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THEMA: Abenteuer Südamerika: Von Guyana nach Suriname

Abenteuer Südamerika: Von Guyana nach Suriname 21 Nov 2010 22:58 #15771

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Google Maps kennt keine direkte Route zwischen Georgetown der Hauptstadt von Guyana und Paramibo der Hauptstadt von Suriname. Das bedeutet aber nicht, das es keine Verbindung zwischen den beiden südamerikanischen Staaten gibt. Weltreisender und turus.net Autor "kalleman" berichtet im folgenden Reisebericht über eine abenteuerliche Route von Guyana nach Suriname und leider wieder zurück.





Ich sitze in der Sheriff-Bar an der berühmt berüchtigten Sheriff-Street in Georgetown, weitab vom Zentrum. Hier soll der heisseste Ausgang der Karibik stattfinden. Heute, am Freitag, jedenfalls nicht, ich bin der einzige Gast. Drei Kellnerinnen stehen mir zur Verfügung. Jeder, der in die Sheriff-Bar will, muss sich von einem Metalldetektor abtasten lassen, denn in Guyana gibt es viele Schusswaffen und manchmal – glaubt man den Geschichten – werden sie zu späterer Stunde auch benutzt. Daher steht am Eingang noch ein Mann mit einem Metalldetektor in der Hand. Zu tun hat auch er nichts. Eigentlich wäre diese Bar gar nicht schlecht, wenn nur etwas los wäre. In der Kneipe gegenüber feiern ziemlich viele Leute, aber ich wage mich nicht hin. Denn obwohl ich während meiner ganzen Zeit in Georgetown keinerlei Schwierigkeiten erlebt habe, fühle ich mich in dieser Stadt nicht allzu sicher. Die vielen Obdachlosen, die in den Grünanlagen und in den Strassen liegen, die vielen verwahrlost wirkenden Menschen und die zahlreichen Warnungen der Taxifahrer, dass man auf sich Acht geben sollte, geben einem nicht gerade ein Gefühl der Sicherheit.

Ich sitze also an der Bar und probiere sämtliche Biersorten. Unglücklicherweise gibt es nur kleine Flaschen, nicht ganz billig und das Bier hier schmeckt scheusslich mit Ausnahme des Banks premium. Schliesslich werde ich hungrig und möchte ein guyanisches Gericht und so sitze ich vor einem Teller mit Reis, Minze und Hackfleisch. Die rote Sauce hielt ich irrtümlich für Ketchup, es schnürt mir fast die Luft ab, ich bekomme Schluckauf. Man ist das scharf.

Georgetown ist eigentlich eine Stadt, in die man sich sofort verlieben könnte. Überall stehen schöne Holzhäuser, die Menschen sind freundlich. Die grösste Holzkirche der Welt steht hier und der Stabroek Market ist ein wunderschönes Gebäude. Das gewaltige, wunderschöne Justizgebäude sieht noch genauso aus, wie zur viktorianischen Zeit, als es gebaut wurde. Die Menschen haben einen spannenden Mix: Inder, Afrikaner, Chinesen. Ich weiss nicht, ob sich seit der Kolonialzeit in Georgetown viel geändert hat, ich jedenfalls habe das Gefühl, ins Jahr 1850 zurückversetzt geworden zu sein, wenn man mal über die Autos hinwegsieht. Ins Auge sticht mir vor allem der Dresscode vor Schulen und Kneipen. „No shorts, no slippers“ etc. Zumindest in den Kneipen interessiert das jedoch niemanden mehr. Und so romantisch und schön diese Stadt wirkt, sie hat grosse Probleme. Vor allem in den Aussenbezirken und im Hinterland soll Guyana ziemlich gefährlich sein, wie der Zeitung zu entnehmen ist.

Ich sitze also in der Sheriff-Bar, Mitternacht ist vorbei. Die Bar scheint definitiv ihre beste Zeit hinter sich zu haben, genauso wie die ganze Sheriff-Street. Hier geht nichts mehr ab, so suche ich mir ein Taxi. Morgen will ich Richtung Suriname aufbrechen, Zeit ins Bett zu gehen.

Die direkten Busse nach Paramaribo fahren zu einer Unzeit ab. Drei Uhr in der früh ist nichts für mich. Die Fahrt nach Suriname hat ein Nadelöhr und das ist eine Fähre über den Grenzfluss. Dort trifft sich der ganze Verkehr, der über die Grenze will. Die Fähre verkehrt nur einmal am Tag in beide Richtungen und zwar um 11 Uhr. Da ich lieber ausschlafe, plane ich eine zusätzliche Nacht in einer Stadt in der Nähe des Fährhafens. So stehe ich gegen acht Uhr auf einem Parkplatz in Georgetown, von welchem aus die Gemeinschaftstaxis Richtung Osten, also Richtung Grenze abfahren. Zahlreiche Driver umringen mich. Alle wollen mich als Kunden, überall brauchen sie noch genau einen Fahrgast und einer erzählt mir, dass er mich rechtzeitig zur Fähre bringt. Keine Ahnung, ob er das wirklich ernst meint, aber ich sage zu. Nun sucht er noch andere Passagiere und irgendwann geht es los. Und wie, denn ich scheine Beifahrer eines Drivers zu sein, an dem die Formel 1 vorüberging. Mit bis zu 140 Sachen rasen wir Richtung Grenze.

Vorbei an Kühen und Schafsherden, Holzhäusern und Märkten und auch Wracks von Minibussen, deren Reise irgendwann endete, weil sie zu schnell sein wollten. Zu meinem grossen Erstaunen gibt es keine Fähre mehr über den mächtigen Demerra-River. Stattdessen rasen wir nun über eine gewaltige Brücke weiter Richtung Moleson Creek: Grenze und Fährhafen. Unterwegs steigen die Passagiere aus und überschütten den Fahrer mit zweifelhaften Komplimenten „fastest Driver ever met“ und so.

Mit mir allein rast er nun Richtung Fähre und tatsächlich: Um 10.30 Uhr erreicht der Wagen Moleson Creek, von hier fährt die Fähre Richtung Suriname ab. Genaugenommen besteht dieses Moleson Creek nur aus einem Fährhafen. Der Driver will mich gleich noch an einen anderen Driver vermitteln, der weiter nach Suriname fährt. Unerhörte 30 Dollar soll das Kosten, 10 Dollar wären demnach in seiner Tasche gelandet. Er wechselt auch noch Geld für mich, denn ich war so ungeschickt, gleich ins Abfertigungsgebäude loszumarschieren, die Geldwechsler müssen aber draussen bleiben. Der Kauf des Tickets geht schnell, dann folgt ein Checkpoint, wo man sich registrieren lassen muss. Dort hängt auch eine Liste, auf derer sämtliche Länder, welche kein Visum für die Einreise nach Suriname benötigen, aufgeführt sind. Darunter auch die Schweiz. Zufrieden gehe ich zum Zoll. Alles verläuft ohne Probleme. Nun fehlt nur noch die Fähre, ein altes Vehikel, das kurz nach 11 Uhr eintrifft.

Meinen Weitertransport nach Paramaribo habe ich auch organisiert. Die Busse, die aus Georgetown Richtung Paramaribo unterwegs sind, befinden sich auf derselben Fähre, nur dass sie fünf Stunden vor mir in Georgetown aufgebrochen sind, und sind froh über weitere Passagiere. Mein Rucksack wird auf ein Begleitfahrzeug geworfen. Dies gefällt mir gar nicht, denn bald fängt es an heftig zu regnen, doch niemand kommt auf die Idee, eine Plane auf die zahlreichen Rucksäcke und Koffer zu werfen und so hole ich ihn wieder herunter und trage ihn wieder auf dem Rücken. Ich gebe ihn sowieso nicht gerne her, er ist schon fast ein Teil von mir. Der Correntine-River, der die Grenze zwischen Guyana und Suriname bildet, ist unglaublich breit. Überhaupt sind europäische Flüsse Rinnsale im Vergleich zu diesen mächtigen Gewässern hier in Südamerika. Bald werden die Einreiseformulare für Suriname verteilt und bald werde ich gebeten, sie auszufüllen. Offenbar können einige hier an Bord weder lesen noch schreiben. Nach rund 40 Minuten nähern wir uns South Drain, Suriname. Auch South Drain scheint lediglich aus einem Hafengebäude zu bestehen. Die Leute an Bord sind nervös.

Das Schiff braucht einige Versuche, bis es anlegen kann und dann rennen die Passagiere los. Ich laufe zügig hinterher und sehe bald warum. Suriname hat lediglich einen Zöllner, der sich die Pässe begutachtet, und das dauert. Bald drängen immer mehr Frauen vorne rein mit einer Hartnäckigkeit, der ich nicht gewachsen bin. Endlich komme ich an die Reihe, aber der Zöllner schüttelt den Kopf und fragt, wo denn mein Visum sei. Völlig entgeistert entgegne ich, dass ich keins brauche, das findet er aber gar nicht und so muss ich mich hinsetzen, während er telefoniert und telefoniert. Dann fängt er an mit einem Typ mit einer roten Sportmütze zu diskutieren und der scheint sich stark für mich einzusetzen und redet was von Hotel und mir schwant übles. Dann die Hiobsbotschaft. Schweizer Bürger brauchen seit fünf Tagen ein Visum und ich habe keins und daher darf ich nicht einreisen.

Das ist aber schlecht, denn ausreisen kann ich auch nicht, die Fähre fährt erst morgen wieder. Der Mann mit der Sportmütze fährt mich und Korporal Entung, den Zöllner, zum Polizeiposten und der ist in Nieuw Nickerie, der zweitgrössten Stadt in Suriname, rund eine Stunde von South Drain entfernt. Dabei sieht Nickerie so gar nicht nach Stadt aus, eher nach einem grossen Dorf. Grosse Kolonialhäuser mit grosszügigen Gärten sehe ich. Einzig im Zenturm gibt es ein paar Betonbauten. Der Mann mit der Sportmütze fährt vor ein grosses Kolonialgebäude, Korporal Entung und ich steigen aus, die Treppe hoch. Dies scheint also der Polizeiposten zu sein und alle hier sind so richtig am Arbeiten. Fünf Sofas gibt es hier und alle sind besetzt von schlafenden Polizisten. Korporal Entung weckt seinen Chef und der findet das nicht witzig. Dann wird mein Pass eingezogen.


Der Mann mit der Sportmütze bringt mich in ein Hotel und hier muss ich bleiben und morgen holt er mich ab und bringt mich wieder zur Fähre. Und nun meint er, ich habe ihn zu bezahlen, 30 Suriname-Dollar will er, fast soviel wie mein Hotel kostet. Mir geht das gar nicht in den Kopf. Wer bezahlt schon für seine Abschiebung?

Am Abend schaue ich mich noch etwas in Nickerie um. Die meisten hier haben indische Vorfahren, was gleichbedeutend damit ist, dass es sehr schöne Frauen gibt. Ansonsten scheint hier der Samstagabend vor allem darin zu bestehen, um ein paar Blöcke zu schlendern. Das lokale Bier, das Parbo schmeckt noch scheusslicher als diejenigen Guyanas. Ich bin ziemlich depremiert, die verweigerte Einreise hat mir mehr zugesetzt, als ich es mir eingestehen wollte. So lege ich mich früh schlafen. Ich muss darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Zurück nach Manaus oder von Georgetown aus Suriname zu überfliegen. Während ich grüble, höre ich eindeutige Geräusche. Mein Hotel scheint gleichzeitig ein Lovehotel zu sein. Die armen Frauen kann ich da nur sagen.

Am nächsten Morgen wartet bereits der Mann mit der Sportmütze. Er erweist sich als unglaublich selbstverliebter Pfau. So wie er da mit der Sonnenbrille auf der Motorhaube liegt, macht er sich mir nicht gerade sympathisch. Ich hingegen bemühe mich, keine gute Laune aufkommen zu lassen. Ich habe überhaupt keine Lust, nach Georgetown zurückkehren zu müssen – auch wenn es Schlimmeres gibt. Kurz nach Beginn der Fahrt will er wieder Geld von mir, ich sage aber, ich hätte ja gestern schon bezahlt und damit habe ich ihn tief in seinem Stolz verletzt. Er will wieder 30 Dollar und meint, dass er eine ehrliche Haut sei und überhaupt, nur dank ihm hätte ich in einem Hotel übernachten dürfen, statt in einer Polizeizelle. Er missversteht meine schlechte Laune, zudem hätte ich eine Nacht im Polizeiknast von Nickerie durchaus als Abenteuer empfunden. Doch er ist nun zutiefst beleidigt und wechselt kein Wort mehr mit mir. Ja, er würdigt mich auch keines Blickes mehr.

Auf der Fähre fülle ich wieder die Zollformalitäten für einige Reisende aus. Kurz vor der Landung drängen die Leute zum Ausgang und kaum hat die Fähre angelegt, rennen sie los Richtung Zoll. Dabei machen sie ein Wettrennen, wer zuerst dort ist. Amüsiert sehe ich zu. Als ich schliesslich beim Zoll ankomme und in die Reihe stehe, drängen sich wieder die Frauen vor mich rein. Aber in Guyana geht alles flott. 3 Zöllner kümmern sich um die Pässe. Überhaupt, die Guyaner sind ein sehr nettes, unkompliziertes Volk. Die Surinamer sind zwar auch nett, aber viel komplizierter.

Ein paar Stunden später sitze ich wieder in der Sheriff-Bar, diesmal hat es ein paar wenige Leute. Ein junger Mann sitzt auch an der Bar und meint, ich müsse unbedingt mit einer Guyanerin schlafen und die Kellnerinnen machen klar, dass sie seiner Meinung sind. Der Guyaner plagiert noch rum, dass in rund 30 Minuten eine komme, welche die sei die Beste. Ich winke ab, natürlich kommt niemand mehr.

Am nächsten Morgen sitze ich in einem Reisebüro und will ein Flugticket nach Cayenne, aber das geht irgendwie nicht. Die Verkäuferin begreift einfach nicht, was mein Problem ist. Schliesslich blicke ich verzweifelt um mich und sehe ein Plakat der Fluggesellschaft Meta und die fliegt zweimal in der Woche nach Belem und heute fliegt sie. Doch nun meint die Verkäuferin, dass ich für diesen Flug kein Ticket kaufen könne, weil dieser Flug einen Zwischenstopp in Paramaribo, der Hauptstadt Surinames, einlegt und da ich ja kein Visum für Suriname habe… Ein Anruf bei der surinamesischen Botschaft bestätigt ihr, dass man in Suriname selbst für eine Zwischenlandung im Besitz eines Visums sein muss. Ich hingegen kann mir das nicht vorstellen und will es drauf ankommen lassen. Mir ist egal, was die sagen, ich verlasse ja in Paramaribo nicht einmal das Flugzeug und will das Ticket. Die Verkäuferin aber zickt. Sie will mir ohne Visum kein Ticket verkaufen. Ich fass es nicht, bin angefressen, schnappe mir den Hörer, rufe nochmals der Botschaft an und lasse ein Donnerwetter los. Die Angestellte der Botschaft wird unsicher und verspricht ihren Chef zu fragen. Schliesslich bestätigt sie, dass alles in Ordnung sei und ich fliegen könnte – ohne Visum. Mein Auftritt hat die Verkäuferinnen im Reisebüro tief beeindruckt. Wurde ich vorher noch ziemlich reserviert behandelt, kommen sie mir nun vor wie meine Gruppies. Einzig der Preis des Flugtickets lässt mich leer schlucken.

Im Flugzeug von Georgetown nach Belem blicke ich aus dem Fenster. So weit mein Auge reicht nur Wald.


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Abenteuer Südamerika: Von Guyana nach Suriname 21 Nov 2010 22:58 #15772

  • steffi
  • steffis Avatar
cooler bericht!

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Abenteuer Südamerika: Von Guyana nach Suriname 25 Nov 2010 16:46 #15789

  • Heinrich
  • Heinrichs Avatar
Mal nur so gefragt: Wie kommt man eigentlich auf die Idee nach Suriname zu reisen??!!

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