Hansa Rostock gegen Sportfreunde Lotte: Eine Niederlage, aber kein Beinbruch

Autor: Anika     veröffentlicht am 17 Dezember 2017    
 
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turus Fotostrecke
Eine Dankeschön an die Mannschaft
Foto: Arvid Langschwager

“Marmor, Stein und Eisen bricht, aber uns’re Liebe nicht. Alles, alles, geht vorbei, doch wir sind uns treu.” Hansa hat gerade sein letztes Heimspiel 2017 mit 0:3 gegen die Sportfreunde Lotte verloren, was für die 11.500 Zuschauer im Ostseestadion aber kein Grund ist, ihre Mannschaft auszupfeifen. Denn die Art und Weise, wie sie heute aufgetreten ist und sich in den letzten Wochen entwickelt hat, ist viel wichtiger als der verpasste Sprung auf den Relegationsplatz.

Aber von Anfang an. Kontrastprogramm im Ostseestadion beim Betreten des Blocks. Auf dem Rasen steht der Weihnachtsmann und lässt “Stille Nacht, heilige Nacht” singen und an der Treppe wuseln einige Sturmhauben in Vorbereitung auf ihren Auftritt herum. Zum Jahresabschluss wird es heute also nochmal ein bisschen brennen - warum auch nicht? Es ist ja schließlich fast Weihnachten. Advent, Advent und so.

Hansa

Nach dem “Hansa forever” schwingen die anderen Tribünen bereits die Schals zum gewöhnlich folgenden “Forza FCH”, erhalten aber noch keine akustische Unterstützung von der Süd, denn die zählt runter. “Zehn, neun, acht … drei, zwei, eins” Dann geht es los. Die zahlreichen Fahnen und Doppelhalter, die in allen Blöcken hinter dem Tor verteilt worden sind, gehen in die Höhe, ein paar Schnipsel und Kassenrollen fliegen, die Schals rotieren und es beginnt zu rauchen, zu blinken, zu leuchten. Es ist bunt, es ist neblig, manch einer hustet mehr als dass er singt. “FORZA FCH!”

Von außen betrachtet gibt das Ganze ein buntes, stimmungsvolles Bild ab. Blauer, roter, grüner, grauer Rauch nebelt die gesamte Süd ein, einige Bengalos und Blinker setzen Akzente, alle scheinen kollektiv durchzudrehen. Davor hängt ein riesiges Banner von Block 23 bis 26. In weißer Schrift auf blauem Untergrund steht dort “ULTRAS”, in der Mitte zwischen T und R die Kogge und der Krieger der Suptras. Dass erstere letzteren um wenige Zentimeter überdeckt, ist ein richtiges Zeichen. Ob diese Aktion allerdings unbedingt an dem Wochenende, nachdem der DFB mal wieder eine satte Geldstrafe verhängt hat, über die Bühne gebracht werden muss, soll jeder selbst entscheiden./p>

Ultras

Die ersten Spielminuten verstreichen, ohne dass man von der Süd aus auch nur einen einzigen Spielzug gesehen hat, zu viele Fahnen, Rauch und Schals verdecken die Sicht. Der Schiedsrichter zeigt sich gänzlich unbeeindruckt von der Choreo und pfeift das Spiel ohne Verzögerung an. Es soll heute eine der wenigen nachvollziehbaren Entscheidungen seinerseits bleiben.

Nach einigen Minuten ist der Rauch verflogen und der Blick auf die erste Ecke des Spiel frei. Kevin Pires-Rodrigues bringt den Ball von der fast leeren Gästekurve aus hinter die gegenüberliegende Ecke des Strafraums, Maximilian Oesterhelweg nimmt den Ball volley ab und zimmert ihn ins Hansator. 0:1. Dass Bryan Henning beim Abwehrversuch von Matthias Rahn geblockt wird, scheint außer allen Anwesenden mit der Kogge auf der Brust und im Herzen niemandem aufzufallen. Egal, Mund abputzen, weiter geht’s. Dass das Spiel keineswegs vorbei ist, wissen auch die Lotter.

Eine Minute später klingelt es nämlich direkt auf der anderen Seite. Freistoß von links durch Marcel Hilßner, Oliver Hüsing hält ausnahmsweise mal den Fuß statt des Kopfes hin, Ausgleich, alles auf Anfang. Denkste. Der Schiedsrichterassistent hat die Fahne gehoben und zeigt eine Abseitsstellung an. Leider eine klare Fehlentscheidung, wie sich später herausstellen soll. Oliver Hüsing steht im Moment der Ballabgabe maximal auf gleicher Höhe mit Matthias Rahn. Wie der Assistent, der von seinem Standpunkt aus eigentlich nur Rahn sehen kann, hier auf abseits entscheiden kann, bleibt wohl sein Geheimnis.

Hansa

Sehr ärgerlich, das Ganze, aber abträglich für die Stimmung auf keinen Fall. Das Stadion kocht, die Gemüter sind nach zwei derart folgenreichen Fehlentscheidungen erhitzt. Jetzt erst Recht! “Wir woll’n Hansa, wir woll’n Hansa, wir woll’n Hansa siegen sehen!” Alle 11.500 sind da.

Hansa liefert in der Folge ein gutes Spiel ab, jeder Spieler ist bemüht und reißt sich den Allerwertesten auf, Lotte findet in der ersten Halbzeit eigentlich gar nicht mehr statt. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Ausgleich fällt. Marcel Hilßner und Soufian Benyamina verfehlen das Tor nach einer halben Stunde nur knapp. Dann ertönt plötzlich mitten im “F! C! H! Wir sind immer da!” ein Pfiff. Wie jetzt? Schon Pause? So schnell ist eine Halbzeit lange nicht mehr vorbei gewesen.

Die zweite Halbzeit beginnt dann erstmal so wie die erste endete. Hansa rennt, macht Druck, schießt, aber der Ball will einfach nicht ins Tor. Stattdessen spielt Lotte wieder etwas mehr mit und kommt das eine oder andere Mal in den Rostocker Strafraum. Es ist ein intensives Spiel, das wohl auch einem unbeteiligten Dritten Spaß machen würde.

FCKH

Nach 65 Minuten kontert Lotte über die rechte Seite, wobei sowohl Julian Riedel als auch Fabian Holthaus nicht mit letzter Konsequenz klären und Oliver Hüsing und Kai Eisele auch nichts mehr machen können. 0:2. Mist. Durch die Hansa-Brille gesehen hätte man meinen können, dass dem Konter ein Foul an Benyamina vorausging, sodass dieser hätte abgepfiffen werden müssen. Eben erwähnter unbeteiligter Dritter hätte vielleicht entgegengehalten, dass Benyamina auch nicht unbedingt von der Sorte Spieler ist, die nicht unnötig häufig fallen. Wie auch immer, Lotte führt mit zwei Toren.

Es gibt Vereine, bei denen das Publikum nun zu pfeifen beginnt und über jeden Ballverlust meckert. Und es gibt Hansa, hier steht nach Aufforderung durch die Süd das ganze Stadion auf und unterstützt die Jungs auf dem Platz. Zu einer Mannschaft gehören nicht nur die elf auf dem Rasen, sondern jeder, der dazugehören will. Zwei Tore Rückstand? Und wenn schon. Wir sind Hansa Rostock.

Die Atmosphäre bleibt also angespannt und beruhigt sich auch nicht so schnell wieder. Dazu tragen einerseits die Lotter Spieler bei, die sich bei jedem Pfiff für Hansa um den Schiedsrichter versammeln und wie die großen Petzen im Kindergarten alles besser wissen. Andererseits trifft der Schiedsrichter selbst in dieser Phase des Spiels viele Entscheidungen, die der Großteil der Anwesenden nicht wirklich nachvollziehen kann. Nun ja, wenigstens muss sich Patrick Schult nicht vorwerfen lassen, hansalastig gepfiffen zu haben.

Nach knapp 70 Minuten stellt der Trainer auf eine Dreierkette in der Abwehr um, indem er Tim Väyrynen für Julian Riedel bringt und Amaury Bischoff etwas zurückzieht. Das Zeichen ist klar: Volle Offensive, Hansa gibt sich noch nicht geschlagen und will den Ausgleich.

Leider fehlt heute das letzte Bisschen Durchsetzungskraft. Vielleicht sind auch der Druck und der Eigensinn in einigen Situationen zu groß. Irgendwas fehlt heute, der Wille ist es aber sicher nicht. Die Gäste aus Lotte machen nun verständlicherweise dicht und lassen sich in jeder sich bietenden Gelegenheit viel, viel Zeit. Macht das die eigene Mannschaft, feiert man sie insgeheim dafür, beim Gegner hat man deutlich weniger Verständnis für dieses Verhalten. Aufregen kann man sich trotzdem ganz wunderbar darüber.

Zehn Minuten vor Schluss muss Willi Evseev, der erst nach der Halbzeitpause eingewechselt wurde, den Platz unter Schmerzen verlassen. Nachdem er sich bereits im Hinspiel verletzt hat, bleibt zu hoffen, dass er nach der Winterpause wieder angreifen kann. Weil Hansa zu diesem Zeitpunkt bereits dreimal gewechselt hat, muss die Kogge zu zehnt weitermachen. Die Luft ist jetzt raus, in den letzten zehn Minuten im Jahr 2017 wird kein Feuerwerk mehr abgebrannt. Hansa wird das Spiel verlieren und das weiß auch das Publikum. Unmut mag deswegen aber trotzdem nicht aufkommen, zu groß ist die Zufriedenheit mit der Ausbeute aus den letzten drei Monaten und dem Auftreten der Mannschaft im Saisonverlauf und heute.

So nutzt man die Zeit bis zum Abpfiff mit einem eigenen Lied in einer Melodie, zu der Ende der Siebziger Jahre ein alter Mann ein hübsches Mädchen im Wagen vor ihm besang, und grüßt damit sowohl an den Hamburger Schiedsrichter als auch andere alte Bekannte aus der Hansestadt. Danach wird es zur Melodie von “Jingle Bells” weihnachtlich in Rostock, bevor das Spiel mit dem dritten Gegentor des Tages endet.

FCH

Die Mannschaft wird nach Abpfiff mit den Worten “Endlich wieder eine Mannschaft - Danke Jungs!” an der Süd empfangen und für ihren Geschmack vielleicht ein bisschen zu viel gefeiert. Dass die Spieler nach einer 0:3-Niederlagen keine Lust haben, eine Welle zu machen, ist verständlich - hatte ich auch nicht. Die Fanszene wünscht zum Schluss mit ein paar Blinkern und etwas übrig gebliebenen Rauch “allen Hansafans frohe Weihnachten” und stimmt “Marmor, Stein und Eisen bricht” an, das erst nach ein paar Strophen verhallt.

Im Ostseestadion überwiegen heute ganz klar die Aufbruchsstimmung und die Vorfreude auf die Rückrunde, die sich bei vielen in den letzten Jahren doch arg in Grenzen hielt. Hansa hat wieder eine Mannschaft auf dem Platz und eine Spielidee. Das ist die wichtigste Erkenntnis der letzten Wochen. Außerdem ist es nicht wichtig, auf welchem Platz man überwintert, sondern wo man in die Sommerpause geht.

Bericht: Anika (Zug nach irgendwo)

Fotos: Anika, Arvid Langschwager, Rainer M.

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock 

Spielergebnis:
0:3
Zuschauerzahl:
11.500
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