Paris St. Germain – Le Havre AC

Red Star, PSG & AJ Auxerre: Mit dem Nachtbus nach Paris

Es ist bitterkalt am Mannheimer Hauptbahnhof. Zum ersten Mal seit Winterbeginn herrschen an diesem Freitagabend im November Temperaturen unter dem Gefrierpunkt – minus vier Grad, vielleicht auch minus fünf. Ich ziehe meine Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht und begebe mich in Richtung Busterminal; von dort soll mich ein Nachtbus nach Paris bringen.

unterwegs in Paris
unterwegs in Paris

Knapp sieben Stunden später komme ich in der französischen Hauptstadt an – etwas gerädert, denn die Nacht im Flixbus war deutlich zu kurz und erwartungsgemäß nicht gerade komfortabel. Da aber auch die Gegend rund um den Busbahnhof Bercy-Seine nicht gerade zum Verweilen einlädt, steuere ich schnellstmöglich die gleichnamige U-Bahnstation an und fahre mit der Linie 6 in die Innenstadt.

unterwegs in Paris
unterwegs in Paris

Bei heißer Schokolade und Croissant in einem typischen Pariser Bistro, in dem am Samstagmorgen gegen halb neun noch nicht allzu viel los ist, widme ich mich zunächst dem Ritual, mit dem ich nahezu jede Frankreich-Reise beginne: Der Lektüre der legendären Sportzeitung „L’Équipe“.

Beim Lesen der Vorberichte steigt langsam, aber sicher die Vorfreude auf die kommenden 36 Stunden. Neben dem Besuch des PSG-Heimspiels gegen Le Havre am Abend steht am Nachmittag zunächst die Zweitligapartie zwischen Red Star Paris und Clermont-Ferrand auf dem Programm. Am Sonntagmorgen geht es dann noch ins rund zwei Zugstunden entfernte Auxerre, wo der Ligue-1-Meister von 1996 auf Olympique Lyon trifft.

Red Star Paris – Clermont Foot 2:2

Zunächst spaziere ich aber ein paar Stunden durch das Viertel Montparnasse. Gerade in den kalten Monaten versprüht Paris in meinen Augen einen besonderen Charme – vor allem morgens, wenn die Stadt langsam zum Leben erwacht. Gegen Mittag mache ich mich langsam auf den Weg in Richtung des Viertels Clignancourt, wo Red Star im „Stade Bauer“ seine Heimspiele austrägt.

Red Star Paris – Clermont Foot
Red Star Paris – Clermont Foot

Schon beim Aussteigen an der Station „Porte de Clignancourt“ wird mir klar, dass es sich hierbei um eine ganz andere Gegend als Montparnasse handelt. Obwohl man mit der Linie 4 nur rund 25 Minuten unterwegs ist, scheint der Glanz der Hauptstadt plötzlich ganz weit weg. Das ist aber auch kein Wunder, denn Clignancourt liegt nur unweit des Départements Seine-Saint-Denis, das vor allem für seine berüchtigten Banlieus bekannt ist.

Unsicher fühle ich mich hier zumindest tagsüber aber trotzdem nicht. Auf dem Weg zum Ground kaufe ich mir an einem Marktstand einen (gar nicht mal so schlecht gefälschten) Stone-Island-Pullover und erkunde ein wenig das Umfeld rund um das „Stade Bauer“, in dem Red Star seit 1909 seine Heimspiele austrägt. Der Kontrast zum Stadtrivalen PSG könnte größer kaum sein: Auf der einen Seite der mit katarischen Milliarden gepamperte amtierende Champions-League-Sieger, auf der anderen Seite der linksalternativ geprägte Arbeiterklub Red Star, der zwar in den 1920er-Jahren einige Male den französischen Pokal gewinnen konnte, in den vergangenen Jahrzehnten aber meist zwischen der zweiten und der vierten Liga herumdümpelte.

Red Star Paris – Clermont Foot
Red Star Paris – Clermont Foot

Auf die Unterstützung seiner Fanszene kann sich Red Star trotzdem verlassen: Auch an diesem Samstagnachmittag liefert die Heimkurve im Heimspiel gegen Clermont-Ferrand einen starken Auftritt ab – und das, obwohl im ordentlich in die Jahre gekommenen Ground derzeit zwei von vier Tribünen aufgrund von Bauarbeiten geschlossen sind und den Heimfans nur die Haupttribüne zur Verfügung steht. Wohl auch deshalb war der Heimbereich bereits eine Woche vor dem Spiel ausverkauft – ich musste deshalb kurzerhand ein Ticket für den Gästeblock ordern, von wo ich mit rund 60 mitgereisten Clermont-Fans die Partie verfolge.

Rund ein Drittel von ihnen sind der aktiven Fanszene zuzuordnen. Trotz ihrer zahlenmäßig bescheidenen Größe sind bei der führenden Gruppe „Nemetum Ultras“ ein paar motivierte Jungs dabei, die das ein oder andere Mal akustisch auf sich aufmerksam machen können und am Ende mit einem leistungsgerechten Auswärtspunkt im Gepäck die Heimreise in die Auvergne antreten.

Paris St. Germain – Le Havre AC
Paris St. Germain – Le Havre AC

Paris St. Germain – Le Havre AC 3:0

Ein ganz anderes Ambiente erwartet mich am Abend im Prinzenpark: Obwohl Le Havre nicht gerade zu den attraktivsten Gegnern der Liga zählt und die Außentemperaturen mittlerweile gefühlt im zweistelligen Minusbereich liegen, ist bei den Heimfans die Vorfreude auf das Flutlichtspiel bereits beim Einlass spürbar. Zum Einlaufen der Teams erinnert die PSG-Kurve aber zunächst an die verheerenden Terroranschläge in Paris im November 2015 und zeigt eine Choreographie mit dem Slogan „Fluctuat nec mergitur – Je suis Paris“ („Sie schwankt, aber sie geht nicht unter – ich bin Paris“).

Paris St. Germain – Le Havre AC
Paris St. Germain – Le Havre AC

Während der darauffolgenden 90 Minuten legt die Kurve rund um die führende Gruppe „Collectif Ultra Paris“ einen mehr als soliden Auftritt hin. Zwar ist bei PSG wie bei so vielen Klubs in Frankreich das seltsame Phänomen zu beobachten, dass zwei Heimkurven parallel gegeneinander ansingen – weil aber der „Virage Auteuil“ zahlenmäßig klar überlegen ist, kommt die Stimmung anders als etwa in Marseille oder St. Étienne auch im restlichen Stadion homogen rüber.

Paris St. Germain – Le Havre AC
Paris St. Germain – Le Havre AC

Auf dem Platz dauert es indes nur bis zur 65. Minute, ehe das Spiel mit dem zweiten Tor für Paris endgültig entschieden ist. Die Gäste schlagen sich zwar bis zum Abpfiff wacker, haben gegen die PSG-Übermacht aber letztlich keine Chance.

AJ Auxerre – Olympique Lyon 0:0

Am Sonntagmorgen geht es mit dem Zug nach Auxerre – ein kleines 35.000-Einwohner-Städtchen, das seine landesbekannte Bekanntheit vor allem einem Mann verdankt: Guy Roux. 44 Jahre lang war er Trainer der AJ Auxerre, führte den Klub von den Niederungen des Amateurfußballs bis in die Champions League und 1996 sogar zum Gewinn der französischen Meisterschaft. Zudem entdeckte Roux, dessen Bekanntheit in Frankreich wohl nur von Zinédine Zidane und Michel Platini getoppt wird, spätere Weltstars wie Éric Cantona und Djibril Cissé.

unterwegs in Auxerre
unterwegs in Auxerre

Davon, dass in wenigen Stunden in Auxerre eine Ligue-1-Partie angepfiffen wird, ist bei meiner Ankunft am Bahnhof aber wenig zu spüren. Auch im dörflich geprägten Stadtkern deutet wenig auf das anstehende Duell gegen Olympique Lyon hin. In aller Ruhe schlendere ich daher durch die Gassen der malerischen Altstadt, lasse das Ambiente auf mich wirken und genieße die Ruhe vor dem Sturm.

unterwegs in Auxerre
unterwegs in Auxerre

Denn im „Stade de l’Abbé-Deschamps“ herrscht wenig später naturgemäß eine völlig andere Atmosphäre: Vor dem Anpfiff präsentieren beide Kurven eine ansehnliche Choreo inklusive Pyroshow, ehe das Heimteam auf dem Platz das Kommando übernimmt. Auxerre ist Tabellenletzter und muss unbedingt punkten – doch die Gastgeber verballern eine Großchance nach der anderen und können auch ein Elfmetergeschenk des Schiedsrichters gegen Mitte der ersten Halbzeit nicht zur Führung nutzen.

AJ Auxerre – Olympique Lyon
AJ Auxerre – Olympique Lyon

Auf den Rängen hat indes der prall gefüllte Gästeblock leicht die Oberhand; bei Heimspielen wird zwar auch in Lyon nicht gemeinsam supportet, aber zumindest auswärts ziehen die unterschiedlichen Gruppen an einem Strang und hinterlassen an diesem Nachmittag sowohl akustisch als auch optisch einen guten Gesamteindruck. Auch in der Heimkurve sind die 1990 gegründeten „Ultras Auxerre“ redlich darum bemüht, die Stimmung anzuheizen, doch die Mitmachquote fällt eher bescheiden aus. Erst in der Schlussphase der Partie gelingt es, das ganze Stadion mitzuziehen – doch auf dem Platz fällt der erlösende Siegtreffer für Auxerre nicht mehr.

AJ Auxerre – Olympique Lyon
AJ Auxerre – Olympique Lyon

Kurz nach dem Abpfiff mache ich mich schließlich auf den Rückweg nach Paris, wo ich zwei Stunden später wieder am Terminal Bercy-Seine ankomme. Eine weitere Nacht im Flixbus erwartet mich nun – aber mit drei neuen Grounds im Gepäck nimmt man das gerne in Kauf.

Bericht & Fotos: Yannic Lacombe

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