Das 1992er Drama vom Bökelberg: Als Leverkusen keinen einzigen Elfer verwandelte

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 20 Dezember 2017    
 
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turus Fotostrecke
Eintrittskarte von 1992
Foto: turus.net

Großes Gelächter in der Umkleide. „Ey Marco, willst du heute noch tapezieren gehen?“ Ich holte gerade meine in den Spind deponierte Fahne heraus. Ein zugeschnittener Besenstil, auf den ich die kleine Fahne von Bayer 04 Leverkusen gespannt hatte. Was für ein massiver Knüppel! Mit dem hätte ich problemlos Schädel spalten können. Damals hatte es am Stadioneinlass meist niemanden gejuckt, ob ein Fahnenstab massiv war oder nicht. Geschaut wurde vor allem auf die Länge, die Dicke war nicht relevant. Wir schrieben den 07. April 1992. An der Tagesordnung stand das DFB-Pokalspiel Borussia Mönchengladbach vs. TSV Bayer 04 Leverkusen. Halbfinale! Berlin rief! Bayer 04 erhielt für dieses mit Spannung erwartete Abendspiel 4.500 Tickets. Die ersten 3.000 gingen recht gut weg. Am Ende wurden einige Karten, die mit 17 DM für einen Stehplatz auf der Südseite (Block 32) für damalige Verhältnisse wahrlich teuer waren, gratis verteilt. Lücken sollte es an diesem Tag im Gästebereich nicht geben. Alle nach Gladbach!

Gladbach

Anfang der 1990er Jahre fuhren im Ligaalltag stets relativ wenige Leverkusener Schlachtenbummler mit auf den Bökelberg. Die Fahrt war nicht allzu sehr beliebt. Die Fahrt im Sonderzug zog sich wie Kaugummi (es wurde stets die Route über Köln gewählt), bei nasskalter Witterung und wehender Brise konnte das Stadionerlebnis schon mal richtig Hardcore werden, und auch die Polizei hatte ihnen Anteil dran, dass eine Auswärtstour nach Gladbach für unangenehme Erinnerungen sorgte. Es wurde schon mal grundlos der Knüppel geschwungen. Wie auch in Bochum (Stichwort „Goldener Schlagstock“) waren die dortigen polizeilichen Einsatzkräfte besonders prügelwütig. Haben es heute schon die Fußballfans schwer, so muss bedacht werden, dass damals vor 25 Jahren die Fußballfans quasi überhaupt keine Lobby hatten.

Gladbach

Was Bochum betrifft, so waren die Auswärtstouren trotz des „Goldenen Schlagstocks“ überaus beliebt. So wurde die Werkself an einem Freitagabend zu Beginn der 90er von immerhin 1.500 Fans begleitet. Für damalige Verhältnisse eine gute Hausnummer. Nach Gladbach kamen indes nur zwischen 500 und 800 Fans mit. Im Gästeblock des Bökelbergs zu stehen war kurios. Stand man inmitten der Auswärtsfans auf den extrem steilen Stufen, so dachte man, Rock´n Roll war angesagt. Ging man zwischendurch mal aufs Klo und entfernte sich von der kleinen Meute, so fühlte man sich an einem nieseligen Novemberabend schlagartig allein. Der Wind fegte durch das Stadion, die hochgehaltenen Fahnen flatterten auf der Nordkurve und der Gegengerade. Das imposante „VfL! VfL!“ wurde herübergetragen. Kamen die Gladbacher Mannschaft in Schwung und das Publikum in Wallung, dachte ich nur: Hier kannst du heute keine Punkte holen!

Gladbach

Und doch, Bayer 04 Leverkusen hatte damals auf dem Bökelberg regelmäßig gepunktet. Kurioserweise gab es meist eine Punkteteilung. Zwischen 1990 und 1997 gab es auf dem Bökelberg neun Unentschieden in Folge! Das Erste, bei dem ich dabei war, war jenes am 29. November 1991. Da es ein Abendspiel im Herbst war, brannte sich dieses wohl ganz besonders fest ein. Zumal es mein erstes Fußballspiel in jenem aus heutiger Sicht grandiosen Stadion war. Zweimal hatte Andi Thom die Werkself in Führung bringen können, Michael Klinkert und Thomas Kastenmeier konnten jeweils ausgleichen. Was noch hängen blieb? Ich musste Lehrgeld zahlen! Mein rot-weißer Schal wurde kurzerhand gezogen. Kein Wunder! Ich war selber schuld und hatte den Schal locker wie eine Stola eines Priester über die Schultern gelegt. Zack, griff einer aus der Menge zu. Es war das erste und letzte Mal, dass mir was bei einem Fußballspiel abhanden kam.

Bökelberg

Nach dem November-Spiel war ich nun vorbereitet, was eine Sause nach Gladbach betraf. In meinen ersten Monaten im Rheinland (Ausbildung von 1991 bis 1994) hatte ich schnell gemerkt, wie man sich auswärts zu verhalten hat und wie der Hase läuft. Ich schnappte mir damals die Fahne aus dem Spind und lief mit meinen Kumpels zum Bahnhof Leverkusen-Mitte. Die Aufregung wurde größer und größer. Ein Sieg und Leverkusen würde in meiner Heimatstadt im Pokalfinale auflaufen! All meine Berliner Freunde wollte ich in diesem Fall mit Tickets versorgen und ins Olympiastadion schleifen. Der Sonderzug juckelte gen Köln und dann gen Mönchengladbach, und es schien, als würde er mehr an diversen Haltesignalen stehen als zu rollen.

Bökelberg

Als das Ziel endlich erreicht wurde, ging es als Mob mit einem lauten „Hurra, hurra, der Bayer, der ist da!“ hinauf zum Stadion. Die Stimmung war eine Wucht. An jenem Abend verstärkte sich noch einmal das Gefühl: Wie sollen die Gäste in diesem engen Stadion mit diesem frenetischen Heimpublikum bestehen können? Die VfL-Fans würden die eigene Mannschaft quasi zum Tor tragen. Aber Leverkusen ließ sich nicht groß beeindrucken. Nach torloser erster Hälfte brachte Ulf Kirsten die Werkself in der 51. Minute mit 1:0 in Führung. Die Freude währte bei den Gästen jedoch nicht lange, nach einer Stunde machte Thomas Kastenmeier den Ausgleich klar. Es blieb beim Remis nach 90 Minuten. Wieder einmal. Doch heute musste eine Entscheidung her. In der 95. Minute war es Hans-Jörg Criens, der das 2:1 für den VfL erzielte. Die Schwarz-weiß-grünen Massen tobten vor Freude. Das war es dann wohl! Denkste! In der 119. Minute machte Andreas Thom das 2:2 für Bayer 04 Leverkusen. Hammer! Nun gab es kollektive Ekstase auf der Gästetribüne. Dass es beim Jubel auf den steilen Stufen keine Schwerverletzten gab, grenzte an ein Wunder.

Das Elfmeterschießen musste her. Die Werkself schien im Vorteil. Gladbach war geschockt, wähnte es sich doch bereits im Finale. Gespenstische Ruhe im Stadion. Die Ruhe vor dem Sturm. „Immer wieder faszinierend die Entscheidung durch Elfmeterschießen…“, erklärte der Kommentator bei der Liveübertragung im ZDF. Bayer-Torwart Rüdiger Vollborn lief ins Gehäuse und machte sich bereit. Das UEFA-Pokalendspiel gegen Espanyol Barcelona wurde im Fernsehen noch einmal gedanklich herangezogen. Martin Max trat an den Punkt, auf dem Zaun der Nordkurve saßen die VfL-Fans. Max lief an und verwandelte souverän den Elfer. Oben links schlug der Ball ein. Viel besser ging es nicht. „Uwe! Uwe“, riefen nun die Gladbacher Fans. Es kam die große Stunde für VfL-Keeper Uwe Kamps!

Jorginho trat an und schoss viel zu unplatziert. Kamps ahnte die Seite und hielt locker. Ich verstand die Welt nicht mehr, wie konnte ein brasilianischer Weltstar es nicht schaffen, einen Elfer sicher zu verwandeln? Aber nun! Horst Steffen entschied sich für die gleiche Seite, und auch Vollborn konnte den Schuss abwehren. Leverkusen war wieder im Rennen! Was für Spannung! Nun war Heiko Herrlich an der Reihe. Auch er wählte die rechte Seite, der Ball wurde halbhoch geschossen, Kamps konnte auch diesen Ball halten. Es war zum Mäusemelken! Kamps ballte die Fäuste, ich bekam auf der Südseite fast nen Herzkasper. Der Schuss war gar nicht mal übel, Kamps hob beim Sprung einfach exzellent den einen Arm. Nun war wieder der Gastgeber an der Reihe. Jörg Neun trat an, Vollborn sprang zur falschen Seite, doch der Ball trudelte rechts am Gehäuse vorbei. Alter Schwede! Das wurde ja immer besser! Nun aber! Ioan Lupescu musste es nun richten, aber auch „Lupo“ konnte den Ball nicht unterbringen. Den zentral geschossenen Ball konnte Kamps auch mit der Faust abwehren.

Auf Gladbacher Seite trat nun Holger Fach zum Punkt. Ball zurechtgelegt, äußerst platziert wurde der Ball links unten untergebracht. Da nutzte es nichts, dass Vollborn die Ecke geahnt hatte. Letzte Chance, um im Rennen zu bleiben: Martin Kree musste nun treffen. Alles oder nichts. Der mit dem „Härtesten“ der Liga würde ja wohl die Kugel in die Maschen ballern! Oder nicht? Neee, das war nix! Nicht berauschend geschossen, ohne Mühe konnte Uwe Kamps auch diesen Elfer halten. Der Bökelberg glich nun einem Tollhaus. Totale Ekstase auf Heimseite, pures Entsetzen auf Gästeseite. Die sich wieder zäh hinziehende Rückfahrt nach Leverkusen war eine Qual. Gesprochen wurde kaum. Die meisten starrten still in die Finsternis und gingen ihren Gedanken nach…

Bökelberg

Fotos: Schädel Lev, Claude Rapp, K.H.

 

Spielergebnis:
4:2
Zuschauerzahl:
34.000
Gästefans
4500
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