Six Day Berlin: Es war nicht alles Gold was glänzt, aber ein hoffnungsvoller Beginn einer neuen Ära

Autor: Bernd Mülle     veröffentlicht am 28 Januar 2017    
 
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turus Fotostrecke
Siegerehrung in Berlin
Foto: Arne Mill

Am Dienstagabend ging die 106. Auflage des Berliner Sechstagerennens zu Ende und die neuen Macher der langjährigen, beliebten und traditionsreichen Veranstaltung zogen gegen Mitternacht in der Pressekonferenz mit den drei erstplatzierten Teams ein erstes Fazit. Die Madison Sports Group mit ihrem sympathischen Geschäftsführer Valts Miltovics zeigte sich insgesamt zufrieden mit der ersten Austragung unter ihrer Regie. „Es war sehr spannend mit harten Kämpfen und der Sport ist nun einmal die Hauptsache für uns“, begann Valts Miltovics sein Fazit, nachdem zunächst die Fahrer den Medien zur Verfügung gestanden hatten.

Six Day

Mit der Besucherzahl, die der Geschäftsführer mit 60.000 angab, sei man zufrieden, wobei besonders der Samstag mit vollem Hause überzeugte. Erstaunlich viele Lücken auf den Zuschauerrängen gab es am Schlusstag, aber auch am ersten Tag war der Besuch in der Vergangenheit schon besser gewesen. „Wir sind bei etwa 85 %, die wir dieses Jahr geschafft haben und somit bleibt noch Luft nach oben“, fuhr Valts Miltovics fort, der seinen Chief Executive Officer (CEO) Mark Darbon aus Großbritannien zitierte, der Berlin als das wichtigste Sechstagerennen der neuen Serie einschätzt. „Wir waren flexibel, als berechtigte Kritik von außen kam und haben darauf sofort reagiert“, war der ehemalige lettische Eishockeyspieler und Basketballmanager froh über die Unterstützung, die er von den Medien erhielt und wofür er sich abschließend bedankte.

Havik

Mit Yoeri Havik und Wim Stroetinga hat die seit der 2. Nacht dominierende Mannschaft den verdienten Sieg eingefahren. Für Yoeri Havik ein besonderer Sieg, der erste große Sechstagesieg seiner Laufbahn, wie er zu Protokoll gab und dazu der erste Sieg eines niederländischen Teams nach dem Jahre 2006. Beim 95. Berliner Sechstagerennen war es sein Onkel Danny Stam, der mit Robert Slippens hier im Velodrom den Sieg einfuhr. Für die Vorjahressieger Kenny de Ketele/Moreno de Pauw blieb dieses Mal mit weniger Punkten und dazu noch einem Rundenverlust nur Platz zwei übrig vor dem zweiten niederländischen Paar Jens Mouris/Pim Ligthart, die hier überraschend aufs Podium fuhren. „Man kann nicht immer Erster sein, wir sind trotzdem glücklich über den Podiumsplatz“ gab Kenny de Ketele in lockerer Art zu verstehen. Für Jens Mouris waren es seine letzten Sixdays und der Niederländer zeigte sich mit seinem dritten Platz sehr zufrieden. „Wesentlich mehr Publikum als in Amsterdam sorgte für ein tolles Rennen hier in Berlin“ sagte der lang aufgeschossene  Jens Mouris, der seine Runden wie ein Uhrwerk drehte. Man wurde an den leider fehlenden Roger Kluge erinnert, der als Gast, gerade aus Australien zurückgekehrt, die Schlussjagd anschoss.

sprint

Beim Hauptrennen ohne Podiumsplatz, gab es bei den Sprintern einen deutschen Doppelsieg durch Maximilian Levy vor Robert Förstemann sowie bei den Stehern den Sieg von Stefan Schäfer und den dritten Platz von Franz Schiewer. Bei den Frauen dominierte die dänische Straßenweltmeisterin Amalie Dideriksen, die die Britin Katie Archibald und die stark fahrende Deutsche Omniummeisterin Anna Knauer bezwang. Einen britischen Doppelsieg beim Six Day-Cup der U 23 feierten Ethan Hayter/Matthew Walls und Joe Holt/Matthew Bostock, die das deutsche Paar Moritz Augenstein/Moritz Malcharek auf den dritten Platz verwiesen. Besonders beeindruckend war die Leistung von Maximilian Levy, der hier mit einem Schlüsselbeinbruch am Start war, den er erst zwei Wochen zuvor bei einem Trainingssturz in Frankfurt/Oder erlitten hatte! Sein unbändiger Ehrgeiz, in Berlin dabei zu sein, führte dazu, dass er noch am Tag des Sturzes operiert und mit einer Metallplatte und acht Schrauben die linke Schulter entsprechend stabilisiert wurde. Chapeau!!

Aller Anfang ist schwer und nicht gleich kann alles perfekt funktionieren. Doch einige positive Neuerungen fielen dem Beobachter sofort ins Auge: eine erweiterte VIP Lounge mit erhöhten Tischen und damit verbesserten Sichtverhältnissen, eine Anzeigetafel, die sowohl von den Längsseiten als auch von den Kurven gut einsichtbar ist und die einzelnen Wettbewerbe dem Publikum gut erklärt näherbringt, eine Bühne im Innenraum für die Fahrervorstellungen bzw. Siegerehrungen und ein für die Medien gut zugängiges Fahrerlager. Gewöhnungsbedürftig war am ersten Tag die Musik des DJ Tomekk, von dem der Funke zum Publikum einfach nicht überspringen wollte. Hier zeigte sich jedoch zum ersten Mal die Flexibilität der neuen Geschäftsführung, die die Kritik sofort annahm, sich mit dem DJ zusammensetzte, der dann schon am Freitag sowohl die Fahrer als auch das Publikum zum Teil mit heißer Rockmusik besser erreichte. 

six day

Die Stimmung in der Halle erlebte am Samstag ihren Höhepunkt, dennoch ist es vielleicht  eine Überlegung wert, wieder einmal zur Unterhaltung einen Schlagerstar ins Velodrom zu holen. Gebühren für die GEMA sind dabei zwar ein Thema, aber zum einen sind Schlager gerade bei jungen Leuten, die es zum Radsport zu locken gilt, sehr beliebt und andererseits reicht auch ein Auftritt an zwei oder drei Tagen des Wochenendes. Eine Überlegung ist es allemal wert!

Zum sportlichen Ablauf des Rennens gibt es natürlich auch einiges festzustellen: die Jagden, die ja nach wie vor das Herzstück eines Sechstagerennens sind und auch bleiben müssen, waren nur in wenigen Ausnahmefällen für die Zuschauer interessant gestaltet. Zu wenig Rundengewinne machen das Rennen einfach unspektakulär, dazu keine Wertungspunkte  mehr am Ende einer jeden Jagd, da war doch einige Kritik angebracht. Auch hier reagierte Valts Miltovics mit seinem Team spontan, führte die alte Regelung wieder ein und prompt wurden die Jagden zumindest gegen Ende wieder spannender. Ein Kritikpunkt vielleicht auch die Punktvergabe für die einzelnen Wettbewerbe, in deren Folge es zu viele Bonusrunden gibt. Die jeweiligen Jagden punktemäßig mit einer Mannschaftsausscheidung oder einem Scratchrennen gleichzusetzen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Da es gerade in Kopenhagen – ebenfalls zur Six Day-Serie zählend – etwas anders läuft, d.h. weniger Punkte für die einzelnen Wettbewerbe und Wiedereinführung einer Sprintserie mit Vergabe von 5, 3, 2 und 1 Punkt, sei die Frage erlaubt, ob diese Variante in Zukunft auch in Berlin zur Anwendung kommt. 

Derny

Der Schlusstag am Dienstag konnte vom sportlichen Teil nur wenig überzeugen, da die Hauptakteure im Profirennen neben der 60-minütigen Finaljagd nur drei weitere Disziplinen bestritten. Eine Mannschaftsausscheidung, dazu noch unmittelbar nach dem Ausscheidungsfahren im Ladies Cup platziert, die Longest Lap und ein Dernyfinale der schwächeren Teams im Gesamtstand sind für ein sogenanntes großes Finale einfach zu wenig und hat vielleicht auch dazu geführt, dass zahlreiche Zuschauer die Halle schon vor der Schlussjagd verließen. Ein Novum, das man bisher nicht gekannt hat!

Dass die vielen Siegerehrungen im Laufe der sechs Tage sehr zügig im Innenraum stattfanden, war durchaus zu begrüßen. Für die Abschluss-Siegerehrung sollte man vielleicht doch wieder das bisherige Schema anwenden und diese auf der Bahn mit Podium stattfinden lassen. Die vielen Fotografen hätten dann auch wieder ein wesentliches besseres Motiv für ein tolles Siegerfoto.  

Glocke

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen und so wird sich die Geschäftsführung mit Sicherheit rechtzeitig Gedanken hinsichtlich der zukünftigen Gestaltung dieses immer noch spektakulären Events machen. Die 15%, die Valts Miltovics noch nach eigener Aussage fehlten, lassen noch Luft nach oben und sollten bis zum nächsten Jahr u.a. auch aufgrund der vielen Anregungen seitens der Medien annähernd zu schaffen sein. Ein Anfang ist gemacht, Verbesserungen gibt es immer und konstruktive Kritik hat noch niemandem geschadet. Die Geschäftsführung hat in eindrucksvoller Weise bewiesen, dass sie damit umgehen kann und vor allen Dingen sofort reagiert. Das war ein absolut positives Zeichen, das die Medien doch einigermaßen beeindruckt hat. Positiv auch, dass der Geschäftsführer Valts Miltovics eindeutig zu verstehen gab, an dem reichhaltigen Nachwuchsprogramm des Berliner Radsport Verbandes festzuhalten und damit die Zukunft der Six Day Berlin zu sichern.

Text: Bernd Mülle             

Fotos: Arne Mill

> zur turus-Fotostrecke: Six Day Berlin 2017

Inhalt der Neuigkeit:
  • Ausblick
  • Rennbericht
Radrennen-Art:
Six Days
Name des Radrennens
Berliner Sechstagerennen
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