*Neu turus.net Shop: Bücher von turus Autor Marco Bertram mit Widmung

Gent - das Mekka des Sechstagesports schlechthin: Start-Ziel-Sieg von Kenny de Ketele und Moreno de Pauw

Autor: Bernd Mülle     veröffentlicht am 21 November 2017    
 
5.0 (1)
Bewertung schreiben
Artikel weiterempfehlen / teilen:
turus Fotostrecke
Siegerehrung in Gent
Foto: Arne Mill

Wer einmal das Genter Sechstagerennen besucht hat, wird seine gewonnenen Eindrücke kaum jemals vergessen. Nicht nur das belgische Publikum, das den geliebten Radsport bekanntermaßen enthusiastisch „lebt“, nein, vor allem sind es die sportlichen Leistungen der Rennfahrer, die ohne große Pausen ein äußerst gestrafftes Programm zu absolvieren haben und Bewunderung verdienen. Nacht für Nacht starteten die Profis in nicht weniger als 10 bis zu maximal 12 Rennen, was natürlich nur ohne die zum Beispiel in Berlin stattfindenden Sprinter- und Steherrennen möglich ist. Aber ein Wettbewerb für die Fahrer der Klasse U 23 an jedem Abend und ein Frauenrennen von Freitag bis Sonntag als Omnium mit abschließendem Madison am letzten Tag finden ebenfalls statt. Nicht umsonst spricht man vom härtesten Sechstagerennen, das heutzutage gefahren wird und auch in diesem Jahr leider von einigen spektakulären Stürzen begleitet war. Am Ende aber erreichten alle 12 gestarteten Teams das Ziel, obwohl zwischenzeitliche, krankheits- bzw. sturzbedingte Neutralisationen für den Italiener Michele Scartezzini oder den Australier Cameron Meyer, der vorübergehend sogar ins Krankenhaus musste, erheblichen Einfluß auf das Rennergebnis nahmen und die eine oder andere Aufgabe nicht verwunderlich gewesen wäre.

de Ketele

Die Rundenrückstände von so renommierten Teams wie Callum Scotson/Cameron Meyer (23 Runden) und auch von Michele Scartezzini/Elia Viviani (29 Runden) waren für diese exzellenten Bahnfahrer am Ende aber zweitrangig, sie wollten auf jeden Fall das Rennen durchstehen und das gelang ihnen auch dank der hervorragenden Arbeit, die die äußerst engagierten belgischen Betreuer den Fahrern zukommen ließen. Sie sind gerade hier in Gent mit einer Leidenschaft dabei und als „Mädchen für alles“ sorgen sie nicht nur für Massagen und Radpflege, sondern haben auch immer wieder aufmunternde Worte für die Cracks parat und stellen für sie eine Art Vaterfigur dar. Die Stimmung und die Atmosphäre in der Halle ist einfach einzigartig und erinnert den eingefleischten Sixdaysfan an alte Zeiten im Berliner Sportpalast an der Potsdamer Strasse, wo es ebenso heiß herging. Nur heißen die Protagonisten nicht mehr Peter Post, Rik van Steenbergen, Fritz Pfenninger, Klaus Bugdahl, Danny Clark, Patrick Sercu oder Eddy Merckx, aber ein Kenny de Ketele, Moreno de Pauw, Yoeri Havik oder Morgan Kneisky, um nur einige zu nennen, sind würdige Nachfolger, die die Herzen der Fans mit spektakulärer Fahrweise immer wieder erobern. 

Gent

Auch für die Vertreter der Presse ist Gent immer wieder ein Erlebnis, wo sie sich, bestens bewirtet, wie zu Hause fühlen und wie ein Mitglied in einer großen belgischen Radsportfamilie aufgenommen werden. Die Arbeitsbedingungen sind gut, die Versorgung mit aktuellen Ergebnissen ist gewährleistet und freundlich sind die Mannen um Chris Vannoppen allemal. Schon deshalb lohnt sich ein Besuch dieses Sechstagerennens, das ja außerhalb der Six Day Serie läuft, immer wieder aufs Neue. Kein Wunder, dass der Termin für nächstes Jahr längst vorgemerkt ist!

Gent

Zum Rennverlauf bleibt abschließend nur soviel zu sagen: bei den Profis dominierten die Belgier Kenny de Ketele/Moreno de Pauw und feierten einen Start/Ziel-Sieg mit überragender Fahrweise. Ob Jagd, Punkterennen, Mannschaftsausscheidung oder Zeitfahren, die Belgier siegten auf allen Ebenen, wobei vor allem die Zeitfahren mit dem schnellen Moreno de Pauw den herausragenden Fahrer stellten, der alle 12 Rennen gewann. Dabei waren 26,595 Sekunden über 500 m in der 3. Nacht die beste von ihm erzielte Zeit, während über 166 m (eine Runde) als Bestzeit 8,433 Sekunden in der 4. Nacht mit einem sagenhaften Schnitt von 71,146 km/h notiert wurde. Die in diesem Wettbewerb erzielten Punkte für das belgische Team sorgten in erster Linie für das enorme Punktepolster, das ihnen diverse Bonusrunden einbrachte. Der Gesamtsieg mit zwei Runden Vorsprung und dem höchsten Punktekonto war letztlich souverän und ließ am Ende auch den verletzungsbedingt auf der Tribüne sitzenden Genter Publikumsliebling Iljo Keisse Beifall klatschen. 

Grasmann

Hinter den Franzosen Morgan Kneisky/Benjamin Thomas und den Niederländern Yoeri Havik/Wim Stroetinga belegte rundengleich ein belgisches Paar den undankbaren vierten Platz, mit dem keiner vorher gerechnet hatte. Robbe Ghys und Lindsay de Vylder waren in allen Nächten immer vorn dabei, siegten sogar in zwei Jagden und hatten auch im Punkte- und Dernyrennen die Nase vorn. Die beiden deutschen Teilnehmer Christian Grasmann an der Seite des Dänen Marc Hester und Leif Lampater mit dem jungen Belgier Gerben Thijssen enttäuschten mit acht bzw. 11 Rundenverluste nicht und belegten am Ende die Plätze fünf und sechs. 

Madison

Im Feld der 12 Teams der U 23 Fahrer waren auch zwei deutsche Mannschaften mit Sebastian Schmiedel/Moritz Malcharek und Moritz Augenstein/Nils Weispfennig am Start, die sich insgesamt gut aus der Affäre zogen. In den ersten beiden Nächten fuhren sie ein Zeitfahren über eine Runde und zwei Punkterennen über 90 Runden, dann war in den folgenden Nächten ein Zeitfahren über 500 m und ein Madison über 200 Runden angesagt, bevor an den beiden Schlusstagen jeweils ein Madison über 240 Runden zur Austragung kam. Ein hartes Stück Arbeit lauerte da vor allem auf den jungen, erst 17-jährigen Nils Weispfennig, der aber am Ende mit seinem Partner einen hervorragenden dritten Platz in der Gesamtwertung herausfuhr. „Es war das bisher härteste Rennen meines Lebens“, gestand der junge Mann, überglücklich über seine tolle Platzierung. Er konnte auch einmal einem Massensturz nicht mehr ausweichen, kam aber dabei glimpflich davon und fuhr das Rennen ungehindert zu Ende. Die schnelle Fahrweise bei hoher Trittfrequenz war für den Jungstar eine echte Herausforderung, die er mit Bravour bewältigte. 

Gent

Für die Berliner Sebastian Schmiedel/Moritz Malcharek blieb zum Schluss nur der vierte Platz übrig, nachdem sie vorher mit einem Podiumsplatz gerechnet hatten. Moritz Malcharek kam direkt aus dem Trainingslager nach Gent und hatte einige Mühe auf der kurzen, schnellen Bahn den richtigen Tritt zu finden. Hinzu kam die aggressive Fahrweise der jungen Rennfahrer aus dem Ausland, die auch zu vielen Stürzen führte, aus denen sich aber die Deutschen meist raushalten konnten. Gegen die souverän mit fünf Runden Vorsprung (!) siegenden Belgier Brian Boussaer/Jules Hesters hatten aber alle anderen nicht die Spur einer Chance. Hier wachsen offensichtlich weitere Talente heran, die dem Bahnrennsport künftig gut zu Gesicht stehen werden. 

Im Feld der Frauen war mit Alina Lange auch eine Deutsche am Start, die sowohl im Punkterennen über 120 Runden, das die Belgierin Jolien D’Hoore gewann, als auch im Omnium am folgenden Tag mit der Siegerin Marit Raaijmakers aus den Niederlanden, jeweils den 12. und letzten Platz belegte. Das abschließende Madison am Sonntag über 120 Runden sah dann einen spannenden Zweikampf zwischen den Niederländerinnen Kirsten Wild/Amy Pieters und den Belgierinnen Lotte Kopecky/Jolien D’Hoore, den die Weltmeisterinnen aus Belgien knapp mit 53 zu 57 Punkten verloren.

Kirsten wild

Abschließend soll noch einmal ein Blick auf die belgischen Radsportler und Fans geworfen werden: das Rennen in Gent war mit dem Schlussspurt zwar entschieden, aber noch lange nicht zu Ende. Im Cafe de Karper, das dem Vater von Radstar Iljo Keisse gehört, trafen sich einige Stars am Sonntagabend, darunter u.a. auch ein Philip Deignan vom Team Sky, Ehemann von Elizabeth geb. Armitstead, und der Brite Mark McNally von der Wanty-Groupe Gobert, die noch lange fachsimpelten. Das mit sämtlichen Trikots einschließlich Startnummern und Rädern von Iljo Keisse geschmückte Cafe war im letzten Jahr überfüllt, als Bradley Wiggins und Mark Cavendish der Familie Keisse die Aufwartung machten. So etwas gibt es halt nur in einer Radsportmetropole wie Belgien und ist in unseren Kreisen leider unvorstellbar.  

Text: Bernd Mülle  

Fotos: Arne Mill

> zur turus-Fotostrecke: Zesdaagse van Vlaanderen-Gent 2017

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Bahnradsport
Name des Radrennens
Lotto Z6sdaage Vlaanderen-Gent
Artikel weiterempfehlen / teilen:

Benutzerkommentare

1 Bewertungen

Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0  (1)
Bewertung (je höher desto besser)
Bewertung / Kommentar für den Artikel
Kommentare
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0
War dieser Kommentar hilfreich für Sie?