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Berliner Radsport am Scheideweg? Absage der Tour de Berlin ist ein „No Go“

Autor: Bernd Mülle     veröffentlicht am 07 Juni 2017    
 
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Siegerehrung bei der Tour de Berlin 2016
Foto: Arne Mill

Die sogenannte Sportstadt Berlin macht ihrem vermeintlichen Ruf keine Ehre! In diesem Jahr sollte die 65. Tour de Berlin stattfinden, ehemals hervorgegangen aus der vor der politischen Wende im Westteil Berlins ausgetragenen Vier-Etappenfahrt und mittlerweile eine unverzichtbare Plattform für den Radsport-Nachwuchs der Klasse U 23. Doch aus vielerlei, kaum nachzuvollziehenden und zu akzeptierenden Gründen musste die Tour in diesem Jahr abgesagt werden. Das Fahrradfahren in Berlin erlebt gerade in dieser Zeit einen gewaltigen Schub auch von politischer Seite, doch für die Ausführung einer Radsportveranstaltung werden den Organisatoren nicht erst seit diesem Jahr immer mehr Steine in den Weg gelegt.

schachmann

Als Radsportfan muss man den Eindruck gewinnen, dass Radsport in der Hauptstadt keine Zukunft mehr hat und vor allem nicht gewollt ist! Ein Blick nach Hamburg mit seinem jährlichen WorldTour-Rennen, zum seit Jahrzehnten ausgetragenen Profirennen in Frankfurt/Main oder zum in Kürze folgenden Tourstart in Düsseldorf lässt in Berlin nur schmerzliche Erinnerungen zurück. Die vielen Bekundungen von politischer Seite in den vergangenen Jahren, den Radsport zu unterstützen, scheinen nur Schall und Rauch gewesen zu sein. Woran liegt es, dass die Situation im Berliner Radsport sich derzeit als desolat erweist? Fehlt ein vernünftiges Konzept seitens des Verbandes, das die vielen Ehrenamtlichen derzeit im Regen stehen lässt? Kommunikation ist angesagt, aber da fehlt es an allen Ecken und Enden. Oder ist es Interessenlosigkeit von Entscheidungsträgern insbesondere bei Polizei und Verkehrslenkung, die den Radsport ignorieren, aber bei nahezu wöchentlichen Straßenfesten und Autorennen mitten in der Stadt mit entsprechender Präsenz aufwarten?

Tour

Dass es auch anders geht, hat gerade die Veranstaltung am Pfingstwochenende in Lichterfelde bewiesen, wo der Radsport über entsprechende Anerkennung bei den zuständigen Behörden verfügt und etwaige Schwierigkeiten, die bei der Durchführung eines derartigen Events auftreten könnten, im Vorfeld konstruktiv gelöst werden. Insofern ist die gerade erfolgte Absage des beliebten, traditionellen 60. Rollberg-Rennens aufgrund zu vieler Auflagen seitens der Behörden ein erneuter Schlag ins Kontor!

Wann erwacht man in Berlin endlich aus seinem sportlichen Tiefschlaf, wo nur noch der Fussball machen kann, was er will. Für das Fahrradfahren wird sich neuerdings von politischer Seite sehr ins Zeug gelegt und da sollte eigentlich auch der aktive Leistungssport Radsport zum Teil profitieren können. Wir sind Olympiastützpunkt für den Bereich Bahn-Ausdauer mit unserem schönen Velodrom, das auch nur zu einem Drittel des Jahres – ein Witz schlechthin - von den Radsportlern genutzt werden darf, können unseren Aktiven aber mangels Rennen keine Zukunft bieten. Wie sollen da künftige Olympiateilnehmer, geschweige denn Medaillengewinner, produziert werden? Es ist daher nicht verwunderlich, dass neuerdings sogar talentierte Junioren noch vor ihrem Eintritt in die Klasse U 23 die Hauptstadt verlassen und in alle Winde zerstreut sind. 

Tour

Zurück zur Absage der Tour de Berlin, die nur Unverständnis hervorrufen kann. Einmal abgesagt, immer abgesagt, so ist es im allgemeinen üblich, aber damit kann man sich nicht zufrieden geben. Ein junger Berliner wie Maximilian Schachmann hat gerade im letzten Jahr den zweiten Platz in der Gesamtwertung der Tour de Berlin erreicht, ist danach Deutscher Meister im Einzelzeitfahren der U 23 geworden, hat die Tour Alsace über fünf Etappen gewonnen und nicht zuletzt den zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft im Einzelzeitfahren belegt. Allein diese Erfolge, aber auch die Leistungen in seinem diesjährigen, ersten Profijahr in der WorldTour bei Quick-Step Floors mit einem 4. Platz beim Prologzeitfahren der Tour de Romandie oder dem 6. Platz beim Einzelzeitfahren der Amgen Tour of California, die er als hervorragender 15. der Gesamtwertung beendete, haben gezeigt, wie wichtig eine Nachwuchs-Rundfahrt für die zukünftige Entwicklung eines Radsportlers sein kann. 

Frühere prominente Teilnehmer der Tour de Berlin wie der dreimalige Etappensieger Mark Cavendish aus Großbritannien, die Dänen Alex Rasmussen – Gesamtsieger 2006 - und Michael Mörköv, der Niederländer Robert Gesink, der Brite Geraint Thomas, der Italiener Oscar Gatto oder die Belgier Kenny de Ketele und Jürgen Roelandts, sie alle haben bei dieser Tour schon für Furore gesorgt. Auch deutsche Cracks wie Andre Greipel, Marcel Sieberg, Roger Kluge, Rüdiger Selig, Simon Geschke sowie die Gesamtsieger Jasha Sütterlin und Nikias Arndt zierten in der Vergangenheit die Starterlisten und prägten die Tour auf ihre ganz spezielle Art und Weise. 

ackermann

Es ist mittlerweile fast schon fünf nach zwölf, auch wenn zum Beispiel von Seiten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) die Hoffnung geäußert wird, dass die Tour de Berlin im nächsten Jahr wieder stattfindet. Doch dazu bedarf es der Bündelung aller vorhandenen Kräfte und  auch der Unterstützung seitens des BDR, um in dieser Richtung noch etwas bewegen zu können. Vor allem dürfen aber Entscheidungen der Behörden nicht willkürlich getroffen werden, wie es derzeit den Anschein hat. Gemeinsam muss es doch möglich sein, diese traditionelle Rundfahrt in der Hauptstadt am Leben zu erhalten, insbesondere dann, wenn alle an einem Strang ziehen und nicht jeder nur seine eigenen Interessen im Auge hat.

Es lebe die 65. Tour de Berlin im Jahre 2018!

Text: Bernd Mülle     

Fotos: Arne Mill 

 

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Rundfahrt
Name des Radrennens
Tour de Berlin
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