Emotionsloses Spitzenspiel im wohl spannendsten Stadtviertel von Szczecin

Autor: Michael     veröffentlicht am 21 März 2018    
 
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Fans von Elana Toruń
Foto: Michael

Elana Toruń und Swit Skolwin gehörten zu den ersten Vereinen, die mir in Polen über den Weg liefen. Für mich war damals die Gästeblockbesatzung aus Toruń mit ihren Tüchern vor dem Gesicht und den bandagierten Fäusten noch recht ungewohnt. Ebenso faszinierend ist das Viertel, aus dem świt Szczecin-Skolwin stammt. Graue Hinterhöfe, bunte Graffiti und alte Häuser. Letztere verschwinden langsam, der abstoßende Charme der Gegend verfliegt allmählich. Zwei Jahre ist es mittlerweile schon wieder her, dass ich im kleinen Eckladen von einer Gestalt, der man weder am Tag noch in der Nacht begegnen möchte, angesprochen wurde mit: „Du bist nicht von hier!“ Das Eis war schnell dann dennoch schnell gebrochen. Drei Besuche gab es schon. Heut der vierte. 

Pogon

Swit Skolwin spielt wie Elana schon die dritte Saison in dieser Liga. Bei Elana überrascht es nicht. Sie kennen sich aus in höheren Sphären. Stadtteilverein świt Skolwin war eher in der Verbandsliga zu Hause. Schlagzeilen machten sie mal, als sie einem unbeliebten Gegner 15 zł abknöpften, während die eigenen Leute nur ein paar Taler hinpacken mussten. Heute warb man mit freiem Eintritt. Neureiche? Eher nicht. Mit dem Hafen, der Paperfabrik, ein paar Scheinen von der Stadt und einer Speditionsfirma soll es mindestens noch eine Liga höher hinausgehen, glaubt man Spieler-Interviews und Werbe-Flyern. Dazu musste erst der heutige Gegner besiegt werden. Toruń kam als Tabellenführer nach Skolwin, das nur einen Punkt weniger hatte – somit ein echtes Spitzenspiel. 

Aber im Netz wurde nicht mobilisiert. Selbst bei Elana wurde die Fahrt als lästige Pflicht angesehen. Viele Fans passen sowieso nicht in den Gästekäfig. Wer will, kann die Sitze mal zählen. Vor dem Spiel war im Stadtteil alles ruhig. Nur direkt am Stadion patrouillierte viel Polizei. Den Stempel Risikospiel gab es, da hier Koszalin mal angegriffen wurde und im Allgemeinen mit Gästen gerechnet wurde.

Polizei

Zirka 25 Minuten vor Anstoß gab es sogar auf dem Stadionparkplatz noch freie Stellen. Hier trifft sich das Viertel. Es ist ein spezielles Publikum. Ein Typ sprang mit Sturmhaube herum. Ein Böller detonierte auch. Ein Blick auf die Karte deutete daraufhin, dass es hier nicht mal verboten sei. Das Kleingedruckte habe ich noch nicht durch. Es erinnert an Pogoń-Spiele von vor zehn Jahren.

Der Eintritt war zwar frei, dafür wollte die Polizei Daten haben. Zwei Beamte schrieben in kleine Büchlein alle möglichen Informationen. Danach musste nur noch das Gesicht abgefilmt werden. War das erledigt, hatte man nur noch eine intensive Leibeskontrolle vor sich. Sogar Ältere wurden nicht verschont. Das soll hier bei normalen Spielen auch durchgezogen werden. Zu guter Letzt stehen noch bewaffnete, gepanzerte und maskierte Polizisten hinter dir. Abstoßender geht es kaum. świt ist nun dritte Kraft im Land. Sogar die Frage nach einem neuen Stadion kam auf. Grünes Licht der Stadt soll wohl schon versprochen worden sein. Das aktuelle erinnert eher an einen der vielen Hauptstadtplätze (Berlin). Drei Stufen und das war es schon. Dixi-Klos stehen zur Verfügung. Selbst für die dritte Liga reicht das Stadion, wenn nach der 5%-Regel sowieso nur 70 Leute aus dem Gästeblock zuschauen dürfen. Mehr als Stammpublikum kommt hier eh nicht. Elana gab übrigens 79 Personen an, zwei davon kamen aus Chorzów, einer aus Kalisz. Insgesamt wurden um die 600 Tickets ausgegeben.

Polen

Im Heim-Fanblock stand eine sehr überschaubare Gruppe hinter zwei Fahnen („Stolz des Viertels“, „Nord-Fanatiker“). Unter der starken „Obhut“ trauten sich die ca. 15 Skolwin-Fans nur Kassenrollen zu werfen. Aufgrund des weiten Abstands zum Feld landeten sie nicht einmal auf jenem. Zaghaft gab es ein paar Anfeuerungsrufe. Elana riss sich ebenfalls kein Bein aus. So kamen die Gesänge kaum an. Der Spielverlauf war sowieso nicht gut für die Stimmung, die im Allgemeinen überhaupt nicht aufkam. Viel war nicht von einem Spitzenspiel zu spüren. Die Schnelligkeit war drin, aber die Verbissenheit fehlte. Nach vier Minuten gab es Elfmeter für Skolwin. Elana glich eine halbe Stunde später aus. Die Halbzeitpause nutzten viele Zuschauer, um zu verschwinden. Das Traumtor in der zweiten Hälfte zum Sieg der Skolwiner kann man sich eh im Netz noch einmal anschauen.

Torun

Was der Veranstaltung gefehlt hat, wären warme Getränke und Speisen. Beschallung – mit der Skolwin-Hymne – ist der einzige Komfort. Schwer vorstellbar, dass świt Skolwin in der nächsten Saison dritte Liga spielt. Von der Mannschaft her schon. Was zu schwach ist für Pogoń landet hier, außerdem kann man sich erfahrene Spieler aus dem erweiterten Umland leisten. Ein interessantes Projekt.

Fotos: Michael

Spielergebnis:
2:1
Zuschauerzahl:
600
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