1. FC Frankfurt vs. Victoria Seelow: Sportlicher Einbruch im „Stadion der Melancholie“

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 26 August 2017    
 
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Fans des 1. FC Frankfurt / FC Vorwärts Frankfurt
 

„Mein erstes Spiel beim FC Vorwärts war das am zweiten Spieltag der Saison 1981/82. Ich kann mich gut dran erinnern. Ich wurde gerade eingeschult, und wir spielten zu Hause gegen den 1. FC Magdeburg. Es war ein 2:2. Seitdem ging ich mit meinem Vater jedes Spiel ins Stadion. Er hatte eine Dauerkarte, und ich hatte dann auch eine. Wir hatten dann natürlich auch die drei Europapokalspiele gesehen, die Mitte der 80er gegen Bremen, Nottingham und Eindhoven…“, erklärte mir ein guter Freund beim frisch Gezapften im Vereinsheim des Stadions der Freundschaft in Frankfurt (Oder). Das weitläufige Stadion hat wahrlich schon einiges erlebt. Nachdem Vorwärts Berlin im Jahr 1971 nach Frankfurt (Oder) versetzt wurde, gab es dort bis zum Fall des Eisernen Vorhangs meist DDR-Oberliga-Fußball und auch einige Male EC-Auftritte zu sehen. 1974 wurde sogar Juventus Turin daheim mit 2:1 geschlagen, mein Gesprächspartner war damals gerade mal zwei Monate alt. Auswärts musste sich Vorwärts Frankfurt allerdings mit 0:3 geschlagen geben. Besser lief es im Jahr 1980 gegen den nordirischen Vertreter Ballymena United. Nach 1:2-Schlappe im Hinspiel wurden die Nordiren mit 3:0 weggeputzt. Im Spielergang ist ein schwarz-weiß-Foto von jener großartigen Partie zu sehen. In der Runde darauf war jedoch der VfB Stuttgart eine Nummer zu groß für die Oderstädter. Dramatisch zu ging es in der Folgesaison, als der gute Freund bereits dabei war. Zwar bekam er daheim nur ein 1:3 zu sehen, doch am heimischen Bildschirm konnte er damals als kleiner Junge bestaunen, wie auswärts an der Weser die Frankfurter fast die Sensation schafften. Mit 2:0 lehrten sie dem SV Werder Bremen das Fürchten. Knapp zu ging es auch gegen Eindhoven. Am 19. September 1984 wurden vor vollen Rängen die Holländer mit 2:0 geschlagen. Lutz Hendel und Rainer Pietsch brachten das Publikum in freudige Wallung. Zwei Wochen später hieß es allerdings in Eindhoven 0:3 aus Sicht des FC Vorwärts.

Frankfurt

Große Schlachten. Spiele, an die sich ältere Frankfurter gern erinnern. Damals, als mein Gesprächspartner das erste Mal im Stadion der Freundschaft war, wurde vor 18.000 Zuschauern dem 1. FC Magdeburg ein Pünktchen abgerungen. Nach 2:0-Führung durch Frieder Andrich und Lothar Enzmann hieß es am Ende 2:2. Vor dem Anpfiff gefeiert wurde das 10-jährige Jubiläum des Umzugs des FC Vorwärts von Ost-Berlin nach Frankfurt (Oder). Sogar ein Fallschirmspringer landete vor Spielbeginn im Mittelkreis. 20 Jahre später wurde nach dem Mauerfall aus dem FC Vorwärts Frankfurt der FC Victoria ´91 Frankfurt. Für ein Jahr wurden noch die Farben Rot und Gelb im Vereinsemblem behalten, ab Ende August 1992 waren auch diese Geschichte. Der Verein hieß nun Frankfurter FC Viktoria 91 und hatte die Farben Grün, Weiß und Rot. 

Frankfurt

Die großen Zeiten waren vorbei. Während ein Stück südlicher Mitte/Ende der 90er Jahre in Cottbus der überraschende Durchmarsch gestartet wurde und somit viele einstige Vorwärts-Fans dort im ebenfalls genannten Stadion der Freundschaft einen neuen Liebling fanden, wurde in Frankfurt an der Oder nur noch in der NOFV-Oberliga Nord und der Brandenburg-Liga gekickt. Von 2000 bis 2015 (Ausnahme war die Saison 2003/04 in der NOFV-Oberliga) war der Frankfurter FC Viktoria 91 nur in der Verbandsliga / Brandenburg-Liga beheimatet. Was für Wehmut, was für Lethargie. Manchmal wurde auf dem Nebenplatz gespielt, manchmal aber auch im großen Stadion. Spazierte man über die Ränge, konnte man sich gut vorstellen, wie es wohl einst in den 80ern gewesen sein muss. Einiges erinnert noch an die alten Zeiten. Manche Geländer, manche Bänke, manche Schilder - und natürlich die alten, osteuropäisch anmutenden Flutlichtmasten (längst ohne Beleuchtung) lassen die Phantasie spielen und im Geiste Sequenzen abspielen. 

FF

Ja, ich habe mich in dieses Stadion verliebt. Ich hatte die DDR-Oberliga-Zeit in Frankfurt (Oder) nicht erlebt. Mitte der 90er betrat ich mit einem anderen Frankfurter Kumpel dieses Stadion. Ich war schockiert. Ja, ich zeigte mich auch belustigt. Ich lästerte über diese alte hellblaue Haupttribüne. Nun - inzwischen sind auch wieder 20 Jahre ins Land gegangen - bewerte ich das Ganze völlig anders. Schön, dass sich die neue Haupttribüne samt Gebäudetrakt recht gut ins alte Ambiente einfügt. Ich könnte stundenlang Runden drehen und das Stadion aus sämtlichen Winkeln ablichten. Kein Wunder also, dass meine Wege in letzter Zeit häufiger gen Oder führten. 

FF

Nach den beiden zurückliegenden NOFV-Oberliga-Spielzeiten sah es jeweils nach einem klaren sportlichen Abstieg aus, doch Dank der Umstände (andere Vereine zogen sich zurück, von oben erfolgte keine Abstiegs-Kettenreaktion, etc.) darf der 1. FC Frankfurt, den es in der heutigen Form seit dem 01. Juli 2012 aufgrund der Fusion von Viktoria 91 und dem MSV Eintracht Frankfurt gibt, auch in der laufenden Spielzeit in der Nordstaffel der NOFV-Oberliga spielen. Gleiches Glück ereilte auch den FC Eisenhüttenstadt (einst FC Stahl Eisenhüttenstadt) in der Brandenburg-Liga. Mit der Oberliga hatte in Frankfurt (Oder) niemand mehr gerechnet. Kein Wunder also, dass bereits zahlreiche Spieler - unter anderen auch nach Seelow - abgewandert waren. Nun muss mit einer sehr jungen Mannschaft die laufende Oberliga-Saison gemeistert werden.

FF

Regionales Duell gegen den SV Victoria Seelow an einem Freitagabend?! Passt! Den größeren Sohn (der bereits das Stadion bei zwei Partien gegen den F.C. Hansa Rostock II ins Herz schloss) geschnappt und hinein in den Regionalepress nach Frankfurt. Ein Snack am Bahnhof, ein Bier / eine rote Limonade aus dem Fass im Vereinsheim. Es waren noch 75 Minuten bis zum Anpfiff, und an allen Ecken wurde fleißig gewerkelt. Es wurde mit einer beachtlichen Kulisse gerechnet - und der Verein wurde nicht enttäuscht. 780 zahlende Zuschauer - unter ihnen zahlreiche Gäste aus Seelow - hatten sich bei sehr angenehmer Witterung auf den Rängen niedergelassen. Die meisten von ihnen auf Seite der Haupttribüne, ein paar Fans mit Trommeln und zahlreichen Bannern aber auch auf der Mitte der Gegengerade. Der Verein ließ am Stadioneingang an die Kinder schwarz-rote Fahnen (die Vereinsfarben seit 2012) austeilen, am Zaun der Gegengerade gab es jedoch auch die historischen Farben der 70er und 80er zu sehen. „Carsten - Moritz“, der rot-gelbe Hahn auf weißem Stoff, ein rot-gelber Schal, ein gelbes „Vorwärts Frankfurt“ auf der schwarz-roten Zaunfahne. Insgesamt ergaben die Stoffe ein recht nettes Bild. Dass sich dort nicht mal eben hundert aktive Fans einfinden würden, war klar. Viele ältere Vorwärts- / Viktoria-Fans hatten dem Verein den Rücken zugekehrt, und es wird eben noch eine Weile dauern, bis sich etwas entwickeln kann. Das dauerhafte halbwegs erfolgreiche Spielen in der NOFV-Oberliga mal vorausgesetzt.

 Seelow

Beim gestrigen Heimspiel gegen Victoria Seelow sollten die Frankfurter Zuschauer nicht allzu viel erwarten, das war eigentlich jedem klar. Hauptsache eine große, faire Kulisse und ein ebenso faires Spiel ohne Hässlichkeiten. Fair blieb es in jedem Fall. Und in den ersten 20 Minuten konnten die Frankfurter auch mithalten. Nach früher Führung von Dawid Konrad Jankowski konnte der 1. FC Frankfurt nach einer Viertelstunde zum 1:1 ausgleichen. Paul Peschke war der gefeierte Torschütze. Da ging was, und ich drehte oben eine ausführliche Runde, um das Stadion noch einmal aus allen Blickwinkeln abzulichten. Ich vollendete gerade meine Runde und holte ein frisches 0,3er, als Tobias Fiebig den SV Victoria Seelow erneut in Führung bringen konnte. Ach komm, da geht noch was! Ich setzte mich wieder zu meinem Sohn und meinem Frankfurter Freund. Lang wurden die Gesichter, als es in der 38. und 39. Minute gleich zweimal klingelte. Marcel Georgi und Pierre Kruber machten das 3:1 und 4:1 für Seelow klar. 

 FF

In der Halbzeitpause durften drei Fans versuchen, ein ins Tor gehängte Trikot abzuschießen. Nach Wiederanpfiff schien es kurzzeitig, als würde Frankfurt noch mal was in die Waagschale werfen können. Doch die Gäste schlugen eiskalt zu und nutzten jeden fatalen Fehler der jungen Frankfurter Mannschaft eiskalt aus. Rick Drews und Pawel Zielinski machten in der 47. und 50. Minute endgültig den Sack zu. Mit 6:1 führte der Rivale aus Seelow. „Wir woll´n dieses Spiel noch gewinnen…“, sangen die wackeren Frankfurter Fans auf der Gegengerade. Mein siebenjähriges Söhnchen hatte die schwarz-rote Fahne längst abgelegt und widmete sich mit einem neu gefundenen Kumpel ganz anderen Dingen. „Nur nicht zweistellig…“, raunte neben mir jemand. Noch einen Seelower Treffer gab es in der 70. Minute zu sehen, Dawid Konrad Jankowski hatte noch einmal zugeschlagen. Dabei blieb es dann aber auch. Nach Abpfiff feierten die Seelower Spieler, die Männer im Frankfurter Trikot trotteten zu ihren Fans in Richtung Gegengerade. Muss man erst mal machen nach einer 1:7-Klatsche gegen einen Erzrivalen. Aber was soll´s! Mund abwischen. Und weiter geht´s! Wie es funktionieren kann, war schließlich am ersten Spieltag gegen den FC Mecklenburg Schwerin zu sehen, als vor 205 Zuschauern ein 2:1-Erfolg gefeiert werden durfte...

FF

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Frankfurt

Spielergebnis:
1:7
Zuschauerzahl:
780
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Danke!!

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Ist das alles lange her. Jahrzehnte. Und doch ist manches wie gestern. Schade daß seit 1991 kein Anschluss mehr gefunden wurde.

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