Der Fall des kriechenden Soldaten

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Der Fall des kriechenden Soldaten

Seit Jahren gibt es im Grenzgebiet der Oder einen regen Austausch zwischen Polen und Deutschen. Dabei geht es nicht nur um das Einkaufen. Auch die Polen sind schon lange regelmäßige Gäste in deutschen Läden. Ebenso gibt es auf kultureller Ebene Kontakte. Polen in uckermärkischen Dörfern gehören inzwischen zum Alltag. Man schätzt sich und unterstützt sich. Der Nachwuchs geht gemeinsam zur Schule und sieht sich später beim Fußballtraining wieder. Abgesehen von kleineren wöchentlichen Rubriken in Tageszeitungen fehlt es entlang der Oder jedoch an einem grenzüberschreitenden Informationsaustausch. Daher hat turus.net die Spalte „Grenzenlos“ ins Leben gerufen – eine Rubrik, die gelegentlich zweisprachige Texte über Aktivitäten in der Grenzregion bringt (Regionen zachodniopomorkie, lubuskie sowie Brandenburg und Vorpommern). Wir blicken dabei also auf Deutschland und auf Polen. Den Auftakt macht die Story um ein Soldatendenkmal im Lebuser (lubuskie) Gebiet.

Polska

Es zeigt einen kriechenden Soldaten. Im Hintergrund ist eine weiterer. Auch ein Funker ist zu sehen. Flugzeuge fliegen und ein Panzer rollt durch das Bild. Es ist eine Szene aus dem Krieg. Der Gesichtsausdruck des großen Soldaten wirkt angespannt, traurig, da die Mundwinkel nach unten zeigen. Das Grün der Tarnkleidung ist zwar schon etwas blass, aber so ist das Denkmal in Kęszyca Lesna (bei Międzyrzec) in einem guten Zustand. Es wird durch die Einwohner gepflegt. Ungefähr 700 Leute wohnen hier. Der Ort war einst eine Kaserne der Wehrmacht – Regenwurmlager. Viele Informationen gelangten nicht an die Öffentlichkeit. Das ist typisch für Militärobjekte. Bei Burgen fällt der „Lebenslauf“ ebenso relativ knapp aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Polen das Gelände kurzzeitig bis 1956 - ab 1993 dann als Wohnobjekt. Dazwischen lebten hier sowjetische Soldaten. Nur der Soldat und eine Infotafel erinnern an diese Zeit. Die Gebäude, die hier noch stehen, tragen den Stil der 30er Jahre. Viele wurden saniert. Ganz deutlich ist aber noch das Casino mit seinem Bassin zu identifizieren. Es steht leer. Ein paar andere Objekte zwar auch, aber der Zustand des Ortes wirkt absolut nicht wie ein „Lostplace“. Bunkertouristen kommen hier gewiss nicht auf ihre Kosten. 

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Die Attraktion des Ortes ist der kriechende Soldat. Und er wurde nun zu einem Streitobjekt. Seitdem die PiS (Partei Recht und Gerechtigkeit) in Polen die absolute Mehrheit gewann, versucht sie das Antlitz Polens zu bewahren. Die Opposition verliert zunehmend an Boden. Die Anhängerschaft der PiS wächst. Unübersehbar sind die vielen Shirts in den rot-weißen Farben im Stadtbild und polnische Flaggen auch in sehr abgelegenen Dörfern.

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In einem neuen Gesetz geht es jetzt um das Beseitigen von Propagandamitteln totalitärer Systeme. Das Verhältnis zwischen Polen und Russland ist heute noch angespannt. Manche Landstriche sind übersät mit ehemaligen Militärobjekten aus verschiedenen Epochen, aber Propagandazwecke erfüllen sie nicht. Anders sieht es bei diesem Denkmal aus. Auch in Deutschland verschwinden die Zeugnisse der sowjetischen Besatzer. Man kann nun darüber streiten, ob es sich um gefährliche Propaganda handelt oder um Kunst. Viele Kunstwerke alter Kasernen fielen bereits der Renaturierung zum Opfer. In Polen bildet dieses Bildnis schon fast den letzten Mohikaner. Es gibt so gut wie keine dieser Objekte mehr. Die Einwohner von Kęszyca Lesna stehen aber klar hinter ihrem Soldaten und versuchen ihn zu retten. Sie sehen ihn als das Symbol des nichtalltäglichen Dorfes. Bisher lockte der Soldat nicht so viele Touristen an, aber vielleicht ändert sich das nun.

Fotos: Michael

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