Verblasste Erinnerungen an Meppen und Mannheim: Und nur einer kehrt zurück ins Rampenlicht…

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 01 Juni 2017    
 
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Eintrittskarten aus den 1990ern
Foto: Marco Bertram

Ein lauer sommerlicher Freitagabend im Kölner Südstadion. Der SV Waldhof Mannheim zu Gast beim SC Fortuna Köln. Erster Spieltag der Zweitligasaison 1992/93 - und die Langeweile trieb mich zu diesem Kick, der immerhin rund 4.000 Zuschauer anzog. Nicht nur lau, sondern richtig brachial heiß war es ein Jahr später, als am 31. Juli 1993 der Aufsteiger Wuppertaler SV im Stadion am Zoo den SV Meppen empfing. Dieses Mal war es der zweite Spieltag der 2. Bundesliga. Exakt doppelt so viel - also 8.000 Zuschauer - hatten sich auf den damaligen maroden Rängen eingefunden. Zwei Spiele, zu denen ich allein fuhr. Die anderen waren bereits auf Heimaturlaub, ich harrte indes noch in der zwischenzeitlichen Wahlheimat Leverkusen aus und erforschte die Fußballlandschaft in NRW. Verschwommen und nur noch schemenhaft sind die Erinnerungen im Geiste geblieben. Leider. Nur Bruchstücke sind vorhanden. Beide Partien gingen damals 0:1 aus. Sowohl der SV Waldhof Mannheim, als auch der SV Meppen konnten in Köln und Wuppertal einen Auswärtssieg einfahren. Bei der Partie im Juli 1992 war es Tom Stohn, beim Spiel im Juli 1993 war es Robert Thoben, die den Treffer des Tages erzielen konnten. Der Gästeblock dürfte in beiden Fällen ähnlich gefüllt gewesen sein. 

Ich hatte in Anbetracht der zurückliegenden Aufstiegsrunde zwischen Waldhof Mannheim und dem SV Meppen lange überlegt, wann sich meine Wege mit diesen beiden Vereinen mal gekreuzt haben. Ein Blick in die alte Eintrittskartensammlung. Die Erinnerungen täuschten nicht. Der Auftritt der Emsländer im Wuppertaler Stadion am Zoo war zu jener Zeit die einzige gesehene Partie. Im Gespräch war Meppen allerdings häufig. Ein Blick auf die damalige Zweitligatabelle - und schon sprang einem dieses Meppen in die Augen. Wer hatte sich damals nicht lustig gemacht über die „Bauern / Deppen in Gummistiefeln“? Neben Fortuna Köln und Mainz 05 - noch einmal sorry, aber damals war das nun mal so - roch Meppen so richtig nach Provinzmief. Nach grauer Maus. Nach Monotonie in der 2. Bundesliga. Davon ganz abgesehen muffelte Anfang der 1990er die ganze zweite Liga trostlos vor sich hin. Remscheid, Homburg, Wolfsburg. Vom aufkommenden Boom der 2. Bundesliga ab Ende der 1990er Jahre war zu Beginn jenes Jahrzehnts herzlich wenig zu spüren. Kein Wunder, dass selbst bei Heimspielen von Hertha BSC in der Regel nur zwischen 4.000 und 7.000 Fußballfreunde im Berliner Olympiastadion hereinschneiten.

Emsland

Was den SV Waldhof Mannheim betrifft, so gehen die persönlichen Erinnerungen sogar zurück in die 1980er Jahre. Also nicht, dass ich live eine Partie gesehen hatte - das war als Ostkind auch kaum möglich -, doch der Name dieses Vereins hatte sich eingebrannt. Und zwar, als der Sprecher der Tagesschau am Samstagabend gegen 20:14 Uhr stets die Ergebnisse der 1. Bundesliga vorlas. Immerhin von 1983 bis 1990 waren die Mannheimer fester Bestandteil des Fußballoberhauses. Und so hieß es zum Beispiel am Abend des 21. Mai 1988: Hamburger Sportverein - Borussia Dortmund 4:3, FC Bayer 05 Uerdingen - FC Homburg 5:1, Karlsruher SC - Eintracht Frankfurt 1:1, TSV Bayer 04 Leverkusen - FC Bayern München 3:4, VfB Stuttgart - SV Waldhof Mannheim 1:1. Beim Biss in die Leberwurststulle fragte ich mich, ob „Leverkusen“ auch irgendwas mit „Leber“ zu tun hat. Und liegt Homburg gleich neben Hamburg? Und was ist eigentlich ein Waldhof? Was konnte ich mir als Ostberliner Bengel vorstellen? In der Folge schaute ich dann immer wieder, wie wohl dieser Waldhof gespielt hatte. Apropos, damals im Juni 1988 musste Waldhof Mannheim als Drittletzter in der Relegation ran. Gegen den SV Darmstadt 98 wurde auswärts mit 2:3 verloren und daheim mit 2:1 gewonnen. Die Auswärtstorregel kam nicht zum Tragen, ein Entscheidungsspiel in Saarbrücken musste her. Am 9. Juni 1988 hieß es 0:0 nach Verlängerung, das Elfmeterschießen konnte mit 5:4 gewonnen werden. Mannheim blieb vorerst erstklassig.

 Hertha

Mit dem Fall der Mauer ging es eine Etage tiefer. Und zu jenen Zweitligazeiten sah ich die Mannheimer nach dem Auftritt im Kölner Südstadion noch ein zweites Mal. Nach meiner Ausbildungszeit im Rheinland kehrte ich in meine Heimatstadt zurück und sah dort am 02. Mai 1997 das Zweitligaduell Hertha BSC vs. Waldhof Mannheim. Die alte Dame war auf Aufstiegskurs, über 20.000 Zuschauern hatten sich auf den maroden Rängen des Berliner Olympiastadions eingefunden. Mirko Reichel hatte mit zwei Treffern die Waldhof-Buben mit 2:0 in Front gebracht. Michael Preetz und Christian Fährmann konnten in der 28. und 61. Minute zum 2:2-Endstand ausgleichen. „Ha Ho He!“ Die Berliner waren bester Laune. Hinter dem 1. FC Kaiserslautern belegte Hertha BSC den zweiten Platz, der SV Waldhof war auf 14 zu finden. Nur am Rande: Mit dabei waren damals Rot-Weiss Essen, der VfB Lübeck und auch der FC Gütersloh! Und ja, auch der SV Meppen war in der 2. Bundesliga noch mit am Start! 

Wie der Zufall es wollte, am Ende jener Saison 1996/97 trennten sich die Wege von Meppen und Mannheim. Als Tabellenfünfzehnter musste der SV Waldhof Mannheim den Weg in die Regionalliga Süd antreten. Ein Jahr später traf es auch den SV Meppen - und das bretterhart. Als Tabellenletzter - mit 13 Punkten Rückstand zum rettenden Ufer - musste Meppen den bitteren Gang in den Amateurfußball antreten. Es war jene Spielzeit, in der es den Fußballosten ebenso mit brachialer Härte traf. Mit dem VfB Leipzig, dem FC Carl Zeiss Jena und dem FSV Zwickau mussten sich gleich drei Nordost-Vertreter in der 2. Bundesliga verabschieden. 

 Zwigge

Zwar gelang dem SV Waldhof nach zwei Jahren Regionalliga noch einmal für vier Jahre die Rückkehr in die 2. Bundesliga, doch dem SV Meppen ist man nicht mehr begegnet. Die Emsländer verschlug es nach zwei Spielzeiten in der RL Nord für etliche Jahre in die Oberliga Niedersachsen/Bremen bzw. Oberliga Nord bzw. Oberliga Niedersachsen-West. Seit 2011 wurde schließlich nonstop in der Regionalliga Nord gespielt. Und auch der SV Waldhof musste zwischenzeitlich den Weg in die dortige Oberliga Baden-Württemberg antreten. Nach der Zweitligasaison 2002/03, die mit Rang 18 abgeschlossen wurde, war der Verein finanziell am Ende. Direkter Absturz in die damalige vierte Liga. Und der Weg blieb hart und steinig. Nach zwischenzeitlichen zwei Jahren Regionalliga erhielt Waldhof im Sommer 2010 keine Lizenz für die Regionalliga. Noch einmal über die Dörfer tingeln. Immerhin gelang die direkte Wiederkehr in die Regionalliga Süd. Seit 2012/13 versuchten die Mannheimer schließlich in der neu geschaffenen Regionalliga Südwest ihr Glück.

 Mannheim

Nach den Plätzen sechs, fünf und dreizehn wurde Waldhof 2016 schließlich Meister. Den Rest der Geschichte kennen wir alle. Ein Drama ohne Ende. Kein Tor gegen Sportfreunde Lotte, das Rückspiel ging im Carl-Benz-Stadion vor über 22.000 Zuschauern mit 0:2 verloren. Manch ein Verein erholt sich nicht so schnell von solch einem Rückschlag. Die TSG Neustrelitz ist solch ein Beispiel. Und auch Kickers Offenbach kann davon ein trauriges Liedchen säuseln. Waldhof Mannheim bündelte jedoch die Kräfte, zog am Finger und schloss die zurückliegende Saison mit Rang zwei ab. Und nach der Zweitligaspielzeit 1996/97 wurden erstmals wieder mit dem SV Meppen die Klingen gekreuzt. Wieder schoss Mannheim in der Aufstiegsrunde kein Tor. Das Elfmeterschießen wurde denkbar unglücklich verloren. Ein Pfosten stand dem möglichen Aufstieg im Wege.

 Mannheim

Das Emsland im Freudentaumel. Die Kurpfalz in Trauer. Zum zweiten Mal in Folge in dieser überaus ungerechten Aufstiegsrunde gescheitert. Wer denkt sich so was aus? Vereine gehen reihenweise vor die Hunde. Enttäuschte Fans drehen durch, der finanzielle Kollaps droht. Alles auf eine Karte gesetzt - und dann alles für den Ars**. Das kann doch keine Lösung sein! Über die Relegation zwischen 1. BL und 2. BL sowie zwischen 2. BL und 3. Liga lässt sich hübsch streiten, doch die Aufstiegsregelung von den Regionalligen in die 3. Liga ist einfach nur ein Farce. Meister müssen direkt aufsteigen! Wie oft muss das noch in die Welt - in Richtung DFB gebrüllt werden?! Der Verband kann von Glück reden, dass in den anderen beiden Partien bei den Verlierern (Elversberg und Viktoria Köln) keine wirklich relevanten Fanszenen vorhanden sind - ansonsten hätte es wohl auch gegen Unterhaching und Jena mächtig gescheppert.

 Meppen

Bitter, bitter, bitter! Sehr gern hätte ich sowohl den SV Meppen als auch den SV Waldhof Mannheim in der 3. Liga gesehen. Auswärts ins Emsland. Richtig old school. Auswärts nach Mannheim. Ebenso eine Wucht. Da würden bei manch einem älteren Allesfahrer alte Erinnerungen hoch kommen. So aber darf nur Meppen die Profifußball-Luft schnuppern und es unter anderen mit dem F.C. Hansa Rostock und dem 1. FC Magdeburg auf nehmen. Mannheim guckt in die Röhre, kann die Geschehnisse am Rande des Spiels in Meppen aufarbeiten und mit Tränen im Auge und Angst im Nacken die Scherben aufkehren. Armes Waldhof! Hätte ich das damals im Mai 1988 beim Futtern der Leberwurststulle geahnt? Wohl kaum…

Fotos: Marco Bertram, Arne Amberg, UiSF, Ultras Mannheim

> zur turus-Fotostrecke: SV Waldhof Mannheim

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guter bericht

ganz guter artikel, kleine korrektur am Rande: man sagt Der Waldhof bzw Der SV Waldhof - damit also auch "armer Waldhof", nicht wie geschrieben "armes Waldhof"

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