Tagtägliche Bilder der Gewalt ein Normalzustand? Tragödien auf dem Bildschirm und in den Zeitungen – bereits Gewohnheit? So die Eingangsfragen des Kritischen Tagebuchs, das am 8. April 2002 online ging und der Vorgänger des Onlinemagazins www.turus.net war. Über Monate hinweg stellten die Redakteure kritische Fragen und beleuchteten die aktuellen Themen in Deutschland und der gesamten Welt. Im Netz ist dieses Tagebuch nicht mehr auffindbar, doch existieren noch die pdf-Dateien. Beim Lesen der Geschehnisse von April bis September 2002 gibt es so manch eine Überraschung und ein echtes Aha-Erlebnis, deshalb an dieser Stelle ein Rückblick auf jenes Halbjahr.
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Am 09. April 2002 bildete eine Meldung aus dem Nahen Osten den Auftakt. In einem Flüchtlingslager soll es zu Hinrichtungen von Seiten der israelischen Armee gekommen sein. Im Gegenzug gerieten israelische Soldaten in einen Hinterhalt, dabei kamen einige bei der Detonation eines Sprengsatzes ums Leben. Die Entwicklung in der Region war erschreckend, so sahen es auch die Autoren des Kritischen Tagebuchs.
Wozu brauchen wir noch die Bundeswehr? Diese Frage wurde ein Tag später gestellt. Der Anlass: Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, dass die Wehrpflicht in der Bundesrepublik auch weiterhin ihre Berechtigung habe. Eine Berufsarmee war damals noch nicht im Gespräch.
Am 11. April 2002 hinterfragt wurde die Verteilung der TV-Gelder unter den deutschen Profiklubs. Beim Zweitligisten Mainz 05 machten damals die Fernsehgelder satte 50 Prozent aus. Große Sorge bereitete der Insolvenzantrag von Leo Kirch. Keine Sorgen hatte damals Bayer 04 Leverkusen, sensationell zog der Werksklub ins Finale der UEFA Champions League ein.
Nicht einfach hatten es die Wähler vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Skandale machten die Wählerschaft unsicher. Parteispendenskandale der SPD, ungünstige Äußerungen von Merz in Sachen Wehrpflicht und unklare Linien der PDS und der Grünen. Für Aufruhr sorgte zudem die Schill-Partei, die auch in den neuen Bundesländern antreten wollte.
Fluzeugabschuss über dem Kaspischen Meer, Unfälle auf den Bohrplattformen von Petrobras vor der Küste Brasiliens und der Anschlag auf Touristen auf der tunesischen Insel Djerba – das waren die Schlagzeilen vom 14. April 2002. Kritisch beleuchtet wurde das Berliner Olympiastadion, das für die WM 2006 ausgebaut werden sollte, beleuchtet wurde zudem die Ethik des Journalismus. Nicht zuletzt beim Amoklauf in Erfurt taten sich einige TV-Sender nicht wirklich positiv hervor.
Harsche Worte gab es im Kritischen Tagebuch was die Gewaltkultur am 1. Mai und den NPD-Aufmarsch in Berlin Hohenschönhausen betraf. Barrikaden in Hamburg, in Berlin die schwersten Ausschreitungen seit den Vorfällen im Prenzlauer Berg im Jahre 1998. Als positives Beispiel wurden die 150.000 friedlichen Menschen in Recklinghausen genannt, die dort auf dem Kulturvolksfest feierten.
Maymorning. So lautete eine Überschrift am 5. Mai 2002. Ausführlich berichtet wurde über die Bestrebungen Schottlands nun endlich wieder unabhängig zu werden. Das Thema ist auch im Jahr 2011 wieder toppaktuell…
Dem Anleger ging der Hut hoch. Um unglaubliche 70 Prozent wurden die Bezüge des Vorstands der Deutschen Telekom erhöht. Aus Regierungskreisen hieß es damals, minus 70 Prozent seien angemessen. Man erinnere sich: Verluste beim Kauf der T-Aktie, die damalige hohe Verschuldung des Konzerns…
UN-Kindergipfel im Mai 2002. Es wurde von Investitionen und neuen Zielen gesprochen. Die damalige traurige Wahrheit: Kein Ziel des UN-Kindergipfels 1990 konnte erreicht werden. 2002 waren 120 Millionen Kinder von der Bildung ausgeschlossen, 150 Millionen Kinder waren unterernährt, täglich starben 30.000 Kinder an vermeidbaren Krankheiten. Möchte man die aktuellen Zahlen lesen?
Schwerstarbeit bei EKO-Stahl, der Unfall auf dem kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur und die fallenden Preise der Gurken waren die Themen Mitte Mai. Kohlenstaub und wallende Hitze bei einer Exkursion im Stahlwerk Eisenhüttenstadt und die Erkenntnis, dass dort noch richtig malocht wurde. Ein einstürzendes Dach begrub in Baikonur ein abgestelltes Buran-Raumfahrzeug und sechs Menschen. Preisanstiege und Preisstürze bei Obst und Gemüse. Der Euro – Abzockerei? Wurde damals gefragt…
Irlands Weg in die Zukunft wurde am 20. Mai 2002 beleuchtet. Eine fast absolute Mehrheit der bürgerlichen Partei des Ministerpräsidenten Bertie Ahern und ein Erstarken des politischen Flügels der IRA (Sinn Fein) sorgten nach einem eher lustlosen Wahlkampf für echte Überraschungen. Irland wurde der keltische Tiger. Der Arbeitskräftebedarf war riesig, gebaut wurde in allen Ecken der grünen Insel.
10.000 Polizisten sicherten den Staatsbesuch des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Die Berliner Boulevardpresse hetzte massiv in Richtung Gegner. „Nur Idioten sind dagegen“, titelte damals Berlins größte Zeitung. Das Kritische Tagebuch verglich damals das „ganze Trara“ mit einem Staatsbesuch zu DDR-Zeiten.
Bürokratische Nachrichten gab es vier Tage später aus dem Ruhrgebiet. Aus Arnsberg, Düsseldorf und Münster sollte ganz schlicht die „Ruhrstadt“ werden. Wie die Zeit vergeht. Wer kann sich nicht erinnern? „Ein Kasten Krombacher – ein Quadratmeter Regenwald gerettet“. Das Kritische Tagebuch hatte einmal durchgerechnet. Für eine Fläche von 1.000 mal 1.000 Kilometern Regenwald müssten die Deutschen 20 Billionen Flaschen Bier trinken. Pro Tag am sauberen Limit hätte dies schlappe 274 Jahre gedauert…
In NRW waren 650 Euro pro Semester für Langzeit- und Senioren-Studenten im Gespräch. Studium nur noch für Reiche – Armes Deutschland. So der damalige knackige Titel. Damaliger prominentester Langzeitstudent war übrigens Oliver Bierhoff. Apropos Bierhoff. Die WM 2002 in Japan und Südkorea stand an. Die Autoren des Kritischen Tagebuchs waren unterwegs in den Kneipen und Cafés der Städte – und waren überaus angetan.
Keine Scheißhaufen in der goldenen Stadt an der Moldau. So das Fazit nach einem Abstecher in der tschechischen Hauptstadt Prag. Altpapiertüten für Hundehäufchen an jeder Ecke – in Berlin Kreuzberg und Friedrichshain dagegen vollgeschissene Bürgersteige zwischen allen Ecken.
Ende Juni waren die Langzeitdoku „Die Kinder von Golzow“ und das Schicksal Brasiliens die Hauptthemen. Brasilien drohte damals das gleiche Schicksal wie Argentinien und Uruguay. Die Nachbarstaaten erlebten die schlimmste Wirtschaftskrise seit 30 Jahren – der Börsenindex in Sao Paulo fiel bereits im 4,7 Prozent.
Keine Ruhe gab es zudem im Norden Irlands. Schreckliche Bilder kamen wieder aus Derry, Belfast und Portadown. Eine Parade des Oranier-Ordens mündete in Portadown in wüste Krawalle, bei denen zahlreiche Menschen verletzt wurden.
Erfreut waren die Autoren des Kritischen Tagebuchs indes von der Resonanz der Beiträge. Ein Forum wurde eingerichtet, in das die User lebhaft Kommentare eintragen konnten.
Deutschland auf dem letzten Tabellenplatz. Die Wirtschaft jammerte. Schlechte Zuwachsraten. Deutschland hinter Moldawien, Rumänien, Griechenland und Portugal. Jammern auf höchstem Niveau, denn noch war Deutschland Exportweltmeister und sogar Weltmeister im Verreisen. Grenzenloser Pessimismus, Schwarzmalerei und Volksverdummung – das war die Meinung des Kritischen Tagebuchs.
Mitte Juli war Lateinamerika wieder Hauptthema, denn dort rumorte und brodelte es gewaltig. Unruhen gab es in Paraguay und Uruguay, und sogar in Costa Rica gab es bei Protesten 80 Verletzte. Der dortige Grund der Proteste: Eine technische Überprüfung sämtlicher Fahrzeuge wurde angekündigt. Das brachte Bauern und LKW-Fahrer auf die Palmen, denn das nötige Kleingeld hatte niemand, um mögliche Mängel zu beseitigen.
Der Verteidigungsminister Scharping und die Fliegerei. Mehr Sinn für Mallorca als für den Einsatz in Mazedonien? Das brachte ihn zu Fall, er musste den Hut nehmen, um in der rot-grünen Koalition nicht noch mehr Schaden anzurichten.
Ende Juli ging es im Kritischen Tagebuch um die Macht der Medien und um den Berliner Mauerstreifen. „Geschichte darf man nicht vergessen und nicht verdrängen! Geschichte muss man aufarbeiten!“ So die Aussage der Autoren. Gesagt, getan. Ein Jahr später folgte die über 1.000 Kilometer lange Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze von Prex nach Priwall.
Nach der Sommerpause 2002 waren die Billigflieger und der Jahrestag zum 11. September die Aufmacher. Zwei Tage darauf forderte das Kritische Tagebuch die Leser auf „Farbe zu bekennen“. Ganz deutlich sprach man sich gegen die militärischen Aktionen in Afghanistan und dem Irak aus. Räucherei in sämtlichen Ecken der Erde würde allein zu Chaos, Zerstörung und menschlichem Leid führen – so die damaligen Worte. Neun Jahre darauf ist man erstaunt, wie aktuell diese Aussage wirkt.
Am 16. September 2002 erfolgte der letzte Eintrag im Kritischen Tagebuch. „Noch sechs Tage bis zum Ultimatum.“ Die Rede war von der Bundestagswahl am 22. September. Die SPD rettete Mobilcom, die Union sah ihre Chance in der Zuwanderung, die FDP war konzeptlos und die PDS und die Grünen hielten sich gekonnt zurück – so die damalige Einschätzung zur Lage der Nation. Wer sei der bessere Kanzler? Schröder oder Stoiber? Die Leser wurden gefragt und durften abstimmen. Wer hatte damals im September 2002 das beste Zukunftsprogramm für Deutschland?
Ende September 2002 wurde das Kritische Tagebuch über Nacht eingestellt. Es folgten ähnliche Projekte, aus dem schließlich das turus-Magazin hervorging…