Die Schlagzeilen aus der brasilianischen Metropole überschlagen sich derzeit. Dramatischer Einsatz in den Favelas, Rio im Ausnahmezustand, Kampf um die Favelas, Gewalt in den Favelas, Krieg im Complexo do Alemão. „Polizei von Rio befreit Slum von Drogengang?“, meint gar das China Internet Information Center. „Rio de Janeiro: Favelas werden geräumt?“, titelte Newspoint.CC. „Polizei mit Großeinsatz in Rio zufrieden?“, berichtet euronews. Slums? Welche Slums? Favelas geräumt? Zufrieden? Ist nun alles gut? Wo befindet sich eigentlich das „Complexo do Alemão“? Wie, wer, was wurde wo geräumt? In welchem Gebiet der Millionenstadt befinden sich eigentlich die betroffenen Favelas?
Nach São Paulo ist Rio de Janeiro die zweitgrößte Stadt Brasiliens, in der eigentlichen Stadt leben über sechs Millionen Menschen, im Großraum sind es sogar knapp 12 Millionen. Die Stadt hat eine Fläche von 1.182 Quadratkilometern, die Metropolregion gar eine Fläche von über 6.500 Quadratkilometern. Zum Vergleich, Berlin ist 891,85 Quadtratkilometer groß. Von der Fläche her ist Rio de Janeiro vergleichbar mit der US-amerikanischen Metropole Los Angeles. Die Bevölkerungsdichte von Rio de Janeiro ist im Vergleich zu Berlin mit 5.155 Einwohner/km² um 50 Prozent höher. Die größte Bevölkerungsdichte von Rio de Janeiro weist derzeit der Stadtteil Copacabana auf, auf einem Quadratkilometer wohnen dort statistisch rund 34.000 Menschen. Selbst in Hongkong sind es nur 6054,5 Einwohner pro km² – allerdings auf die gesamte Fläche betrachtet.
Ganz grob eingeteilt besteht Rio de Janeiro aus zwei Zonen: Der Zona Sul und der Zona Norte. In der südlichen, für Touristen relevanten Region befinden sich die bekannten Stadtteile Centro, Flamengo, Copacabana, Lagoa, Ipanema, Leblon und Barra da Ticuja. Ein Abstecher in die Zona Norte wird kaum ein Tourist unternehmen, es sei denn er besucht Einheimische, die dort in den Vierteln wohnen. Favelas gibt es allerdings nicht nur in der berüchtigten Zona Norte, sondern auch in der Zona Sul – und das nicht zu knapp. Die wohl größte Favela Lateinamerikas befindet sich zwischen Leblon und Barra da Tijuca. Die Favela Rocinha hat locker über 100.000 Bewohner und wächst immer weiter. Nicht weit entfernt befindet sich in Sichtweite zum Strand von Leblon die Favela Vidigal. Selbst in direkter Reichweite von Copacabana liegen kleinere Favelas, so zum Beispiel Pavaozinho am südlichen Ende des Stadtteils und Morro da Babilônia am nördlichen Ende am Übergang zu Leme.
Zahlreiche Favelas sind den Behörden ein mächtiger Dorn im Auge. Wie Wildwuchs wuchern hunderte Favelas an den Berghängen von Rio de Janeiro. Bandenkriege, Kriminalität und Drogenhandel werfen ein extrem schlechtes Licht auf die Favelas und ganz Rio de Janeiro. Bis zur Fußballweltmeisterschaft 2014 und zu den Olympischen Spielen 2016 muss zumindest die Zona Sul „sauber sein“. Zur Ruhe gebracht werden müssen auch die östlichen Teile der Zona Sul, denn dort verlaufen die Verbindungswege zum internationalen Flughafen. In der Metropole steht einiges auf dem Spiel – Politik, Polizei und Militär setzten nun zum großen Kampf an.
Wo liegen eigentlich die Favelas, von denen in den Medien so häufig gesprochen wurde. Wo wurden Panzer vorgefahren? Wo starben Dutzende Menschen? Wo gab es den großen Einsatz der Sicherheitskräfte? Das Complexo do Alemão ist eine Verwaltungsregion der Stadt Rio de Janeiro und gehört zur Área de Planejamento 3, zu der auch die Ilha do Governador (auf der sich der internationale Flughafen befindet) und Pavuna, wo die nach Norden verlaufende Metro endet.
Dieses Mal waren somit nicht die Favelas in der Zona Sul, sondern eine Favela in der südlichen Zona Norte von den Militär- und Polizeieinsätzen betroffen. Das Complexo do Alemão ist nur rund drei Quadratkilometer groß und hat schätzungsweise 70.000 Einwohner – entgegen den Angaben der meisten Medien – und liegt eingebettet zwischen den Stadtteilen Ramos und Inhauma.
Gibt man den Begriff „Complexo do Alemão“ bei der Bildersuche von google ein, so bekommt man die passenden Motive zu sehen. Erschossene Männer, eine Favela an den typischen Berghängen, Militär und Polizei mit Waffen im Anschlag, die wehende brasilianische Flagge neben den Einsatzkräften.
Erst vor einigen Tagen kam es zum Einsatz in der nördlich des Complexo do Alemão gelegenen Favela Vila Cruzeiro. Über die Anhöhen seien nach Medienangaben hunderte bewaffnete Männer der dortigen Banden in Richtung Süden geflüchtet und hatten sich anschließend in den dortigen verwinkelten Gassen verschanzt. Wer einmal in Rio de Janeiro war und mit der teils oberirdisch verlaufenen Metrolinie 2 nach Pavuna gefahren ist, konnte die betroffene Region vom Fenster aus sehen.
Ob man als Tourist derzeit etwas von den Auseinandersetzungen mitbekommt? Wenn man in Copacabana, Leblon oder Ipanema wohnt – eher kaum. Die Entfernung zur betroffenen Region ist wirklich groß. Zum Vergleich: In Berlin wäre es in etwa so. Man wohnt in Friedrichshain oder Mitte und im Neubaugebiet von Hellersdorf gibt es Auseinandersetzungen zwischen Jugendgangs und der Polizei. Gibt es nicht? Einfach mal vor Ort nachts vorbeischauen…