Polizei und Stacheldraht, 1965 Meter im Quadrat: Der F.C. Hansa Rostock siegt 1:0 in Erfurt! Hot

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 02 August 2017    
 
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Stacheldraht am Gästeblock ...
Foto: Uwe Busch

„1.000 Meter im Quadrat, Minenfelder und Stacheldraht. Nun wisst Ihr, wo ich wohne - ich wohne in der Zone!“ Der Klassiker aus dem Osten schlechthin. Gesungen in den 1980ern. Tausendfach von den Fußballfans. Dieses Lied existierte in leicht abgewandelten Variationen. Mal waren es Meter, mal waren es Meilen. Es stand ja nicht im Musikbuch der POS und wurde daher nur mündlich weitergegeben. In der zweiten Strophe hieß es dann meist: „… und einmal wird es anders sein, dann sperren wir die Bullen ein …“ Auch hierbei gibt es eine andere Fassung, die an dieser Stelle jedoch nicht hinpasst. Es soll schließlich um den Stacheldraht gehen, der bereits damals in den 80ern lautstark besungen wurde. Stacheldraht - dieser stand für den Eisernen Vorhang. Für die deutsch-deutsche Grenze. Zwar waren Betonmauer, Bodenminen, Selbstschussanlagen (SM 70), Streckmetallzäune, Lichtsperren und Panzersperren letztendlich die wesentlichen Elemente der Grenzanlagen in den 70er und 80er Jahren, doch mit den Stacheldraht-Rollen fing zu Beginn der 1950er Jahre alles an. Denkt man an Stacheldraht - so hat man nur negative Assoziationen. Ganz, ganz düstere Bilder aus der Zeit vor 1945. Dann die Bilder von der deutschen / europäischen Teilung. Und nehmen wir den NATO-Stacheldraht, dann drängen sich aktuelle Bilder auf. Abgeschirmte Kongresse, Straßensperren, die totale Abschottung.  Wer in diesem hässlichen Stacheldraht hängen bleibt, kann sich übelste Fleischwunden zuziehen. Beim Fußball kennen wir Stacheldraht eher aus südlichen Gefilden. In Lateinamerika werden Fanblöcke schon mal mit Stacheldraht verziert. Aus Polen und vom Balkan werden alle auch schon Bilder mit Stacheldraht an den Zäunen gesehen haben. Aber in Deutschland?!

Grenze

Man muss sich das mal vorstellen. Ein modernes Stadion wird gebaut. Mit allem Drum und Dran. So dass, der DFB und auch die DFL, falls der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelingt, nichts zu meckern haben. Was es nicht alles gibt in modernen Arenen, um Sicherheit zu gewähren. Extrem stabile Netze, die beliebig gespannt werden können. Hightech-Plexiglasscheiben, die niemand so schnell zerschlagen kann - und zwar so hoch, dass niemand sie zu erklimmen vermag. Ein gutes Beispiel sind die Trennwände im Stadion An der Alten Försterei, die den Gästeblock auf der Hintertortribüne abtrennen. In der Regel wird diese Wand nicht mal zugehängt. Warum auch? Man könnte gegen diese Scheibe schlagen wie man will. Sie schluckt den Schall, sie nimmt selbst kräftigste Hiebe locker auf. Und zudem ist sie viel zu hoch, um mal eben geentert zu werden. Davon ganz abgesehen, ist darüber eh ein brand- und reißfestes Netz gespannt. In Erfurt setzt man jedoch lieber auf ganz rudimentäre Elemente. Auf den angesprochen Stacheldraht der Extraklasse. Manch ein Fan des F.C. Hansa Rostock staunte nicht schlecht, als er den Gästeblock betrat. Auf dem einfachen Zaun, der den Sitzplatzbereich des Gästeblocks vom restlichen Zuschauerbereich abtrennt, wurde kurzerhand eine Rolle Stacheldraht befestigt. Und zwar genau jenen Stacheldraht, der im Fall der Fälle übelste Verletzungen verursacht. Ein einfaches rot-weißes Flatterband mit der Aufschrift „Polizeiabsperrung“ sollte das Ganze etwas abmildern und dem Ganzen einen offiziell genehmigten Anstrich geben. Hintergrund des Ganzen: Beim Heimspiel gegen den FSV Frankfurt hatten sich befreundete Anhänger des FC Carl Zeiss Jena sich eine Schlägerei mit Erfurtern geliefert.

Stacheldraht

Aber soll Stacheldraht die Lösung sein?! Ohne Worte! „Das sollte man dem DFB schicken und um eine Antwort bitten, wie die das finden!“, kommentierte jemand auf Facebook ein betreffendes Foto vom Stacheldraht. „Was ist, wenn mal Panik ausbricht? Nichts aus der Vergangenheit gelernt!“, meinte ein anderer FB-User. An anderer Stelle unter einem ähnlichen Foto meinte jemand: „Ist das Nato-Draht am Zaun? … Die haben das Motto ‚Krieg dem DFB!‘ wörtlich genommen!“ Klar kann man sagen, was juckt mich dieser Stacheldraht, wenn der Blick nach vorn zum Spielfeld geht?! Ich muss da ja nicht rüberklettern. Aber sorry, so einfach ist das eben nicht. In der „Zone“, um einfach mal lapidar den eingangs erwähnten Begriff aufzugreifen, wurde uns in der POS auch immer erklärt: Wer an der Republikgrenze zu Schaden kommt, ist selber schuld. Niemand muss schließlich diesen Bereich betreten. Also liebe Fußballfans: Wer an diesem Stadionzaun mit 1,8 im Turm rüberklettert und sich die Schlagadern aus den Schinken fleddert oder sich gar den Pimmel abreißt, der ist halt selber schuld. Oder wie muss man das verstehen? Von einer möglichen Massenpanik, bei der rein theoretisch im Brandfall oder einer Attacke nur diese Fluchtrichtung bliebe, ganz zu schweigen…

Um zum Sportlichen zu kommen, welches aus Sicht der Blau-Weiß-Roten äußerst erfreulich war, hier schon mal vorab ein Fazit unser Kollegin Mia, die in Erfurt mit im Gästeblock stand: „Eintritt 14 Euro. Begrenzung des Gästekäfigs: Bestimmt unnötig teuer. Kulisse: Traumhaft. Auf´n Dienstagabend mit starker kämpferischer Leistung in Erfurt gewinnen: Unbezahlbar!“ 

Hansa

Mit einem 2:0-Sieg bei den Sportfreunden in Lotte war der F.C. Hansa Rostock in die Saison gestartet. In der 19. Spielminute verwandelte Soufian Benamina einen fälligen Elfmeter, kurz vor Schluss sorgte Neuzugang Bryan Henning für die Entscheidung. Aus rund 50 Metern machte er einfach mal den Ball rein. Die Freude im wohl gefüllten Gästeblock kannte keine Grenzen. Beim folgenden Heimspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach fielen im Ostseestadion vor 12.500 Zuschauern zwar keine Tore, doch mit der Leistung der komplett neu zusammengestellten Hansa-Mannschaft waren die meisten Fans zufrieden. Es macht wieder Spaß, der Mannschaft zuzuschauen, war immer wieder zu hören. Mit verständlichem Optimismus ging es nun unter der Woche in die Blumenstadt. 

Erfurt

Der FC Rot-Weiß Erfurt kam beim Auftaktspiel im Steigerwaldstadion vor 5.063 Zuschauern nicht über ein 1:1 hinaus. In der Woche darauf wurde überraschend deutlich mit 0:3 beim 1. FC Magdeburg verloren. Am gestrigen Abend waren es insgesamt 7.269 Fußballfreunde, die den Weg auf die Ränge fanden, unter ihnen eine beeindruckende Reisegesellschaft (über 1.200) von der Ostseeküste. Und Trainer Pavel Dotchev hatte seine Spieler wieder gut aufgestellt. Nach einer Viertelstunde hatte Hansa die erste richtig fette Möglichkeit zur Führung. Zuerst versuchte sich Stefan Wannenwetsch aus der Distanz, den Schuss ließ Erfurt-Keeper Philipp Klewin nach vorn abprallen, Marcel Ziemer konnte den Ball aus zentraler Position allein vor Klewin jedoch nicht unterbringen. Starke Fußabwehr vom Erfurter Torwart!

Hansa

In der 27. Minute sollte es dann klingeln im Gehäuse des Gastgebers. Amaury Bischoff brachte aus der Tiefe einen Freistoß weit vor das Erfurter Tor, am zweiten Pfosten stand Oliver Hüsing bereit und köpfte genau zwischen die schmale Lücke zwischen Keeper Klewin und dem senkrechten Aluminium, aufgrund des Aufsetzers war der Ball sehr schwer zu halten. Jubel, Trubel, Heiterkeit beim F.C. Hansa. Bereits 2015 hatte Hüsing kurzzeitig in Rostock unter Vertrag gestanden. Nach seiner Zeit beim SV Werder Bremen und Ferencváros Budapest kehrte er nun im Sommer zurück an die Küste. Bei Ferencváros spielte er 2016/17 immerhin 26-mal in Liga und Pokal, dabei gelang dem Innenverteidiger jedoch kein Treffer. Umso erfreulicher für Rostock, dass es dort bereits im dritten Spiel klappte. 

Hansa

Nach dem 1:0-Treffer spielte Hansa clever und verteidigte die Führung erfolgreich. Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte der FC Rot-Weiß Erfurt Vorteile, mit zunehmender Spieldauer waren es dann die Rostocker, die auf die Entscheidung drängten. Mehrmals wurde sehenswert über die rechte Seite gespielt, doch ein zweiter Treffer wollte nicht gelingen. Da am Ende hinten die Null stand, war aus Sicht des F.C. Hansa alles in Butter. Zweiter Sieg im dritten Spiel. Noch ungeschlagen, bereits sieben Punkte auf dem Konto, noch kein Gegentreffer - Rang drei ist der Stand der Dinge! Nur der SV Wehen Wiesbaden und die SG Sonnenhof Großaspach stehen in der Tabelle besser da. Allerdings könnte heute Abend der SC Fortuna Köln mit einem Sieg gegen den VfL Osnabrück noch nach ganz oben klettern. Sei es drum, der Saisonstart ist in Rostock geglückt, manch einem werden Tonnenlasten abfallen. Es hatte lange gedauert, bis in der Sommerpause endlich die nötigen Transfers bekanntgegeben wurden. Nicht jeder war optimistisch, was den Kader betrifft. Das dürfte sich nun ein Stückweit geändert haben. Mal schauen, wie sich Hansa im kommenden Heimspiel gegen den Aufsteiger SV Meppen verkaufen wird! Danach folgt bereits am 14. August der Pokal-Kracher gegen Hertha BSC …

Hansa

Fotos: Uwe Busch, Arvid Langschwager, Mia, Marco Bertram (Grenzfoto), Bjn Kâ, Frankenhopping - Franken on Tour

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

> zur turus-Fotostrecke: FC Rot-Weiß Erfurt

Spielergebnis:
0:1
Zuschauerzahl:
7.269
Gästefans
1200
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Alter! Krasse Sache!!

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:-o

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Ok klar ist rostock, aber gibt es da nicht andere Möglichkeiten einen Gästeblock zu sichern? So unprofessionell mit Stacheldraht.

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