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Straßen-WM: Tom Dumoulin dominiert Einzel- und Mannschaftszeitfahren - EZF ohne Medaillen für den BDR

Autor: Bernd Mülle     veröffentlicht am 22 September 2017    
 
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Tom Dumoulin in Bergen (Norwegen)
Foto: Arne Mill

Der erste Teil der Radsport-Weltmeisterschaften 2017 im herrlichen Bergen in Norwegen wurde mit dem Einzelzeitfahren der Elite Männer abgeschlossen. Es war ein hammerhartes Rennen gegen die Uhr, das in dem Niederländer Tom Dumoulin vom deutschen Team Sunweb einen überlegenen Sieger hatte, der sich selbst vom einsetzenden Regen nicht irritieren ließ und souverän seinen ersten Weltmeistertitel gewann. Bereits zu Beginn der WM am Sonntag hatte er sich mit weiteren fünf Fahrern seines Teams Sunweb überraschend den Titel als Mannschaftsweltmeister gesichert, an dem auch der junge Deutsche Lennard Kämna seinen Anteil hatte.  

Tom

Es ist das Jahr des Tom Dumoulin, der nach seinem Sieg beim Giro d’Italia nun zweifacher Weltmeister geworden ist, nachdem er jeweils im Einzelzeitfahren schon 2014 bei den Straßenweltmeisterschaften die Bronzemedaille und 2016 bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille gewonnen hatte. Er hat seine derzeitige Ausnahmestellung ein weiteres Mal unter Beweis gestellt und ist damit der erste Zeitfahrweltmeister aus den Niederlanden. Schon am letzten Sonntag gewann er mit seinen Landsleuten Wilco Kelderman und Sam Oomen, dem Australier Michael Matthews, dem Dänen Sören Kragh Andersen und Lennard Kämna das Mannschaftszeitfahren über 42,5 km mit einem sagenhaften Schnitt von 53,3 km/h etwas überraschend vor den favorisierten Teams BMC Racing, Sky und Quick-Step Floors, wobei der junge Lennard Kämna ebenfalls eine ausgezeichnete Leistung bot und für die bisher einzige, deutsche Goldmedaille dieser Weltmeisterschaften sorgte. 

 Frauen

Zuvor hatte bei den Frauen das Team Sunweb, allerdings mit niederländischer Lizenz ausgestattet, einen ebenso überraschenden Sieg eingefahren und den Titel mit einer ebenfalls bemerkenswerten Durchschnittsgeschwindigkeit von 45,78 km/h für die gleich lange Strecke von 42,5 km errungen. Die Titelverteidiger vom niederländischen Team Boels Dolmans und das mit deutscher Lizenz fahrende Team Cervelo-Bigla Pro Cycling folgten auf den Medaillenrängen, während die mehrfachen Weltmeister von Canyon Sram Racing mit den Deutschen Lisa Brennauer, Mieke Kröger und Trixi Worrack dieses Mal leer ausgingen und mit dem undankbaren vierten Platz vorliebnehmen mussten. Dagegen konnten drei weitere deutsche Damen strahlen, die mit dem Cervelo-Bigla Pro Cycling Team Bronze holten: neben der 21-jährigen Deutschen Meisterin im Straßenrennen Lisa Klein waren es die ein Jahr ältere Clara Koppenburg und die frisch vermählte Stephanie Gaumnitz (ehemals Pohl), ehemalige Bahnweltmeisterin im Punktefahren (2015), die zum gemeinsamen Erfolg mit der Finnin Lotta Lepistö, der Dänin Cecilie Uttrup Ludwig und der Südafrikanerin Ashleigh Moolman-Pasio beitrugen.   

 Lea

Nach den Mannschaftswettbewerben fanden von Montag bis Mittwoch insgesamt fünf Einzelzeitfahren statt, in denen es für die deutschen Teilnehmer auf jeweils sehr selektivem Kurs mit zum Teil recht knackigen Anstiegen zu keiner Medaille reichen sollte. In diesem Jahr im norwegischen Bergen waren nicht die sonstigen Spezialisten im Einzelzeitfahren gefragt, sondern eher der komplette Rennfahrer, der auch im hügeligen Gelände sich in Szene setzen kann. Bei den Juniorinnen über 16,1 km dominierten die Italienerinnen Elena Pirrone und Alessia Vigilia, die vor der Australierin Madeleine Fasnacht einen Doppelsieg feierten. Eine ganz starke Leistung bot auch die Deutsche Hannah Ludwig mit ihrem tollen vierten Platz, die ebenso wie Lea Lin Teutenberg als 13. unter insgesamt 47 Starterinnen ihr Können unter Beweis stellte. Im 37,2 km langen Einzelzeitfahren der Klasse U 23 hatten die beiden deutschen Starter Julian Braun und Patrick Haller nur wenig zu bestellen, wenngleich man ihre Leistungen durchaus als ordentlich bezeichnen konnte. Der langsam gestartete Julian Braun steigerte sich am Ende auf Platz 19, während Patrick Haller stark begann, um am Ende auf Platz 20 zurückzufallen. Sensationell waren die Leistungen des neuen, 18-jährigen dänischen Weltmeisters Mikkel Bjerg und des knapp ein Jahr älteren Gewinners der Silbermedaille Brandon McNulty aus den USA, die beide den starken Franzosen Corentin Ermenault auf Platz drei verwiesen. 

 U23

Am Tag danach gab es für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) erneut einen sehr guten vierten Platz im Rennen der Junioren durch den für den RSC Cottbus fahrenden Berliner Juri Hollmann, der im 21,1 km langen Zeitfahren nur dem Briten Thomas Pidcock, dem Italiener Antonio Puppio und dem Polen Filip Maciejuk den Vortritt lassen musste und dabei nur 21 Sekunden verlor. Unter immerhin 78 Platzierten erreichte der zweite deutsche Teilnehmer Leon Heinschke aus Frankfurt/Oder einen ebenso großartigen 13. Platz mit nur 40 Sekunden Rückstand auf den Sieger. Die gleiche Distanz hatten die Damen zu absolvieren und hier lagen die Platzierungen von Lisa Brennauer und Trixi Worrack in dem erstklassigen Starterfeld von 53 Teilnehmerinnen durchaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten, zumal das hügelige Terrain für beide nicht als das Gelbe vom Ei zu bezeichnen war. Die Plätze 11 bzw. 16 werden aber im Hinblick auf das am Samstag folgende Straßenrennen genug Motivation sein, um dort in die Top Ten zu fahren. Gegen die wie entfesselt agierende neue Weltmeisterin Annemiek van Vleuten aus den Niederlanden, die überglücklich ihren Sieg feierte, ihrer Landsmännin Anna van der Breggen sowie der Australierin Katrin Garfoot, die erneut Bronze gewann, war an diesem Tag einfach kein Kraut gewachsen.

Berlins Syrer Nazir Jaser setzt Achtungszeichen

Absoluter Höhepunkt der Zeitfahrwettbewerbe war das 31 km lange Rennen der Elite Männer, an dem 64 Fahrer teilnahmen, die einen äußerst schweren Parcours zu bewältigen hatten. Vor dem letzten Teil der Strecke, einem etwa 3,4 km langen Anstieg mit Kopfsteinpflasterpassagen zum Mount Flöyen mit ca. 310 Höhenmetern und einer durchschnittlichen Steigung von 9,1 %, nahmen mit Ausnahme der Topfavoriten viele Fahrer einen von der UCI erlaubten Radwechsel vor und stiegen vom Zeitfahrrad zum normalen, leichteren und wendigeren Straßenrad um. Ein immenses Zuschaueraufkommen machte den Wettbewerb zu einem spektakulären Ereignis, dazu waren Regen, Trockenheit und wieder Regen die Begleiter der insgesamt in sechs Gruppen unterteilten Teilnehmer, von denen als erster der Kasache Alexey Lutsenko auf die nasse Strecke ging, dem unmittelbar der Deutsche Jasha Sütterlin folgte. Gemeinsam mit den ebenfalls in der ersten Gruppe gestarteten Fahrern Lasse Norman Hansen aus Dänemark und Laurens de Plus aus Belgien setzten sie die ersten aussagekräftigen Richtzeiten. 

 Nazir

Es war das kürzeste und langsamste Zeitfahren einer Weltmeisterschaft, aber gleichzeitig auch eines der dramatischsten Rennen mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. In der zweiten Gruppe fuhr der Deutsche Nikias Arndt ein starkes Rennen und hatte sich offenbar minutiös auf diesen Titelkampf vorbereitet. Der 19. Platz war am Ende für ihn eine sehr gute Platzierung und auch Jasha Sütterlin, der den 35. Platz unmittelbar hinter dem Portugiesen Rui Costa und Lasse Norman Hansen belegte, konnte unter den besonderen Gegebenheiten durchaus zufrieden sein. 

Zu Beginn der dritten Gruppe startete der in Berlin lebende, für die NRVg. Luisenstadt bzw. dem KED-Stevens Radteam fahrende Syrer Nazir Jaser, für den dieses Rennen wohl ein einmaliges Erlebnis bleiben wird. Als Flüchtling im Jahre 2015 stand er mit vier weiteren syrischen Radsportlern vor dem Berliner Velodrom und wollte nur seine Sportart weiter betreiben und wenn möglich, noch einmal nach 2013 zu einer Weltmeisterschaft fahren. Der Traum ging nun schneller als erwartet in Erfüllung und Nazir Jaser gab sein Bestes, obgleich er im Vorfeld noch einen grippalen Infekt auszukurieren hatte. Von einer Welle der Begeisterung getragen, fuhr der Syrer ein starkes Rennen, das ihm noch ewig in der Erinnerung bleiben dürfte. Letztlich war die Platzierung nicht so wichtig, aber als 56. hatte er am Ende immerhin noch acht Fahrer, darunter den zweiten Syrer Ahmad Badreddin Wais sowie die stärker eingeschätzten Elchin Asadov aus Aserbaidschan, Eugert Zhupa aus Albanien und Meron Teshome aus Eritrea hinter sich gelassen. Eine absolute Steigerung gegenüber 2013, wo er den 77. und letzten Platz belegt hatte. 

 WM

Danach ging es dann Schlag auf Schlag und die Bestzeiten purzelten zunächst über den Belgier Yves Lampaert, dann war es in der vorletzten Gruppe überraschend der letztlich Viertplatzierte Portugiese Nelson Oliveira, bevor aus der letzten, bei Regen gestarteten Gruppe der Topfavoriten der Slowene Primoz Roglic die Führung übernahm. Er hatte nach der ersten Zwischenzeit die Führung inne, bewegte sich dann mit den Zwischenzeiten auf den Plätzen 6, 8 und 9, um im letzten Anstieg noch auf Platz zwei zu fahren. Von den hinter ihm gestarteten Fahrern Chris Froome aus Großbritannien –er wurde am Ende Dritter- , Tom Dumoulin und dem dritten Deutschen Tony Martin schaffte es nur der nahezu wie entfesselt fahrende Tom Dumoulin, die Zeit von Primoz Roglic zu unterbieten. Das gelang dem Niederländer, der ab der zweiten Zwischenzeit bis zum Ende schon vorn lag, aber in überzeugender Weise mit einem Vorsprung von 57 Sekunden. Hut ab auch vor der Leistung des viermaligen Weltmeisters Tony Martin, der einen guten 9. Platz erreichte und dabei gegenüber einer möglichen Bronzemedaille nur 18 Sekunden verlor.

 Tony Martin

Die am Freitag beginnenden Straßenwettbewerbe versprechen nach den Eindrücken von den Zeitfahren allein schon durch das Zuschauerinteresse hervorragenden und spannenden Sport. Favoriten gibt es in allen fünf Rennen genügend, so dass Vorhersagen nahezu unmöglich sind. Für die deutschen Rennfahrer-/innen werden die Trauben aber in allen Altersklassen sehr hoch hängen, wenngleich sie für die eine oder andere Überraschung durchaus in Frage kommen können.   

Text: Bernd Mülle  

Fotos: Arne Mill (frontalvision.com)

> zur turus-Fotostrecke: Straßen-WM 2017 in Bergen

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Rennbericht
Radrennen-Art:
  • Straßenrennen
  • UCI-Rennen
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