Mödlareuth - einzigartiger Punkt entlang der innerdeutschen Grenze

MB
 
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Mödlareuth - einzigartiger Punkt entlang der innerdeutschen Grenze

altAuf der über 1.000 Kilometer langen Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze war Mödlareuth eine der interessantesten Punkte. Bis 1990 verlief die Grenze mitten durch das Dorf, und die Überreste wurden bis in die Gegenwart erhalten. Ein Stück Betonsperrmauer, zwei Wachtürme, Grenzsäulen und Grenzsteine, Warnschilder, Suchscheinwerfer und allerlei sonstige Spuren der deutschen Teilung. Die Amerikaner nannten dieses Dorf »Little Berlin«. Jedoch existierte zwar wie in Berlin eine Betonsperrmauer, doch gab es in Mödlareuth keinen Checkpoint. Seit dem Jahr 1966 war das Dorf Mödlareuth durch diese 700 Meter lange und 3,30 Meter hohe Betonsperrmauer geteilt. Hundert Meter sind davon noch im Original erhalten. Außerhalb des Ortes sind noch 500 Meter der Grenzsperranlagen entlang eines vier Kilometer langen Lehrpfades einsehbar.


Die Ursachen für die Teilung des Dorfes gehen auf das Jahr 1810 zurück, als erneut Grenzsteine gesetzt wurden, die bis heute erhalten sind. Zur einen Seite befand sich das Königreich Bayern, zur anderen Seite lag das Fürstentum Reuß. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte das Dorf je zur Hälfte zu den Freistaaten Thüringen und Bayern. Die Schule und ein Wirtshaus befanden sich auf Thüringer Seite, die Kirche stand auf bayerischer Seite. Nach dem Zweiten Weltkrieg verliefen die Demarkationslinien weitgehend entlang der alten im Jahre 1937 festgelegten Landesgrenzen. Die Grenzlinie zwischen der sowjetischen und amerikanischen Besatzungszone verlief in Mödlareuth entlang des schmalen Tannbachs. Nach 1949 durfte dieser Bach nur noch mit einem Passierschein überquert werden.

altNach 1952 erfolgte die endgültige Teilung der Ortschaft. Ein hoher Bretterzaun wurde errichtet, und im Zuge der Zwangsmaßnahmen entlang des Grenzstreifens wurde als erstes die »Obere Mühle« abgerissen. Die Bewohner dieser Mühle flüchteten im letzten Augenblick auf die bayerische Seite.

Nach der Grenzöffnung am Abend des 9. Novembers 1989 erfolgte in Mödlareuth am 17. Juni 1990 ein historischer Augenblick. Ein Bagger legte unter dem Beifall der Anwohner die ersten Segmente der Betonsperrmauer um. 24 Jahre lang teilte dieses monströse Bauwerk das Dorf. Nachts wurde es von den Scheinwerfern und Lichtsperren der Grenztruppen in ein gespenstisches Licht  gehüllt.

Im Juni 1994 wurde das Freigelände des Museums eröffnet. Weitere Ausstellungsräume, ein Museumsshop und ein Kino wurden weiterhin aufgebaut und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
Und auch heute noch ist Mödlareuth ein »Kuriosum«, wie es in der Museumsbroschüre beschreiben wird. Es gibt zwei Bürgermeister. Einen für die bayerische, einen für die thüringische Seite. Es gibt unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und Fahrzeugkennzeichen. Kurios ist diesbezüglich die Tatsache, dass in Mödlareuth zum Zeitpunkt unserer Wanderung nur rund 50 Einwohner lebten.
Seitdem das Freigelände des Grenzmuseums eröffnet wurde, strömen die Besucher in dieses Dorf. Busse mit ganzen Schulklassen fahren besonders während der warmen Jahreszeiten vor. Wie man uns am kommenden Morgen mitteilte, werde das Museum ständig erweitert. Weitere Umbauarbeiten sind in Arbeit.

altNach einer erholsamen Nacht auf der Wiese hinter dem sowjetischen Hubschrauber des Typs MI8 kamen wir bei einer Tasse Kaffee mit den Museumsmitarbeitern ins Gespräch. Besonders brennend interessierte sie der Punkt, wie wir unsere Grenzdokumentation finanzierten. Wie hoch sei der Etat des Vorhabens? Gebe es Unterstützung von einer Stiftung?
Wir erklärten den Fragenden, dass wir unser Projekt komplett mit eigenen Mitteln aufgezogen haben. Das heißt nicht, dass wir es im Vorfeld nicht probiert hatten, Sponsoren und Partner zu finden. Einzig die Zusammenarbeit mit der Presse und den einzelnen Haltepunkten entlang der ehemaligen Grenze klappte recht gut. Ausrüster und Sponsoren wollten dagegen nicht anbeißen. Fehlende Ausrüstungsgegenstände mussten wir uns selbst kaufen, und einige Posten, wie ein GPS-Gerät zur genauen Ortung von Grenzpunkten, wurden gestrichen.

Die Mitarbeiter des Grenzmuseums zeigten sich ein wenig erleichtert, als sie hörten, dass wir rein privat unterwegs waren.
»Wie schwer ist denn euer Gepäck?« fragte einer der Kaffee trinkenden Mitarbeiter.
»So um die 18 bis 20 Kilo.«
»Na, das ist ja mehr als das Sturmgepäck bei der NVA«, erklärte ein anderer Mann im mittleren Alter verwundert. Er musste es wissen. Wie sich später herausstellte, war er früher Offizier bei den Grenztruppen. Nun arbeitete er bei der Gedenkstätte und führte uns nach dem Kaffee durch die Archive und erklärte alles genauestens. Und dies nicht ohne Stolz.
»So, jetzt werfen wir mal einen Blick hinter die Kulissen«, teilte er uns mit und schloss ein großes Holztor zu einem Schuppen auf. In einer Fahrzeughalle standen olivgrüne LKW der NVA und des Bundesgrenzschutz sowie gepanzerte Fahrzeuge der Alliierten. Am Rande fristete ein alter VW Golf sein Dasein. Ich fragte nach dem Sinn dieses Ausstellungsstücks. Der Hintergrund war schnell erklärt. Ein Karsten Sroka aus Hötensleben fuhr mit diesem Auto Anfang der 90er Jahre die Grenze ab, um diese im Detail kennenzulernen. Im Anschluss seiner Erkundungstouren stellte er den alten VW Polo dem Grenzmuseum Mödlareuth zur Verfügung.

»Dann werde ich ihnen meine Wanderstiefel zuschicken, sobald wir Lübeck erreicht haben«, teilte ich dem Museumsmitarbeiter scherzhaft mit.
»Ja, das können sie gerne tun. Wir würden uns freuen, denn wir sammeln wirklich alles, was mit der innerdeutschen Grenze zu tun hat«, kam er sogleich auf mein Angebot zu sprechen.
In den Kellerräumen wurden uns tausende Utensilien gezeigt. Reihenweise Uniformen, Dokumente, Metallschilder, Flaggen, Abzeichen, Kalaschnikows und entschärfte Handgranaten und Minen.

»Es gibt immer wieder Anfragen. Teilweise statteten wir auch den Film »Good by Lenin« aus. Solche Verwendungszwecke freuen uns natürlich sehr. Das ist der Lohn für den großen Aufwand. Die meisten arbeiten hier ja ehrenamtlich«, wurde uns erklärt.
Nach dem Verlassen der Archivräume wurden wir freundlich verabschiedet, da bereits eine neue Busladung Schüler auf ihre angemeldete Führung wartete. Karsten und ich  ließen das in den Archiven gesehen Revue passieren und schauten ins in Dorf und Freigelände um.
Auf einer Hauswand auf bayerischer Seite hing eine große weiße Tafel mit folgender Aufschrift:
Sie stehen hier im geteilten Dorf Mödlareuth unmittelbar an der Grenze zur DDR vor der ca. 700 m langen Beton-Sperrmauer. Mödlareuth, einst ein Dorf, geschützt im Tannenbachgrund gelegen, jetzt ein Beispiel für die Teilung Deutschlands. Aber diese Grenze ist keine Grenze! Wir sind hier mitten in DEUTSCHLAND - nach Berlin 300 km / nach München 300 km – Bund der Mitteldeutschen (BMD) Landesverband Bayern e.V.

Mit schwarz-rot-goldenen Streifen eingerahmt hing dieses Relikt aus Zeiten der deutschen Teilung noch an der Häuserwand nahe des Tannenbachs, der den Grenzverlauf markierte. Schilder mit den Aufschriften »Achtung! Bachmitte Grenze (Bundesgrenzschutz)« und »Landesgrenze« standen vor dem kleinen Bach und den dahinter gelegenen Grenzbefestigungsanlagen.

altAm Eingang zum eingezäunten Freigelände konnten die Besucher eine nachträglich stark gekürzte Version des runden Beobachtungsturms BT11 besteigen. Dieser Bautyp hatte einen pilzförmigen Aufsatz, der zu Zeiten der Grenzsicherung bei Sturmgefahr geräumt werden musste. Es konnte passieren, dass der Turm an einer Nahtstelle der aufgesetzten Betonringe wegknickte. Später errichteten die DDR-Grenztruppen eine stabilere quadratische Version des BT11.
Ein Stück Betonmauer, ein Grenzsicherungszaun mit Streckmetallplatten, Panzersperren, Beobachtungsbunker, ein grüner Suchscheinwerfer und ein geharkter Spurensicherungsstreifen boten interessante Motive.

> zur turus-Fotostrecke: deutsch-deutsche Grenze

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Deutsch-Deutsche Grenze
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