Berlins vergessene Viertel: Sonnensiedlung in Neukölln

MB
 
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Berlins vergessene Viertel: Sonnensiedlung in Neukölln

Ortsbegehung im so genannten Problemkiez Berlin-Neukölln. Nein, nicht auf Hermannstraße, Karl-Marx-Straße, Sonnenallee oder Silbersteinstraße. Heute ging es zu Fuß in das Neubaugebiet Weiße Siedlung / Dammweg, zu der auch die Sonnensiedlung gehört. Vom Heizkraftwerk Neukölln aus geht es die Straße Kiehlufer entlang. Wüsste man nicht, dass irgendwann das Wohngebiet kommen würde, könnte man denken, die Straße führe ins Nichts.

Fisch

Man unterquert eine alte Bahnlinie und folgt hinter dem Rechtsknick des Kanals der Dieselstraße einfach geradeaus. Welch eine skurrile Gegend! Linke Hand befinden sich ehemalige Kleingartenkolonien, die inzwischen verwaist sind. Mit Nato-Stacheldraht wird dieses Areal abgesperrt. Einsam wuchern die halb verfallenen Gartenlauben zu. Autowerkstätten und andere Gewerbe haben sich entlang der Dieselstraße angesiedelt. Auffällig viele Wahlplakate der Piratenpartei wurden hier angebracht. „Piratenpartei 847.860 Wählern gefällt das“, „Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht ja eh nicht wählen.“, „Suchtpolitik statt Drogenkrieg“, „Wir sind die mit den Fragen. Ihr seid die mit den Antworten“. Offene Fragen gibt es in diesem Wahlkreis mit Sicherheit genügend, deshalb hängen diese Plakate gar nicht mal so verkehrt.

Neukölln

Einsam hängt auch ein Plakat der Grünen an einem Laternenpfahl: „Neukölln für alle“. Wahlplakate der CDU, der SPD oder gar der FDP sind weit und breit nicht zu sehen. Ein aufgegebenes Quartier? Hinten sind bereits die Hochhäuser der Sonnensiedlung zu sehen. Kaum ein Berliner kennt diese Neubausiedlung. Wie auch? Mehr abseits geht nicht. Hinter Kanal, Industriegebiet und Kleingartensiedlung. Der eigentliche Zugang zum Viertel ist der von der Sonnenallee aus, doch auf jener würde man eher achtlos dran vorbeifahren.

Neukölln

Aus der Luft betrachtet, ist zu erkennen, wie grün eingebettet dieses Wohngebiet liegt. Hübsch zu sehen auf einer Satellitenaufnahme von google maps. Inmitten der Hochhausketten befindet sich ein leicht hügeliger Park mit Spielplätzen. Also eigentlich alles perfekt?! Zudem der viel versprechende Name. Sonnensiedlung. Beim genauen Hinschauen erkennt man jedoch die soziale Armut dieses Quartiers. Nackte Fassaden, traurige Eingänge, und auch zahlreiche Fenster und Balkone sprechen Bände. Gewiss, das klingt fast ein wenig arrogant und überheblich, doch eher ist dies eine klare Kritik in Richtung Politik. Denn thematisiert wird dieses Neubauviertel nicht wirklich. Nicht einmal im Bezirk Neukölln selbst. Alle reden vom boomenden Rixdorf und vom tollen Maybachufer. Während dort das Quartiersmanagement ganze Arbeit leistet, scheint die Zeit in der Sonnensiedlung stehengeblieben zu sein.

Neukölln

Im dortigen Neubaugebiet wird nur gewohnt. Kleine Läden, Kioske oder Cafés wird man dort nicht finden. Bei der Vor-Ort-Recherche konnten nur der Kiez Markt Sonnensiedlung und der Nachbarschaftstreff „Sonnenblick“ ausfindig gemacht werden. Beim Spaziergang zwischen den Hochhäusern fühlt man sich nicht wie in Berlin. Je nach Wetterlage könnte es sich auch um ein Neubauviertel in Rio de Janeiro, Budapest oder Irkutsk handeln. Faszination und Bedrücktheit zugleich. So viel Grün und Licht und zugleich so viel grau und Enge.

sonnenblick

An einem Mast hängt ein Plakat der Big Partei: „Würdige Arbeit statt Hartz IV und 1-Euro-Jobs“. Passt wie die Faust aufs Auge. Auch die Linken haben hier ein klein wenig aufgehängt. „Wir sind alle Berlin“. Wie eingangs erwähnt, von den bürgerlichen Parteien keine Spur – und das, obwohl dort tausende Bürger auf engstem Raum leben. Erst an der Aronsstraße, an der zur einen Seite frisch sanierte Eigentumswohnungen liegen, grüßt Bürgermeister Klaus Wowereit von den Plakaten. CDU und FDP haben jedoch auch diesen Straßenzug komplett vergessen...

Sonnenblick

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Sonnensiedlung, Wahlkampf in Berlin

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