Willkommen, Gast
Benutzername: Passwort: Angemeldet bleiben:

THEMA: Frage FC Energie Cottbus

FC Energie Cottbus 11 Feb 2019 16:52 #39569

Es ist Winter in Cottbus.

Sonntag, 6 Uhr morgens, im kalten und von Schnee bedeckten Cottbus. Vor einem Bus sehe ich viele Menschen. Einige von ihnen stapeln rot-weiße Fahnen in den Gepäckraum. Ein paar andere, noch gezeichnet von der Nacht, trinken noch ein weiteres Bier. Einige wiederum lehnen bereits mit dem Kopf an der Innenseite des Fensters und versuchen ihren Schlaf nachzuholen. Es sind Fans von Energie Cottbus. Einige von ihnen müde, manche auch angetrunken - die anderen in Feierlaune oder am Arbeiten. Einige von ihnen Studenten, manche auch arbeitslos – die anderen Handwerker und Ärzte. Ruhige, verrückte, lustige, extrovertierte und teils sogar ganz normale Menschen. Zu einigen pflege ich langjährige Freundschaften, mit anderen scheine ich lediglich den Bus zum Spiel und die Liebe zur Stadt und dem Verein zu teilen.
Vor uns liegen mehr als 500 km zu einem Fußballspiel, das vielleicht witterungsbedingt abgesagt wird. Hinter uns liegt eine Woche mit einem regelrechten Bombardement medialer Berichterstattungen. Ob in Wort, Schrift oder in Form eines Videos: Beginnend mit einem Artikel des RBB, folgten dutzende Texte über diesen Teil des Cottbuser Anhangs, mit dem ich gerade lachend in einem Bus über die verschneite Autobahn fahre.

Doch sollte ich mich überhaupt noch auf das Spiel freuen? Kann ich noch Schulter an Schulter mit diesen Menschen singen und lachen?
Nachdem ich wirklich alle Texte, ob die der ARD, vom RBB oder von RTL gelesen habe, kann ich diese Frage ziemlich deutlich beantworten. Mittlerweile ist es auch 9 Uhr und es wurde soeben bekanntgegeben, dass das Spiel in Unterhaching, aufgrund des starken Schneefalls, ausfällt. Es bleibt also genügend Zeit, um eine ausführliche Antwort auf diese Frage zu geben:

Was in den vergangenen Tagen über diesen Teil der Fanszene geschrieben wurde, grenzt zum Teil an absoluten Blödsinn… die Seite mit dem Titel “Fanszene Energie Cottbus“ als Zentrum der Gewalt und Propaganda. Eine große Fahne mit der Aufschrift “BSG Energie Cottbus“ als Symbol der Unterdrückung. Im Block stehen Nazis neben Rockern und Türstehern, um diesen Teil des Stadions von Juden, Linken und Ausländern zu säubern. Ein toxisches Gebilde, welches zuerst den Verein und anschließend die ganze Welt zum Untergang zwingen wird.

Ehrlich gesagt weiß man bei einer Art Stellungnahme zu den vermeintlichen Rechercheergebnissen gar nicht, wo man anfangen soll. Beginnen wir einfach von vorn:
Diese Facebookseite wird weder von ehemaligen Mitgliedern von Inferno Cottbus administriert, noch wurden Beiträge von den Machern von nurenergie.de verfasst. Wenn man weiter ins Detail geht, haben diese meist nicht mal indirekten Einfluss auf irgendwelche Inhalte genommen. Und abgesehen davon hat nurenergie.de unserer Meinung nach auch nur umfassende Fotos vom Cottbuser Anhang und dem Geschehen auf dem Rasen gemacht. Und dazu gehörten auch die oft sehr sehenswerten Geschehnisse in den Fanblöcken außerhalb des H-Blocks. Vom genauen Inhalt vergangener Beiträge unserer Seite kann man sich jederzeit selbst ein Bild machen. Was dieser Seite scheinbar nur vorgeworfen wird, ist, dass ihre Administratoren zum Umfeld von Inferno Cottbus gehörten. Und genau das scheint auch die Grundlage anderer Vorwürfe zu sein. Denn auch ehemalige Mitglieder wirken neben vielen weiteren Akteuren am Projekt einer gemeinsamen Fanszene mit. Ein Projekt, das vor allem eines bewirken sollte: gemeinsame Liebe und Leidenschaft für Energie Cottbus.
Von ehemaligen Inferno-Mitgliedern, über das Collettivo Bianco Rosso, bis hin zu Ultima Raka im Block I und vielen weiteren treuen Fans gehören alle zum Anhang des Vereins. Genau aus diesem Grund versuchen wir auch das gesamte Geschehen auf der Nordtribüne in unseren Spielberichten festzuhalten. Und dazu gehören nun mal auch polnische Ultras aus Andrychów, die zum Verein und mittlerweile mehreren Teilen der Energiefans eine tiefe Beziehung pflegen.

Die gemeinsame Leidenschaft für den Verein sollte die gemeinsame Grundlage eines Cottbuser Anhangs sein. Man lernte auch aus der Vergangenheit und wollte weg von einem verbohrten Denken kleinerer Gruppen, die sich untereinander keinen Respekt zollten. Weg von Gruppen, die sich über ihre politische Gesinnung definieren. Zurück zu dem, was uns in der Lausitz wirklich ALLE verbindet: Energie Cottbus.
Genau aus diesem Grund versuchte man die Kommunikation unter den Fans zu verbessern. Genau aus diesem Grund schuf man eine symbolträchtige Fahne mit dem Namen des Vereins, der die Identifikation aller ist. Weg von reiner Selbstdarstellerei, hin zu einer starken Fan-Einheit, die die Tribüne gemeinsam mit unterschiedlichsten Aktionen belebt.
Statt sich also mit den tatsächlichen Aktivitäten auf der Nordtribüne zu befassen, hatten die Autoren der kürzlich erschienenen Beiträge offenbar mehr Freude daran fleißig an einem Konstrukt zu stricken. Diese scheinen vom Stadion etwa genauso weit entfernt zu sein, wie der FCE von der 1. Bundesliga. Ebenso weit entfernt von den Aktivitäten der Fanszene, die von mehreren Gruppen und Einzelpersonen getragen wird, sind die Personen, die immer wieder in den Medien benannt wurden. Dabei geht es um vermeintlich bekannte Rechtsradikale aus der Region, von denen jedoch keiner im direkten Kontakt zu den Aktionen, die aus der Fanszene Energie Cottbus hervorgehen, steht.
Es gibt durchaus Menschen mit konservativem und auch rechtem Gedankengut in den Reihen des Dach-Projekts. Dabei würde sich auch jeder einzelne hinter diese Menschen stellen, die sich teils schon seit vielen Jahren für Verein und Szene engagieren und dabei nicht selten auch mal ein blaues Auge riskierten. Die Fanszene stellt sich hinter diese Personen, nicht hinter ihr Gedankengut. Was in sämtlichen Berichterstattungen keine Erwähnung findet: Der Personenkreis, genauso wie die ganze Nordtribüne, ist unglaublich heterogen. Ob Äußerlichkeiten, Verhalten, Beruf oder politische Meinung. Man hat das Gefühl, dass dieser vermeintlich kleine Personenkreis alle Kuriositäten besetzt und durchaus sehr heterogen ist. Es gibt in Cottbus, wie in anderen Städten auch, rechte Strukturen. Diese haben aber nichts mit dem Geschehen und den Gesängen im und um das Stadion zu tun. Eine Aktivität in unseren Kreisen ist nicht an politische Vernetzung oder ähnliches gekoppelt. Wer das beim Fußball nicht kapiert, verwirkt auch in unseren Kreisen das Recht auf Mitgestaltung gemeinsamer Aktionen.
Das Thema ist ernst zu nehmen und Fehler wurden viele gemacht. Jedoch tut man vieles dafür, dass keine Fehler mehr gemacht werden.
Es ist zudem auch Fakt, dass sich als Folge solcher Berichterstattungen immer mehr Personen auf ironische Art und Weise mit dem von Cottbus gezeichneten Bild identifizieren. Dann mimt der ein oder andere eben auch den toxischen Nazi, springt voll mit auf und gibt der Öffentlichkeit das, was sie erwartet. Es scheint ja eh egal zu sein, wie es in Wirklichkeit ist. In allen Fußball-Subkulturen geht es eben auch um das bloße Auffallen – auch in dem man mal so richtig über die Stränge schlägt.
Sehr wahrscheinlich ist es leider auch, dass niemand, der sich schon von den externen Artikeln verschiedenster Medien eine Meinung gebildet hat, diesen Text lesen wird. Schade, aber so verhärtet es wohl noch weiter und es wird weiterhin verdreht und überspitzt, bis die Schwarte kracht.
Man könnte auf weitere Details verschiedener Texte eingehen, die sich schnell als absoluter Blödsinn entpuppen würden. Aber wahrscheinlich hat es schon nur jeder fünfte Leser bis hier unten geschafft. Der Text ist keine wahre Stellungnahme und aus Administratorensicht etwas subjektiv verfasst. Jedoch kann man sich als Leser sicher sein, dass die Mitwirkenden sich ein besseres Bild von der Realität machen können.

Wir sitzen noch immer im Bus und befinden uns auf der Rückfahrt des nicht stattgefundenen Auswärtsspiels. Hinter mir werden weiterhin vermeintliche “Experten“-Meinungen der letztwöchigen Presse vorgelesen: „Wahrscheinlich mischen Cottbuser Fans im osteuropäischen Drogengeschäft mit“. Alle, sogar der Busfahrer, bekommen vor Lachen kaum noch Luft. Mal wieder so eine Zeile, die es geschafft hat sich noch weiter von der Realität zu entfernen, als die Passagen zuvor. Aber wer will das schon hören?

Und ja: ich lache, singe und kämpfe neben den Anhängern des Vereins für Energie Cottbus.


www.facebook.com/permalink.php?story_fbi...835861599&__tn__=K-R

Bitte Anmelden oder Kostenlos registrieren um der Konversation beizutreten.