frankreich
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Du hast dir über all die Jahre deinen Abenteuerdrang erhalten. Respekt

C
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Einfach wunderbar der Bericht,
Gibt ne Dose von mir!

A
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