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Der Sherpa, die Puja, der gefahrvolle Aufstieg

 
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MB 11 Februar 2019
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Hören wir den Begriff „Sherpa“, denken wir in der Regel an die Hochgebirgsträger, die seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Himalaya-Region den Extremsportlern, Entdeckern und Abenteurern das schwere Gepäck in die Höhenlagen schleppen. Genauer gesagt sind die Sherpas ein Volk, das vor 300 bis 400 Jahren aus der Region Kham (Region in Osttibet) in den Zentral- und Süd-Himalaya eingewandert ist. Die rund 180.000 Sherpas leben in der Gegenwart im Osten Nepals und in den zum Himalaya angrenzenden Regionen in China und Indien. Der Großteil der Sherpas ist buddhistisch. Ein wichtiger Bestandteil des religiösen Alltags ist die Puja, die ein praktiziertes Ritual ist und in etwa „Verehrung“ / „Ehrerweisung“ bedeutet. 

Die Puja gibt es sowohl im Buddhismus als auch im Hinduismus. In beiden Fällen gibt es 14 Rituale, die sich jedoch je nach Religion und Region stark unterscheiden. Hinduismus: Waschen, Mund spülen, Blüten, Räucherstäbchen, Opferspeisen, etc. Buddhismus: dreifache Zufluchtnahme, Gelöbnis, Schutzverse, Wasseropfer, etc. Im besten Fall wird die Puja an jedem Tag praktiziert. An Festen und Feiertagen ist sie in jedem Fall ein fester Bestandteil. Ebenso sollte sie vor langen Touren und wichtigen Unternehmungen praktiziert werden. So auch vor einer Wanderung in die Höhenlagen eines Gebirges.

Folgend ein aktueller Text vom Autor und Lyriker Mark Bauch (Sugar de Santo), der aktuell in Berlin lebt und wirkt:

 

Der Aufstieg

Ein eisiger Wind pfiff durch die Schluchten. Die Dämmerung setzte gerade ein. Alles war noch eine einzige Farbe. 

„Willst du wirklich gehen?“, fragte sie und goss den milchigen Tee in eine Schale und reichte den Tee ihrem Mann. 

„Ja“, sagte er knapp und nahm die Schale und schlürfte ausgiebig an seinem fettigen Buttertee.

„Hast du eine Puja abgehalten?“ fragte sie erneut. Das Feuer knisterte.

„Nein“, war seine knappe Antwort. Er sprach nie viel, wenn er einen Auftrag hatte. Er stellte die Teeschale ab. 

„Ich muss los.“ Er griff den schweren Rucksack und verließ das Zelt.

„Die Puja!“, rief sie ihm nach. Ihr Echo hallte ihr im Ohr wieder. Dann war er auch schon am Horizont verschwunden. Sie ging zurück ins Zelt. Am Altar zündete sie ein Räucherstäbchen an und faltete die Hände. 

Die kleinen Steinchen knirschten unter seinen schweren Schuhen. Er ging zügig. Es war noch früh am Morgen. Die Sonne war gerade erst am Himmel. Der Wind sang ein eisiges Lied. In ein paar Minuten würde er das kleine Hotel erreichen und seine Auftraggeber abholen. Wie oft hatte er diese Tour schon  gemacht? Er hatte es vergessen, wollte vergessen...   Sein Vater hatte ihn als kleinen Jungen mitgenommen, gegen den Widerstand seiner Mutter. Jedes Mal hatte er Glück gehabt. Sein Vater lehrte ihn, wie man die Puja abhalten musste, damit die Geister und Götter des Berges gnädig waren. Die Götter waren stets ihnen gnädig gewesen. Und so trat er in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Sherpa.

Kurz bevor er das Touristen-Hotel erreichte, hörte er bereits das Lachen. Die ausländischen Wanderer warteten schon ungeduldig vor dem kleinen Hotel. Sie würden zu viert wandern. Er hoffte, dass alle in guter gesunder Verfassung waren. Je weiter sie hochstiegen, desto dünner würde die Luft werden. Das Atmen fällt schwerer. Die Lungen würden schmerzen. Das Herz zu rasen beginnen. Höhenkrankheit. Hier oben in den Bergen, über 3000 Metern.

„Hello my friend“, lächelte einer aus breiten weißen Zähnen.

„Hello, my name is Norbu, I am your guide. Ready? Ok, then Let´s go. We have a long way.“

Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung. Sie sprachen wenig miteinander, da jeder Schritt anstrengend war und sie langsam ihre Lungen spürten. Nach einer Stunde Fußmarsch machten sie an einer kleinen Stupa halt. Die Wanderer brauchten eine kurze Pause, und er musste noch seine Gebete verrichten. Aus der Innentasche seines schweren Mantels holte er etwas Reis und Weihrauch. Er warf den Reis in die Luft und verneigte sich mehrmals und bat die Geister und Götter des Berges ihnen gnädig zu sein und ihnen ihren Segen zu gewähren. Zum Schluss entzündete er noch Weihrauch und verneigte sich erneut. Dann gingen sie weiter.

Norbu blickte je weiter sie aufstiegen immer wieder in den grauen Wolkenhimmel. Er sah Gebirgsadler über ihren Köpfen kreisen, die laut kreischten. Eine Warnung? In der Ferne dicke schwarzgraue Wolken. Er verscheuchte seine trüben Gedanken. Er hatte ja eine Puja abgehalten. Die Geister und Götter würden gnädig sein. Wie immer.

Ein leichter Nieselregen setzte ein. Der Untergrund wurde immer glitschiger mit der nassen lehmigen Erde und den Steinen. Trotz der Mittagszeit verfärbte sich der Himmel immer dunkler. Das ungute Gefühl blieb. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Wieder hörte er den Ruf des Adlers. Das ungute Gefühl verstärkte sich. 

Dumpfes, schweres Grollen. Dunkelheit. 

Das Kreischen des Adlers hallte in seinen Ohren wieder. Als er wieder zu sich kam wusste er nicht wo er war. Immer noch war alles schwarz. Er glaubte die Flamme einer Öllampe zu sehen, deren kleine Flamme leicht tänzelte. Und das lächelnde Gesicht Buddhas. Schwere. Dann schloss er wieder die Augen.

Die Mönche des Klosters machten sich auf den Weg. Auch sie baten die Götter des Berges und Buddha um Gnade und Segen. Weihrauch stieg in den Himmel auf. Hornmuscheln und Schellen hallten in den Schluchten wider. Dann setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung. Mit ihnen trugen sie einige hölzerne Gestelle, die mit Fellen abgedeckt waren. Still kreiste ein Adler über ihren Köpfen.

Nach einem kleinen Marsch hatten sie ihr Ziel erreicht. Auf einem offenen Plateau stellten sie die Gestelle ab, und die Mönche begannen Steine aufzusammeln, die sie über die Gestelle errichteten. Vier kleine Stupas entstanden. Als der letzte Stein gesetzt war, verneigten sich die Mönche, zündeten Weihrauch  an und beteten. Als die Gebete verrichtet waren, machten sie sich auf den Rückweg zum Kloster.

Die Dunkelheit setzte ein. 

Wieder am Kloster angekommen, hörten sie das Rufen eines Adlers aus der Ferne.

Kurzgeschichte: Mark Bauch

Fotos: Marco Bertram

 

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Sind das Text Ausschnitte? Spannend aber irgendwie komisch geschrieben.

"Das ungute Gefühl blieb. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Wieder hörte er den Ruf des Adlers. Das ungute Gefühl verstärkte sich.

Dumpfes, schweres Grollen. Dunkelheit.

Das Kreischen des Adlers hallte in seinen Ohren wieder. Als er wieder zu sich kam wusste er nicht wo er war. Immer noch war alles schwarz. "

Erst am Aufstieg dann auf einmal kommt er wieder zu sich?

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